Dreizehntes Kapitel.

Wenige Tage nach Lenes Ankunft in Berlin holte Johannes sie eines Abends ab. »Wir wollen Boris Isralew besuchen; er liegt wieder zu Bett.«

»Wer ist Boris Isralew?«

»Einer meiner besten Freunde und unserer fähigsten Köpfe. Bei ihm wirst Du auch unseren ganzen Kreis kennen lernen.«

Sie hängte sich in ihn ein. »Du hinkst noch immer?«

»Der Arzt meint, das würde nie ganz vergehen, sobald ich müde werde, schleife ich den Fuß nach. Ich bin heute den ganzen Tag herumgelaufen.«

»Es war wirklich Pech, daß Du Dir vorigen Winter beim Schlittschuhlaufen den Fuß brechen mußtest.«

»Ja, außerdem ist das Hinken ein ›besonderes Kennzeichen‹, falls man einmal von der Polizei gesucht werden sollte.«

»Johannes! Was habt Ihr vor?«

»Aha, Deine ostpreußische Bourgeoisseele erbebt bei Erwähnung der Polizei. Du bist doch noch ein rechtes Kind. Übrigens, Savin möchte Dich schon zur Arbeit heranziehen. Ist's Dir recht?«

»Natürlich, was soll ich tun?«

»Er wird selbst darüber mit Dir sprechen.«

Sie gingen durch die frostige Winternacht. Ihre Schritte hallten scharf vom Trottoir wider. Nach einer Viertelstunde erreichten sie ein großes Haus.

»Boris wohnt im fünften Stock.«

Sie betraten ein geräumiges Mansardenzimmer, das Lene auf den ersten Blick mit Menschen erfüllt deuchte. Die alte Befangenheit überkam sie von neuem. In einem Bett an der Wand lag ein abgezehrter Mann mit grauem Haar, das schlecht zu seinem noch jungen Gesicht paßte. Johannes zog Lene ans Bett. »Das ist Boris. Boris, ich habe Dir meine kleine Schwester gebracht.«

Boris Isralew drückte dem jungen Mädchen kräftig die Hand. »Wir haben Sie schon erwartet. Setzen Sie sich, Genossin.«

Lene gehorchte; halb scheu, halb neugierig sah sie sich in der Stube um. Hier war es behaglicher als in Anatols Zimmer; auf Regalen standen unzählige Bücher, einige Bilder hingen an den Wänden, meist Porträte, darunter Männer in russischer Arrestantentracht; auf einem kleinen Tisch summte ein Samowar, sogar ein rotblühender Geranienstock schmückte das Zimmer. Sie ließ ihre Augen über die Anwesenden schweifen. Auf dem einzigen Lehnstuhl saß eine weißhaarige alte Frau mit feinen, vornehmen Zügen; sie plauderte angeregt mit Kerner, der ihr etwas zu erklären schien. Savin disputierte in einer Ecke mit einem blonden jungen Menschen. Ein alter, weißbärtiger Mann wärmte sich vor dem kleinen Ofen. Anatol fehlte.

Savin kam zu Lene herüber. »Sie wollen wohl wissen, wer die Leute sind? Bei uns gibt es kein feierliches Vorstellen, man lernt sich mit der Zeit kennen.«

Boris wurde verlegen. »Verzeihen Sie, ich vergaß ganz, daß Sie niemanden kennen. Erkläre Du, Savin, mich ermüdet das Reden.« Seine Stimme war heiser, er hustete. »Haben Sie sich erkältet?« fragte Lene unüberlegt. Boris lachte ein wenig. »Das gerade nicht, ich bin der unvermeidliche schwindsüchtige russische Jude, der in jedem revolutionären Kreis vertreten sein muß.«

Lene errötete heftig. Savin kam ihr zu Hilfe: »Also Deine Persönlichkeit ist schon erklärt, Boris. Wer interessiert Sie von den anderen am meisten?«

»Die alte Dame dort drüben, sie paßt so gar nicht hierher, sieht so ruhig aus, so ...« Sie stockte.

»Vornehm, wollten Sie sagen, Sie Tochter der Bourgeoisie. Sie scheinen auch noch zu glauben, daß Revolutionäre unbedingt wie Raubmörder aussehen müssen. Diese alte Dame ist die Liebe Ihres Bruders Johannes; hat er Ihnen nicht von ihr erzählt?«

»Nein.«

»Sie heißt Frau von Reuter, damit Sie über alles unterrichtet sind, und ist geborene Engländerin. Sie war an einen inzwischen verstorbenen Ministerialrat verheiratet; guter preußischer Adel, schreiben Sie's Ihrem Herrn Vater zur Beruhigung.« Er lachte boshaft und Lene warf ihm einen zornigen Blick zu. »Ich schreibe meinem Vater überhaupt nicht.«

»Ungeratene Tochter!«

»Ja, aber wie kommt diese Frau ...?«

»Zu uns verruchten Bösewichtern? Sie scheint sich in der feudalen Umgebung recht unbehaglich gefühlt zu haben; ihre einzige Freude war ihr Sohn. Ein lieber, netter Junge, er ist vor einem Jahr gestorben. In ihrer Trauer hat sich die alte Dame verzweifelt an seine Freunde geklammert, und diese Freunde waren eben wir. Außerdem sagt ihr, sie ist eine Engländerin vom guten, alten liberalen Schlag, das preußische System so gar nicht zu. In vielen Dingen kommt sie freilich nicht mit, aber in den Hauptsachen verstehen wir einander sehr gut. Dort drüben geht's übrigens eben hitzig zu; hören wir, was es gibt.«

Der junge blonde Mensch rief eben heftig: »Sabotage ist Verbrechen, mit Gewalt ist nichts auszurichten, nur die Evolution vermag uns weiterzubringen.«

»Dummer Esel!« brummte Savin halblaut.

»Sabotage scheint mir unrichtig,« meinte die alte Dame, »weil sie eine Verschwendung guten Materials bedeutet, doch kann sie im gegebenen Moment ebenso angebracht sein wie jede Gewalt.«

»Gnädige Frau,« der junge blonde Mann dämpfte die Stimme und lächelte liebenswürdig, »der historische Materialismus ...«

»Bitte, lassen Sie mich mit Ihrer Theorie in Ruhe, Philipp, Sie wissen, ich verstehe nichts davon, begreife nur, was meine alten Augen in siebenundsechzig langen Jahren gesehen haben. Und was ich sah – es war weiß Gott nichts Schönes –, hat mich gelehrt, die Gerechtigkeit müsse mit allen Mitteln erzwungen werden. Geht es nicht anders, sogar mit Gewalt.«

»Gewalt ist das Übel,« tönte vom Ofen her eine tiefe singende Stimme, »Gewalt ist böse. Lasset den Geist der Liebe eindringen in alle Herzen, dann wird das Reich des Herrn kommen über Nacht.«

»Unser Prophet,« flüsterte Savin Lene zu, »ein russischer Rabbiner. Bei einem Pogrom wurden vor seinen Augen seine Frau und seine beiden Kinder erschlagen. Seitdem ist er ein wenig wirr im Kopfe.«

»Wer ist der Blonde?« fragte Lene.

»Ein guter Kerl, aber ein großer Dummkopf. Der typische deutsche Revisionist. Ein Mensch, der imstande ist, alles herzugeben, und nicht weiter denken kann als bis zum morgigen Tag. Überhaupt, die deutschen Genossen ...!«

»Sei nicht ungerecht, Savin,« Boris Isralew wandte sich dem Kameraden zu, »sie haben gute Arbeit geleistet.«

»Aber der Schwung fehlt ihnen, das heilige Feuer, die Vision. Sie kleben an der Erde. Sozialismus ist nicht nur Lohnfrage, philosophische Theorie. Sozialismus ist in erster Linie Religion! Die Deutschen sind zufrieden, wenn sie die Wunden der Menschheit mit Pflastern verkleben können, hier ein Gesetzlein, dort ein Gesetzlein. Aber das strömende Blut stößt die Pflaster ab, und der Organismus verblutet. Es ist ein Unglück für die Welt, daß ausgerechnet die Deutschen in der ›Internationale‹ die führende Rolle spielen.«

»Patriot!« lachte der Kranke. »Sollen die Russen sie übernehmen?«

»Nicht unbedingt, vielleicht die Italiener!«

Boris schüttelte den Kopf. »Flammengeister, ohne die nötige Tiefe. Ich glaube an die Deutschen. Wenn es einmal ernst wird, so werden sie die Probe bestehen.«

Savin zuckte die Achseln. »Einige Auserwählte, hinter denen dann die ganze Meute herkläffen wird. Die ›Partei‹ nicht.« –

Das Gespräch ward allgemeiner, Lene lauschte schweigend. Unverständliche Worte schlugen gegen ihr Ohr, fremde Begriffe stürmten auf sie ein. Unwillkürlich dachte sie an ihr Elternhaus zurück. Um diese Stunde saß der Vater über seinen Heften, und die Mutter nähte und stopfte. Ihr Heim erschien ihr als ein kleines Eiland im tobenden, aufgepeitschten Ozean, dessen Bewohner taub sind gegen das Gebrüll der Wogen, das Heulen des Sturmes. Wie viele solche Eilande gab es in Deutschland, wie viele Menschen, die sich auf ihnen gedankenlos sicher wähnten! –

Als eine kleine Pause im Gespräch eintrat, wandte sie sich an Savin: »Johannes sagte, Sie hätten für mich Arbeit?«

Er nickte. »Erst muß ich Sie tüchtig in die Schule nehmen. Sie sind ja leider grenzenlos unwissend. Später schicken wir Sie dann zu den Frauen, Propaganda treiben.«

»Mich?« Lene war ehrlich erschrocken.

»Ja, Sie sehen trotz der dunklen Haare und Augen so unverkennbar arisch aus. Ihnen kann man nicht alle Lehren mit einem ›Saujud‹ widerlegen.«

Sie schwieg etwas verlegen, er lachte. »Ja, das kommt häufig vor, auch Johannes ist es schon passiert.«

Die Tür wurde aufgerissen, Anatol trat hastig ein. »Kinder, es geht los, auf dem Balkan!«

»Das dürfte uns wenig berühren,« meinte Philipp gelassen.

»Ist ein Verbrechen kein Verbrechen, weil es auf einem anderen Erdteil geschieht?« warf Frau von Reuter vorwurfsvoll ein. Einen Augenblick herrschte Stille. Dann schrie der alte Jude schmerzlich auf: »Mord und Elend! Verbrechen und Sünde! Die Flammen verzehren das Haus, und ein böser Wind treibt sie näher und näher. Wer bewahrt uns vor der Feuersbrunst, wenn des Nachbarn Haus in Flammen steht?«


»Wie sehr Du Dich verändert hast, Johannes,« bemerkte Lene, da sie den Heimweg angetreten hatten, »daheim warst Du so still und verschlossen, erwecktest immer den Eindruck eines Fremden, der sich in ungewohnter Umgebung unbehaglich fühlt.«

»Das tat ich auch,« gab er zu, »die Luft daheim engte mir die Brust ein. Und dann, so ruhelos war mir zumute, als dürfe ich bloß einen Augenblick rasten, müßte dann fort, immer weiter und weiter. Wohin? Ich wußte es selbst nicht.«

»Und jetzt?«

»Jetzt ist mir, als hätte ich heimgefunden. In Boris' kleiner Stube fühle ich mich zu Hause. Die Menschen sind mir vertraut, ich empfinde ein Zugehörigkeitsgefühl zu ihnen, sie reden meine Sprache. Sogar den alten Rabbiner Löw verstehe ich.«

»Es ist doch schrecklich, daß auf dem Balkan Krieg ist.«

Er nickte.

»Was hat der alte Mann mit den Flammen gemeint?«

»Er faselt immer von einem Weltkrieg, der die Ruchlosigkeit der Menschen strafen wird. Aber das ist bei uns ausgeschlossen. Das Proletariat in allen westlichen Ländern würde aufstehen wie ein Mann, am Tage der Kriegserklärung hätten wir den Weltstreik.«

»Glaubst Du?«

»Ich bin davon überzeugt!«

Sie waren vor Lenes Wohnung angelangt.

»Kommst Du noch mit hinauf?«

»Nein, es ist zu spät, gute Nacht.«

Lene trat in des Bruders Zimmer. »Gustav, auf dem Balkan ist der Krieg ausgebrochen!«

Er blickte nicht einmal auf. »So, das ist doch kein Grund, um mich zu stören. Was geht mich der Balkankrieg an?«

Lene konnte lange nicht einschlafen. Als sie dann doch endlich in unruhigen Schlummer verfiel, quälte sie ein böser Traum. Sie sah den alten Abraham Löw auf einem hohen Berge stehen und wehklagend auf die Ebene deuten. Ein gewaltiges Feuermeer wälzte sich zischend, lodernd vorwärts, seine Wogen überfluteten Dörfer und Städte, züngelnde Flammen griffen nach den Himmeln. Sie erwachte mit klopfendem Herzen; unbestimmte Angst preßte ihr die Brust zusammen. Halb noch im Schlaf murmelte sie wie eine tröstliche Zauberformel vor sich hin: »Bei uns ist das ausgeschlossen. Der Weltstreik ...«