Zwölftes Kapitel.

Lene Selder stieg rasch die Treppen hinauf, die in der großen Berliner Mietskaserne zum vierten Stock führten. Das Gebäude lag in einem ärmlichen Viertel, in die enge Gasse fiel keine Sonne, und an diesem kalten winterlichen Vormittag erschienen Gasse und Häuser besonders trostlos. Eine unordentliche, ungekämmte Frau scheuerte die Treppe: »Herr Selder, der wohnt im vierten Stock, die zweite Tür links.«

Lene klopfte. Keine Antwort. Sollte Johannes noch schlafen? Sie klopfte abermals, dann rüttelte sie an der Klinke.

Die Tür des Nebenzimmers wurde geöffnet, ein dunkler Kopf schaute heraus: »Er ist nicht daheim, kommt gegen Mittag zurück. Herrgott, Lene! Was machst denn Du hier?«

»Anatol! Wohnst Du denn auch hier? Laß mich hinein, ich bin eben mit dem Frühzug angekommen und ganz durchgefroren.«

Anatol Silberblatt trat auf den Korridor; er sah müde und verschlafen aus. »Wie kommst denn Du nach Berlin?«

Sie lachte ein wenig befangen. »Ich bin durchgegangen.«

»Ja, aber ...«

»Ich erzähle Dir alles, laß mich nur ins Zimmer, mich etwas erwärmen.«

»Komm', aber ich bin nicht allein.«

Sie folgte ihm. Das Zimmer war in einen blauen Rauchnebel gehüllt; am Schreibtisch saß ein älterer Mann mit leicht ergrautem Haar und schrieb, auf dem Sofa lümmelte ein jüngerer Mensch.

»Wir haben Besuch bekommen,« verkündete Anatol, »eine von daheim durchgegangene junge Dame. Kerner, das ist Selders Schwester, von der wir Dir schon öfter erzählt haben. Savin, mach' Platz, sie ist müde von der Reise.«

Der ältere Mann reichte Lene ohne aufzusehen die Hand, und der junge Russe schnellte eilig vom Sofa auf. »Wir kennen Sie schon ganz gut, Fräulein, Johannes hat oft von Ihnen gesprochen. Wie kalt Ihre Hände sind! Gib den Schnellsieder her, Anatol, wir müssen ihr Tee kochen.«

Etwas verwirrt sah sich Lene in der Stube um; auf dem ungemachten Bett türmten sich Zeitungen, Bücher bedeckten den einzigen Tisch, Zigarettenstummel und Asche lagen am Boden. Sie blickte verstohlen nach den Insassen des Zimmers. Anatol hatte sich ein wenig verändert, sein Gesicht war etwas härter, energischer geworden, die Augenlider und Ränder waren leicht gerötet, als ob er zu wenig schlafe. Der Mann am Schreibtisch mußte ein Deutscher sein, ein gutmütiges, verwittertes Gesicht mit unzähligen Runzeln und Falten; ein scharfer Zug um den Mund verlieh ihm einen Ausdruck tiefer Traurigkeit, der im Widerspruch mit den frohen blauen Augen stand, die sich eben vom Papier hoben und Lene freundlich zulächelten. Savin stand am Waschtisch, spülte ein Glas aus, machte sich mit der henkellosen Teekanne zu schaffen; seine Bewegungen waren leicht und geschickt, wie die einer Frau. Savin, der Name deuchte Lene bekannt. War das nicht der junge Russe, der aus dem Moskauer Gefängnis entflohen war, über den ihr Johannes geschrieben hatte?

Anatol warf etliche Zeitungen auf den Fußboden, um Platz zu machen, und setzte sich aufs Bett. »Was willst Du denn eigentlich hier machen, Lene?«

»Ich weiß noch nicht,« gestand sie etwas verlegen, »hoffe Gustav überreden zu können, daß er mich bei sich behält.«

Anatol lachte. »Gustav! Das einfachste ist, Du gehst zu ihm, richtest Dich dort häuslich ein, er hat ohnehin zwei Zimmer, der Kapitalist, redest erst nicht lange. Nach drei Wochen wird er vielleicht bemerken, daß Du da bist. Dann kannst Du ihm einreden, Du wärest schon immer dagewesen, er hätte es bloß vergessen gehabt.«

»Ist er so beschäftigt?«

»Beschäftigt! Sag' lieber verrückt. Den ganzen Tag hockt er im Laboratorium und abends sitzt er bei seinen Büchern bis spät in die Nacht hinein. Wir waren unlängst bei ihm, Johannes und ich, er war sehr freundlich, freute sich ungemein, uns zu sehen; nach fünf Minuten aber sagte er: »Geht Ihr nicht bald fort, liebe Kinder? Ich habe zu arbeiten.«

Savin reichte Lene ein Glas Tee. »Sie müssen müde sein. Fräulein, nehmen Sie doch Ihren Hut ab. Anatol, wirf ein Kissen her, sie sitzt unbequem.« Er stopfte ihr das Kissen in den Rücken, breitete eine Decke über ihre kalten Füße, zündete ihr eine Zigarette an. Und wieder dachte Lene, er ist wie eine Frau so besorgt und gütig; ich hatte mir russische Revolutionäre ganz anders vorgestellt.

Inzwischen war Anatol an den Schreibtisch getreten und besprach sich halblaut mit Kerner.

Lene kam sich einsam und verloren vor; heimliche Sehnsucht nach dem verhaßten Elternhaus überkam sie. Was wollte sie hier unter diesen fremden Leuten? Sie fühlte zu ihrem großen Ärger, daß ihr Tränen in die Augen stiegen, unterdrücktes Schluchzen preßte ihr die Kehle zusammen.

Savin schien ihre Stimmung zu erraten; er schob die Teekanne vorsichtig fort und setzte sich auf die Tischkante. »Es kommt Ihnen merkwürdig vor, nicht wahr? Ein wenig fremd und unheimlich? Sie dürfen nicht traurig sein, Fräulein, in einer Woche werden Sie sich hier schon zu Hause fühlen. Johannes wird sich freuen, Sie zu sehen. Ich glaube, er hatte immer Heimweh nach Ihnen.«

Die weiche slawische Stimme tat ihr wohl; sie fühlte ihren Mut zurückkehren.

»Wir werden auch bald Arbeit für Sie finden,« fuhr der junge Russe fort, »Sie gehören doch zu uns?«

»Freilich! Nur ... ich bin so unerfahren ... Weiß gar nicht ...«

Er lächelte. »Wir werden Sie einmal in die Arbeiterviertel führen, Fräulein. Wenn Sie erst die Kinder gesehen haben: rachitisch, verkümmert, mit blassen alten Gesichtern, verschreckten hungrigen Augen, und die Frauen, die gar keine Frauen mehr sind, sondern Lasttiere, ausgearbeitete Maschinen, dann werden Sie schon wissen, um was es sich handelt.«

Er hatte ganz leise gesprochen, um Anatol und Kerner nicht zu stören, aber ein eisiger Zorn tönte aus seiner Stimme, eine mühsam beherrschte Wut; die grauen Augen blitzten.

»Ich möchte ja so gerne helfen,« sagte sie schüchtern.

»Sie werden auch helfen. Bisher kennen Sie alles nur aus Büchern; wenn Sie aber das Elend wirklich sehen werden, und daneben den Reichtum, die eleganten Straßen, die Müßiggänger, und wissen werden, für jeden dieser Gecken, jede dieser vornehmen Damen verbluten Hunderte ihr Leben, werden jeder Glücksmöglichkeit beraubt, jedes Menschenrechtes, dann werden Sie auch nicht mehr bedauern, Ihr behagliches Heim aufgegeben zu haben.«

Lene lächelte unwillkürlich. »Gar so schön war es nicht,« meinte sie ehrlich. »Nun hängt für mich alles von meinem Bruder ab.«

»Ihr Bruder ist ein merkwürdiger Mensch,« entgegnete Savin. »Vollkommen weltfremd. Er weiß gar nicht, was um ihn herum geschieht. Trotzdem kann ich ihn gut leiden, er hat ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Neulich wurde in einer Fabrik ein Arbeiter höchst ungerechterweise entlassen. Ein Mann, der sechs Kinder zu versorgen hat. Ihr Bruder, der wegen einer kleinen Erfindung, die er gemacht hat, mit dem Fabrikanten in Unterhandlungen stand, erfuhr von dem Fall, und brach die Unterhandlungen ab, erklärend, er wolle mit solchen Schweinen nichts zu tun haben.«

»Gustav?« rief Lene freudig erstaunt.

»Ja, aber seine Begründung war charakteristisch: ein solcher Mensch schändet die Wissenschaft und darf daher aus ihr keinen Nutzen ziehen.«

Beide lachten. Savin schenkte ihr noch ein Glas Tee ein. »Ist Ihnen jetzt wärmer?« Sie nickte. »Auch in der Seele?« »Ja, woher wußten Sie, wie mir zumute war?«

Er wurde ernst. »Auch ich stamme aus dem verdammten Bourgeoismilieu und weiß, wie viel wir abzustreifen haben; das gesicherte, ruhige Leben hängt wie Kletten an uns, behindert jede Bewegung. Und wir können uns nicht mit einem Ruck freimachen, müssen tagtäglich von neuem dagegen ankämpfen. Bisweilen beneide ich Menschen wie Kerner.«

Sie sah fragend zu ihm auf.

»Ein gewesener Arbeiter; jetzt ist er Sekretär des Metallarbeiterverbandes. Der Mann kennt nur eines: die Arbeiterbewegung. Das ist sein Leben, sein Glück, seine Hoffnung.«

Anatol trat an die beiden heran: »Komm, Lene, wir wollen Johannes von der Universität abholen. Der wird erstaunt sein, wenn er Dich sieht.«

Gustav ließ sich von der Schwester unerwartetem Erscheinen keineswegs in Aufregung versetzen. Er blickte von seinen Büchern auf, nickte ihr zerstreut, freundlich zu: »Du, Lene? Das ist nett, daß Du mich besuchst. Setz' Dich, nur einen Augenblick, ich bin gleich fertig.«

Aus dem Augenblick wurde eine halbe Stunde. Endlich schloß Gustav das Buch und wandte sich der Schwester zu. »Ist die Mutter auch hier?«

»Die Mutter? Nein.«

»Haben sie Dich allein nach Berlin gehen lassen? Das wundert mich.«

»Sie wissen doch gar nicht, daß ich hier bin, glauben ich sei auf dem Lande bei Ilses Schwiegereltern.«

Gustav bewahrte seine Ruhe. »So, und was treibt Dich denn eigentlich hierher?«

»Ich konnte es daheim nicht mehr aushalten! Du weißt doch, wie es ist. Und ich habe gedacht ... Gustav, lieber guter Gustav ... Laß mich bei Dir bleiben.«

»Bei mir?«

Sie setzte sich auf die Lehne seines Stuhles, streichelte ihm das Haar, schilderte in beweglichen Worten ihr eintöniges, unerträgliches Leben im Elternhaus, schmeichelte, bettelte.

Er blickte sie bekümmert an. »Warum heiratest Du denn nicht? Du bist recht hübsch geworden, hast auch eine anständige Mitgift. Du müßtest doch einen Mann finden können.«

Lene lachte etwas weinerlich.

»Erstens hat mich noch niemand haben wollen, und dann heiraten? Ein Leben führen wie Ilse, bei der sich alles um das Kind und ihren gräßlichen Adolf dreht? Laß mich hier bleiben, ich werde Dich gar nicht stören.«

»Nicht stören! Heute abend habe ich durch Dich schon anderthalb Stunden verloren.«

»Das war bloß heute, bis wir alles besprochen haben. Gustav, ich bitte Dich.«

»Stoß nicht an den Schreibtisch, Du bringst meine Papiere in Unordnung. Mußt Du denn ausgerechnet bei mir wohnen? Du kannst doch in eine Pension gehen, ich werde Dich jeden Sonntag besuchen.«

»Das werden die Eltern nie zugeben.« Nun weinte sie wirklich, eng an den Bruder geschmiegt. Er streichelte ungelenk das krause Haar. »Paß doch auf! Du weinst mir meine Abhandlung naß. Neben mir ist noch ein Zimmer frei, dort könntest Du wohnen.«

»Wie gut Du bist!«

»Warte, nicht so ungestüm; erst müssen wir allerlei Abmachungen treffen.

Du kannst mit mir frühstücken, darfst aber dabei nicht sprechen; das zerstreut mich. Tagsüber bin ich nicht zu Hause, da soll sich Johannes um Dich kümmern oder seine Freunde. Am Abend können wir zusammen essen, aber Du mußt Dir ein Buch nehmen und den Mund halten. Meinen Schreibtisch rührst Du nicht an, darfst auch keine dummen Fragen stellen, wie: ›Was arbeitest Du jetzt?‹ oder ›Was bedeutet diese Formel?‹ Nach dem Abendessen hast Du mich in Ruhe zu lassen. Bist Du einverstanden?«

»Ja, ja; danke, lieber, guter Gustav.«

»Und jetzt geh' zu meiner Wirtin und erkläre ihr alles. Sage auch, daß Du meine Schwester bist, sonst glaubt sie Gott weiß was. Heute habe ich für Dich keine Zeit mehr, gute Nacht.«

»Ja, aber Gustav ...«

»Was denn noch?«

»Du mußt auch den Eltern schreiben. Wenn Du sie bittest, mich hier zu lassen, so werden sie es gestatten; sie halten so viel von Dir. Und sie sollen meinen Koffer nachschicken, gepackt ist er schon.«

»Auch das noch!« Er warf einen verzweifelten Blick auf die Uhr. »Noch eine verlorene halbe Stunde. Na, gut, aber jetzt geh'.«

Vor dem Schlafengehen blickte Lene zum geöffneten Fenster hinaus. Unzählige Lichter stachen in den dunklen Nachthimmel, zitterten, flackerten durch die Luft. Schwere, schwarze Häusermassen breiteten sich wuchtig aus, Wagen rasselten, Automobile rasten schrillend durch die Straßen; die große Stadt keuchte und blies schwarzen, stickigen Atem empor. Dem Mädchen ward schwer ums Herz; all diese unzähligen Häuser, und in den Häusern Menschen um Menschen. Schöne, vornehme Räume, in denen Reichtum wohnte, armselige Zimmer, in denen sich Armut klein machte, Spelunken, stinkende Schenken, in denen sich das Elend duckte. Das letzte Wort warf jäh ein Bild in ihr Gehirn; geducktes Elend, ja das ist sprungbereites Elend, wie ein Raubtier, das zusammengekauert alle Muskeln zum Sprunge strafft. Geduckt: wie lange noch? Und das gewaltige Tier schnellt muskelentspannt auf den Feind?!

Sie schauderte zusammen und schloß das Fenster.