Elftes Kapitel.
Strahlender Sonnenschein verklärte das banale ostpreußische Städtchen zu wundersamer Schönheit. Rosen und Nelken loderten in den kleinen Gärten, Malven wiegten gemächlich die dicken Köpfe im Winde, feierlich hieratische Lilien lächelten klösterlich und sandten fromme Düfte zum Himmel empor. An den Hecken blühte Jasmin in wilder Verschwendung, Blüte an Blüte, so dicht, daß kaum ein grünes Blatt zu sehen war.
Außerhalb der Stadt dehnten sich wogend unendliche Ährenfelder, ein einziges, unbegrenztes gelbes Meer, aus dem hier und dort rotblutend kleine Mohninseln aufragten oder kornblumenblau ein Stückchen Himmel sich spiegelte. Festlicher Duft entströmte der gebärenden Erde, alles drängte, trieb zur Vollendung, zum höchsten Gedeihen; das Land feierte Sonntag, Sonnentag.
Sogar in die grauen Häuser drang der Sonnenzauber, enge Stuben erschienen plötzlich weit in dem hereinstürzenden, alles überflutenden Licht, Feiertag lag auf wintermüden Gesichtern, in dunkelgewöhnte Augen spielten Sonnenstrahlen.
Gustav Selder packte; Lene und Johannes halfen ihm. Gustavs kurzsichtige Augen tasteten ängstlich suchend das Zimmer ab.
»Wo ist mein blaues Heft, Lene, in dem ich meine Notizen habe? Das muß mit.«
Die Schwester lachte. »Vor Deiner Nase, Du blinder Maulwurf. Eile Dich doch, wir wollen ins Freie.«
»Gleich, gleich, und das Buch mit den Tabellen, ich kann es nicht finden.«
»Mein Gott, Du mit Deinen Büchern!«
Sorgfältig packte Gustav, hüllte Buch um Buch in Zeitungspapier, bettete sie schier zärtlich in den großen Koffer. Endlich war alles fertig. »So,« meinte er vergnügt, »jetzt bekommt Ihr jeder eine Zigarette zur Belohnung, aber geh fort vom Fenster, Lene, daß Dich niemand rauchen sieht.«
Sie setzte sich auf den geschlossenen Koffer. »Bist Du froh, Gustav?«
»Worüber?«
»Daß Du fortkommst.«
»Ja. Hier ist es freilich angenehm ruhig zum Arbeiten, aber wenn ich an die Instrumente und Laboratorien denke, die es in Berlin gibt!« Die kurzsichtigen Augen leuchteten auf.
»Wirst Du dort auch den ganzen Tag über Deinen Büchern hocken?«
»Natürlich; was sollte ich denn sonst tun? Wenn mich nur der eklige Kerl, Ilses Schwager, mit seiner dummen Verbindung in Ruhe läßt! Wozu hat ihm denn der Vater geschrieben, daß ich nach Berlin komme?«
Lene lachte spöttisch. »Du naives Kind! Du sollst doch ›gute‹ Bekanntschaften machen, in die ›Gesellschaft‹ kommen. In Adalberts Verbindung sind fast lauter Aristokraten.«
Gustav blickte sie hilflos an. »Was soll ich denn mit den Leuten anfangen? Die wissen ja gar nichts, spielen, trinken, raufen und ...« Er stockte, suchte nach einem für Mädchenohren passenden Ausdruck. »Und vergnügen sich mit Weibern. Ja, wenn ich Empfehlungen an Professoren hätte!«
»Suche doch Anatol Silberblatt auf,« bemerkte Johannes, »er ist in einen interessanten Kreis geraten.«
»Ich mag Euren lieben Anatol nicht. Nein, nicht weil er Jude ist, Lene, Du brauchst mich nicht so wütend anzuschauen. Ich achte die Juden, sie haben wissenschaftlich viel geleistet; aber diese Burschen mit ihrem Weltbeglückungsfieber sind mir zuwider, sie schreien herum, meinen mit ihrem Reden wunder was zu erreichen, und schließlich bleibt doch alles beim alten. Was geht mich die Politik an? Es gibt nur eine Wahrheit auf der Welt: die Wissenschaft.«
»Aber wenn Du wählen sollst, Gustav, da mußt Du doch irgendeine Überzeugung haben!«
»Überzeugung? Erstens werde ich höchstwahrscheinlich nie wählen, das Ganze ist mir völlig gleichgültig; und wenn ich es dennoch täte, so würde ich den wählen, von dem für die Wissenschaft am meisten zu erhoffen ist.«
»Wie, sogar einen Sozialisten?«
»Weshalb denn nicht? Diese ganzen Parteisachen kommen mir höchst kindisch vor. Ja, Lene, ich weiß, daß ich Dich in Deinen heiligsten Gefühlen kränke; übrigens ist ein Sozialdemokrat für unser ehrbares, konservatives Haus gerade genug.«
Sie wurde dunkelrot.
»Was willst Du damit sagen?«
»Daß ich doch nicht so blind bin, wie Ihr alle glaubt, und sehr gut weiß, warum meine liebe Schwester am ersten Mai mit Kopfschmerzen schon um sieben Uhr zu Bett ging und um Gottes willen nicht gestört werden durfte. Glaubst Du, Du dummer Fratz, Du könntest in dieser Kleinstadt in die sozialdemokratischen Versammlungen gehen, ohne erkannt zu werden?«
Sie blickte ihn halb erschrocken, halb trotzig an. »Wirst Du es dem Vater sagen?«
»Weshalb sollte ich? Jeder kann tun, was er will, und, unter uns gesagt, ist mir der Vater mit seinem »Deutschland über alles« noch zuwiderer als Du mit Deinem »Volk«. Ich bin international, nein, nicht in Deinem Sinn, Vereinigung aller wissenschaftlich Arbeitenden zur Förderung der Wissenschaft. Übrigens bist Du ein interessanter Fall, Lene, lauter Pastoren und Schullehrer als Ahnen, und das letzte Produkt eine wilde Revolutionärin! Ein merkwürdiger Rückschlag, der vielleicht bis zu einem Ahnen aus der Steinzeit geht. Man müßte ...«
»Gustav, Du bist jetzt neunzehn Jahre alt, gibt es denn nichts auf der Welt, was Dich zu erwärmen vermag?«
Ein verblüffter Blick traf sie. »Wie dumm Du bist, meine Arbeit natürlich. Außerdem,« ein gutes Lächeln huschte über das unschöne Gesicht, »manchmal auch meine kleine Schwester. Jetzt, wo ich fortgehe, merke ich erst, daß ich die zwei Narren der Familie, Dich und Johannes recht lieb habe.«
Sie schnellte auf und umschlang ihn stürmisch: »Du bist also doch ein Mensch, Gustav!«
»Vorsicht, Lene, meine Brille!«
Johannes hatte die Kerze verlöscht, fahler Mondschein erfüllte das Zimmer mit kaltem Licht; unheimliche Schatten huschten über die Wände. Durch das geöffnete Fenster trug der sanfte Nachtwind den Duft frischgeschnittenen Heues herein. Johannes starrte auf die verödete Straße, die gleich einer dunklen Schlucht in die schwarze Unendlichkeit zu münden schien. Hier und dort war noch ein Zimmer erleuchtet; ängstliche, zaghafte Lichter kämpften gegen die Nacht.
Heute nachmittag war Gustav fortgefahren. Die ganze Familie hatte ihn zum Bahnhof begleitet; der Gymnasialprofessor, stolz auf den Sohn, der sein Abiturium mit Auszeichnung bestanden hatte, redete laut und eindringlich, als ob die letzten guten Lehren auch den Gepäckträgern galten; Frau Selder gab sich einer wehmütig-freudigen Rührung hin, und Lene versetzte alle in Erstaunen, indem sie in Tränen ausbrach, als sich der Zug in Bewegung setzte.
»Das gute Kind,« flüsterte Frau Selder ihrem Manne zu, »es hat doch Familiensinn.« Und Lene drückte Johannes' Arm schmerzhaft zusammen: »Der kann fort und ich muß hier bleiben. Mein Gott, wenn man doch keine Familie hätte!«
Johannes lächelte vor sich hin, ihm war die kleine Szene eingefallen, die sich gestern abend zwischen Vater und Sohn abgespielt hatte. Er und Gustav lagen bereits zu Bett, da trat der Gymnasialprofessor ein und ließ sich neben dem Tisch nieder. Er schien gerührt und etwas verlegen. »Du gehst jetzt in die große Welt, Gustav, vergiß auch dort nicht die Lehren Deines Elternhauses. Du wirst allerhand Menschen kennen lernen, vergiß nie, daß Du ein evangelischer Christ und ein Deutscher bist.«
Gustav murmelte etwas Unverständliches zwischen den Kissen hervor.
Der Gymnasialprofessor erhob sich und schritt im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich etliche Male, blieb beim Waschtisch stehen, stellte das Glas von der einen auf die andere Seite und fuhr schließlich fort: »Eine der Eigenheiten, die uns Deutsche besonders günstig von den anderen Nationen unterscheidet, ist unser schönes reines Familienleben.« Er stockte, sah sich hilfesuchend im Zimmer um. Gustav grinste boshaft. »Du wirst, wie ich Dir bereits sagte, allerlei Menschen treffen ... Menschen ... ich meine ... nicht nur Männer. Die Gefahren der Großstadt ... Nicht alle Frauen gleichen Deiner lieben Mutter und Deinen Schwestern. Es gibt auch ...« Er stockte abermals.
»Huren!« ergänzte Gustav gelassen. »Ich weiß schon, was Du sagen willst, Vater. Mache Dir keine Sorgen um mich. Ich kann Weiber ohnehin nicht leiden, sie vergeuden einem die kostbare Zeit, und lernen kann man von ihnen auch nichts. Außerdem ist es ein wissenschaftlich viel umstrittener Punkt, ob es gesünder sei, Enthaltsamkeit zu wahren, oder nicht, Forel zum Beispiel widerspricht dem Professor ...«
Der Gymnasialprofessor war bis zur Tür geflohen, nun riß er sie auf. »Gute Nacht, Gustav,« unterbrach er den Sohn, »gute Nacht, Johannes!« – –
Johannes war wieder ernst geworden; er gedachte des Kameraden, der nun durch die Nacht fuhr. Morgen würde er in Berlin eintreffen. Gustav begann nun sein eigenes Leben. Die ganze Welt lag vor ihm und viele, lange Jahre, in denen er sich mit dieser Welt auseinandersetzen konnte. Wie gelassen war er diesem Gedanken gegenüber! Für ihn bedeutete die Welt seine geliebte Wissenschaft, er blickte nicht nach links, nicht nach rechts, ging eine gerade, ebene Straße zwischen zwei hohen Mauern dahin, hielt sich fern vom Leben, blieb den Menschen gegenüber fremd. Doch ihn störte dieses Fremdsein, das Johannes so quälte, nicht im geringsten. Er sah die Menschen gar nicht, ahnte nichts von ihren Schmerzen, ihrem Glück.
In einem Jahr würde dann auch er selbst hinausziehen in die Welt; er atmete tief auf. War es nicht wie ein Sprung in ein ungeheures schwarzes Meer mit drohenden Wogen? Würde seine Kraft nicht versagen? Und wohin würden ihn die Wogen treiben, wohin strebte er? Er war anders geartet als Gustav, sein Studium konnte ihm nicht alles bedeuten. Was wollte er eigentlich? Er dachte an Lene: »Ich will den Menschen helfen, für die bessere Welt kämpfen,« hatte sie unlängst gesagt. Sie glaubte an einen Sieg. Ihrer trotzig frohen Natur behagte der Kampf. »Den Menschen helfen«, ja, das wollte auch er, doch mußte er hierzu ihnen nicht erst näher kommen?
Ein Helfen von oben herab widerstrebte ihm. Man mußte inmitten der Masse stehen, mit ihr, nicht nur für sie kämpfen. Anatol Silberblatt kam ihm in den Sinn, der schrieb begeisterte Briefe aus Berlin: »Ich nehme Teil an der Arbeiterbewegung, wir treiben Propaganda, halten Versammlungen ab, klären die Massen auf. Es sind viele Russen an der Universität, die verstehen sich auf revolutionäre Arbeit. Es ist gut, daß Du ein Jahr in der Schule erspart hast, komm' bald zu uns.« Der glaubte auch an seine Arbeit, an die Erreichung des Zieles, an die angewendeten Mittel. Propaganda? Seit Jahrzehnten wurde Propaganda getrieben, wurden Versammlungen abgehalten, die Massen aufgeklärt. Und dennoch waren die Armen heute elender, die Entrechteten geknechteter denn je. In den Händen der Wenigen lag das Schicksal der Vielen; der Reichtum des Landes floß nicht, ein gesegneter Strom, durch alle Schichten, sondern lastete als erdrückende Bürde auf darbenden, abgearbeiteten Leibern. Der in Jahrhunderten errungene Fortschritt war kaum zu bemerken. Ging dies derart weiter, so wurden Generationen um Generationen geopfert, ehe das Reich der Gerechtigkeit kam. Was aber konnte an Stelle der Propaganda durch das Wort gesetzt werden? Verschwommen durchzuckte ein Satz sein Gehirn: »Die Propaganda durch die Tat!« Nein, auch die Tat des einzelnen brachte keine Rettung, was hatten Kaliajews, Sasonows heldenmütige Handlungen Rußland genützt? Sie hatten erreicht, daß eine verängstete, um Leben und Güter bangende Bourgeoisie sich noch enger zusammenschloß, eine kompaktere Masse bildete, die noch schwerer zu bekämpfen war. Wie, wodurch konnte der Sieg errungen werden?
Johannes warf einen Blick durchs Fenster. Wie kalt und grausam der Mond am Himmel stand! Glich er nicht einem unbarmherzigen Herrscher, der gelassen und fühllos, sich seiner Macht bewußt, auf die ringenden, leidenden, gefolterten Untertanen herabsah? Eine kleine Wolke wurde vom Wind gegen den Mond getrieben, für einen Augenblick verschwand er, dann zeigte er triumphierend, mit bösem Grinsen, von neuem seine boshafte, totstarre Fratze. Ein seltsames Gefühl überkam Johannes: würde es den Wolken gelingen, dieses bosheitsatmende Gebilde zu vernichten? Gespannt starrte er zum Himmel hinauf. Wolke um Wolke warf sich gegen das furchtbare Gesicht, zerstob vor den fahlen Strahlen, die gleich Lanzen in das flaumige Wolkenweiß stachen. Im Westen jedoch ballten sich schwarz und gewitterdrohend immer mehr Wolken zusammen. Von allen Ecken und Enden des Himmels kamen sie nun geflogen, Wind erhob sich, eine gewaltige, schwarze Masse wälzte sich gegen den Mond vor. Ein Blitz zerriß den Himmel. Und nun hatte die schwarze Masse den Mond erreicht, sie überflutete ihn, riß ihn in ihr dunkles, brodelndes Meer. Er verschwand. Ein heftiger Donnerschlag dröhnte durch die Nacht, heulend warf sich der Sturm gegen die Häuser. Das Gewitter hatte gesiegt!