3. Juli.

Nahe an Reikum setzten wir über ein Bächlein, das all diese heißen Quellen aufnimmt, und da einen artigen Fall bildet. Wir stiegen hierauf den daran stoßenden Berg hinan, und ritten dann gute zwei Stunden in einer Hochebene fort. Die Hochebene selbst bot, da sie nur mit Lavagerölle und Moos bedeckt war, einen sehr einförmigen Anblick, – dagegen war aber die Aussicht desto abwechselnder und schöner. Thal und Meer lagen ausgebreitet vor den Blicken, und ich sah, was mir auf dem Hekla die Wolken neidisch verborgen hatten, – in weiter Ferne eine schöne Gebirgskette, die Westmanns-Inseln. Zu meinen Füßen lagen einige Häuschen, der Hafenort Eierbach, und unweit davon strömen die Wasser der Elvas in jene des Meeres.

Am Ende dieser Hochebene lag ein Thal, das zwar auch nur wieder mit Lava ausgefüllt war, aber mit jener schwarzen, zackigen, die einen so überaus schönen Anblick gewährt. Mächtige Ströme dieser Lavaart durchzogen es von allen Seiten, so daß es beinahe einem schwarzen See glich, der durch eine Reihe ebenfalls schwarzer Berge von dem Meere abgedämmt war.

Ueber Lava-Trümmer und Schneeflächen mußten wir uns in dieses finstere Thal hinab den Weg bahnen, und dann ging es fort durch Thäler und Schluchten, über Lavafelder und Wiesenflächen, an dunkeln Bergen und Hügeln vorüber, bis zur Hauptstation meiner isländischen Reisen, – bis nach Reikjavik.

Das ganze Land zwischen Reikum und Reikjavik ist größtentheils unbewohnt. (Eine Strecke von 10 Meilen). Nur hie und da sieht man in den Lavafeldern kleine Pyramiden von Lavasteinen aufgeschichtet, die als Wegweiser dienen, und an zwei Stellen sind Häuschen errichtet für jene Reisende, die da im Winter durchmüssen. – Wir trafen aber dennoch sehr viel Leben auf den Straßen, und überholten häufig Caravanen von 15-20 Pferden. – Es war nämlich jetzt Anfangs Juli, die Zeit des Verkehres und Handels in Island. Da ziehen die Landleute 20 und noch mehrere Meilen weit nach Reikjavik, um ihre Erzeugnisse und Produkte theils gegen Geld, theils gegen andere Bedürfnisse umzusetzen. – Die Kaufleute und Faktoren haben dann nicht Hände genug, die Waaren umzutauschen, oder die Rechnungen zu schließen, die der Bauer für das oft schon während des Jahres Genommene berichtigen will.

Um diese Zeit herrscht in und um Reikjavik eine Lebendigkeit sonder gleichen. Ueberall sieht man zahlreiche Gruppen von Menschen und Pferden. Hier werden Waaren auf- oder abgeladen, dort begrüßen sich Freunde, die sich schon ein ganzes Jahr, oder noch länger nicht gesehen haben. Da nehmen Andere von einander Abschied; hier sieht man einzige Zelte[ [4] errichtet, vor welchen sich Kinder herum tummeln, dort sieht man Betrunkene taumeln, oder wohl gar zu Pferde heran sprengen, daß Einem angst und bange wird, und man jeden Augenblick fürchtet sie stürzen zu sehen u. s. w.

Leider währt diese Lebhaftigkeit höchstens 6-8 Tage. Für den Bauer ist die Heuernte vor der Thüre, und der Kaufmann muß eilen seine eingelösten Produkte und Waaren zu ordnen, und seine Schiffe damit zu befrachten, um absegeln zu können, und noch vor den Stürmen des herbstlichen Aequinoctiums seinen Hafen zu erreichen.

Von Reikjavik bis Thingvalla10Meilen.
Von Thingvalla bis an den Geiser 8"
Vom Geiser nach Skalholt6"
Von Skalholt bis Sälsun8"
Von Sälsun bis Struvellir2"
Von Struvellir bis Hjalmholm6"
Von Hjalmholm bis Reikum7"
Von Reikum bis Reikjavik10"
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57Meilen.

Fernere Bemerkungen über Island und seine Bewohner.

Durch meine Reisen in diesem Lande hatte ich natürlich Gelegenheit, seine Bewohner, und deren Thun und Treiben kennen zu lernen. Ich muß gestehen, daß ich von dem Bauernstande einen höhern Begriff gehabt hatte. Wenn man in der Geschichte ihres Landes liest, daß die ersten Bewohner dieser Insel von aufgeklärten Staaten ausgewandert waren, daß sie Gesittung und Kenntnisse mitgebracht hatten; wenn man in den Schilderungen früherer Reisenden stets von dem einfach gemüthlichen Volke, von seiner wahrhaft patriarchalischen Lebensweise sprechen hört; wenn man endlich weiß, daß fast jeder Bauer Island's lesen und schreiben kann, daß man in der ärmsten Hütte wenigstens die Bibel, und noch andere Bücher religiösen Inhaltes findet; so ist man ja freilich geneigt, dieß Volk für das beste und gebildetste von ganz Europa zu halten. – Die Gesittung desselben dachte ich mir auch hinlänglich verwahrt und gesichert durch den wenigen Verkehr mit Fremden, durch das vereinzelte Leben, und durch die Armuth des Landes. Da gibt keine große Stadt Gelegenheit zu Putz und Unterhaltung, zur Erzeugung geringerer oder größerer Laster. – Nur selten betritt ein Fremdling die Insel, deren große Entfernung, deren rauhes Clima, Unwirthlichkeit und Armuth zu abschreckend sind. – Was allein sie interessant macht, Großartigkeit und Seltsamkeit der Natur, genügt dem großen Haufen nicht.

Ich hielt daher Island, in Bezug seiner Bewohner, für ein wahres Arkadien, und freute mich innig ein solch idyllisches Leben doch zum Theil verwirklicht zu sehen. – Ich fühlte mich so glücklich, als ich dieses Land betrat, – ich hätte alle Menschen an mein Herz drücken können, – – – Aber bald ward ich eines Andern belehrt.

Oft schon zürnte ich dem Mangel an Begeisterung, der bei mir sehr arg sein muß, da ich leider immer Alles viel prosaischer sehe, als andere Reisende. Ich bin auch weit entfernt zu behaupten, daß ich recht sehe, – höchstens habe ich die gute Eigenschaft, das Gesehene so darzustellen, wie ich es sah, und nicht Andern nachzuplaudern.

Die Unhöflichkeit und Herzlosigkeit der sogenannten »gebildeten Klasse« habe ich bereits geschildert. Von dieser verlor ich sehr bald die vorgefaßte gute Meinung. Nun kam die Reihe an die Arbeitsleute in der Nähe Reikjavik's. – Wie das Sprichwort von den Schweizern sagt: »Kein Geld, kein Schweizer«, – so kann man von diesen sagen: »Kein Geld, kein Isländer.« – Hier nur einige Beispiele:

Kaum erfuhren sie, daß ich, eine Fremde, angelangt sei, so kamen sie auch schon häufig und alle Augenblicke zu mir, und brachten mir Gegenstände ganz gewöhnlicher Art, wie man sie in Island überall findet; die sollte ich nun theuer bezahlen. Anfangs kaufte ich Manches aus Mitleid, oder um nur Ruhe zu haben, und warf es gewöhnlich wieder weg; bald aber mußte ich damit aufhören, ich wäre sonst den ganzen Tag von Groß und Klein umlagert gewesen. Die Sucht sich auf leichte Art etwas zu verdienen, nahm ich ihnen dabei noch weniger übel, als die Unverschämtheit, mit der sie die Preise machen und den Fremdling zu prellen suchen. – Für einen Käfer, den man unter jedem Steine finden konnte, begehrten sie 5 kr. C. M., für eine Schnecke, von deren Art Tausende an der Küste lagen, eben so viel, und für ein Vogelei, ganz gewöhnlicher Art 10 bis 20 kr. Zwar ließen sie dann, wenn ich nichts kaufen wollte, oft zwei Drittheile der Forderung nach; sicherlich war dieß aber keine Folge ihrer Redlichkeit. Ein anderes Beispiel des Eigennutzes dieser Leute, erlebte der Bäcker, bei dem ich wohnte. – Er hatte einen armen Taglöhner aufgenommen, um sein Haus mit Theer bestreichen zu lassen. Mitten in dieser Arbeit begriffen, kam dem Manne ein anderer Verdienst vor. Da fand er es nicht einmal der Mühe werth, den Bäcker zu fragen, ob er einige Tage bei ihm aussetzen dürfe; er ging fort, und kam erst nach acht Tagen wieder, um die unterbrochene Arbeit fortzusetzen. Um so schändlicher war dieß Benehmen von ihm, da seine Kinder vom Bäcker wöchentlich zweimal Brod, und auch noch Butter dazu bekamen.

Auch ich war so glücklich, Aehnliches zu erfahren. Herr Knudson hatte für mich einen Führer gedungen, und in einigen Tagen schon sollte die Reise angetreten werden. Da wollte zufälliger Weise auch der Stiftsamtmann einen Ausflug machen, und schickte um meinen Führer. Dieser hoffte da mehr zu verdienen, und sagte zu, kam aber nicht zu mir, um sich zu entschuldigen, sondern ließ mir blos am Vorabend der Reise sagen, daß er krank geworden sei, und folglich nicht mit mir gehen könne. – Und solche Beispiele, die dem Isländer gerade nicht zum Lobe gereichen, könnte ich noch gar viele aufzählen.

Ich tröstete mich, Einfalt und Redlichkeit in den entfernteren Gegenden zu finden, und freute mich deßhalb doppelt auf meine Reisen in das Innere des Landes. – Da fand ich wohl manches Gute, doch leider auch so viele Schattenseiten, daß ich weit entfernt bin, die isländischen Bauern als Muster aufzustellen.

Die vorzüglichste ihrer guten Eigenschaften ist die Ehrlichkeit. – Ich konnte meine Sachen überall liegen lassen, und stundenlang davon entfernt bleiben, – nie mangelte mir das geringste, ja sie erlaubten sogar weder sich noch ihren Kindern auch nur etwas davon in die Hände zu nehmen. In diesem Punkte sind sie so gewissenhaft, daß wenn z. B. ein Bauer aus einem entfernteren Orte kömmt, und in eine Kothe treten will, er gewiß nicht unterläßt, vorher an die Thüre zu klopfen, selbst wenn sie offen steht. Sagt Niemand »herein«, so betritt er sie nicht. – Man könnte ohne Furcht und Sorge bei unverschlossener Thüre schlafen.

Ueberhaupt sind Verbrechen hier so selten, daß das Gefängnißgebäude zu Reikjavik schon seit vielen Jahren in das Wohnhaus für den Stiftsamtmann umgewandelt wurde. – Kleine Vergehungen werden gleich bestraft, entweder in Reikjavik selbst, oder an dem Orte, wo der Sysselmann seinen Sitz hat. – Große Verbrecher werden nach Kopenhagen geschickt und dort verurtheilt und bestraft.

Mein Hausherr zu Reikjavik, der Bäckermeister Bernhöft, erzählte mir, daß seit den 13 Jahren, die er in Island ansässig ist, nur ein großes Verbrechen begangen worden sei. – Ein verheiratheter Bauer hatte mit seiner Magd ein Kind gezeugt, und es gleich nach der Geburt verbrannt. – Die kleineren Verbrechen bestehen meistens aus Vieh-Diebstählen.

Was die Kenntnisse der Isländer anbelangt, so sah ich wirklich mit Erstaunen, daß fast Alle lesen und schreiben konnten; Letzteres war unter dem weiblichen Geschlechte etwas seltener. Jünglinge und Männer aber hatten oft recht gute und feste Schriften. – Bücher fand ich in jeder Hütte, wenigstens die Bibel, oft aber auch Gedichte und Erzählungen, manchmal sogar in dänischer Sprache.

Ihr Begriffsvermögen ist ebenfalls sehr gut. Wenn ich in ihrer Gegenwart meine Landkarte aufschlug, verstanden sie so ziemlich, was sie vorstellte, und begriffen schnell und leicht deren Gebrauch und Nutzen. – Diese Bildung ist doppelt überraschend, wenn man bedenkt, daß jeder Familienvater seine Kinder, und allenfalls auch die nachbarlichen Waisen selbst unterrichtet. – Zwar geschieht dieß nur im Winter, doch der dauert acht Monate, und ist folglich dazu lange genug.

Schule besteht im ganzen Lande eine einzige, in Bessestadt – vom Jahre 1846 an in Reikjavik. – In dieser Schule werden nur Jünglinge aufgenommen die bereits lesen und schreiben können. – Sie können hier entweder zu Priestern gebildet werden, oder auch die Vorkenntnisse zu den juridischen Studien erhalten. – Jene, die sich dem Priesterstande widmen, können allda ihre ganzen Studien beendigen; Jene aber, die Aerzte, Apotheker oder Sysselmänner werden wollen, müssen nach Kopenhagen gehen.

Außer den theologischen Wissenschaften werden auf der Schule zu Reikjavik auch Geometrie, Geographie und Geschichte gelehrt, so wie mehrere Sprachen, als: lateinisch, dänisch und vom Jahre 1846 auch deutsch und französisch.

Die Hauptbeschäftigung der isländischen Bauern besteht im Fischfange, welcher am stärksten in den Monaten Februar, März und April betrieben wird.

Da kommen die Bewohner der innern Gegenden des Landes in die Hafenorte, verdingen sich den Strandbewohnern, den eigentlichen Fischern, als Gehilfen, und nehmen dafür einen Antheil an den Fischen. Außer dieser Zeit wird der Fischfang wohl auch betrieben, aber mehr nur von den Strandbewohnern. – In den Monaten Juli und August gehen wieder Viele von diesen in das Innere des Landes, und helfen da bei der Heuernte, wofür sie Butter, Schafwolle und gesalzenes Lammfleisch erhalten. – Andere besteigen die Gebirge, und sammeln das isländische Moos. Von diesem machen sie entweder einen Absud, der dann mit Milch gemischt, getrunken wird, oder sie zerreiben es zu Mehl und backen flache Kuchen daraus, die ihnen statt des Brodes dienen.

Die Arbeit des weiblichen Geschlechtes besteht in der Zurichtung der Fische zum Trocknen, Räuchern oder Einsalzen, in Abwartung des Viehes, im Stricken und wohl auch in Moossammeln. – Im Winter weben und stricken beide Geschlechter.

Was die Gastfreundschaft der Isländer betrifft, so glaube ich nicht, daß man sie ihnen zu einem sehr großen Verdienste anrechnen darf. Es ist wahr, Priester und Bauern nehmen jeden europäischen Reisenden gerne auf, und bewirthen ihn mit Allem was in ihren Kräften steht, – aber Beide wissen, daß der Reisende, der ihr Land besucht, gewiß weder ein Abentheurer noch ein Bettler ist, und ihnen daher auch erkenntlich sein wird. – Mir kam kein Priester und kein Bauer vor, der nicht die gebotene Gabe ohne die geringste Widerrede angenommen hätte. – Von den Priestern muß ich jedoch zu ihrem besondern Lobe bemerken, daß sie überall sehr dienstfertig und gefällig, und mit jeder Gabe zufrieden waren. Auch ihre Forderungen, wenn ich Pferde zu meinen Excursionen nahm, waren immer sehr bescheiden gestellt. – Den Bauer hingegen fand ich nur in jenen Gegenden weniger eigennützig, wo beinah nie ein Reisender hinkam. An Orten aber die schon mehr besucht werden, waren seine Forderungen oft unverschämt.

Für Ueberfahrten über Flüsse z. B. mußte ich 20 bis 30 kr. zahlen, und da wurden ich und mein Führer in einem Kahn übergeschifft, die Pferde mußten schwimmen. – Der Führer, welcher mich auf den Hekla begleitete, forderte gar 5 fl. 20 kr. CM. und ließ sich ordentlich noch dazu bitten. Er wußte, daß ich gezwungen war, ihn zu nehmen, denn Auswahl an Führern hat man nicht, und unverrichteter Sache will man auch nicht zurückkehren.

Aus diesem Benehmen aber sieht man, daß der Charakter der Isländer gerade nicht zu den trefflichsten gehört, und daß sie ihren Vortheil von den Reisenden so gut zu ziehen wissen, wie die Wirthe und Lohnbedienten auf dem Continente.

Eine große Leidenschaft der Isländer ist das Trinken. Ihre Armuth wäre gewiß nicht so groß, wenn sie weniger dem Brandweine zusprächen, und dafür fleißiger arbeiten würden. Aber so ist es heillos zu sehen welch tiefe Wurzel dieses Laster hier gefaßt hat. – Nicht nur an Sonntagen, auch an Wochentagen begegnete ich Bauern, die so berauscht waren, daß es mir noch heute ein Räthsel ist, wie sie sich auf den Pferden erhalten konnten. – Vom weiblichen Geschlecht kam mir, Gott sei es gedankt, nie ein Exemplar in diesem Zustande vor.

Eine zweite ihrer Haupt-Leidenschaften ist das Tabakschnupfen. – Sie kauen und schnupfen den Tabak mit derselben Lust, mit der man ihn bei uns rauchen sieht. Ihre Art aber, wie sie den Tabak zu sich nehmen, ist so eigen, daß ich sie unmöglich übergehen kann. Die meisten Bauern, ja selbst viele der Priester haben keine eigentliche Dose, sondern eine Büchse aus Bein gedrechselt, in Gestalt eines kleinen Pulverhornes. – Wenn sie nun schnupfen wollen, so neigen sie den Kopf zurück, stecken die Spitze dieses Hornes in die Nase und schütteln eine Dosis Tabak hinein. – Und so gar nicht ekel sind diese liebenswürdigen Naturmenschen, daß sie dieß Tabak-Horn ihrem Nachbar reichen, dieser wieder dem seinigen und so fort – – von Nase zu Nase, – ohne es je zu reinigen oder abzuwischen.

Ueberhaupt glaube ich, daß, was Unreinlichkeit anbelangt, die Isländer den Grönländern, Eskimos oder Lappländern nicht viel nachstehen werden. – Wollte ich beschreiben, was ich in der Art alles sah, meine guten Leserinen würden mitten auf dem festen Lande seekrank werden, oder doch wenigstens mich sehr arger Uebertreibungen beschuldigen. Ich sage daher nur: Man denke sich von Unreinlichkeiten, von ekelhaften Handlungen so viel die kräftigste Fantasie zu erfinden vermag, ich unterschreibe es unbedingt als bei den Isländern zu Hause.

Neben diesen gar nicht rühmlichen Eigenschaften besitzen sie auch eine große Trägheit. Etwas entfernt von den Küsten liegen unübersehbare Wiesenthäler, die aber alle so versumpft sind, daß man sie stets mit Furcht durchreiten muß. Die Ursache hiervon liegt weniger am Boden als an den Menschen. – Man dürfte nur Gräben ziehen, und die Wiesen auf diese Art trocken legen, um das herrlichste Gras zu erhalten; denn daß dieses in Island gedeiht, beweisen die vielen kleinen Anhöhen, die in solchen Thälern aus den Sümpfen ragen, und mit Gras, Futterkräutern und wildem Klee üppig bewachsen waren. – Eben so kam ich über große Stellen, die schöne Erde hatten, und über andere, auf denen Erde mit Sand gemischt lag.

Ich sprach öfter mit einem Herrn Boge, der bereits vierzig Jahre in Island ansässig ist und nicht geringe landwirthschaftliche Kenntnisse besitzt, ob es denn nicht möglich wäre, durch Fleiß und Arbeit da bedeutende Feld- und Wiesenkultur zu erzielen? Herr Boge gab dieß zu, und meinte selbst, daß nebst schönen Wiesen auch wohl ergiebige Kartoffelfelder erzweckt werden könnten, wenn nur das Volk nicht so träge wäre und lieber Hunger litte, und allen Bedürfnissen der Reinlichkeit und Annehmlichkeit entsagte, ehe es zur Arbeit greift. Was ihm die Natur freiwillig bietet, ist ihm genug; – ihr etwas abzuringen, fällt ihm gar nicht ein. – Ich wünschte nur einige deutsche Bauern hierher versetzt zu sehen, wie manche Stelle würde bald ganz anders aussehen!

Der beste Boden Island's soll auf dem Norderlande sein. Da sieht man sogar einige Kartoffel-Aeker und auch Bäumchen, die ohne Hilfe und Pflege eine Höhe von 7-8 Fuß erreichen. Herr Boge, welcher bei dreißig Jahre dort etablirt war, hatte einige Vogelbeer- und Birken-Bäumchen gepflanzt, die bis zu 16 Fuß empor gewachsen waren.

Im Norderlande, so wie überhaupt etwas entfernter von der Küste, leben die Leute von der Viehzucht. Mancher Bauer besitzt da 2-400 Schafe, 10-15 Kühe und 10-12 Pferde; freilich gibt es so reiche nicht viele, aber jedenfalls sind sie besser daran, als die armen Küstenbewohner. – Die haben meist schlechten Grund und Boden und sind daher größtentheils auf den Fischfang angewiesen.


Noch muß ich, bevor ich Island verlasse, einer Sage erwähnen, die mir von vielen Seiten erzählt wurde, und die nicht nur von Bauern, sondern auch von Leuten der sogenannten »bessern Klasse« für Wahrheit gehalten wird.

Man behauptet nämlich, daß das innere unwirthbare Land ebenfalls bevölkert sei. Es sei von einer ganz eigenen Menschenklasse bewohnt, der allein die Pfade in diesen Wüsteneien bekannt wären. Diese Wilden hätten aber während des Jahres gar keinen Verkehr mit ihren Landsleuten, und kämen nur Anfangs Juli, höchstens auf einen Tag an einen der Hafenorte, um verschiedene Lebensbedürfnisse zu erhandeln, die sie alsogleich mit baarem Gelde auszahlen. Hierauf verschwinden sie plötzlich, ohne daß man weiß, wohin sie ihren Weg genommen haben. – Niemand kennt sie, nie bringen sie Frauen oder Kinder mit, und nie beantworten sie die Frage, woher sie kämen? – Auch ihre Sprache soll etwas schwerer zu verstehen sein, als jene der bekannten Einwohner Island's.

Ein Herr – den ich aus Achtung nicht nennen will – äußerte mehrmals den Wunsch, 20 oder 25 gut bewaffnete Soldaten zu haben, und mit ihnen diese wilden Menschen aufzusuchen.

Die Leute, welche jene Naturmenschen gesehen haben wollen, behaupten: daß sie größer und stärker seien als die andern Isländer, daß ihre Pferde, statt mit eisernen Hufen – mit Hufen aus Horn beschlagen wären, und daß man sehr viel Geld bei ihnen sähe, welches sie wohl nur durch Raub erlangen könnten. Als ich aber frug, wer von den rechtlichen Bewohnern Islands, wann und in welchen Gegenden er von dieser wilden Menschenrace beraubt worden wäre, wußte mir Niemand eine andere Antwort zu geben als: das wisse man nicht. – Ich glaube aber kaum, daß in Island eine Person, viel weniger ein ganzer Stamm vom Raube leben könnte.

Abreise von Island; – Fahrt nach Kopenhagen.

Ich hatte jetzt alles Merkwürdige in Island gesehen, alle meine Reisen in diesem Lande glücklich beendet, und erwartete nun mit unaussprechlicher Sehnsucht das Absegeln eines Fahrzeuges, das mich meiner theuern Heimat wieder etwas näher bringen sollte. Ach, ich mußte noch 4 ewig lange Wochen in Reikjavik bleiben, täglich meine Geduld auf die Probe stellen, und selbst dann, nach so langem Harren, mit der ersten besten Gelegenheit vorlieb nehmen.

Freilich segelten auch unter dieser Zeit einige Schiffe ab, und auch Herr Knudson, mit dem ich die Herüberfahrt von Kopenhagen gemacht hatte, lud mich ein, Theil an seiner Rückreise zu nehmen, – aber da ging Alles nach England oder Spanien, und diese Wege wollte ich nun einmal nicht einschlagen. – Ich wünschte eine Gelegenheit nach Scandinavien, um auf diese pittoresken Länder wenigstens einige Blicke werfen zu können.

Endlich fanden sich zwei Schaluppen, die gegen Ende Juli in die See zu stechen gedachten. Die Eine davon, die bessere, ging nach Altona, und die andere nach Kopenhagen. Ich wollte mit der Ersteren gehen, allein da hatte schon ein Kaufmann von Reikjavik den einzigen Platz – mehr gibt es auf so kleinen Fahrzeugen selten – gemiethet, und so mußte ich mich noch glücklich schicken, auf der zweiten einen Platz zu erhalten. Herr Bernhöft meinte freilich, das Schiff könnte zu erbärmlich sein, um eine so bedeutende Reise darauf zu machen, und er wollte es doch wenigstens vorher in Augenschein nehmen und mir einen Bericht darüber erstatten. Allein da ich fest entschlossen war, nach Dänemark zu gehen, so bat ich ihn, die Untersuchung zu unterlassen und mit dem Kapitain auf dem Lande für meine Ueberfahrt zu unterhandeln. – Würde er, wie ich gleich voraus vermuthete, das Fahrzeug gar zu schlecht gefunden haben, so hätten seine Warnungen vielleicht meinen Vorsatz erschüttern können, und das wollte ich vermeiden.

Zuletzt erfuhren wir noch, daß auch eine Dänin, die hier im Dienste stand, sich auf diesem Fahrzeuge einzuschiffen wünsche. – Sie war so vom Heimweh' erfaßt worden, daß sie um jeden Preis ihr geliebtes Vaterland wieder sehen wollte. Nun, dachte ich mir, ist bei diesem Mädchen das Heimweh stark genug, sie gegen Gefahr gleichgiltig zu machen, so wird dieß bei mir die Sehnsucht thun, und ich werde ihr nicht zurück stehen.

Unsere Schaluppe führte den beruhigenden Namen »Haabet« (die Hoffnung) und gehörte dem Kaufmanne Fromm in Kopenhagen.

Die Abfahrt war für den 26. Juli bestimmt. – Von diesem Tage an durfte ich mich kaum vom Hause entfernen, und mußte jeden Augenblick die Botschaft erwarten gleich an Bord zu kommen. – Leider verhinderten heftige Stürme unser Auslaufen, und ich wurde erst am 29. Juli an Bord geholt. – Nun hieß es Abschied nehmen.

Von dem Lande that ich es leicht. – Hatte ich gleich wirklich viel Wunderbares, Neues und Interessantes gesehen, – ich sehnte mich doch wieder nach den heimatlichen Fluren, in denen man zwar nicht so großartige, ergreifende, aber desto heitrere, lieblichere Bilder findet. – Schwerer ward mir die Trennung von Herrn Knudson, und von der Familie Bernhöft. Alles Gute, das mir in diesem Lande erwiesen wurde, jede Anleitung und Erleichterung meiner Reisen habe ich nur ihnen zu verdanken. – Nie wird aber auch mein Dank, mein Andenken an diese guten Menschen in meiner Brust ersterben.

Um Mittag also befand ich mich bereits auf der Schaluppe, und konnte mit Muße all' die schönen Flaggen und Fähnlein betrachten, mit welchen die französische Fregatte, die hier vor Anker lag, geschmückt war, um das Andenken der Juli-Revolution zu feiern.

Ich suchte meine Aufmerksamkeit so viel als möglich von meinem Schiffe abzulenken, denn nach Allem, was ich bereits unwillkührlich davon gesehen hatte, ließ es sehr viel zu wünschen übrig. – Auch die Kajüte nahm ich mir vor, nicht eher zu betreten, als bis wir in offner See wären, und die Lootsen unsere Schaluppe verlassen hätten, damit mir dann jede Möglichkeit einer Rückkehr abgeschnitten sei.

Unsere Mannschaft bestand aus dem Kapitain, dem Steuermann, zwei Matrosen und einem Schiffsjungen, der den Titel eines Koches hatte; wir fügten ihm auch noch den eines Kammerdieners bei, da er zu unserer Bedienung bestimmt war.

Als uns die Lootsen »Lebewohl« gesagt hatten, suchte ich den Eingang der Kajüte, des einzigen, und daher gemeinschaftlichen Gemaches. – Er bestand aus einem ungefähr 2 Fuß breiten Loche, das sich gähnend zu meinen Füßen öffnete, und in welches eine Leiter von fünf Sprossen senkrecht hinab führte. – Ich stand lange sinnend davor, und überlegte, auf welche Art am Besten da hinab zu kommen sei. – Endlich wußte ich mir nicht anders zu helfen, als daß ich beschloß unsern Hausherrn, den Schiffskapitain, darum zu fragen. – Er zeigte es mir gleich, indem er sich an den Eingang niedersetzte und die Füße hinab ließ. – Man denke sich nun eine solche Expedition mit unsern langen Kleidern, und noch dazu bei schlechtem Wetter, wenn das Schiff von Stürmen tüchtig herum geworfen wird! – Aber der Gedanke, daß es viele Menschen noch viel schlechter treffen, und dennoch fortkommen, war bei dergleichen Unannehmlichkeiten immer der Ankerstab des Trostes, an dem ich mich festhielt. Ich stellte mir gleich vor, daß ich ja aus demselben Teige gemacht sei, wie meine Nebenmenschen, nur verzärtelter, verwöhnter, und daß ich dasselbe ertragen könne, wie sie. In Folge dieser Vorstellungen setzte ich mich augenblicklich nieder, versuchte die neue Rutschbahn und langte glücklich in der Tiefe an.

Vor allem andern mußte ich meine Augen an das hier herrschende Halbdunkel gewöhnen, denn die Lucken (Schiffsfensterchen) ließen die Tageshelle nur gar zu spärlich ein. – Leider sah ich aber bald nur zu viel. – Diese trostlose Erbärmlichkeit, dieser Schmutz, diese Unordnung, die ich da fand! – – Doch ich will Alles nach der Ordnung, und zwar noch dazu recht ausführlich beschreiben, denn ich schmeichle mir, daß manche meiner lieben Landsmänninen im Buche diese Reise mit mir machen wird, und da Viele unter ihnen wahrscheinlich noch nie Gelegenheit gehabt hatten, ein Seefahrzeug zu sehen, so dürfte eine solche ausführlichere Beschreibung hier nicht überflüßig sein. – Daß ich der Wahrheit getreu bleiben werde, mögen ihnen alle Jene bezeugen, die mit dem Seewesen vertraut sind. – Kehren wir also wieder zu meiner geliebten Schaluppe zurück. – An Alter wetteiferte sie mit mir, – wir Beide stammten aus dem vorigen Jahrhundert. Unglücklicherweise wurde damals bei Schiffsbauten wenig Rücksicht auf die Bequemlichkeit der Menschen genommen, und aller Raum nur für die Fracht bemessen; – eine Sache, über die man sich eben nicht wundern darf, da des Schiffers eigentliches Leben nur auf dem Deck ist, und das Schiff für Reisende nicht gebaut wurde. – Die ganze Länge der Kajüte maß von einer Koje zur andern 10 Fuß, die Breite 6 Fuß. Letztere ward noch überdieß auf der einen Seite durch einen Kasten, auf der andern durch ein Tischchen und zwei Bänkchen dermaßen eingeengt, daß gerade nur so viel Raum blieb, durchgehen zu können.

Beim Diner oder Souper saßen wir Damen – die Dänin und ich – auf dem Bänkchen, wo wir so eingepreßt waren, daß wir uns kaum rühren konnten; – die beiden Cavaliere – der Kapitain und der Steuermann – mußten aber vor dem Tischchen stehen, und in dieser Stellung ihr Mahl einnehmen. – Das Tischchen war so klein, daß sie ihre Teller in den Händen halten mußten. Kurz man sah aus Allem, daß die Größe der Kajüte blos auf den Schiffsstand, nicht aber auf Passagiere berechnet war.

Die Luft in diesem Gemache war auch nicht die allerbeste, denn außerdem, daß es unsern Speise-, Schlaf- und Empfangssalon bildete, ward es noch als Vorrathskammer verwendet, und in den Seitenschränken lagen Lebensmittel aller Art, Oelfarben, und eine Menge anderer Sachen. – Ich zog es vor, auf dem Verdecke zu sitzen, und lieber Sturm und Kälte zu ertragen, oder mich von einer Woge überschütten zu lassen, als da unten halb zu ersticken. Manchmal mußte ich aber doch hinab, theils wenn es gar zu sehr regnete und stürmte, theils wenn das Schiff von Gegenwinden erfaßt, und von den hohen Wellen derart herumgeworfen oder geschlungen[ [5] wurde, daß man auf dem Verdecke nicht sicher war. – Das Rollen und Werfen des Schiffes war oft so arg, daß wir – die Dänin und ich – nicht einmal sitzen, viel weniger stehen konnten, und manchen langen Tag in der erbärmlichen Koje liegen bleiben mußten. – Ich beneidete da meine Gefährtin, die konnte Tag und Nacht in einem fort schlafen. – Mir ging es nicht so gut, – ich wachte immer, und empfand dabei viel Langeweile und Unbehagen, denn die Lucken, der Eingang, Alles war bei Regenwetter verschlossen, und in dem Gemache herrschte nebst einer athembehemmenden Luft auch noch eine wahrhaft egyptische Finsterniß.

Was die Kost betraf, so speiste Alles, Passagiere, Kapitain, Steuermann und Matrosen aus einem und demselben Topfe. – Den Anfang machte des Morgens ein erbärmlicher Thee, oder besser gesagt, ein übelschmeckendes Wasser, das eine Theefarbe hatte. Die Matrosen tranken es ohne Zucker, der Kapitain aber und der Steuermann nahmen dazu ein kleines Stückchen Kandiszucker – dieser Zucker zerfließt weniger schnell als der raffinirte – in den Mund, schlürften eine Tasse Thee nach der andern, und aßen dazwischen Schiffszwieback mit Butter.

Die Mittagskost wechselte von einem Tage zum andern. Den ersten Tag bekamen wir gesalzenes Fleisch, das schon immer den Abend vorher in Seewasser geweicht, und am folgenden Tag in Seewasser gekocht wurde. Es war so übersalzen, hart und zähe, daß wohl nur ein Matrosen-Gaumen daran Behagen finden konnte; als Suppe, Gemüse und Mehlspeis kam dazu Gerstengrütze, die ganz einfach, ohne Salz und Butter in Wasser gekocht, und Mittags bei Tische mit Syrup und Essig gemischt wurde. – Alle fanden dieses Gericht sehr leckerhaft, und konnten sich, als ich es für ungenießbar erklärte, nicht genug über meinen verdorbenen Geschmack wundern.

Der zweite Tag brachte uns ein in Seewasser gekochtes Stück Speck, und dazu abermals die Gerstengrütze. – Der dritte Stockfische mit Erbsen. Letztere waren zwar etwas hart gekocht und ohne Butter, doch fand ich sie unter allen Gerichten noch am genießbarsten. – Am vierten Tage bekamen wir wieder die Speisen des ersten, und so ging es regelmäßig fort; – den Schluß jedes Diner's machte schwarzer Kaffee. – Der Abend bot die Morgenkost, Theewasser, Schiffszwieback und Butter.

Ich hätte mich gerne in Reikjavik mit einigen Hühnern, Eiern und Kartoffeln versehen, allein ich konnte keinen dieser Artikel bekommen. Hühner werden nur wenig gehalten, höchstens von den Beamten oder Kaufleuten; – Eier bekömmt man zwar ziemlich häufig von Eidergänsen und andern Vögeln, aber es werden nur so viele gesammelt, als man zum täglichen Gebrauche benöthiget, und das nur im Frühjahre zur Brütezeit dieser Thiere; – für die Kartoffeln war es noch zu früh an der Zeit. – Man denke sich nun das üppige Leben, daß ich auf diesem Schiffe führte. – Hätte ich das Glück gehabt auf ein besseres Fahrzeug zu kommen, wo man doch bequemer wohnt, und schmackhaftere Speisen erhält, würde mir die Seekrankheit dießmal gewiß nichts angehabt haben; – so aber in Folge der dunstigen Kajüten-Luft und der schlechten Nahrung litt ich doch den ersten Tag daran. Aber schon am zweiten Tage ward ich gesund, der Hunger stellte sich wieder ein, und ich speiste ein Stück Salzfleisch, Speck und Erbsen u. s. w. so gut wie ein Matrose; nur den Stockfisch, die Grütze, den Kaffee und Thee ließ ich unberührt.

Ein echter Schiffsmann trinkt nie Wasser. Ich machte diese Bemerkung auch an unserm Kapitain und Steuermann; in Ermangelung des Weines oder Bieres tranken sie stets Thee, und zwar außer den Mahlzeiten meistens kalten Thee.

Sonntag Abends war großes Souper, da ließ der Kapitain für uns vier Personen acht Stück Eier kochen, die er noch von Dänemark mit sich führte. Die Mannschaft bekam in den Thee einige Gläschen Punsch-Essenz.

Da ich nun meine lieben Leserinen mit dem kostbaren Speisenwechsel auf solch einem Schiffe bekannt gemacht habe, muß ich auch noch sagen, wie die Tischwäsche und das Reinigen derselben beschaffen war. – Erstere bestand blos aus einem Stücke altem Segeltuche, das über den Tisch gebreitet wurde, und so beschmutzt und unrein aussah, daß ich mir dachte, es wäre gewiß besser und appetitlicher den Tisch gar nicht zu decken – appetitlicher? Ja! aber besser?? Nein! – Doch so geht es den naseweisen Leuten, die immer klüger sein wollen, als Andere; – bald sollt' ich erfahren, wie wichtig dieses Tuch sei. – Ich sah nämlich eines Tages unsern Kammerdiener ein Stück Segeltuch gar mörderisch bearbeiten; er hatte es auf dem Boden ausgebreitet, stand mit den Füßen darauf, und fegte es von allen Seiten mit dem Schiffsbesen rein. – Nur bald erkannte ich an den manigfaltigen Fett- und Schmutzflecken unser Tischtuch, – und richtig fand ich Abends den Tisch ungedeckt. Nun sah ich aber auch die Folgen davon. Kaum hatte der Junge die Theekanne auf den Tisch gestellt, als sie schon in demselben Augenblick zu gleiten anfing. Glücklicherweise erfaßte sie der gewandte Kapitain noch am Henkel, sonst wäre sie zu Boden gestürzt, und hätte unsere Füße mit ihrem Inhalte überschüttet. – Und so ging es mit Allem; man konnte nichts auf dem glatten Tische stehen lassen und ich bedauerte den Kapitain recht sehr daß er kein zweites hatte.

Alles bisher Gerügte wäre, wie jeder meiner Leser einsehen wird, gewiß schon hinreichend gewesen, den Aufenthalt auf diesem Schiffe sehr unangenehm zu machen; nun kam aber noch ein Umstand dazu, durch welchen er sogar beunruhigend ward. Ich entdeckte nämlich nach mehreren Tagen, daß unser Schifflein fortwährend eine tüchtige Portion Wasser einließ, die alle 6-8 Stunden ausgepumpt werden mußte. Der Kapitain suchte mich zu beruhigen, indem er behauptete, daß jedes Schiff Wasser einließe, und das unsere nur etwas mehr, weil es schon alt sei. Ich mußte mich damit zufrieden geben; denn es zu ändern wäre ich doch nicht im Stande gewesen. – Glücklicher Weise bekamen wir keinen bedeutenden Sturm, und liefen daher weniger Gefahr.

Unsere Reise dauerte 20 Tage; 12 Tage sahen wir kein Land; der Wind trieb uns zu viel östlich und so bekamen wir weder die Farroäer noch die Schettlands-Inseln zu Gesichte. – Daraus würde ich mir nun eben nicht viel gemacht haben, hätte ich dafür einige Seeungeheuer, schäckernde Wallfische, bescheidene Haie oder so etwas dergleichen gesehen. – So aber sah ich von allen diesen Merkwürdigkeiten nur sehr wenig. Von einem Wallfische nahm ich nur die Strahlen des Wassers wahr, die er aus seinen Nasenöffnungen in die Höhe warf, und die vollkommen den Strahlen eines Springbrunnens glichen. Das Thier selbst war leider von unserm Schiffe zu weit entfernt, als daß man das Geringste von seinem Körper hätte sehen können. – Da war ein Hai schon etwas galanter; der schwamm doch wenigstens einige Minuten hindurch so nahe an unserm Fahrzeuge, daß man ihn vollkommen gut betrachten konnte; er mochte gewiß 16 bis 18 Fuß lang sein.

Eine schöne Vorstellung gaben uns während zwei Abenden die sogenannten Springer oder fliegenden Fische. Die See war so ruhig, als sie es nur sein konnte, die Abende mild und vom Mondlichte glänzend erleuchtet, und so blieben wir lange auf dem Decke und sahen dem heitern Spiele dieser Thiere zu. – So weit wir sehen konnten, war die Wasserfläche von ihnen bedeckt. Die jüngeren Fische erkannte man gleich an ihren höheren Sprüngen; sie mochten 3-4 Fuß lang sein und erhoben sich 5-6 Fuß über die Meeresfläche. Das Springen selbst sah aus wie ein Versuch des Fliegens, wobei ihnen jedoch ihre Flossen schlechte Dienste erwiesen, und sie augenblicklich wieder zurückfallen ließen. – Die Alten schienen nicht mehr die Schwungkraft zu besitzen, sie beschrieben nur ähnliche Bogen wie die Delphine, und erhoben sich nur so viel über das Wasser, daß man den Mitteltheil ihres Körpers sehen konnte.

Diese Springer werden nicht gefangen, sie haben wenig Thran und schmecken sehr schlecht.

Am dreizehnten Tage erblickten wir endlich wieder Land. Wir waren in das Skaggerakk gekommen, und sahen die Halbinsel Jüttland nebst dem Städtchen Skaggen. Die Halbinsel sieht von dieser Seite sehr öde aus; sie ist flach und mit viel Sand bedeckt.

Am sechzehnten Tage liefen wir in das Kattegat ein. – Wir hatten in letzterer Zeit fast immer entweder Windstille oder Gegenwinde, und trieben uns in Skaggerakk, Kattegat und Sund beinah 8 Tage herum. Manchen Tag kamen wir kaum 15 bis 20 Seemeilen vorwärts. – An solch windstillen Tagen vertrieb ich mir manche Stunde mit dem Fischfange, allein die guten Fische, obwohl man sie dumm schilt, waren doch so verzweifelt klug, an der Lockspeise meiner Angel nicht anzubeißen. Ich hoffte täglich auf eine Mahlzeit von Makarelen und fing im Ganzen – eine einzige.

Größere Unterhaltung gewährte mir der Anblick der vielen Schiffe, die von allen Seiten in das Kattegat segelten; ich zählte ihrer über 70. Je näher wir der Einfahrt des Sundes kamen, desto imposanter wurde dieses Schauspiel, desto näher drängten sich die Schiffe an einander. – Glücklicherweise begünstigte uns eine prachtvolle Mondnacht; – in einer finstern Gewitternacht wäre wohl mit der größten Vorsicht und Geschicklichkeit ein Zusammenstoßen nicht zu vermeiden gewesen.

Von der außerordentlichen Klarheit und dem Schimmer einer nordischen Mondnacht haben wir südlich Gelegenen keinen Begriff; es ist gerade als ob ein Theil des Sonnenlichtes sich mit dem nächtlichen Gestirne vereinte. Ich habe herrliche Nächte an den asiatischen Küsten, auf dem mittelländischen Meere erlebt, – ich fand sie aber hier an den Gestaden Skandinaviens heller und schimmernder.

Die ganze Nacht blieb ich auf dem Verdecke. Eine solche Masse von Schiffen zu sehen, die sich hier zusammen drängten, und gleichzeitig die Einfahrt in den Sund erstürmen wollten, war für mich ein seltenes Schauspiel. Ich konnte mir nun einen deutlichen Begriff von einer Flotte machen, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich diese Masse von Schiffen mit einer Kauffarthei-Flotte vergleiche.

Am zwanzigsten Tage unserer Reise um drei Uhr Morgens liefen wir in den Hafen von Helsingör ein. Man muß hier den Sund-Zoll entrichten, oder wie der Schiffer es nennt: »das Schiff klar machen.« – Es ist dieß eine sehr lästige Unterbrechung, und das Anhalten und wieder Weiterfahren des Schiffes macht sehr viele Umstände. Da müssen die Segel eingeräfft, die Anker ausgeworfen, die Jolle ausgesetzt und der Kapitain an das Ufer gerudert werden. Meist vergehen viele Stunden bis er abgefertigt ist. – Kehrt er endlich an das Schiff zurück, muß die Jolle wieder aufgewunden, müssen die Anker wieder gelichtet, die Segel entfaltet werden. – Oft hat unterdessen der Wind umgeschlagen, und man verdankt es nur diesen Plackereien, daß man den Hafen von Kopenhagen viel später erreicht, als man gehofft hat.

Ist man erst so unglücklich, in einer finstern Nacht in die Nähe von Helsingör zu kommen, so darf man, um mit andern Schiffen nicht zusammen zu stoßen, gar nicht einlaufen; man muß im Kattegat vor Anker gehen, und somit zwei Unterbrechungen erleiden. – Kömmt man in der Nacht vor vier Uhr nach Helsingör, so muß man warten, da erst um diese Zeit das Zollamt eröffnet wird.

Freilich steht es dem Schiffer frei, hier nicht anzuhalten und gleich nach Kopenhagen zu fahren, allein diese Freiheit kostet ihm 5 Thaler. – Kann nun aber der Zoll auf diese Art auch in Kopenhagen entrichtet werden, so ist dann die Forderung des Anhaltens bei Helsingör eigentlich nichts als eine Finte, um dem Schiffer eine höhere Taxe zu entlocken, denn hat dieser große Eile, oder einen gar zu herrlichen Wind, so läßt er in Gottesnamen diese 5 Thaler fahren und segelt unaufgehalten bis Kopenhagen.

Unser guter Kapitain berücksichtigte weder Zeit noch Arbeit, er machte das Schiff hier klar, und so begrüßten wir erst um 2 Uhr Nachmittag die liebe Stadt Kopenhagen, die mir beinahe heimatlich vorkam, und so schön und herrlich, als ob ich in meinem ganzen Leben nichts Aehnliches gesehen hätte. Man muß aber auch bedenken, woher ich kam, und wie lange ich an ein Fahrzeug gebannt war, auf dem ich mich kaum bewegen konnte. – Als ich die Erde wieder betrat, ging es mir beinahe wie Columbus, ich wäre bald niedergesunken und hätte sie geküßt.