Beim Nachhauseführen.
Die beiden Häuser lagen, eines am Anfang, das andere am Ende der Eaux-vives. Eine Viertelstunde war's wohl von einem zum andern, besonders wenn man langsam ging. Das wollte die Gesellschaft, denn der Abend war köstlich. An Sommerabenden versetzt Genf wirklich in den Süden. Nicht wie am Tage entbehrte man den Schatten der im Frühjahr behauenen Platanen. Es war so spät, daß die Straße einsam war. Zu beiden Seiten dufteten die Gärten der Campagnen und kleineren Besitzungen. Auch aus diesen Düften hauchte etwas Südliches Beschleunigung in das Blut. Der Mond leuchtete.
Welch eine Stunde zu einer verschleierten Erklärung! Pauline ging, tief athmend vor Erwartung, an Leons Arm. Daß Herr Hölty, mit ihren Noten unter dem Arme, als selbstbestellter Ehrenhüter seines Freundes und Principals an ihrer rechten Seite trabte, störte sie wohl etwas, beunruhigte sie aber nicht. Der Mann verstand ja nicht, was sie mit Leon sprechen konnte. Sie wandte ihr Gesicht zu Leon; er sah sie ernsthaft an und sprach kein Wort.
Wollte er so die Zeit verstreichen lassen? Wann sahen sie sich dann wieder? Es konnte ja nur zufällig sein. Pauline wurde ungeduldig und sprach so kokett, wie sie ihres Wächters wegen nur konnte. »Sie haben sich viel mit der deutschen Dame unterhalten. Spricht sie gut?«
»Das Französisch schlecht aus, sonst gut,« erwiederte Leon gehalten. Er sah Pauline ankommen.
»Lieben Sie es, mit deutschen Frauen zu sprechen?« fuhr Pauline unruhiger fort.
»Sie sind tief im Gefühl,« sagte Leon mit einem gewissen Nachdruck.
»Sind sie allein das?« fragte die Unvorsichtige.
Leon schwieg.
»Trauen Sie uns kein Gefühl zu?« forschte sie dringender.
»Ich achte die Schweizerinnen unbegränzt,« erklärte Leon.
»Warum sollten Sie auch nicht?« gab Herr Hölty dazu.
Pauline ließ sich wirklich reizen. »Ach, aber liebenswürdig sind wir nicht, nicht sentimental, wie – die Deutschen?«
»Die deutsche Dame bei uns ist gar nicht sentimental, sondern sehr vergnügt,« schaltete Herr Hölty wieder ein. »Das Schießen kann sie nicht leiden, sonst ist's eine gute Person.«
Leon benutzte diese Rede und warf in Paulinens Ohr: »Wenn Sie wollten –«
Sie wurde wieder Komödienspielerin, that als zittere sie.
Leon seinerseits ließ sich täuschen, glaubte die junge Frau berückt zu haben, ihrer endlich sicher zu sein. Leise brachte er seine Finger an ihre Hand, berührte diese mit einem Drucke, in den er Willen und unwillkührliche Aufregung zugleich legte. Paulinens Eitelkeit war befriedigt, aber kein Puls ihrer Hand klopfte schneller. Sie war in diesem Augenblicke noch härter und unwahrer als Leon. Er ahnte das nicht; die Eitelkeit, welche sie kühl und sicher machte, verwirrte ihn. Sein Athem streifte glühend Paulinens Wange. »Wenn ich mich nicht getäuscht,« flüsterte er, »wenn Sie für mich –« Pauline lauschte, mit ihren Augen an seinem Munde hängend – der gute Hölty wußte gar nicht, warum die beiden Leute auf einmal so stumm wurden und suchte in seinem Kopfe nach einer Rede, um das Stillschweigen zu unterbrechen. Leon fuhr fort: »Seit vorigem Jahre denke ich nur an Sie, und Sie, Madame –« Pauline blickte nieder wie in tiefer Befangenheit. »O mein Gott, wenn Sie nur einen Gedanken an mich gehabt hätten – wenn ich – wäre es zu dreist, Ihr Schweigen so zu deuten?« Sie schien Etwas murmeln zu wollen. »Sprechen Sie nicht, ich bitte Sie – Sie wissen, was das Schweigen mir sagen soll – ein Gedanke, wie wenig, – für mich die Welt, für Sie – ein Augenblick, welchen Sie der Toilette abgewendet haben, – bin ich nicht bescheiden?«
Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu – Leon war in dieser Minute wirklich verliebt. Gern wäre er mit Paulinen wieder am Rande des See's gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines Freundes Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht von der Seite der hübschen Frau und der – war es jetzt ganz erwünscht, – sie fürchtete sich beinah etwas vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen Wächter zu verwünschen. »Kann man unleidlicher sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie an das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür. »Wann darf ich morgen kommen?« fragte Leon rasch und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm, sah plötzlich wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen bin ich noch allein und nehme keine Besuche an,« sprach sie gezwungen. »Von übermorgen an ist Herr Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause – da wird er sich ausnehmend freuen.« – »Sie sind ausnehmend gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend. Pauline grüßte fürstingleich, nahm von den Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied. Sie glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen zu haben, die Stellung der angebeteten Gebieterin gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie irrte. Leon verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger, aber er ärgerte sich nicht über eine Minute. Als Herr Hölty Madame Pellet und der Lyonneser Familie gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu laufen, hatte Leon sich schon wieder gefaßt, bot, kühl wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und führte sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt zurück.