Ungewißheit.

»Ich werde das Madame Picard doch sagen,« sprach am Morgen nach der Abendgesellschaft Madame Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche abgefangen hatte.

»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen, so wenig schmeichelhaft es eigentlich auch für sie ist. Thun Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar nicht, dann vergißt Madame Picard sie von selbst. Sie beachten heißt sie befördern.«

»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty. Eine Stunde später stand sie am Gitter von Paulinens Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame Picard? Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken Sie sich, gestern hat man Sie und Herrn Leon für ein Ehepaar gehalten!« – »Ist es möglich? Wer, wer denn?« – »Wer denn anders als die Deutschen und die Engländer. Das ist sonderbar, nicht wahr?« – »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor Freude.

»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,« bemerkte schmeichlerisch die wahre Freundin. »Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg machen lassen – denken Sie, wenn Herr Picard –«

»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken zurück,« sprach Pauline stolz. »Allerdings, er würde zu weit gehen – ich weiß nicht, was ihn zu mir zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte hier – man sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte; aber wieder einen hohen Ernst annehmend, fuhr sie fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine Pariserin bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die leichten, welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut. Ich will ihn nöthigen, die Frauen in mir zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin schon sagen wollte – er hat mich gefragt, wann ich ihn annehmen könnte. Ich habe ihm geantwortet –« und Pauline erzählte, was sie geantwortet. Madame Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen haben,« sagte sie.

Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich den Hergang mit. »Also haben Sie es doch nicht verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend. »Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem Besuche gebeten hat, ist das Wenigste, was er thun konnte; Madame Picard kann nach ihrem gestrigen Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von ihm bekommt.« – »Meinen Sie, Madame?« – »Allerdings.«

»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame Pellet nicht trauen,« bemerkte die Deutsche gegen ihren Mann und den Engländer.

»Was soll sie denn der alten Madame Pellet thun?« fragte der Deutsche.

Lachend antwortete die Deutsche: »Ich verwechsele in einem fort die Namen – die beiden Menschen müssen durchaus noch ein gemeinsames Schicksal haben. Ich wollte sagen, daß Madame Hölty sich trösten würde, wenn ihre liebe Madame Picard sich ein wenig compromittirte.«

»Warum denken Sie so Böses?« fragte der Engländer.

»Welche finden Sie hübscher?« fragte sie zurück. »Madame Picard oder unsere liebenswürdige Wirthin?«

»Das ist wohl kein Zweifel.«

»Welche ist jünger, welche eleganter, welche hat allenfalls die Erlaubniß zu kokettiren?«

»Alles kein Zweifel.«

»Nun, wie können Sie mich da nicht verstehen – wollen? Warten wir's ab – es ist eine völlige Novelle – Nichts fehlt, nicht einmal die heuchlerische Vertraute – Madame Hölty spielt sie mit möglichster Natürlichkeit.«

»Und wie wird das Ende sein?«

»Ueberall wo anders würde es zu einem – komischen oder höchstens dramatischen Ende kommen, hier in Genf besteht das Ende darin, daß es eben kein Ende giebt.«

»In der That?«

»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der Schweiz giebt es keine Romantik.« Sie sagte das mit der vollkommensten Ueberzeugung.

Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie gut sie errathen worden, befand sich unterdessen zum zweiten Male vor dem Stacketenzaun am Picardschen Garten.

»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht wundern, wenn Herr Leon Ihnen noch heute die glühendste Liebeserklärung schriebe.«

»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem Entzücken, »die Deutschen sehen Alles mit poetischen Augen an. Herr Leon denkt nicht daran, mir eine Erklärung zu schreiben – überdies würde ich sie auch ungelesen zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre Würde besinnend, feierlich hinzu.

Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline den ganzen Abend, sowie den ganzen nächsten Morgen über auf einen glühenden Brief von Leon. Es kam kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard.

Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich Genfer, fand er diesen Empfang doch zu kalt – es gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu werden – die kommen sollende Liebeserklärung ging ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch nicht. Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person, aber nur, um mit seiner Mutter am Arm vorüber und zu Madame Hölty zu gehen.

Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf. Wollte er die Deutsche wieder singen hören? Pauline hätte sich deßwegen beruhigen können, die Deutsche sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an ihrer Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche sah Pauline den jungen Pariser vorbeigehen, immer fein spießbürgerlich die Mutter führend. Da sie das Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in den allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine Engländerin sogar blieb nicht frei. Pauline hielt nun einmal Leon für unwiderstehlich und glaubte, beiläufig gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie.

Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut einen Besuch und sah, wie die Sachen standen? Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden Frauen, die sie so naiv für Leons Gattin gehalten. Und warum erkundigte sie sich denn nicht bei Madame Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel zu thun mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen für Georges und Kleidern für Louise! Madame Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein würde, darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen.

Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um die ihm geliehenen Noten zurückzubringen. Pauline sprach während der Stunde, die sie ihn festhielt, außer von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als einen sehr angenehmen Mann, wunderte sich, daß er roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie schon gesagt, auch nicht zu dem kleinsten Faden, der sie in dem Labyrinth von Leons völligem Schweigen leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine Frau noch nicht wieder gesungen habe.