Unvermuthet.

Es war ein schöner Morgen, noch ganz früh, Madame Hölty aber schon auf und im Garten. Da hörte sie ihren Hund bellen, Georges »Guten Morgen« sagen, hörte hinter sich einen Tritt, sah sich um und erblickte Herrn Leon.

»Ach, Herr Leon,« sagte sie holdselig und reichte ihm die Hand, »so früh! Was bringen Sie?«

»Ein Geheimniß,« antwortete er mit einem Ausdruck von Behaglichkeit.

»Ein Geheimniß?« wiederholte Madame Hölty. »Ein gutes, hoff' ich?«

»O, das allerbeste.«

Sie setzten sich auf die Bank, Georges wurde zum Hunde geschickt. Madame Hölty war voller Erwartung.

»Ich bin verliebt,« fing Leon ohne alle weitere Einleitung an.

Verliebt – Madame Hölty fühlte eine gewisse Unruhe – wollte er sie zur Vertrauten machen – das ging doch unmöglich an, Herrn Picards wegen.

Leon wiederholte nachdrücklich: »Ja, ich bin verliebt, sehr verliebt, und will heirathen.«

»Was, Sie wollen Madame Picard heirathen?« fuhr Madame Hölty heraus.

»Madame Picard heirathen?« fragte er ihr nach und sah sie groß an. »Was fällt Ihnen ein? Was sollte ich mit Madame Picard? Ein junges Mädchen will ich heirathen, ein bildhübsches junges Mädchen aus Marseille, mit vielem Vermögen, aus sehr guter Familie.«

Man sieht, Madame Hölty hatte den armen Leon verläumdet, indem sie ihn als Rothen schilderte – er war der conservativste Mensch. Auch sah sie ihn ganz verblüfft an und konnte sich gar nicht in das ihr geschenkte Vertrauen finden. Endlich fragte sie: »Und seit wann, wie, wo sind sie denn auf diesen Gedanken gekommen?«

»Seit wann? Im vorigen Winter. Wo? In Paris. Wie? Indem ich mich verliebte und die Partie wünschenswerth fand. Da jedoch mein künftiger Schwiegervater auch von mir ein gewisses Einkommen verlangt, und ich leider beinahe Nichts mehr besitze, so mußte ich meine Mutter zu gewinnen suchen, damit sie Etwas für mich thue. Deßwegen bin ich hergekommen und habe mich so aufgeopfert. Nun, ich bin auch belohnt worden – meine Mutter willigt ein, setzt mir eine hübsche Summe jährlich aus, – wünschen Sie mir Glück, ich bin Bräutigam. Jetzt begleite ich nur noch meine Mutter nach Hause, dann reise ich sogleich nach Frankreich, und in zwei oder drei Monaten hoffe ich, Ihnen meine junge Frau vorstellen zu können.«

Die Freude Madame Hölty's war groß und aufrichtig; Leon war ihr entschiedener Günstling. Plötzlich sah sie sehr erschrocken aus und fragte: »Aber Madame Picard?«

»Nun wohl, Madame Picard?« erwiederte Leon. »Was ist's mit Madame Picard? Ich habe ihr im Vorbeigehen etwas den Hof gemacht, und hoffe, sie wird mir erlauben, ihr ebenfalls meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«

Da Leon Madame Hölty ersucht hatte, seine Mittheilung geheim zu halten, konnte es nicht fehlen, daß sie zu Mittag ihre Fremden davon in Kenntniß setzte. Die Deutsche klatschte in die Hände und rief: »Das ist allerliebst – die Novelle endet, wie ich gesagt, ohne Ende.« Dann wurde sie ernsthaft und setzte hinzu: »Auch wenn Herr Pellet liebenswürdiger wäre als er ist, möchte ich ihn doch nicht zum Manne haben. Ein sauberer Bräutigam das!« Die Engländerin war, als man ihr den Verhalt verdollmetscht, ganz derselben Meinung; der Engländer versuchte, den Pariser zu entschuldigen, wurde jedoch überstimmt. Dann kam die Frage zur Sprache: ob und durch wen Madame Picard es erfahren solle. »Sie müssen es ihr sagen, Madame Hölty,« entschied die Deutsche.

»Ich sehe nicht ein, warum, Madame,« erwiederte Madame Hölty, auf einmal zurückhaltend. »Sie scheinen sich wunderbare Gedanken über Madame Picard zu machen; es kann ihr doch völlig einerlei sein, ob Herr Pellet heirathet oder nicht.«

»Ach, Sie sehen es nicht ein? Sie haben vollkommen Recht,« sagte die Deutsche nachlässig, im Innern aber ergriff sie jetzt für die arme Pauline Partei. »Sie soll es erfahren,« dachte sie, »ganz einfach, ohne daß sie dadurch plötzlich überrascht, noch einmal Stoff zu hämischen Betrachtungen liefern soll.« Wie man sonst sagt: ein Mann, ein Wort; so heißt es hier: eine Frau, ein Wille. Die Deutsche fand es plötzlich nöthig, vor ihrer nahen Abreise Paulinen einen Besuch zu machen. Da, neben der hübschen Waadtländerin sitzend, erwähnte sie ganz obenhin, was sie wußte. Die arme Pauline ward roth und blaß – es traf sie unvermuthet. Ihren Anbeter hatte sie in Leon zu sehen geglaubt, und nun war er ein Bräutigam. »O, die Männer waren doch alle gleich schlimm!« seufzte sie innerlich. Die Deutsche sagte lächelnd: »Was meinen Sie, beneiden wir die Braut? Ich muß Ihnen bekennen, nach zehnjähriger Ehe ziehe ich meinen Mann noch tausend Mal dem verbesserten Demokraten, Herrn Leon, vor, und Sie werden wahrscheinlich eben so denken. Er ist, ich weiß nicht warum, das Ideal unserer guten Madame Hölty – nun, der Geschmack ist frei, aber hier, unter uns, nicht gut. Herr Leon riecht immer so grenzenlos nach Taback.« Und sie machte ein Gesicht, als wäre damit ein Mann unwiderruflich verurtheilt.

Pauline lachte bald mit dem größten Aplomb über den Löwen ihrer Träume. Es ist gut, daß man sich so leicht fassen kann, wenn man eben nur kokett gewesen. Als Pauline Madame Hölty sah, sprach sie schelmisch: »Nun, und Herr Leon?« Madame Hölty wollte Nichts wissen. »Aber ich weiß Alles,« sagte lachend Pauline. »Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, jetzt könne er mich besuchen, wann er wolle. Ich möchte gern von seiner Braut hören.«

Leon machte diesen Besuch nicht und hörte auch mit Gleichmuth von Paulinens Gleichgültigkeit. Madame Hölty ärgerte sich darüber; sie hätte Paulinen »gern einmal Etwas gegönnt.« Pauline aber ist seitdem ernster geworden und scheint ihrer guten Freundin keine Gelegenheit mehr zu freundlichen Wünschen geben zu wollen. Leon ist bereits seit zwei Monaten Ehemann, will aber bis jetzt noch nicht nach Genf kommen, weil er es zu demokratisch fand. Wie man sagt, stimmt Leon jetzt für die Legitimisten.

Tagebuch in Schwyz.