Den 2. August 1849.

Abschied, sehr vergnügt und friedfertig. Die halbe Familie ist gerade heute auf dem Lande. Ich lasse Empfehlungen zurück – das genügt meinem Herzen vollkommen. Die alte Tante allein ist betrübt – sie allein hat mich liebgewonnen. Ich gebe ihr den einzigen Kuß, welchen ich bisher in der Schweiz gegeben, und verspreche ihr, sie in zehn Jahren wieder zu besuchen. »Ach, da bin ich gewiß todt!« ruft sie. Ich glaub' es auch – entweder sie, oder ich. Im Augenblicke, wo wir in den Kahn steigen, fällt uns noch ein Bullenbeißer an, natürlich ein menschlicher, ächte Genfer Race, fünfter Klasse. Er entgeht durch meine Gegenwart einem freundschaftlichen Stockschlage. Ich denke bei solchen Gelegenheiten nicht oft genug, aber doch bisweilen an Sokrates: wenn dich ein Esel anrennt u. s. w. Ein wärmerer Abschied findet zwischen uns und François statt. Er ist unser Ruderlehrer gewesen, ist der Portier der nicht zu vergessenden Campagne du Port. Wenn wir wieder nach Genf kommen, miethen wir den Pavillon unter den Platanen, meine stille Neigung, meine schmerzliche Leidenschaft – aber wir kommen nicht wieder nach Genf. Die Bise leidet das Zelt nicht. Der Leman langweilt mich noch einmal ungebührlich. Alles sitzt voll Engländer und Engländerinnen, diese sind wieder unglaublich garstig. Ich weiß nicht, wie sie's anfangen, grüble darüber, warum man überhaupt auf Reisen so selten ansprechende Gesichter sieht, sondern fast immer Langeweile, Verdrossenheit, Abspannung, Geistlosigkeit. Das Reisen muß häßlich machen. Von Morges aus sehen wir, hoffentlich nur für jetzt, zum letzten Male den Gletscherdiamanten, den Montblanc. In Ouchy drängt so gut wie Alles sich in die Kähne – wie es hineinkommt? »Frage die Sterne,« die glücklicher Weise noch nicht scheinen. Im Omnibus werden wir unaufhörlich aufgefordert: »Messieurs et mesdames, serrez-vous, serrez-vous, messieurs et mesdames; encore un peu, un tout petit peu encore!« Wir rücken zusammen und rücken zusammen, bis es endlich nicht mehr geht. Dabei fange ich an zu lachen, und Alles lacht mit, ausgenommen ein Hündchen, das ehrbar aus dem Fenster schaut. Die Kathedrale von Lausanne sehe ich mir im Vorüberfahren an und beschwichtige mein Gewissen mit der Versicherung: ich habe sie genug gesehen. Im Hotel de France essen wir mit tragischer Freude – denn sie offenbart, wie sehr wir in Genf gehungert haben – ein vortreffliches Zweifrankmittag. Ich habe mich über die guten Waadtländer so abscheulich lustig gemacht, und bekomme gleich in Lausanne eine wirkliche Brühsuppe, die erste seit drei Monaten – ich schäme mich recht. Herren und eine Dame aus Yverdun essen mit uns; sie sind freundlich, fragen, ob man sich in Genf sehr vor den Preußen fürchte. Ich bejahe, setze aber hinzu, die Genfer wollten mit den Preußen ein Ende machen. »Sie sollen's doch versuchen,« sagt der jüngere Herr. Der Kellner nimmt das Wort und ruft: »Les Génevois ont beaucoup de paroles et peu de coeur; c'est ce qu'ils ont montré dans la guerre du Sonderbund.« Die brüderliche Liebe der Cantone unter sich ist rührend. Wir fragen: »Wird man uns als Preußen unangefochten durch Neufchatel lassen?« Die Antwort ist: »Tous les honnêtes gens sont pour la Prusse.« Im Coupé des Omnibus fahren wir durch flach, aber fruchtbar Land. Man begreift, woran man im Canton Genf irre wird, wie die Schweizer Brod essen können. Eine junge Person, Tochter eines Genfer Vaters und einer englischen Mutter, erzogen in England, zum Besuch bei Verwandten in Genf, fährt mit uns und erfreut unsere Abneigung, indem sie die Genfer durch und durch hechelt. Ich helfe ihr; dieses Vergnügen hält den ganzen Weg über vor. Sie versichert, die Genfer seien den letzten Tag einer Bekanntschaft noch ebenso eisig, wie den ersten – »you can't make any impression upon them.« In Yverdun gehen wir spazieren, zuerst unter den Pappeln und Kastanien der Promenaden, nachher am Seeufer, da, wo die Zill einfließt. Die Wellen spielen auf dem dünenartigen Sande, junge Pappeln stehen im Mondlicht, Erlengebüsche scheinen undurchdringlich, es ist feucht, warm, ein Schiff mit hohem Segel kommt den Strom herauf, der Jura liegt dunkel umher, der See ist ein neuer, ein preußischer.