Inhalt.
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| Mauricy W***. | [1] |
| Von Genf nach Baden. | [25] |
| Die beiden Wittwen. | [43] |
| Waadtländerin und Pariser. | [56] |
| Tagebuch in Schwyz. | [111] |
| Im Mätteli. | [126] |
| Mys lieb Beat. | [132] |
| Die Urschweiz. | [178] |
| Ein Sonnenaufgang auf der Rigi. | [186] |
| Im Hotel Weber. | [191] |
| Die Heimathlosen. | [201] |
Mauricy W***.
Gleich zu Anfang unseres Aufenthaltes in der Schweiz wohnten wir einen Monat lang in Horgen am Zürchersee.
Der Meierhof ist eigentlich keine Pension: außer uns hielt sich nur noch ein Pole dort auf, derselbe, dessen Namen diese Skizze trägt. Wir wußten jedoch damals seinen Namen noch nicht, sondern nur, daß er an der Brust leide, den Sommer über in Interlaken zur Molkenkur gewesen sei und jetzt in Horgen die Traubenkur gebrauchen wolle. Warum er zu diesem Zwecke nicht lieber in die französische Schweiz ging? Eine polnische Familie, welche in der Nähe von Zürich ein Landhaus besaß, hatte einen sehr geschickten Arzt bei sich. Mit diesem war Mauricy in Interlaken bekannt geworden und hatte solches Vertrauen zu ihm gefaßt, daß er noch länger in seiner Behandlung zu bleiben wünschte. Die Familie hatte mit jener Herzlichkeit, welche die Polen unter sich verbindet und sie gleichsam zu Gliedern einer Familie macht, dem kranken Landsmann ihr Haus angeboten, aber er wollte weder geniren, noch genirt sein, und so kam es, daß wir ihn in Horgen kennen lernten. Von hier aus konnte er mit den vielen Dampfschiffen, welche den Zürichersee durchfurchen, täglich nicht nur ein, sondern mehrere Male hinüber.
Ich will unsern Hausgenossen schildern. Sein Aeußeres war sonderbar, doch für uns wenigstens gleich auf eine gewisse Art einnehmend. Wir sahen ihn zum ersten Male, als er die Treppe hinaufstieg, welche zu seinen und unsern Zimmern führte. Groß und schlank ging er langsam, gebückt und nachlässig, die Augen gleichgültig vor sich hin gerichtet, ohne irgend Etwas, folglich auch ohne uns zu bemerken. Sein glattes Haar war dunkel und tief auf die Stirn gekämmt, welche, gleich dem ganzen zusammengefallenen Gesichte, eine wachsgelbe Farbe hatte. Die Kleidung war grau, aber auch vom Kopf bis zu den Füßen so vollständig grau, daß wir Mauricy später nie anders nannten, als unsern grauen Geist. Indessen in dieser wunderlich schlotternden Umhüllung und trotz seines völligen Sichfallenlassens sah man in ihm den ächten Edelmann. Nie wäre es Einem eingekommen, den schlichten, blassen, grauen Menschen für einen commis voyageur zu halten. Sein Alter schätzte ich damals auf sechs- bis achtunddreißig Jahre, später sagte er uns, daß er achtundzwanzig sei.
Am Abend wurde uns gemeinschaftlich der Thee im Salon servirt, wo ein vortrefflicher Flügel stand. Horgen wird blos durch die Reisenden belebt, welche von Arth kommen, oder dorthin fahren – wir waren allein mit Mauricy. Er war anfangs ein stummer Gesellschafter; ich bemühe mich sonst gewöhnlich auch nicht um Bekanntwerden; was bewog mich denn, einen Versuch zum Gespräche mit dem bleichen Polen zu machen und mich durch seine Einsilbigkeit nicht zurückschrecken zu lassen? War es ein Vorgefühl, daß ein künftiger Freund zwischen uns Beiden sitze?
Er ließ sich allmählich gewinnen und zum Sprechen bringen. Ohne gut französisch zu können, verstand er es genug, um sich hinreichend über Alles auszudrücken. Bald glitt unser Gespräch in die Politik hinein, eine damals, wie noch jetzt, gefährliche Bahn. Ich hatte ein Gemälde von dem Glücke entworfen, wie ich es mir wünsche. Ein Landhaus unter schönem Himmel, einen Garten voll Schatten und Stille, mit mir mein Mann und mein Kind, das Meer nicht weit, im Hause Bücher, Musik und Frieden. – Unser Pole lächelte ein Wenig, schüttelte das Haupt – »das würde mir nicht genügen. Wenn ich mein Vaterland nicht wieder glücklich sähe –« Hier war die Gefahr zum Streit da. Polen und Preußen haßten sich eben wie vielleicht noch nie. Die Polen warfen den Preußen vor, Verheißungen gemacht und nicht erfüllt zu haben – die Preußen beschuldigten die Polen, daß sie gewährtes Vertrauen gemißbraucht. Bald versicherte Mauricy mir, daß er die Preußen weit mehr verabscheue als die Russen. Ich erwiederte eifrig und heftig: »Das habe ich schon vorausgesetzt, übrigens schätze ich jetzt die Polen so gering wie möglich.« Genug, wir stritten und sagten uns böse Dinge mit den bittersten Mienen und den lebhaftesten Geberden. Ich hatte über den Armen den Vortheil einer gesunden Brust und brachte ihn glücklich außer Athem. »Ich kann nicht mehr,« seufzte er, »Sie machen mich ganz schwach.« – »Warum haben Sie denn angefangen?« entgegnete ich trotzig. »Ich hätte Sie wahrlich in Ruhe gelassen, denn ich kenne die Polen schon.« Er nahm sein Licht, schlich davon, drehte sich jedoch in der Thür noch einmal um. »Wenn einst Krieg wird,« sagte er komisch-böse, »so schieße ich Ihnen Ihren Mann dort todt.« – »Ehe Sie das können, schieße ich Sie nieder,« war meine unumwundene Antwort. – »Oder ich Sie.« – »So, Sie würden also auch meiner nicht schonen?« – »Nein, aber vorher würde ich sehr höflich meinen Hut abnehmen und um Erlaubniß bitten.« – »O, bis Sie das gethan hätten!«
So war unsere erste Berührung mit Mauricy. Wunderlich, wird man sagen. Vielleicht, doch nicht ganz so, wie es scheinen mag. Ich sage immer: einmal zankt man sich doch mit Jedermann; da ist's denn viel besser, mit Zank anfangen, als damit aufhören.
Wenigstens bestätigte es sich hier. Die ausgetauschten zärtlichen Erklärungen störten nicht im Geringsten unser gutes Vernehmen, ja, sie schienen durch den unwillkürlichen Humor, welchen sie hervorgerufen, es im Gegentheil recht befördern zu wollen. Die gegenseitigen Fragen, wann wir uns todtschießen würden, ob wir einander dann beklagen würden und dürften, und andere, gleich harmlos-alberne, machten uns lachen, und wenn man erst über- und miteinander lacht, ist man auf gutem Wege zur Vertraulichkeit.
Nicht daß wir uns nicht mehr gestritten und selbst erboßt an einander geärgert hätten –, alle Tage! Wir alle Drei, und insbesondere noch Mauricy und ich, waren zu aufgeregt durch die Zeit, um nicht das nachmittagliche Lesen der Zeitungen mit lauten Anmerkungen begleiten zu müssen. Und aus diesen Anmerkungen wurden Kämpfe zwischen Demokratismus und Royalismus, wie sie schwerlich selbst in der durch politische Haltung sich wenig auszeichnenden Paulskirche erbitterter und hitziger durchgefochten worden sind. Jeder, der nur auf einer Barrikade gekämpft hatte, war für Mauricy ein Held, für uns – es ging Mauricy's Helden schlecht von uns! Dagegen schleuderte er die heftigsten Ergüsse seines Hasses gegen Alles, was auf Thronen saß, oder das unverzeihliche Verbrechen beging, in Amt oder Würden zu sein. Alle Könige und Fürsten müßten ermordet werden, das war sein unaufhörlich wiederkehrender Satz. Und wenn er könnte, setzte er jedes Mal hinzu und nahm sein Messer in die Hand, so würde er selbst immer Einen nach dem Andern niederstoßen. Wir, wieder nicht träge, ließen himmelhohe Galgen für die Radikalen errichten, kurz, es war schrecklich, was wir Alle wüthend und blutdürstig waren!
Die Polen sind durch eine ganz eigene nationale Liebenswürdigkeit begünstigt, das hat man oft geäußert, und ich kann es nur bestätigen. Je mehr ich verschiedene Nationalitäten kennen lerne, je abstechender gegen alle, je bestechender für mich finde ich die Polen. Wäre ich ein Mann, ich würde mich gewiß nur in eine Italienerin oder eine Polin verlieben. Wenn Mauricy mich dadurch gekränkt hatte, daß er seine schonungslosen Angriffe vorzüglich auf Preußen richtete, so durfte er mir nur seine kalte Hand bieten und mich mit seinem guten Blicke um Verzeihung bitten, und ich war versöhnt.
Der arme Mauricy, – er hatte immer so kalte Hände! Und so blasse, – noch nie hatte ich solche farblose Hände gesehen. Das Blut schien schon fremd in ihnen geworden zu sein, sich ganz nach den Lippen zu drängen, über die es täglich kam. Mauricy war krank, und wie er selbst glaubte, zum Tode. Auch ich war krank, an der Krankheit unseres Jahrhunderts, bei welcher das Leben lange währen kann, aber eigentlich nur eine lange Qual ist. Wir sahen uns gegenseitig leiden und bemitleideten einander. Er litt frömmer, geduldiger, als ich. Die Resignation, gegen welche ich mich noch sträubte, als müßte ich mit ihr das Leiden unwiderruflich annehmen, er hatte sie schon – hatte sich unter dem Kreuze gebeugt. Wir fragten einander eines Tages: wie lange wir schon krank wären. Vier Jahre, sagte er, ich sechzehn. »Dann,« sprach er sanft, »werden Sie zuerst gesund – ich kann warten.«
Dieses Wort war keine Phrase – Mauricy kannte die Phrase nicht. Die Geselligkeit war ihm deswegen zuwider, weil in ihr so viel – Schicklichkeiten – stattfinden müssen. »Was soll ich da?« fragte er, und ich konnte ihm das nicht sagen. Denn auch ich habe mich oft gefragt: was soll ich, wenn ich mich den Menschen so ganz überflüssig sah, und die Menschen mir.
Wir, Otto, ich und Mauricy, waren einander nicht überflüssig. Wir suchten uns. Wir hatten uns oft auch Nichts zu sagen, aber wir saßen zusammen und waren still. Während des Stillschweigens gewannen wir uns noch lieber, als während des Zankens. Und jeden Abend wünschten wir uns mit besserm Herzen gute Nacht.
Wenn wir Beide uns fragten, was eigentlich Mauricy zu uns führe, und uns bewege, für ihn Raum zu machen in unserm sonst so verschlossenen Zweileben, so wußte es am Ende Keiner. Er war nicht geistreich; – was er auf den Universitäten von Kiew und Moskau gelernt – ich hatte ihn stark in Verdacht, Alles wieder vergessen zu haben. Wie er das Examen zu seinem Proforma im russischen Staatsdienst gemacht, will mir noch jetzt nicht recht einleuchten. Uebrigens fehlte es ihm durchaus an nichts Wesentlichem, er wußte genug, dachte klar und klug, urtheilte richtig, nur glänzende Gaben hatte er nicht, und suchte sie auch nicht. Er hatte es sich wohl aus meinem Wesen und meinen Reden herausbuchstabirt, ich müsse eine geniale Frau sein, und wenn ich es ihm ausreden wollte, sagte er doch: ich denke mir das so, aber er fragte weiter nicht nach der genialen Frau. Ich ließ im Geplauder mit Mauricy Geist ganz ruhig Geist sein – ihn kümmerte auf der ganzen Welt Nichts weniger. Das führte ihn also nicht zu uns.
Ebensowenig das Bedürfniß, Erinnerungen auszutauschen, was bei Vielgereisten bisweilen so lebhaft ist, daß sie es selbst um den Preis befriedigen müssen, andere Gereiste und Nichtgereiste zu langweilen. Mauricy war am Rhein, in Belgien, in Frankreich und in Italien gewesen, aber er war eben auch nur dagewesen – Eindrücke aufgenommen, Beobachtungen gesammelt, Studien gemacht, das Alles hatte er nicht. Aus Rom erzählte er ein einziges Mal von St. Peter, von Belgien äußerte er, es wären schöne Kirchen da, von Ems erfuhren wir, daß er alle Abende bei einer Familie Thee getrunken und dabei in einem sehr bequemen Lehnstuhl gesessen habe, von Schlesien bemerkte er, es gäbe in Reinerz so schrecklich häßliche alte Frauen. Von der übrigen Welt sagte er – Nichts, Polen ausgenommen; aber Polen war auch nicht die Welt: Polen war das Paradies.
Unsern Geschmack, unsere Neigungen theilte er auch nicht. Die Natur war ihm gleichgültig. Wenn ich das Glühen der Appenzeller Alpen betrachtete, oder das lichtdurchschimmerte Abendwerden auf dem See, kam er wohl langsam zu mir und fragte: »Aber wie können Sie sich das so lange ansehen?« Nicht minder kalt ließ ihn die Literatur. Von Le Maistre hatte ihm die »Reise um meine Stube« gefallen, mit sich führte er außer der Bibel und Thomas a Kempis nur noch die »Gedanken« des Obersten Weiß, ein Buch in der Art, wie Oxenstierna es geschrieben, sonst habe ich ihn nie weder etwas lesen sehen, noch erwähnen hören. Lamartine's Reise in den Orient hatte er angefangen, als ich sie begehrte, überließ er sie mir gleich – »ich schlafe, statt sie zu lesen,« sagte er. Was endlich die Musik betraf, so hörte er mich gern, besonders in dem böhmischen Liedchen: ach neni, neni! aber auch nur mit Melancholie, nicht mit Kennerschaft. Was führte uns denn also zusammen bei getrennten politischen Gesinnungen, ganz verschiedenen Neigungen, Anlagen und Charakteren?
Das Menschlichste, Innerlichste, die Seele des Herzens – das Gemüth.
Mauricy's innerstes Wesen war Güte, keine sentimentale, keine moralisch erkämpfte, nein, eine einfache, naturgemäße, unbewußte Güte. Er war nicht schwächlich-nachgiebig, tadelte was zu tadeln war, mochte recht wild werden können, wenn sich gerade eine Gelegenheit dazu fand, hatte ganz unbefangen seine Fehler, aber dabei kannte er weder Neid, noch Gehässigkeit, noch Rache, noch Parteilichkeit – er hatte eben zur Natur die Güte.
Güte haben, man redet davon gemeiniglich ganz so leicht hin, wie von gut sein, und wie oft findet man denn Güte?
Güte ist Gottes Gabe, sie lernt sich nicht und verlernt sich nicht – wer sie hat ist Gottes Liebling, denn er lindert Leiden. Sie ist die Grazie der Seele und das Genie des Gemüthes – als Grazie liebkos't und schmeichelt sie, erfreut und erquickt, erhellet und entzückt; als Genie hat sie den Drang, das gebeugte Rohr aufzurichten, Verirrten nachzueilen in die Wildniß, sich mit starker Kraft zwischen Verfolgte und Verfolger zu werfen, wider Ungerechte zu zürnen, Sinkende gewaltig zu erfassen, über Verlorene schmerzlich zu weinen. Sie ist nicht himmlisch, sie ist auch nicht irdisch – von der Erde aufgestiegen als Hauch, fällt sie wieder herab als Thau; so schwebt sie immerfort zwischen Himmel und Erde und ist dadurch menschlich. Und wie das Veilchen den Rosenpurpur und das Irisblau in seiner köstlichen Weichheit verschmilzt, so athmet aus ihr als Wohlwollen das Süßeste der Innigkeit und das Feinste der Milde.
Ich will nicht sagen, daß in Mauricy diese göttliche Erscheinung sich in voller Glorie offenbarte – zu einem so auserwählten Gefäß war er nicht stark genug – aber ein schöner, reiner Strahl leuchtete aus seinem weichen, dunkelblauen Auge. Vielleicht wirft man mir hier spottend ein: »und die umzubringenden Könige alle – fiel auf die der Strahl auch?« da antworte ich denn ganz unbekümmert: »wenn ein verfolgter König Schutz und Stärkung bei Mauricy gesucht hätte, würde Mauricy ihm seinen eigenen Mantel gegeben und seinen letzten Becher Wein an ihn abgetreten haben.«
Das dachte ich damals schon und lächelte, wenn er seine Philippiken herausseufzte, denn um sie kräftig hören zu lassen, war seine Brust zu müde. Wie er zur Erwiederung von uns dachte, sagte er eines Tages, als er uns sein Album brachte. »Man findet überall brave Leute, die man achten kann,« sprach er in seinem schleppenden Französisch, welches sich immer besann, ehe es über seine Zunge gekrochen kam. »Und darum bitt' ich Sie, sich Beide einzuschreiben.«
Das Album war noch fast leer, obgleich bereits im vorigen Winter zu Rom gekauft. Mauricy war nicht eine Natur, die sich leicht und viel hingab – er konnte seine Freunde mit eins, zwei, drei, vier, fünf zählen. Auch das machte ihn mir werth; ich schätze solche Mäßigkeit in Freundschaften: viele intime Freunde sind in meinen Augen ein wahrer embarras de richesse, und was am schlimmsten ist, de richesse factice.
Da etwas Schickliches nicht immer vom Himmel fällt, hatten wir einige Tage später noch Nichts eingeschrieben, als Mauricy das Buch auf wenige Stunden zurückverlangte. Er wollte es den drei Töchtern jener Familie bringen, die so gut wie seine eigene war, ja, noch besser als oft eine eigene ist. Ich hatte ihn schon einige Male wegen dieser jungen Mädchen geneckt, die er als sehr liebe, zugleich natürliche und ausgebildete Wesen schilderte. Jetzt reichte ich ihm das Buch mit einem bedeutungsvollen Blicke und einem sehr weisen Kopfnicken. Er lächelte und schüttelte langsam den Kopf. Noch aus keinem Antlitz hatte ich das Lächeln eine so wunderbare Erleuchtung hervorbringen sehen, wie auf dem Mauricy's. Es war ganz, als strömte plötzlich ein schimmernder Sonnenblick auf ein dunkles Gemälde. Für gewöhnlich war er nicht einmal hübsch, und kaum hob er seine Oberlippe ein wenig und ließ unter dem kleinen dunklen Bart zwei glänzende Zähne sehen, so mußte man ihn mindestens so gut wie schön finden.
Gegen Abend brachte er das Buch wieder. »Sie haben sich nicht verlobt?« fragte ich. Abermals machte ein stummes und langsames Kopfschütteln die Verneinung aus. Wir waren im Garten; der See mit seiner lieblichen Heiterkeit, das weiße Zürich links, die weißbläulichen Alpen rechts, rings herum die weißen Ortschaften, welche sich wie ein dichter Kranz von Margueriten durch das Grün der Ufer winden, der Mond im reinen Himmel – es war ein Bild voll Anmuth. Mauricy saß, den Kopf an einen Baum gelehnt. Er ruhte sich gern so aus und glich dann einem kranken Kinde. Auf Otto's Arm gestützt, stand ich vor ihm und fragte: »warum wollen Sie denn allein bleiben? Sie haben mir gesagt, Ihr Herz müßte noch sechs Monate lang, bis Sie heimkehren könnten, wie gestorben liegen – warum soll es das? Gönnen Sie ihm Leben – die Liebe kann Sie noch gesund machen.« – »Sollte ich ein junges Mädchen an mich ketten?« erwiederte er. – »O, Sie wissen nicht, wie gern ein junges Mädchen sich ganz aufopfert und darin Glück findet.« – »Wenn sie dafür geliebt wird,« sprach er. – »Nun –« sagte ich ermuthigend. Er blickte melancholisch zu mir auf und zeigte mir einen Ring, schwarz emaillirt. »Das ist das Andenken meiner letzten Liebe.« Er küßte das weiße Kreuz auf dem schwarzen Email. »Ist sie gestorben?« fragte ich leise. – »Für mich,« antwortete er ruhig. »Aber nie mehr werd' ich geliebt werden, wie von ihr – nie nach ihr noch lieben.«
Man hört fast Nichts seltener, als daß ein Mann eine – ich will das so oft verspottete Wort muthig nennen – eine unglückliche Liebe unbefangen ausspricht. Wohlverstanden, wenn er keine Verse macht. In Versen ist es ebenso Styl, es zu thun, wie es im Leben nicht Styl ist. Im Leben gilt ein solches Gefühl oft für ein Verbrechen, welches das Herz wider den Stolz begeht, im besten Falle für eine beschämende Weichlichkeit. Mauricy aber fürchtete nicht sich bloßzugeben, denn er war nicht eitel, und auch als weichlich meinte er nicht zu erscheinen, weil er stark und tief empfand. Und er hatte Recht. Was beweist mehr für unsere innere Macht, als die Fähigkeit zu einer großen Liebe?
Mauricy trug die seine still in sich, zugleich mit dem Tod, mit dem Gram um sein Vaterland, mit der Trauer um seine jüngste Schwester. Diese hatte achtzehn Jahr alt und seit sechs Wochen verheirathet, ihren Mann nach Sibirien führen sehen und war nur so lange noch in der Heimath geblieben, um ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Als es geboren war, übergab sie es ihrer Schwester und folgte dem Gatten nach Sibirien. Das erzählte uns Mauricy an demselben Abend, und ebenso schlicht, wie er das von seiner ersten Liebe erzählt. Ich machte die Augen zu, um die Thränen zurückzudrängen. Mauricy sah mich still an und war dann still fort; sein Mund dankte mir nicht, ich denke aber sein Herz. Mein Gott, ich weiß ja, wie ich der einzigen Freundin, die mir einst schrieb, sie habe um mich geweint, wie ich ihr ernst und gerührt gedankt habe!
Wo ein Wort erst den Weg gefunden hat, da finden ihn leicht mehrere. Oefter, wenn gleich nicht oft, redete Mauricy nun von dem, was sein Leben gefärbt und wieder entfärbt hatte, und wie wir wohl einsahen, ihn so gleichgültig dagegen machte. Leise, wie durch halbe Striche gelegentlich hingeworfen, gestaltete sich vor uns eine Skizze dieser einfachen, aber tiefbegründeten Begebenheit. Die Freundin war es gewesen, an deren Theetisch Mauricy jeden Abend in Ems den Lehnstuhl bereit gefunden. In Rom hatten sie in einem Hause gewohnt. Sie war verheirathet, dennoch hatte Mauricy Hoffnungen hegen dürfen: ihre Liebe wenigstens hatte sie ihm geschenkt. Warum nicht auch sich selbst? fragte ich ihn. Ehen können gelöst werden – in Rom ist der Pabst. Sie hatte es gewollt, antwortete er. Aber sie hatte dann wieder anders gethan. Sie war zurück nach Polen, zum Gatten. »Sie hat es vorgezogen, Gottes Gebot zu erfüllen, statt ihr Herz zu befriedigen,« sagte Mauricy. »Gottes Gebot!« rief ich erregt. »Glauben Sie, Gott würde sie gestraft haben, wenn sie sich Ihnen gegeben, der Sie ihrer so ganz bedurften? Denn sagen Sie mir – als Sie Hoffnung hatten, durften Sie da nicht die Genesung noch für möglich halten?« Er bejahte. »Und seit Sie von ihr getrennt sind, fühlen Sie sich nicht wieder um Vieles kränker?« – »Das ist wohl natürlich,« sagte er sanft. – »Nun denn, warum da Sie verlassen, nicht lieber ihr Heil selbst wagen, wenn ihr Glaube so streng ist, obgleich wahrlich Gott nicht gezürnt hätte?« Ich war unwillig. Beschwichtigend sprach er: »Ich denke vielleicht wie Sie und würde wahrscheinlich gehandelt haben, wie Sie sagen. Aber hatte ich das Recht, sie zu Etwas zu verleiten, was sie für Sünde hielt? Nein; obgleich sie mich aufgegeben, ich sage doch, sie hat gut gethan.«
Ich schwieg, aber ich grollte der Frau im Stillen, besonders als ich vernahm, daß sie noch im Briefwechsel mit ihm stehe. »Sie hat einen Roman mit ihm gespielt,« eiferte ich später gegen Otto, »und damit er ihr ja nicht entgehe, hält sie ihn an den Briefen wie an einem Faden. Das mag für sie recht hübsch und unterhaltend sein, aber für den armen Menschen ist's tödtlich.« Otto antwortete mir: die Frau könne es doch ernstlich meinen; er halte die Polinnen einer solchen religiösen Ueberspannung ganz für fähig. »Der Geliebte ist das Opfer, welches sie Gott bringt,« setzte er hinzu, »und je schmerzlicher sie es fühlt, und je größer es ist, um so heiliger handelt sie.«
Mochte das sein – ich hätte Mauricy gar zu gern durch eine der drei jungen Polinnen getröstet gesehen. Was ich thun konnte, um ihn zu zerstreuen, das that ich, schon jener Frau zum Trotz, die den armen Kranken sich verzehren ließ, um mehr Himmel zu gewinnen. Halb gelang mir, was ich wollte – Mauricy ließ sich zerstreuen, er konnte heiter, ja manchmal sogar ein klein wenig toll werden. So entsinn' ich mich eines Abends, wo eine niedliche junge Bernerin zum Besuch bei den Töchtern des Wirthes war. Wir trafen sie im Garten, und Mauricy trug sich dem armen verlegenen Kinde äußerst dringend zum Manne an. Die Hände gefaltet, saß er beweglich bittend vor ihr und spielte den schüchternen Liebhaber so natürlich, daß die kleine Bernerin sich zuletzt keinen andern Rath wußte, als ihm feierlich zu sagen: Monsieur, mon père n'a pas l'honneur de vous connaître. Das gute Kind hatte Alles für bittern Ernst genommen, ging ihm den ganzen nächsten Tag sorgfältig aus dem Wege und war seelenfroh, als sie wieder abreisen konnte, denn, sagte sie zufrieden: »Maintenant monsieur le Polonais ne pourra plus me taquiner.«
Ein andermal versicherte Mauricy mir mit der höchsten Ernsthaftigkeit, da er ein Demokrat sei, wolle ich seinen Tod – er werde mir daher das Vergnügen machen, sich diese Nacht vor meiner Thür zu hängen, und biete mir nur vorher noch die Hand zum ewigen Abschied. Ich glaubte nun zwar nicht, ihn am andern Morgen als Zierde meiner Thür zu finden, hielt es aber doch für möglich, daß der barocke Abschied eine nächtliche Abreise bedeuten könne. Aber er war am nächsten Morgen in höchsteigener grauer Person am gewohnten Platze und lachte mich vergnügt aus.
So weit hatte ich es gebracht, – vergaß er darum? Als ich ihn einmal danach fragte, küßte er statt aller Antwort wieder das weiße Kreuz auf dem schwarzen Grunde. Und am Abend, als ich sang, weinte er.
Und fort wollt' er auch – nach Rom. Umsonst suchte ihn sein Arzt zu bewegen, die lange, anstrengende Reise nicht zu unternehmen, lieber mit der Familie an den Genfersee zu kommen. Sie war nicht mehr in Rom, aber sie war dort gewesen. Er sagte das nicht, aber wir erriethen's. Ihre Spuren wollt' er suchen. Sie beherrschte ihn unumschränkt; er betete in ihr eine Heilige an.
Da wir sahen, daß er fest war, versuchten wir nicht erst, ihn zu erschüttern. Am Ende – was lag ihm am Leben?
Den letzten Abend kam er noch spät zu uns, still und gut. Ich wünschte das Bild seiner Freundin zu sehen – er brachte mir's. Es war kein schönes, aber ein liebes Gesicht, welches mit einem traurigen Ausdruck aus sanften schwarzen Augen blickte. Ich befragt' es ernstlich und prüfend – nein, es gehörte keiner Kokette – ich hatte der Frau Unrecht gethan – wie sie auch gehandelt, aus Ueberzeugung war's gewesen.
Wir sprachen noch lange von ihr. Gut, gut, himmlischgut, dieser Lobspruch ging immer wieder über Mauricy's bleiche Lippen. Es ist süß, geliebt zu werden, weil man als gut erkannt wird. Dieser Frau ward also ein lieblich Loos, und Mauricy – wenigstens ging er nicht in der Anbetung eines Götzenbildes unter.
In wie langen Zügen er das Gift getrunken, vernahmen wir erst jetzt. Nachdem er die Freundin in Ems kennen gelernt, hatten sie gemeinschaftlich einen Ausflug an den Rhein und nach Belgien, dann die Reise nach Rom gemacht. Noch erinnerte er sich, mit welcher Sorgfalt sie über ihn gewacht. Sie war fest entschlossen, die Scheidung von ihrem Gatten nachzusuchen und sobald Mauricy genesen, diesen zu heirathen. Ihr Gatte war alt, ruinirt, ein früherer Anbeter ihrer Mutter, welche die reiche Tochter mit achtzehn Jahren an ihn verheirathet hatte, dann aber, als diese ihn zu fesseln gewußt, eifersüchtig und die Störerin der Ehe geworden war. Als die Tochter nun aber in Rom die nöthigen Schritte zur völligen Aufhebung dieser unglücklichen Heirath thun will, bemächtigen sich ihrer die Priester, drohen mit Sünde und Strafe, schrecken und verwirren ihre fromme Seele, und sie entsagt dem Geliebten, weiht ihn der Verlassenheit, sich selbst abermals dem Gatten. Doch um den Abschied noch recht zu genießen, läßt sie sich von Mauricy über den Lago maggiore in die Schweiz begleiten. In Interlaken bleiben sie den Sommer, dann bringt er sie bis Zürich und bleibt allein. Acht Tage später lernten wir ihn kennen.
Wir schwiegen und dachten nach; da sagt' er plötzlich zu mir: »Sie haben mich manchmal wegen der jungen Mädchen da drüben geneckt – nun, als ich heute Adieu sagte, wurde die Eine etwas bewegt, und da« – sein schönes Lächeln zeigte sich – »da sah ich, daß sie hübsch war.« Ich wollte aus dieser Wahrnehmung geschwind einen Schluß ziehen, aber er sagte wieder ernst: »Mon mariage sera avec la mort, madame.« Dann stand er auf, bot mir die kalte Hand. »Gott segne Sie,« sagte er. »Gott geleite Sie,« sprach ich. Otto begleitete ihn noch in sein Zimmer.
Am andern Morgen sahen wir die Thür zu diesem offen, es wurde gefegt, gescheuert. Als wär's das Zimmer eines Todten! Ein beklemmender, peinlicher Eindruck.
Was uns anfänglich auch etwas verstörte – wir waren so gewöhnt, die graue Gestalt zu sehen, die müden, langsamen Schritte zu hören, daß wir sie noch immer zu sehen, zu hören glaubten. Ja, bisweilen war mir's gerade, als müßte unser grauer Geist schleichend hereinkommen, mich ernsthaft grüßen und mir mit seiner schwachen Stimme sagen: Madame, je viens vous dire, que je suis mort.
Briefe wollten wir gegenseitig nicht. Was nützen Briefe? Wir hörten einige Male durch die polnische Familie, daß er in Rom kränker und kränker werde. Schwerlich lebt er noch.
Am Genfersee aber dichtete ich zur Erinnerung an ihn eine Romanze, die heißt: