Am Grabe eines Freundes oder einer Freundin.

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Wir hatten einander im Leben gefunden, liebe, verklärte Seele, und ein enges Band war zwischen uns geknüpft. Nicht Fleisch und Blut, nein! dein Geist und dein Herz haben mich zu dir hingezogen, und je tiefer ich in dein Inneres eindrang, je mehr die Tiefen deiner Seele vor mir sich enthüllten, um so mehr lernte ich dich lieben und achten. Der Umgang mit gleichgestimmten Seelen ist die erhebendste geistige Nahrung, das fühlte ich in deinem Umgange, in den heitern und den ernsten Gesprächen, die wir miteinander führten. Deine Klarheit, deine liebevolle Teilnahme belehrten und erquickten mich; dein edler Sinn verlieh auch mir den Aufschwung zum Höhern und Bessern. Habe Dank, du liebe Seele, für deine Freundlichkeit, habe Dank, für die Stunden höheren Genusses, die du mir bereitet, für die Vorahnung eines schönern geistigen Daseins, die du in mir geweckt und bestärkt hast. Die Ahnung, sie ist dir nun zur Klarheit geworden; ich aber soll weiter im Kampfe des Lebens stehen, ohne deine Stütze, ohne deinen ermahnenden und beschwichtigenden Zuspruch. Schwer ist es, einen solchen Verlust zu ertragen. Das seltene Gut wahrer Freundschaft wird nicht so leicht ersetzt. Die Empfänglichkeit des Herzens nimmt ab, der Einklang der Seelen wird schwerer gefunden. Doch mir bleibt die Erinnerung an dich. Bei jedem Schritte des Lebens, bei jedem Gedanken und Gefühle, da seiest du mein Führer und mein Richtmaß. Immer werde ich mich fragen: wie würde dein Freund (deine Freundin) hier geurteilt, wie geraten, wie gehandelt haben? Und in unsichtbarem Verkehre mit dir werde ich mich läutern und veredeln, um deiner stets würdig zu bleiben. So lebe nochmals wohl, teure Seele, bis auch ich einst zu dir komme. Ja, wir vereinigen uns wieder im großen Vaterhause. Was aus dem Geiste entsprungen ist, das ist ewig, was die Liebe zart gewunden hat, das ist unauflöslich. Es ist der Erde gegeben, was der Erde entstammt; aber gehörtest du der Erde ganz an, daß du zu ihr wieder werden könntest? War das Aufblitzen deines Auges, wenn ein schöner Gedanke dich durchleuchtete, irdisch? War der innige Blick, der dich bei teilnehmender Hingebung verklärte, ein Werk des Staubes? Nein, das lebt fort an dir, lebt schöner, freier. So lebe wohl im Umgange mit höhern Geistern. Deine Liebe wird auch jetzt noch mich umschweben, dein Geist aber in Klarheit die lichten Bahnen der Ewigkeit durchwandern, und himmlische Freuden mögen dich erquicken!

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