Gebet am Tage der Konfirmation.
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Gütiger Gott! Mit ehrfurchtsvoller Erwartung habe ich seit langer Zeit dem Tage entgegengesehen, der heute für mich gekommen ist.
Ich soll nun heute hintreten vor Dein Angesicht, um im Bewußtsein Deiner Allgegenwart und vor den Augen vieler Zeugen das Gelöbnis auszusprechen, daß ich treu bleiben will der heiligen Religion, in der ich geboren und belehrt bin, treu bleiben will dem Wege der Tugend und Dich anbeten will im Geiste und nach der Lehre Moses, Deines Propheten, bis an das Ende meines Lebens.
Eine lange und ernste Vorbereitung ist diesem Tage vorangegangen, und alles hat darauf hingedeutet, daß er ein Tag von hoher Wichtigkeit für mich sein soll, daß er mannigfache Empfindungen in mir erwecken, heilige Scheu in mir hervorrufen und Gedanken höherer Natur in mir anregen muß.
Meine Empfindungen sind: Dank und Freude, Hoffnung und Zaghaftigkeit. Ich will sie vor Dir offenbaren, mein Gott.
Ich danke Dir aus tiefster Seele für das Glück der Kindheit, das ich genossen. Ich danke Dir aus tiefster Seele dafür, daß Du liebende, zärtliche Eltern mir gegeben hast, die den Pfad meiner Jugend so herrlich geebnet, die kein Opfer gemieden haben, mein Glück zu begründen, meinen Geist zu bilden. Und auch die Freude belebt mein Herz. Ich vermag heute öffentlich ihnen recht von Herzen zu danken und sie in der Hoffnung auf das Wohlgedeihen ihres Kindes glücklich zu machen. Auch die Hoffnung erfüllt meine Brust, denn ich hege die Zuversicht, daß ich unter dem Schirme der Tugend, wie Dein heiliges Gesetz sie vorschreibt, glücklich sein werde. Aber auch der Zaghaftigkeit kann ich mich nicht entschlagen! Ob ich immer Kraft genug besitzen werde, allen Versuchungen Trotz zu bieten? Ob ich immer besonnen genug sein werde, über mich selbst zu wachen? — —
Und eine heilige Scheu ist es, die den heutigen Tag mir weihevoll macht. Es ist die Scheu vor der Sünde. Das Beispiel gottesfürchtiger Eltern, der Unterricht treuer Lehrer haben die Erkenntnis der Sünde in mir erweckt, die Liebe zur Tugend und zur Wahrheit in mir wach gerufen, und das Bewußtsein in mir gekräftigt, daß die Tugend das Glück, die Sünde das Unglück in sich birgt.
Und die Gedanken höherer Natur, die heute mich beleben, das sind die Gedanken an Dich. Wie glücklich fühle ich mich, erkannt zu haben, daß Du allein Gott bist im Himmel und auf Erden, daß Du ewig bist und unbeschränkt im Raume und in der Zeit, daß Du ein gerechter Richter bist, der das Gute belohnt und das Böse bestraft, daß Du ein liebender Vater bist allen Menschen, und allen Wesen gibst, was für sie zum Heile ist, daß Du allwissend und allweise bist und zu den besten Zwecken die besten Mittel wählst, daß Du der Schöpfer der Welt bist, und alle Kräfte der Natur Dir untertänig sind. Wie glücklich fühle ich mich, daß es mir vergönnt ist, Dich anzubeten, mein Hoffen und Vertrauen auf Dich zu gründen. O, so erhöre auch Du mein Gebet:
Du großer Gott, Du Herr des Lebens!
Steh' gnadenvoll mir Schwachen bei,
Auf daß ich heute nicht vergebens
In Deinen Bund getreten sei.
O führe mich auf eb'nem Gleise
Durch dieses Erdenleben hin,
Und mache mein Bestreben weise
Und fromm und edel meinen Sinn.
Ich möchte gut vor meiner Seele,
Wenn ich mich selber prüfe, sein,
Erkennen, wo und wann ich fehle,
Und jeden Fehler schnell bereu'n.
Ich möchte gut und wohlgelitten
Vor allen Menschen sein, und reich
An allen angenehmen Sitten
Und immer nur den Besten gleich.
Ich möchte wandeln Deine Pfade,
Weil dort nur Heil ich finden kann,
Das gib mir, Herr, in Deiner Gnade,
Ich flehe Dich in Demut an.
Amen!
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