Gebet einer Braut am Hochzeitstage.
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Allgütiger Vater im Himmel! Erbarmungsvoll schauest Du hernieder auf Deine Kinder auf Erden; Du wendest Dein Angesicht auf alle, die inbrünstigen Sinnes sich Dir nahen, und unerhört bleibt keine Seele, die in aufrichtiger Demut vor Dir sich neigt, kein Herz, das hoffend und vertrauend im Gebete zu Dir sich wendet.
O, so sei auch jetzt mir nahe, da ich, wenn auch in schlichten Worten, mein übervolles Herz durch die Sprache des Gebetes vor Dir erleichtern will.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß dieser Tag ein Tag des Heils für mich werde.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß meine teuren Eltern all die Freuden erleben, für die sie mit den höchsten Opfern der Liebe diesen Tag sich erkauft haben.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß mein Gatte in den Tagen der Zukunft die Stunde segne, die mich zu seiner Lebensgefährtin gemacht hat.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß ich immerdar lichten Auges und willigen Herzens des Weges gehe, auf dem ein tugendhaftes Weib die Pflichten der Gattin und Hausfrau übt.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß nicht des Schicksals Bürde allzuschwer auf meinen Schultern laste, wenn nach dem Rate Deiner Allweisheit es mir bestimmt ist, Zeiten der Prüfung zu ertragen.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß ich Dein nicht vergesse, wenn der süße Klang der Fröhlichkeit und der Freude mich umrauscht.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß ich Mut und Ausdauer nicht verliere, wenn Mühe und Arbeit mein Anteil sind.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß mein Sinn frei bleibe von Stolz und Übermut, wenn Glanz und Wohlstand meine Tage sorglos machen.
Alle diese Bitten und unzählige andere drängen sich heut in meinem Herzen, und ich vermag nicht ihre Zahl zu bestimmen, ihre Innigkeit in schwachen Worten zu offenbaren. Du aber, mein Gott! schaust in mein Inneres, vor Dir sind meine Gedanken offenbar, und die Gefühle der Betenden sind Dir nicht verborgen. Darum fasse ich sie alle in das eine Flehen: Sei meine Hilfe, sei mein Hort, wende Deine Liebe nicht von mir, wie Du sie bisher mir nicht versagt hast.
Ach! schon drängt die Zeit, daß ich mich schmücken lasse, um als Braut lieblich zu erscheinen dem Blicke des Bräutigams, der meiner harrt, daß der Segen der Religion das Siegel drücke auf den Bund unserer Herzen. Auch er erwartet das Glück seines Lebens von dem Segen dieses Tages, auch er ist gleich mir bereit, fortan all sein Denken und Tun dem Bunde der Liebe zu weihen, den unsre Herzen geschlossen haben; o, sei auch mit ihm, daß er finde, was er sucht: Glück und Zufriedenheit, Frieden im Hause und Freude an seiner Tätigkeit. Laß ihn den Lohn finden für all sein Streben, mit dem er die Selbständigkeit sich erworben, für all den Fleiß, mit dem er sich emporgearbeitet, daß er nun ein Haus sich gründe.
Und dieses Haus, laß es sein eine Stätte der Tugend und der Gottesfurcht, lieblich in Deinen Augen und angenehm in den Augen der Menschen.
Ach, Herr mein Gott! ich fühle, daß Du bei mir bist, ich danke Dir für die Erhebung, die Du im Gebete mir zugewandt. Ich trockne die Träne der Andacht und eile hin, wo ich die der Freude vergießen will. Du bist mein Trost und meine Zuflucht, Deiner Liebe will ich heute mich erfreuen, o, wende nie sie von mir ab. Amen!
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