Gebet während des Brautstandes.

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Gütiger Gott! Näher und immer näher rückt der entscheidende Tag für mich heran, an dem ich das Haus meiner Eltern, die liebe Umgebung verlassen soll, in der ich gelebt habe von den Tagen meiner Kindheit bis jetzt. Der Tag naht heran, an dem ich einziehen soll in das Haus des Mannes, dem ich treu anzugehören gelobt habe für die ganze Zeit, die Du, mein Gott, für unsern gemeinsamen Lebensweg auf Erden bestimmt hast.

Je näher mir dieser Tag entgegentritt, desto mehr auch beschleicht mich das Gefühl der Bangigkeit. Ich weiß nicht, ob ich leicht oder schwer mich in die neuen Verhältnisse finden werde, ich weiß nicht, ob meine Kräfte und meine Einsicht ausreichen werden, den Pflichten der Hausfrau sogleich zu genügen, oder ob ich erst mit Mühe und Ausdauer mir die Fähigkeit, eine solche zu sein, werde erwerben müssen. Ich weiß nicht, ob ich mit Freude und Fröhlichkeit oder mit Sehnsucht und Bangen auf die Tage meiner Vergangenheit zurückblicken werde. Ich weiß nicht, ob mehr Wohlergehen oder mehr Leid und Trübsal mein Anteil sein werden. Denn wie der Würfel aus der Hand entrollt, so fällt das Los aller, die ihre Zukunft abhängig machen von dem Bündnisse der Ehe. Nicht Weisheit und Überlegung, nicht Reichtum und Erfahrung bürgen für das Glück, ja selbst die Liebe der Gatten zueinander vermag nicht Bürgschaft zu leisten für Wohlsein und Zufriedenheit.

Dennoch will ich freudig der entscheidenden Stunde entgegengehen. Denn Du, gütiger Gott, warst mein Schutz und meine Hilfe bis heute, Du wirst es auch ferner sein. Du hast bisher meine Bahn geebnet; wie sollte ich glauben, daß Du später mich verlassen wirst. Nein, gestärkt und ermutigt war ich stets, so oft ich mein Herz im Gebete zu Dir erhob, und diese Wohltat kann ja auch ferner mir nicht fehlen. Auch in diesem Augenblicke empfinde ich ihre Süßigkeit, denn ich fühle, daß Du in meiner Nähe bist, daß ein Tempel für Dich errichtet ist in meinem Innern, in dem ich alle Zeit Zuflucht finde, ich fühle, daß ich Dich liebe und von Dir geliebt werde.

Und sollte die Anerkennung Deiner unendlichen Güte und Huld mich nicht immer mehr und mehr zum festen Glauben bestimmen, daß ich geborgen sein werde unter Deiner Fürsorge?

Du weißt es, daß ich nicht leichtfertigen Sinnes oder aus eitlem Verlangen nach erträumtem Glücke, dem Manne meiner Wahl Treue gelobt, sondern daß nur das Gefühl mich bestimmt hat, daß Du, mein Gott, es bist, der meinen Schritt billigt, und der von mir verlangt, daß ich ihm nicht ausweiche.

Darum empfehle ich Dir meine Zukunft. Was Du tust, das ist wohlgetan! Amen!

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