Gebet einer Neuvermählten.
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Gütiger Vater aller Menschen! Deine Gnade hat mich begleitet von meinem ersten Tage auf Erden bis hierher. Du hast mir beigestanden in den ersten Tagen meiner Kindheit, aus Gefahren mich errettet, vor Not und Kummer mich behütet und, geführt von Deiner Hand, bin ich nunmehr zu der Aufgabe gelangt, als treue Gattin, als sorgsame Hausfrau mich zu bewähren. Welch anderes Gefühl, als das des kindlichen Dankes könnte ich Dir jetzt entgegenbringen, wenn mein Herz mich aufruft, daß ich im Gebete mich Dir nahe! Aber alle Worte des Dankes würden nicht hinreichen, ein würdiger Ausdruck der Erkenntlichkeit zu sein für die tausend und abertausend Wohltaten, die Du mir erwiesen hast. Darum will ich still in meinem Innern, doch unverborgen vor Dir, das Gelöbnis tun, durch Taten, nicht durch Worte, Dir, meinem gütigen Vater, zu zeigen, daß ich ein dankbares Kind bin. Ich will mich aufraffen mit aller Kraft, die Fehler zu erkennen, die an mir haften, und will sie ablegen. Ich will alle Mängel des Flattersinnes, die ich herüber gebracht habe aus dem Stande der Jungfrau in den der Gattin, bekämpfen in meinem Wesen, daß ich mit Ernst das Gebiet meiner Pflichten überschauen und in dasselbe mich hineinleben kann. Noch umspielt und umtändelt mich die Sorglosigkeit des jungen Ehelebens, aber ich weiß es wohl, daß es von Tag zu Tag mehr und mehr sein ernstes Angesicht mir zeigen wird. Mein Gatte wird, in Anspruch genommen von den Obliegenheiten seines Berufes, mir nicht immer mit dem Angesicht der Zärtlichkeit entgegentreten können; dann will ich es ihm nicht für Lieblosigkeit deuten, sondern meine Zuvorkommenheit verdoppeln, um ihm das Leben in seinem Hause angenehm zu machen. Ich will zu den Lasten seines Tagewerkes nicht noch die häufen, meine Launen ertragen zu müssen, ich will ihn nicht beschweren mit solchen Dingen, die ich allein verrichten kann, und mir Mühe geben, sein Leben angenehm zu machen und seine Bürde ihm zu erleichtern. So will ich bestrebt sein, ein Weib zu werden, wie Lemuël es beschrieben: „Das ihrem Gatten Liebes und kein Leides tut ihr Leben lang“, denn „trüglich ist die Anmut, nichtig ist die Schönheit, nur ein gottesfürchtiges Weib ist rühmenswert.“
Und so Du in Deiner Allwissenheit es bestimmt hast, daß Tage der Prüfung über ihn kommen, so will ich treulich ausharren, liebend und helfend an meines Mannes Seite, ich will nicht murren, wenn ich Entbehrungen erleide, Not und Kummer mit ihm tragen muß.
Du aber, gütiger Vater! sei mit ihm, mache die Sorge für das Haus ihm leicht, und seine Wohnung zur Stätte seiner Lust und Freude, daß er seine Schritte nicht unmutig von ihr abwende, wenn er eine Stunde der Erholung sucht, daß nie es ihm drückend werde, die Sorge für mein Wohl auf seine Schulter gelegt zu haben.
Erhöre, gütiger Vater! all' diese meine Bitten, zu welchen ich die Veranlassung zu überschauen vermag; wohin aber mein beschränkter Blick nicht reicht, was meiner geringen Erfahrung noch nicht wahrnehmbar ist, auch das lege ich mit Vertrauen in Deine Hand, denn Dir empfehle ich mein Leben und mein Heil; was Du tust, ist wohlgetan! Amen!
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