31. December.

Schon um 5 Uhr auf Deck, – wir steuern durch eine Unzahl kleiner, niedriger Inseln hindurch, mit reichster Vegetation überwachsen, die Aeste der Bäume, die Lianen, fallen fast ins Wasser, – rechts ist auf einem solchen Eilande ein Bungalow versteckt: ein alter Lloydcapitän hat sich dort zur Ruhe gesetzt, – links auf einer Anhöhe ein weitläufiges Gebäude mit hoher Flaggenstange, von der die französische Tricolore weht, es ist die Residenz des Messagerieagenten. – Seegelboote, Frachtdampfer in jeder Grösse und von jeder Nationalität, Sampans mit ihren braunen Ruderern, kommen uns entgegen, rechts erscheinen immer neue Inselchen, links die Wharfs und Quais des neuen Hafens; wir halten vor einem grossartigen »Go-down« der Firma D. Brand & Co., rasselnd fällt der Anker ins Wasser, – Singapore. – Der Consul und gleichzeitig Lloydagent Brand, der mit seinem Compagnon Robert Engler, einem dicken, fröhlichen jungen Frankfurter sofort an Bord eilt, überbringt mit einem grossen Postpacket recht traurige Nachrichten: Der König von Siam, dem Biegeleben seine Creditive überreichen soll, reist am 4. Januar mit grossem Gefolge nach dem Norden seines Landes und bleibt zwei Monate fort, so dass wir entweder den ganzen Zweck der Mission, zu der ich entsendet, aufgeben oder in Singapore bis zum März warten können! Das ist speciell für mich ein harter Schlag, da der Gesandte bald beschliesst, nach Bangkok um kurzen Aufschub der königlichen Expedition zu telegraphiren, im Verweigerungsfalle aber mit dem »Poseidon« nach Hongkong weiter zu fahren, von dort sofort nach Tokio. – Ich, der ich nur zur Creditiveüberreichung in Bangkok mitgeschickt bin, wüsste nicht, was in diesem Falle beginnen, doch bitte ich um Mitnahme nach Japan, wenn auch meine Diensteseigenschaft erlischt. – Hiemit ist Biegeleben ganz einverstanden, und nun heisst es alle Vorkehrungen treffen, denn heute Nachts fahrt ein Dampfer der »Ocean Line« nach Siam, morgen der »Poseidon« nach Hongkong, – also für beide Eventualitäten muss gesorgt werden. – Unser ganzes Gepäck wird Harrison überlassen, der dasselbe in die Stadt bringen wird; wir fahren schleunigst die drei Meilen von Tangong Pagar ins Consulat, wo zahlreiche Briefe und Zeitungen, mittelst der englischen Post früher eingelangt, unser harren, darunter ein Cigarretenetui mit Neujahrsgruss von meiner Mutter. Zu Johnston & Co., deren Director, ein junger Engländer Namens Hooper, mir meinen Creditbrief sowohl nach Bangkok an Sigg & Co. als an die Mercantile Bank in Hongkong ausstellt. – Der Nervus rerum ist sichergestellt. – Sapieha muss, da in den Ländern Sr. Siamesischen Majestät kein Papiergeld coursirt, sein ganzes Gerstel in Mexicanern mitschleppen, so dass er der silbernen Last fast erliegt. – Dann zum »Singapore-Club«, einem schönen, grossen, am alten Hafen gelegenen Hause mit hohen kühlen Sälen und Säulengängen. Hier wird ein üppiges Tiffin mit vorzüglichen Banana-Fritters eingenommen, – dann wieder an die Arbeit, zu John Little am Raffles Square um Cigarren, Conserven, Briefpapier etc. Zurück ins Consulat, wo aus den in einem niedrigen Raume aufgespeicherten Koffern alle Utensilien für »evening dress« ausgepackt werden müssen, denn Brand hat uns zum Essen geladen und wir können in unserer leinenen Montur doch unmöglich erscheinen. – Da versagt mir fast der Muth: die Hitze ist in dem schwülen »Go-down« so ungeheuer, das Aus- und Einpacken aus den verschiedensten Koffern so entsetzlich heiss, dass Sapieha und ich, in Schweiss schwimmend und ganz übermannt, die Partie aufgeben wollen (der Gesandte war mit Brand und Frau in den botanischen Garten gefahren, er hatte ja einen Kammerdiener, wir leider nicht). – Da erscheint um 5 Uhr Herr Engler mit einem Telegramm, das ich zitternd aufreisse: »Der König von Siam, Tschulalonkorn, hat seine Abreise aus Bangkok um einen Tag verschoben, wird den Gesandten daher noch empfangen können« – so depeschirt unser dortiger Consulatsgerent Masius. – Hurrah, das gibt frische Kräfte, und um 6 Uhr rollen Sapieha und ich in einem geschlossenen Gharry zum Brand'schen Bungalow, dem sogenannten Maharadscha-Bungalow, an der Siranganstrasse hinaus. Das Haus heisst auch »Bidadaré«, Engelhügel; früher, als Brand, der Daniel heisst, noch unvermählt war, die »Löwengrube«. Doch hinausfahren und richtig ankommen ist zweierlei: wir rollen wohl über eine Stunde, es ist ganz finster, der Kutscher versteht nur malayisch und kennt den Weg offenbar nicht – alle Augenblicke wird angehalten, schliesslich in einem grossen Garten eingekehrt und vor einem schönen am Hügel gelegenen Hause gehalten, kein Mensch zu sehen! Wir treten ein, besichtigen die Zimmer, die alle beleuchtet, aber leer sind. – Ein chinesischer Boy, der endlich erscheint, spricht kein Wort englisch, – was thun? Da bemerken wir im Speisesaal sechs Plätze gedeckt (also für uns drei, die Hausleute und Engler), das stimmt; auf einem Kasten ist als Monogramm D. B. gravirt – das benimmt jeden Zweifel, und sicher am richtigen Orte zu sein, lassen wir vom »Celestial« unsere Reisesäcke in die bereiten Fremdenzimmer tragen; es ist eben eine ganz verfluchte Geschichte, sich absolut gar nicht verständigen zu können – recht beschämend für unser Menschthum! In den Zimmern befinden sich unter den Divans, deren Decken aufklappen, schmale Treppen, welche in darunter gelegene Badecabinets führen, wo je ein irdener Topf von riesigen Dimensionen, mit Wasser gefüllt, zum Baden einladet. Kaum sind wir im Frack, als Brand's und der Gesandte auftauchen; sie haben sich verspätet, die Herren wechseln rasch Toilette, und um 8 Uhr sitzen wir an einem mit Blumen reizend geschmückten Tische und verzehren ein wahrhaft lucullisches Mahl, – nur die Temperatur ist trotz ununterbrochener Punkah etwas niederschmetternd. Nach Tisch verlassen wir das gastliche, mit vielem Geschmack eingerichtete Bungalow und fahren in den am anderen Ende der Stadt gelegenen deutschen Club »Teutonia«, wo weit über hundert Reichsdeutsche und Schweizer zur Sylvesterfeier versammelt sind. – Festtafeln, sehr viel Sect, sehr viele Reden, Biegeleben hält einen famosen Speech (man sieht, dass er Bonner Corpsstudent gewesen), viel Musik und Männergesang: »Deutschland, Deutschland über Alles«, »Aennchen von Tharau« u. s. w. Zum Schlusse epatantes Feuerwerk, von den zu Tausenden um das Clubhaus versammelten Natives mit wahrem Geheul begrüsst. Gegen 1 Uhr Nachts führen uns die freundlichen Brand's zum Hafen und in ein Sampan, und in wenigen Minuten kraxeln wir die Schiffsleiter der »Hecuba« hinauf, eines kleinen, schmalen, ganz mit Cocosnüssen gefüllten Dampfers der »Ocean Line«. – Der bereits anwesende Musterdiener Harrison empfängt uns mit der frohen Botschaft, die vier Cabinen seien alle von siamesischen Prinzen besetzt, der Capitän sei noch am Land, also keine Abhilfe möglich, – da ist nichts zu machen als ruhig zuzuwarten, – ich schreibe noch einige Zeilen nach Wien, welche ein chinesischer Schiffsjunge für einen Dollar Trinkgeld in einen singaporischen Briefkasten zu werfen verspricht, ein schottischer Maschinist versucht, mich zu einem Whisky und Soda zu bewegen, was ich endlich seinem total besoffenen Zustande zu Liebe hinunterwürge, schliesslich hüllen wir, noch immer in »evening dress«, uns in Plaids, strecken uns am Oberdeck auf chinesische Liegesessel und schlummern, bis zum Tode ermattet, um 4 Uhr Früh ein: Das ist mein erstes »Neujahr« in den Tropen! Um 6 Uhr kommt der Commandant, wir lichten Anker und dampfen langsam in den Golf von Siam – wir schlafen ruhig weiter!