Mittwoch 9. Jänner.


WEISSER ELEFANT
 In aller Frühe fahren wir zu Wagen denbereits wohlbekannten Weg ins Palais, einmit grossen Mauern und Gräben umgebenesStadtviertel, in welchem nebst dem königlichenPalaste, den Ministerien und Kasernennoch viele Hunderte von Häusern undLäden stehen. – Die Theehäuser bleibenlinks, ebenso verschiedene Spielhäuser, woTag und Nacht hazardirt wird, – rechtspassiren wir einige schöne, in umfangreichenGärten gelegene Bauten, darunter die füruns sagenhafte »Ambassadors Hall«, wo alleunsere Vorgänger, zuletzt Erzherzog Leopoldmit den Officieren der »Fasana«, beherbergtwurden. Ausserhalb des Schlosshofesist das siamesische Nationalmuseum, das vielInteressantes enthält, alte Waffen, schöneBronzearbeiten, Modelle von landesüblichenHäusern und Booten, Modelle der grossenGalagondeln, auf denen der König die Watsbesucht, schwarzes Porzellan, mit rothen undgelben sitzenden Buddhas geziert, zahlreicheBäume aus dünnem Gold oder Silber, Tributspendender Laosvölker, die 6-8 Fuss hochsind, dann Mineralien und einige schlechtausgestopfte Thiere. – Hierauf werden dieweltberühmten weissen Elephanten vorgeführt,die aber schmutzig drap, also bräunlich,nicht weiss sind, – der grösste ist12 Fuss hoch und ein schon recht ehrwürdigerGeselle, da er nach Aussage seines Mahoutüber 120 Jahre alt sein soll. – Nettzusammengeknüpfte Grasbündel werden alsFutter vorgeworfen und anstandsvoll geöffnetund verzehrt. Von der angeblichen göttlichenVerehrung der weissen Elephanten war nichtszu bemerken. Anstossend an das Museumist der königliche Hoftempel, wohl derreichste Tempelbezirk der Welt. – Im Wat-Pra-Kaoist eben buchstäblich Alles vergoldet– wo man hinsieht erheben sich Pratschedisund Dagoben und Wandelbahnen, die in derSonne glitzern und blenden, – der Haupttempelist von oben bis unten vergoldet, derFussboden aus goldähnlichem Cuivre poli,auf dem sehr überladenen Hauptaltar, wozahlreiche Petroleumlampen inmitten dieserPracht unliebsam auffallen, der smaragdeneBuddha, wohl aus Smaragdwurzel oder Jade.– In vielen Pavillons sind Meisterwerke deraus Wat-Po bekannten Ebenholz-Perlmuttertechnik,überall stehen Bronzeelephanten,Marmorstatuen, – an alle Pratschedis sindHunderte von kleinen Glocken gehängt, dieim Winde unausgesetzt spielen. – Eingrosses Steinmodell des Angkor Wat (an derGrenze von Cambodia) erfüllt uns mit Bewunderung.– Ein Jammer, dass die dreiwöchentlicheElephantenreise dahin für diesmalwenigstens unmöglich ist. Graf undGräfin Bardi waren voriges Jahr dort; auchBaron Brenner hat die Strapazen nicht gescheut.Wir besichtigen die etwas leere Bibliothek,dann die Prunkgemächer des Palastes.Trotz der präsentirenden Wache (etwa50 Mann) sieht der grosse Schlosshof rechteinsam aus im Vergleiche zur Pracht undzum Prunke des Empfangstages. – Der riesigeThronsaal mit prächtigen Lustern, reichemvergoldeten Thronsessel und vielenGoldbäumen, der Salon mit den Bronzebüstenaller europäischen Souveräne und denOelbildern siamesischer Könige, das hübscheBoudoir mit Emaux, Porzellan und Boulearbeiten,sowie der imposante Berathungssaalmit dem Prachtporträt des Oberbonzenvon Siam sind im reichen Renaissancestile,der siamesische Thronsaal aber in Roth undGold halb siamesisch, halb chinesisch.

Weiter stromaufwärts liegen die weitläufigen Paläste des letzten zweiten Königs, die ganz zerfallen und nur mehr als Stallungen für die schwarzen Kriegselephanten dienen; einer von diesen erreicht die respectable Höhe von 13 Fuss. – An den seligen zweiten König erinnert auch noch die Flotte, welche, aus einer Anzahl schön weisser Kanonenboote bestehend, im Menam verankert liegt. Seine Majestät Nr. II war oberster Marinechef, dessen sehnlichster Wunsch es war, mit der siamesischen Escadre eine Fahrt nach Singapore zu unternehmen. – Doch ist dieser Wunsch leider nie in Erfüllung gegangen; so oft er auch auslief, um die Straits-Settlements zu erreichen, immer kehrte er unverrichteter Dinge heim, eine Havarie, Kesselbruch u. s. w. verhinderten stets, an das heissersehnte Ziel zu gelangen! Dies erinnert übrigens an den ägyptischen Admiral, den Mehemed Ali mit Depeschen nach Malta schickte, und der, nachdem er eine Woche im Mittelmeer gekreuzt, mit der Meldung erschien: »Malta Mafisch!« – Er hatte trotz emsigen Suchens die Insel nicht finden können. – Scheusslich ist hier das Wasser; Quellen gibt es keine, die Bevölkerung ist auf das schmutzige Menamwasser, das übrigens alle Siamesen trinken, oder auf Regenwasser angewiesen, – nun hat es drei volle Monate nicht geregnet, und einige Schiffe führen in Fässern Wasser aus Hongkong ein! Wir rühren natürlich nur Sodawasser an, das auch nicht brillant schmeckt. – Abends im Club neben dem Hôtel, das ganz verödet scheint. Wir sind die einzigen Gäste.

What-Pra-Káow (Bangkok).

Donnerstag 10. Jänner.

 Zeitlich geht's wieder in die innere Stadt,wo die ganze Populace aufgeboten scheint;von allen Seiten strömen Processionen mitHüten aus rothem Glanzpapier und hölzernenSchwertern zu einer Art Festplatz zusammen,wo die sogenannte Theep-Ching-Chah-Ceremonie(Swing Ceremony) stattfindet. Aneinem gegen 50 Fuss hohen Gerüste schaukelnan langen Stricken Männer und Knabenund suchen hiebei mit dem Munde angebundeneFrüchte zu erreichen. Es ist dies eineArt Erntefest, hindu-brahmanischen Ursprunges,wobei die Leute früher an eisernenHaken, die sie sich ins Fleisch stiessen, schaukelten.Viele Würdenträger in Galacostümensehen dem Schauspiele zu, darunter eine Anzahlmit der altsiamesischen dreifachen Kronegeschmückt. – Der eigentliche Zweck desFestes bleibt uns dunkel, trotzdem PhyaSmud ihn zu erklären sucht. Herr M. hattrotz seines langjährigen hiesigen Aufenthaltesnatürlich davon keine Ahnung. –Dieser Ehrenmann kennt seine kaufmännischenPflichten, aber weiter nichts. VonPfeffer, Reis, Lack, von Teakholz, von denSaphir- und Rubinminen kann er interessanterzählen, vom Lande und seinen Einrichtungenund Gebräuchen weiss er nichts.Nachmittags Besuch des etwas vernachlässigtenköniglichen Gartens: er ist ganzeuropäisch gehalten, mit Alleen und Sommerhäuschen,auch einem grossen maurischenEisenpavillon. Uns zieht besonders die kleineSammlung Thiere an, darunter einige weisseAffen (Albinos wie die sogenannten weissenElephanten) und ein prächtiger schwarzerPanther, der dem zu nahe getretenen Biegelebenfast den Arm oder mindestens denAermel zerreisst. – Während der Chef mitPoche ins Auswärtige Amt geht, fahren Sapiehaund ich in die deutsche Ministerresidentschaft,wo uns Herr Kempermann höchstmerkwürdige Facten über hiesige LiebenswürdigkeitFremden gegenüber mittheilt.Der voriges Jahr hier anwesende japanischePrinz und Frau wohnten in einem Flügel desköniglichen Palastes, wurden aber trotz einesSchwarmes siamesischer Diener so schlechtbedient, dass die kaiserliche Hoheit sich dasWaschwasser höchsteigenhändig am Brunnenholen musste. Auch bei seiner Ankunft seidie »Ambassador's Hall« unter allerlei Vorwändenverschlossen gewesen, und nur mitMühe habe er den Campong für sein Bungalowzugetheilt erhalten. Als seine Fraumit einer Freundin von einer Spazierfahrtzurückkehrte, auf welcher sie durch ihrenDiener einige Lotosblumen pflücken liess,wurde sie plötzlich von einem Haufen siamesischerPolizisten aus ihrem Wagen undin einen grossen Garten hineingezerrt, woein am Boden hockender nackter Siamese siemit Schimpfworten überhäufte und sie erstnach längerer Zeit nach Hause fahren liess.– Grund hiefür war das Blumenpflücken,welches der Betreffende, Justizminister undBruder Prinz Dewangs, einige Tage vorherverboten hatte. Die Protestschreiben Kempermann'sans Auswärtige Amt, worin energischGenugthuung gefordert wurde, blieben unbeantwortet,und erst als der Gesandte PhyaDamrong in Berlin täglich telegraphirte, FürstBismarck drohe Bangkok in Flammen zuschiessen, man solle um jeden Preis die Sacheausgleichen, erst dann (nach sechs Monaten)entschuldigte sich der König selbst (bei Gelegenheitder Notificirung der ThronbesteigungWilhelm II.). – Die zwei Prinzen aberhaben es bis heute nicht gethan! Auch hatKempermann jeden persönlichen Verkehr mitdem Minister des Aeussern eingestellt. Wäreihm nicht um seine Carrière leid, er hättelängst seine Flagge einziehen und Siam verlassenmüssen.
BRONZEN AUS BENARES

LOTOS

Vollmond, Fahrt auf dem Flusse, kühle, angenehme Luft, von allen Seiten ertönt aus den beleuchteten schaukelnden Häusern Musik, Singen und Lachen – es ist prachtvoll!

Durch mein mehr als energisches Auftreten hat Phya Smud den Ausflug nach Ayuthia, der früheren Hauptstadt des Reiches, nach vielem Zögern arrangirt; früh 6 Uhr wurden wir flott – ein sogenanntes »Houseboat« enthält alles Gepäck, die Vorräthe (für eine Woche genügend), den Weinkeller, Eis, dazu den chinesischen Koch und drei andere Celestials, sowie acht Matrosen, – die Barkasse führt uns vier, Phya Smud, den Heizer und Steuermann, – die kleinen Siamesen sehen in ihren weissen Uniformen recht possirlich aus. – Langsam dampfen wir stromauf, nach etwa einer Stunde verschwinden die letzten Häuser, darunter das grosse französische Missionsgebäude. – Niedriger Wald, hauptsächlich Jungle, vereinzelt eine Hütte, hie und da ein Rasthaus (Sala), ein offenes, auf vier Holzpfeilern ruhendes Häuschen mit Matten, die als Schlafstellen für Reisende dienen. Ein junges Krokodil taucht dicht neben uns auf, begleitet uns ein Stück, zieht sich aber bei dem beginnenden Schnellfeuer rasch zurück. Mehrere grosse mit Reis beladene Boote kommen entgegen; sie führen die Ernte aus Laos in die Bangkoker Schälfabriken. – Zahlreiche Adler umkreisen uns, am Ufer hocken schöne weisse Edelreiher, prächtige blaue Eisvögel, Strandläufer, zahlreiche Pfaue, merkwürdige Goldfasane in allen Farben des Regenbogens. Der Chef und ich schiessen von allen mehrere Exemplare, besonders pfeffern wir in einen ganzen Schwarm Wildenten (Teals), von denen 13 fallen, auf meinen ersten Schuss allein vier Stück. Gegen Mittag gerathen wir auf eine Sandbank und kommen nur nach angestrengter Arbeit wieder los. Dabei ist die Hitze hier unter dem einfachen Leinenzelte der Mouche, im vollen Sonnenbrande und in unmittelbarer Nähe der kleinen Dampfmaschine, ganz unerträglich. Sogar Neptun ist schlapp geworden und weigert sich ans Ufer zu gehen, um das geschossene Wild zu holen (seine Begleiterin, die gute Hündin Bompa, ist seit Singapore krank und hat ganz aufgehört zu fressen – sie ist unter Harrisons Pflege im Hôtel zurückgeblieben). – Nach neunstündiger Fahrt biegen wir rechts in einen schmalen Canal ein und halten in Bang-Pa-In, dem Sommerpalais des Königs. – Ein grosser Park mit zahlreichen ganz europäischen Baulichkeiten, sowie ein reizender hölzerner Pavillon im reinsten siamesischen Stile. – Zwei australische Strausse (Casuare) wandern im Garten umher. Ein Renaissancetempel mit dorischen Säulen wird für uns in Ordnung gebracht, in einem geräumigen Saale stehen vier Betten mit Netzen, in einem zweiten servirt der chinesische Koch ein exquisites Mahl, darunter die Wildenten! Wir sind mit dem Kaffee und Crême de Cacao beschäftigt, da tönt eine Glocke aus nächster Nähe – der »Angelus« im Innern Siams! Wir laufen hinaus und entdecken auf einer benachbarten Insel eine perfecte gothische Kirche, d. h. ein Wat im gothischen Stile. – Thurm, drei Schiffe, Kreuzfenster mit dem eingebrannten Bilde des Königs und der lateinischen Inschrift »Chulalonkorn, Rex Siamensis«, Hochaltar, auf dem ein goldener Buddha sitzt, – Seitenaltäre mit kleineren Buddhas, – Sacristei – und im Thurme die schöne Glocke, die, nach Sonnenuntergang geläutet, uns im Geiste nach Europa versetzt hatte.

Als ich gegen 3 Uhr Früh vor den Mosquitos ins Freie flüchtete, da leuchtete vor mir das südliche Kreuz in nie geahnter Herrlichkeit. – Alles liegt noch in tiefem Schlafe.

Pavillon in Bank-Pa-In. Sommerpalais des Königs.

 Nach Besichtigung der PrivatgemächerSeiner Majestät, die in ziemlich zweifelhaftemGeschmacke mit Pariser und deutschen Möbelngefüllt sind, dampfen wir weiter nordwärts,den nun bedeutend engeren Menamhinan. – Am linken Ufer werden einige alteTempel besichtigt, darunter einer mit einemriesigen Buddha, vor welchem unser Kochrasch einige Feuerwerke abbrennt und dasOrakel um das Befinden seiner Familie befragt.– Um Mittag Ankunft in Ayuthia –ein verfallenes Bangkok, die Häuser verschwindenfast unter Bäumen, die Canälesind ganz überdacht von der üppigen Vegetation,– an der Landungsbrücke wartet derGouverneur, ein Schwager Phya Smuds,Phya Chaivechit, ein kleiner, gutmüthiger,runder Kerl, der in seiner Amtswohnung einopulentes Tiffin servirt, – das Menü ist reinsiamesisch, und sind einige der Speisen, besondersdie Süssigkeiten, ganz vortrefflich.– Auf einer Anzahl kleiner stämmigerPonnies (das des Chefs ist ganz mit silbernenZieraten behängt) galoppiren wir mit grosserEscorte zur alten Stadt, wobei verschiedenekomische Zwischenfälle laute Heiterkeit erregen,darunter besonders die ReiterkünstePoche's, welcher wiederholt zu Boden fällt.Zuerst wird sein Gaul durch einen grossenElephanten rebellisch, – dann will derselbeeine Stute bespringen, und unseres FreundesBemühungen sind ganz vergeblich! – Stundenlangdehnen sich die von den üppigstenPflanzen überwachsenen Ruinen aus –überall tauchen riesige Buddhastatuen ausBronze oder Stein aus dem Jungle auf. –Als vor hundert Jahren die Birmanen die damaligeHauptstadt Siams eroberten, muss dieZerstörung eine recht gründliche gewesensein. – Nach Ayuthia zurückgekehrt, besehenwir noch die modernen Königszimmer,lassen uns in der steinernen »Sala« aus silbernemGeschirre Betel und vortrefflichenThee serviren und dampfen gegen Abendnach Bank-Pa-In.
AYUTHIA
 Rührender Abschied von unseren zweiStraussen, vom schönen Gartenpavillon undder gothischen Kirche, – dann eine heisse,sehr heisse Fahrt nach Bangkok, – einigegeschossene Adler, am Boote aufgehängt,sind bereits nach einer halben Stunde vollerAmeisen. Der Sect und das Eis gehenaus, die Zungen hängen aus dem Munde, esist höchste Zeit, bei Sonnenuntergang wiederim »Oriental« einzutreffen, wo die MilitärcapelleWiener Walzer im Clubcampongaufspielt.

AYUTHIA WHAT TONG