Das Leben an Bord.

Demjenigen, der zum ersten Male zu Schiff reist und nun mehrere Wochen an Bord zubringen muß, wird eigentümlich zu Mute, wenn er sich sein neues Heim näher ansieht. So will ich denn hier versuchen, meinen Lesern und besonders meinen jungen Freunden in der Heimat einen flüchtigen Einblick in dieses neue Leben zu verschaffen, damit sie bei einer späteren Reise besser Bescheid wissen. Zunächst die Kajüte. Man denke sich einen Raum von 2½ bis 3 m im Quadrat, auf der einen Seite zwei Bettstellen übereinander und neben diesen einen Kleiderschrank von etwa ½ m Breite und ½ m Tiefe, auf der andern ein Sofa. Zwischen Sofa und Betten befinden sich zwei große Spiegel mit Waschtoilette schräg gegenüberliegend, sodaß zwischen diesen noch ein freier, allerdings nicht großer Raum übrig bleibt. Hier stehen die kleineren Koffer, das sogenannte Handgepäck, während die großen Koffer in dem Magazin für Passagiergepäck aufbewahrt werden, das täglich zu einer bestimmten Zeit den Reisenden zugänglich ist. Eine Leiter für den Inhaber des oberen Bettes ist selbstverständlich auch vorhanden, damit sich derselbe in seine in der ersten Etage liegenden Gemächer zurückziehen kann. Die Waschtoilette besteht aus Waschschüssel, Wasserkaraffe, Gläsern, Nachtgeschirr, Seife und Handtüchern und ist äußerst praktisch eingerichtet; man braucht sie nur herunterzuklappen, dann hat man eine hübsche große Fläche mit dem Nötigen vor sich. Nach Benutzung klappt man alles wieder hoch und spart auf diese Weise viel Raum. Auf dem Schiffe muß man sich überhaupt daran gewöhnen, mit wenig Raum auszukommen, da dieser das Kostbarste in der schwimmenden Wohnung ist. Zum Zudecken des Körpers während des Schlafes benutzt man wollene Decken, welche vom Schiffe geliefert werden. Das ist die ganze »komfortable« Einrichtung einer Kajüte. Anfangs schien es mir, als ob ich mich in dieser engen Behausung nicht frei bewegen könnte, ohne irgendwo anzustoßen, vermochte ich doch mit ausgestreckten Armen die Decke zu berühren! Obwohl wir Japaner so zierlich gebaut sind, kam mir meine neue Welt doch so winzig vor, daß ich glaubte, ich hätte selbst für meine kleine Person keinen Platz darin. Aber wie der Mensch sich an alles gewöhnt, so gewöhnten auch wir uns bald an unsere Kajüte und meinten später ein großes Reich zu besitzen. Man bedenke, ein Handausstrecken genügt, und alles was man haben will, kann man erreichen und fassen: kann es etwas bequemeres geben? So fühlten wir uns in diesem engen Raum am Ende ganz wohl, vor allen Dingen fanden wir ihn sehr praktisch. Wenn man an die vielen Zimmer denkt, die man sonst zu Hause zu bewohnen pflegt, dann muß man sich unwillkürlich sagen: Welch' eine Verschwendung, welch ein großer Luxus ist eine so große Wohnung! Kann man doch mit bedeutend weniger auskommen! So dachten wir oft verständnisvoll an den Griechen Diogenes, der in einer Tonne gelebt haben soll, an Sokrates, der gesagt hat, daß Nichts bedürfen göttlich sei, daß demnach derjenige, welcher am wenigsten bedürfe, der Gottheit am nächsten sei.

Die Einrichtung der Kajüten der ersten und zweiten Klasse ist so ziemlich gleich, nur sind sie in der ersten Klasse etwas geräumiger und haben eine bessere Ausstattung. Meine Kajüte hatte einen Vorzug, das waren zwei Luken, durch die sie frische Luft und Licht erhielt; bei schönem Wetter blickte auch wohl die Sonne herein und verlieh dem Raum ein freundliches Aussehen. Die Kajüten aber, die in der Mitte des Schiffes liegen, sind dunkel und ohne Luken, sodaß man stets elektrisches Licht anzünden muß, um einigermaßen sehen zu können; außerdem sind sie mit einem Ventilator versehen, welcher elektrisch betrieben wird und für frische Luft sorgt. Aber leider ist seine Tätigkeit nur in einer bestimmten Höhe fühlbar, denn ober- und unterhalb derselben entsteht kein Luftzug, sodaß im ganzen in einer solchen Kabine keine angenehme Luft herrscht. Noch einen andern Übelstand bringt der Ventilator mit sich, das ist sein Geräusch, welches recht unangenehm auf die Nerven wirkt.

Nachdem man des Nachts in der Kajüte der Ruhe gepflegt hat, fängt mit Anbruch des Tages das Leben auf dem Verdeck an. Sobald die Glocke läutet, steht man auf, geht eine Zeitlang auf dem Verdeck spazieren und nimmt dann, wenn die Glocke zum zweiten Male ertönt, das erste Frühstück ein. Einige jedoch standen schon vor dem ersten Glockenschlag auf und wanderten auf dem Verdeck umher, denn es ist unstreitig von allem Schönen das Schönste, wenn man sich früh morgens erhebt und die weite unendliche See mit dem wunderbaren Aufgang der Sonne betrachtet. Die erhabene Unendlichkeit des Meeres, von dem in mattem Rot gefärbten Dunstschleier am Horizont begrenzt – welche Herrlichkeit! Ich mußte dabei öfters an ein Gespräch unseres verstorbenen Kultusministers Vicomte Mori mit dem chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang denken, als jener noch als Gesandter von Japan am Pekinger Hofe weilte. Li fragte ihn nämlich einmal, was er in der Welt für das Schönste und Erhabenste halte, worauf jener zur Antwort gab, daß es für ihn nichts Schöneres und Erhabeneres gäbe, als wenn er sich mitten auf dem endlosen Meere befinde und das Auge über die weite, weite Fläche schweifen ließe. Nur in diesem Augenblick fühle man, entrückt von allem irdischen Staube, das wahrhaft Schönste und Erhabenste! Li-Hung-Tschang, der auf seine scheinbar einfache Frage vielleicht eine politische Antwort zu erhalten geglaubt hatte, war ob dieser unerwarteten gefühlvollen Entgegnung nicht wenig erstaunt und konnte nicht umhin, sein Gegenüber als einen ebenso empfindungsreichen wie geschickten Diplomaten anzuerkennen.

Auf das erste Frühstück folgt, wie schon oben erwähnt, in langem Abstand das zweite. Nach diesem wird durch Lesen oder Unterhaltung die Zeit auf dem Promenadendeck vertrieben, bis die Glocke zum Mittagessen ruft und auch diese Beschäftigung unterbricht. Nach dem Essen folgt die Siesta bis zur Vesperzeit. Da sieht man fast alle Passagiere langgestreckt auf den Rohrstühlen liegen und schlafen. Erst am Abend, wenn es kühler wird, beginnt ein regeres Leben. Da wird der Rauchsalon stark besetzt, auf dem Promenadendeck spaziert man paarweise plaudernd umher oder bildet hier und da Gruppen, von denen Witzworte hin- und herfliegen. So geht es bis spät in die Nacht hinein, um endlich ermüdet seine enge Behausung wieder aufzusuchen und, des glücklich überstandenen Tages froh, durch erquickenden Schlaf sich zum nächsten Tage zu stärken. Ein Tag gleicht dem andern, nur das Ziel rückt immer näher und neugierigen Auges betrachtet man den Ort, wo sich das Schiff befindet, auf der an Bord befindlichen Landkarte. Jeden Tag einmal wird nämlich auf dieser Karte angezeigt, wieviel Meilen das Schiff in den letzten 24 Stunden zurückgelegt hat und welche Stelle es augenblicklich einnimmt.

Im allgemeinen kann man sagen, daß nächst dem Essen und Trinken das Schlafen die Hauptbeschäftigung der Passagiere ausmacht und daß Morpheus vor allen andern Göttern hier sein Szepter schwingt:

»Hoch vor allen

Gaben des Himmlischen

Sei mir gepriesen

Du, der Seele

Lebendes Wasser,

Gliederlösender

Heiliger Schlaf.

– – – – – – –

– – – – – – –

Ein heilig Bad

Bist Du, o Schlummer,

Würziger Kraft voll.

Mut und Erneuung

Atmet die Psyche,

Wenn Deine Woge

Sanft die bewußtlos

Schwimmende trägt

Von Leben zu Leben,

Von Strand zu Strand.«

So priesen wir mit Geibel den süßen erquickenden Schlaf. Er hauptsächlich verscheucht die furchtbare Langeweile während der öden, eintönigen Wasserfahrt, sei es, daß er den Schläfer in die Heimat zu seinen Lieben entführt, sei es, daß er vor ihm in den prächtigsten Farben Zukunftsbilder von dem Lande entrollt, wohin er fährt, die aber leider von ebenso kurzer Dauer sind, wie sie der rauhen Wirklichkeit wenig entsprechen. Aber auch andere Bilder ziehen vor dem Geiste des Träumers vorbei, und nur das Rasseln der Schrauben und das Plätschern der Wellen erinnern ihn von Zeit zu Zeit an die Wirklichkeit, an das rastlose Vorwärtsstreben des Dampfers.