Johanngeorgenstadt,
welches sich mit seinen 384 meist hölzernen und mithin löschpapiergrauen Häusern, in welchen 3472 Menschen wohnen, gegen das Hinabgleiten von seinem, 2300 Fuß über dem Meer gelegenen Fastenberg in das Wittigsthal sträubt. Es ist eine Exulantenstadt; denn als die Lutheraner in Böhmen, die sich auch Utraquisten nannten, in der Mitte des 17ten Jahrhunderts von den Papisten hart bedrängt wurden, kamen ein großer Theil von Gottesgabe, Platten und andern Grenzorten zur Nachtzeit herüber an den Fastenberg, Wittigsthal und Jugel, um den Verfolgungen zu entgehen. Am 2. Februar 1654 ertheilte der Churfürst Johann Georg diesen armen Leuten Erlaubniß zum Anbau und schenkte ihnen das nöthige Holz mit dem eigenhändigen Bemerken, daß dieser neue Ort »Johanngeorgenstadt« heißen solle. Sie ist regelmäßig gebaut. Ein Schulmeister aus Schwarzenberg, Namens Zacharias Georgi, hatte die Baustellen vermessen, in welche sich die Exulanten durch's Loos zu theilen wußten.
Durch den raschen Angriff des Baues wurden hier und da Erzgänge getroffen, die sich bald edel bewiesen und der neuen Einwohnerschaft Nahrung und Gedeihen brachten. Da aber der Bergbau seine Segnungen dem Bergmann nur periodisch in die Hände legt und solche hinwieder in längern oder kürzern Zeitabständen versagt: so mußten auch Dürftigkeit und Entbehrungen die neue Stadt um so sicherer abmagern, als ihre Ländereien, so ausgedehnt sie auch immer sein mögen, nur für Gemenge, Hafer, Heufutter und Kartoffelbau ertragsfähig sind. Gegenwärtig sind die sogenannten Tiefbaue der dortigen Gruben in lebhaften Angriff genommen, und wenn die bergmännischen Hoffnungen nicht trügen, kann der Ort über lang oder kurz an fröhlicher Lebendigkeit gewinnen. Das Spitzen- und Nähwesen und einige Handwerker, worunter etliche sehr geschickte Tischler sind, können den Wohlstand in einer bevölkerten Stadt wohl fördern, aber nicht allein aufrecht erhalten, besonders da der seit langen Zeiten ausgebildet gewesene Grenzhandel durch das diesseitige Zollsystem vernichtet worden ist, ohne daß dieses eine andere Hilfsquelle zu öffnen vermochte.
Wohlthätig indessen macht sich die Schafwollkämmerei des Kreisoberforstmeisters von Leipziger und des Majors von Peterkowsky in Schneeberg, die dieselben in Johanngeorgenstadt etablirt haben. Sie beschäftiget zur Zeit gegen 400 Menschen beiderlei Geschlechts und gleicht eine nicht geringe Lücke des Nothstandes aus. Dennoch aber sind gegenwärtig 71 Arme vorhanden, welche allwöchentlich den Almosenfond in Anspruch nehmen, ohne daß er gnügen kann.
Das Bergmagazin vor der Stadt ist ein großartiges, massives Gebäude und schaut weit über die nach Westen ausgedehnten Fluren hinaus, deren Früchte nicht selten Frost und Schnee übereilt. Merkwürdig ist es, daß die Johanngeorgenstädter kein Kraut anpflanzen und lieber die Krauthäupter, die in mehr als hundert Wagen aus der Schwarzenberger Gegend im Herbste zu ihnen gebracht werden, ankaufen und dennoch die Strünke, die sich als so nützliches Viehfutter im Winter sehr lange aufbewahren lassen, entbehren. Man hat mir erzählt, daß zwar das Kraut sehr gut auf dem Fastenberg gedeihe, allein die Feldbesitzer könnten es vor den Dieben nicht erhalten. Und wenn ja dann und wann ein solcher Dieb eingefangen oder zur Anzeige gebracht worden wäre: so habe ihn die Obrigkeit wieder laufen lassen – weil er gewöhnlich arm gewesen und keine Kosten habe bezahlen können. Derartige Patrimonialgerichts-Böcke können wohl bisweilen vorgekommen sein, seit die Thurmuhr auf dem Rathhaus gebaut wurde; allein gegenwärtig, da ein königliches Justitiariat errichtet, ist wohl davon keine Rede mehr. Die Einwohnerschaft darf mit Vertrauen ihre Felder mit Kraut bepflanzen, wie die viel höher gelegenen Wiesenthäler; der Nutzen für sie und ihre Viehbestände ist von großer Bedeutung.
Wer mag Johanngeorgenstadt verlassen, ohne die freundliche Zuvorkommenheit dankbar zu rühmen, mit welcher der Fremde aufgenommen zu werden pflegt! Was die Natur hier an einladender Lieblichkeit versagt, sucht man im geselligen Leben durch Heiterkeit und fröhlichen Sinn auszugleichen. Man erzählt sich, daß diese Stadt besonders reich an hübschen Mädchen und Frauen sei; es muß wahr sein, weil es auswärtige Frauen bezweifeln.
Tief unterhalb des sich steil abstürzenden Fastenbergs gegen Morgen liegt das Eisenhüttenwerk Wittigsthal mit seinen Hütten, umschanzt mit riesenhaften Halden, Kauen, Poch- und Wäschwerken des Bergwerks und in wechselseitiger Benutzung des Schwarzwassers, welches sich hier mit dem Breitenbach vereinigt. Ein ehemaliger Hammermeister Kaspar Wittig erhielt den 28. Mai 1651 landesherrliche Vergünstigung zu Anlegung des Eisenhüttenwerks, das von ihm den Namen trägt. Eilf Jahr später, den 19. Juni 1662, erlangte er auch die Erbgerichtsbarkeit, um, wie es in dem Rescripte heißt, »das unbändige Hammervolk besser im Zaume zu halten.«
Die gegenwärtigen Besitzer dieses Werks, Nestler und Breitfeld, sind die Ersten, welche mit vielen Opfern die zur Zeit möglichst großen Holzersparnisse durch Schmelzen mit erhitzter Luft und Erbauung sogenannter französischer Feuer und eiserner Bedachungen, Gartengeländer und dergleichen errungen haben.
Ober- und Unterjugel sind beide älter als Johanngeorgenstadt, denn schon im Jahre 1571 erhielt Sebastian Preisler[9] Concession zu Erbauung einer Glashütte und 8 Häusern; ebenso hatte Johann Gabriel Löbel die Vergünstigung zu Anlegung eines Blaufarbenwerks erhalten. Die Glashütte ist längst schon eingegangen, und das Farbenwerk kaufte den 11. October 1668 der Churfürst um 8500 Thlr. an sich und vereinigte es mit dem zu Schlema bei Schneeberg, welches seitdem ein Doppelwerk genannt wird.
Uebrigens waren beide Jugel nach Eibenstock eingepfarrt, seit dem 18. Septbr. 1657 hingegen gingen sie bequemlich in die neue Kirche nach Johanngeorgenstadt.
Wir wandeln jetzt von Wittigsthal aus einen Weg nach den Quellen des Schwarzwassers hinauf, dicht an der böhmischen Grenze, und bald befinden wir uns in einer rauhen, eben nicht anmuthigen Gegend, die uns aber bald dies-, bald jenseits der Grenze manches Interessante darbietet. Als sich Prinz Albrecht, derselbe, welcher im Jahre 1455 seine Befreiung am Fürstenberge fand, mit der Prinzessin-Tochter des böhmischen Königs Podibrat vermählte, erhielt dieselbe die Herrschaft Schwarzenberg zur Morgengabe mit. Die Abgrenzung dieser Herrschaft von dem eigentlichen Böhmen mochte sehr unbestimmt, so wie die werthlose und undurchdringliche Waldung, wenig von Menschen, ungleich mehr aber von wilden Thieren bewohnt, die Ursache sein, daß man sich darum wenig kümmerte, ob einige Joche Land mit seiner Wildniß da- oder dorthin gehörten.
Am südlichen Abhange des sächsischen Fichtelberges liegt ein beschindeltes Häuflein Häuser, wie ein Volk frostiger Rebhühner, in steriler Gegend. Es ist Gottesgabe, also benannt von dem reichen Segen des damaligen Bergbaues in seiner Nähe, denn außerdem gediehen nicht immer Erdäpfel und Hafer. Churfürst Johann Friedrich befahl den 2. November 1534: »daß jedem, so sich alda niederlassen will, 15 Ellen breit und 30 Ellen lang zu einem Wohnplatz eingeräumt und ein Schichtglöckchen angeschafft werden solle.« Eben so ertheilte derselbe Churfürst ein Jahr später eine Bergordnung für das damals jugendliche Städtchen Platten; beide gehörten daher zu Sachsen. Allein die großen Jagden, welche die Könige von Böhmen und die Churfürsten von Sachsen alljährlich abzuhalten pflegten, hauptsächlich aber deren Jagdpersonal gaben vielfach Gelegenheit zu unangenehmen Irrungen, besonders bei Verfolgung des Wildes, so daß zuletzt durch den sogenannten »ewigen Egerschen Erbvertrag«, welcher den 26. October 1556 zu Schneeberg seine wechselseitige Genehmigung fand, die Grenzen zwischen beiden Ländern durch Grenzsteine bestimmt, dabei aber auch Gottesgabe, Platten und die dazwischen gelegenen Ländereien, gegen Reservat des halben Bergzehnten und diesseitiger jährlicher Gewähr von 180 Stämmen Schacht- und Grubenhölzer, an Böhmen für immer abgetreten werden.
Schon lange her ist der Bergbau in dem damals an die Krone Böhmens abgetretenen Landestheil, bis auf die Eisensteingrube Irrgang am Hengstgebirge bei Platten, ohne alle Bedeutung, und das Ausbringen von Zinn nicht mehr der Rede werth. Die sogenannten Försterhäuser und die am Streitseifen liegen ordnungslos zerstreut auf ihrem magern Boden, den nur ein dürftiges Gras bedeckt, aus welchem verkrüppeltes Ahorngesträuch und kränkelnde Vogelbeerbäumchen emporzustreben suchen.
Das Schwarzwasser, welches durch Moor- und Torfboden seinen Lauf nimmt, führt ein gelbes coventartiges Wasser, was selbst für die Wässerung nicht so tauglich ist, als da, wo es in die tieferen Gebirgswannen hinabgestiegen ist. Dessenungeachtet verlassen wir die Gegend noch nicht, bis wir den böhmischen Spitzberg bei den Försterhäusern erklettert und von da aus die fernen Gegenden nach Karlsbad hin betrachtet, auch theilweise die Grenzörtchen Börnichen und Abertham (Aberdam) betrachtet haben. Der bewaldete und aus Basalt bestehende Spitzberg hat die Form eines riesenhaften Heuschobers und wird daran, weit nach Sachsen hinein, erkannt. Auf ihm wächst, nach Paulus' Orographie, die isländische Zwergbirke (Betula nana), die ich aber nicht habe auffinden können. Von hier aus fällt das Gebirgsjoch, welches Sachsen von Böhmen trennt, steil in dieses gesegnete Land hinab; die Thäler sind tief eingefurcht und jagen ihre Gewässer rasch in die Ebenen hinaus. Die meist ärmlichen Wohnungen der Menschen hängen sich an die jähen Abhänge, die hier schon allerwärts die beschwerliche Bewirthschaftung mit reichlicherem Ertrage lohnen.
Böhmen ist das Land der Musik und sie hat sich an allen Grenzorten, wo sonst reger Bergbau war, in eben dem Maßstabe erweitert und vervollkommnet, wie jener zum Sinken kam. Preßnitz, Platten und andere Orte entsenden ganze Schaaren Musiker in fremde Länder, die oft in einem Jahre nur einmal heimkehren, um die Angehörigen zu sehen und mit Geldmitteln zu versorgen. Dieser Sinn für Musik hat sich auch weit über die Grenze nach Sachsen herein verbreitet und zur Nachahmung aufgefordert, sich den Unterhalt durch Geigen, Blasen und Pfeifen zu verschaffen.
Damit aber das Herumziehen mit musikalischen Instrumenten nicht in gemeine Bettelei ausarte und das Publicum belästige, müssen alle derartige Gesellschaften, auf Anordnung der Kreisdirection, eine Probe ihrer Leistungen ablegen und erhalten nur dann Erlaubniß für das gewählte Gewerbe, wenn solches als vorzüglich genannt werden kann. Im Laufe vorigen Jahres wurden im Kreisamtsbezirk Schwarzenberg allein von 9 musikalischen Gesellschaften derartige Proben abgelegt.
Das böhmische Grenzörtchen Abertham hat sich von langen Zeiten her einen Namen mit seinen Käsen, die es aus Ziegenmilch bereitet, erworben und bis zur Stunde erhalten. Sie haben die Größe eines Zwiebacks oder eines Zweithalerstücks und werden weit und breit verführt. In früheren Zeiten mußte die Amtsschreiberei (Rentamt) zu Schwarzenberg dergleichen Käse ankaufen und zur Hofküche nach Dresden einliefern.
Dieses Abertham mit seinem Nachbarorte Börnichen treibt noch ein anderes Geschäft, was seiner Eigenthümlichkeit halber, einer kurzen Erzählung werth ist.
Es besteht nämlich in dem oft lebensgefährlichen Aufsuchen der Gimpelnester, der Erziehung dieser Vögel (Dompfaffen) und in der Kunst, denselben Melodieen pfeifen zu lehren. Dann wird ein Handel damit nach Wien, Berlin und anderen Städten des In- und Auslandes getrieben, welcher, wenn der Fleiß des Lehrers und das Talent der Vögel gut war, viel Geld in die Heimath bringt.
Sonderbar ist es, daß nicht jeder von diesen kleinen gefiederten Lehrlingen, auch wenn sie aus einem und demselben Neste sind, gleiche Gelehrigkeit besitzt, vielmehr giebt es eben nicht seltene Fälle, daß alle Mühe und Arbeit verloren und es gerathener ist, ihnen die Freiheit wieder zu geben, wo sie durch ihre Dummheit in ihrem Vogelstaate vielleicht zu Ehrenstellen gelangen, wie überall, wo es Gimpel giebt. Die ganz schwarzen, als Seltenheit auch ganz weißen Vögel dieser Art, welche letztere rothe Augen haben wie die Albino's, lernen zwar auch wenig, werden aber dennoch als Raritäten mit in den Handel gebracht.
Von diesem kleinen Abstecher zurückkehrend, gehen wir den Mückenbach, der die Grenze bildet, hinunter und gelangen bald nach den obersten Häusern von
Rittersgrün,[10]
wo das Kaffgebirge und der Taubenfels, von Osten her wie ein Keil nach dem Thale eingetrieben ist, um Räumlichkeiten für die Einwohnerschaft zu erzwingen. Der nur erwähnte Mückenbach, der Kaff-, Zwei- und Kunertsbach treten hier zusammen und bilden mit ihrem krystallhellen Gewässer die Pöhla (Biela), welche dem Thal entlang wunderliebliche Wiesen bewässert und die Füße des Haueisens, des Ochsenkopfs, des Klötzerwaldes rechts, so wie der hintern und vordern Kehlung, des Forstwaldes und des Härtenberges links, benetzt. Dieses gegenwärtig eine volle Stunde lange Dorf gehört nicht unter die jüngern Ansiedelungen des Obergebirges, denn am 20. Juli 1584 erhielt Nicolaus Klinger zu Elterlein Concession zu Anlegung eines Hammerwerks in Oberrittersgrün, so wie der Obristwachtmeister Hannibal von Schmerzinger die Erbgerichte über sein Hammerwerk, Arnold Rothenhammer und die von ihm erbauten 17 Häuser den 13. März 1670, um für sein Hammerwerk die Berg- und Hüttenleute unterzubringen, von welchen Erstere den Lagereisenstein des nachbarlichen Rothenberges und des sogenannten Glimmer ausbeuteten.
Der Hammerberg und der Gänsegrund sonnet gegenwärtig an seinem mittägigen Gehänge eine ansehnliche Zahl ordnungslos hingewürfelter Häuser, welche in der Mehrzahl Hütten- und Waldarbeiter bewohnen.
Der Ort fand von jeher viel Nahrung im Handel und Vertriebe der Hölzer aus böhmischer Waldung, und wer die Bestechlichkeit der dortigen Forstdienerschaft zu benutzen und zu erhalten verstand, konnte es zur Wohlhabenheit bringen und selbst in dieser Lage mit dem Walddominialamt in Joachimsthal in ersprießlichem Einverständnisse leben. Jetzt ist dieser Holzverschleiß nicht mehr so lebhaft, weil in dieser Richtung hin die Waldungen niedergetrieben und gelichtet sind, deshalb aber leidet Rittersgrün ziemlich an geregelter Arbeitsgelegenheit.
Einer zahlreichen Familie mit ihren Abkömmlingen muß ich noch gedenken, die sich ebenfalls, wie in Abertham und in Börnichen, mit dem Unterricht der Gimpel beschäftigen und deshalb unter dem Namen: »Gimpel-Poller« bekannt sind. Ein Stamm davon hauset in dem sogenannten Ehrenzipfel, welcher am obern Ende von Rittersgrün einem Anbaue gleicht, welchen man an das Hauptgebäude anflickt, um etwa Auszügler hinein zu stecken.
Wir gehen dem Flusse entlang nach den aus 16 Häusern bestehenden Schweizerdörfchen
gez. v. F. König.
Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.
KLOBENSTEIN.
Globenstein[11]
hinab und begreifen nicht, wie es hat kommen mögen, daß sich Menschen in einem solchen Felsengewirre ansiedeln konnten. Das Thal ist enge; hier thurmhohe, den Einsturz drohende Gneus- und Glimmerschiefermassen; da eine Wüste von Felsgetrümmer, als hätten sich Riesen damit geworfen, und dennoch hier und da ein Stückchen Feld oder Grasboden, hervorgemartert unter vielen tausend Gesteinstücken, die wie Wälle haushoch um die kleinen Herrlichkeiten aufgeschichtet sind, weil es außerdem weiter keine Räumlichkeit gab. Die kleine Einwohnerschaft sieht die Sonne eine Stunde später auf- und eben so lange früher untergehen, was das Forststrafgesetzbuch vom 2. April 1838 S. 181 hätte bemerken sollen.
Die Pöhla zerschellt ihre farbenlosen Wellen unter Tosen und Rauschen an den Klippen, womit ihr Bett belastet ist, und wirft sie in weißem Schaum die regellose Treppe hinab nach der sanfteren Mündung. Hier am Fuße des Drachen- und Rottenberges ist ihr Weg mit Türkis und Smaragd[12] bestreut, beide Ufer mit Laubholz und Blumen bekränzt, unter welchen sie noch weithin die Mädchenjahre vertanzt. Hebel in seinen allemannischen Gedichten konnte kein schöneres Bild für seine Wiese wählen, als das eines Mädchenlebens. Gar oft saß ich am westlichen Abhange des Zigeuners,[13] lauschte dem Gekose der Wellen und dem Geplätscher kaum geborner Quellen, wie diese sich bald überkugelnd der älteren Schwester nacheilen, bald tändelnd umher die Blumen auf nachbarlichen Wiesen tränken und dann auf den wunderlichsten Wegen ihre Führerin wieder zu erlangen streben. Hier tanzt die lebensfrohe Pöhla über die Räder der Mühlen, dort macht sie gewaltige Pas über die Wehre. Es ist die schottische Zeit des Mädchens. Die frühzeitige Verbindung mit dem Schwarzwasser bringt eine andere Farbe in ihr heiteres Leben und Tropfen der Wermuth, herabgesandt von Beyerfelds Vitriol- und Schwefelwerk, verbittern ihr die Ehe. Adoptirt von der Mulde bei Aue, entschließt sie sich zur weitern Reise in die Elbe und mit dieser vielgeprüften Lebenssatten in die Wasserewigkeit der Meere. Hier wird sie über lang oder kurz, vielleicht unter tropischen Himmelsstrichen, durch die Macht der Sonne zur Auferstehung gerufen; geisterartige Gebilde erheben sich aus dem großen Todtenacker der Flüsse, formen sich in Wolken und geben sich in endlos wechselnden Gestalten den entferntesten Ländern in erquickendem Thau und Regen kund, um den Glauben ihrer
»– – – – – Lieben,
die in ferner Heimath blieben,«
an die Fortdauer nach dem Tode und an das Wiederfinden der früher Heimgegangenen zu befestigen.