Scheibenberg,

dessen geradlinige Gassen 165 Häuser bilden. Es hat 790 Einwohner, die sich hauptsächlich mit Fertigung von Band, Borden, Blonden, Fransen, auch Spitzenklöppeln beschäftigen. Eine vor etwa 17 Jahren angelegte Pappfigurenfabrik scheint sich keiner rentirenden Lebendigkeit zu erfreuen. Dieses Städtchen, in dessen Nähe ein gewisser Kaspar Klinger im Jahre 1515 reiche Silbererze erschürft hatte, wurde 1525 von Ernst von Schönburg, welcher diese Gegend bis Oberwiesenthal hinauf mit seiner obern Grafschaft Hartenstein bis zum Jahre 1559, wo solche der Kurfürst August an sich kaufte, besaß, am westlichen Fuße des Scheiben- oder auch Orgelberges zu Gunsten der Bergleute angelegt. Der Bergbau hat jedoch in der spätern Zeit seine Segnungen vertagt und die Gegenwart das Absehen auf solche materielle Interessen gerichtet, die leichter zu beurtheilen und ohne Anlagecapital schneller erreichbar sind, oder zu sein scheinen. Und so haben alle menschliche Unternehmungen in ungeregelten Pausen ihr Steigen und Fallen.

Der Scheibenberg, dem gleichnamigen Städtchen gegen Südost gelegen, erhebt sich 2443 pariser Fuß über die Nordsee und seine schwarze Basaltmasse gleicht, aus der Ferne gesehen, dem Hügel eines Riesengrabes, wie der hinter ihm nach Ost und Süd gelegene Pielberg und Bärenstein, die mit ihm ein rechtschenkliges Dreieck bilden, deren Winkel eine Meile von einander entfernt liegen. Dieser Scheibenberg ist es auch, welchen der berühmte Bergrath Werner in Freiberg als Beweismittel für seine Neptunität aufstellte und dadurch einen interessanten Streit mit den Plutonisten hervorrief.

An seinem Fuße gewinnt man Thon (Wackenthon), groben Sand, aus Quarzgerölle bestehend, und Streusand, welcher ein Gegenstand des Handels ist.

Wunderlieblich ist aber die Um- und Fernsicht auf dem langgedehnten Plateau des Berges selbst. Gegen Osten, tief im Thale, durch welches die jugendliche Zschopau fließt, haben sich die 156 Häuser des Städtchens Schlettau mit einer Mauer umgürtet, hinter welcher sich im Hussitenkriege 1429 die Einwohner zwar tapfer, aber vergeblich vertheidigten. In dem dortigen Schlosse, außerhalb der Ringmauer befindet sich gegenwärtig die Looßische und Naumann'sche Spinnfabrik, deren Besitzer sich zugleich in der neuern Zeit als Baumzüchter empfohlen und eigentlich den Anfang gemacht haben, das kahle Städtchen mit Laubgrün zu umhüllen. Schlettau hat für seine Häuserzahl ungewöhnlich große Feldflächen (2800 Acker à 2 Scheffel), die der Einwohnerschaft, neben dem Posamentir-, Spitzen- und Blondengewerbe, hauptsächlich Nahrung und Unterhalt gewähren. Man sagt von den Schlettauern sprüchwörtlich: »wenn die Bauern auf dem Felde sind, ist kein Bürger zu Hause.«

Gegen Mitternacht dehnt sich das Städtchen Elterlein mit 194 meist hübschen Häusern und 1888 Einwohnern an dem südöstlichen Abhange des Schatzensteines hinauf, damit es von da aus seinen Reichthum an Feldern, Wiesen und Torfbrüchen übersehen kann; denn auch hier ist Feldbau und Viehzucht, wie in Schlettau, die Hauptnahrung, und wer diese nicht hat, ist immer mehr oder minder, bei allem Fleiße und aller Sparsamkeit, in seinem täglichen Unterhalte durch Mangel bedroht, wie dies die Schaar von Schuhmachern und Nagelschmieden lehrt. Eine Menge Roßhändler hausen ebenfalls im Orte, und wer viel Geld hat, kann immerhin wohlfeile Thiere bekommen.

Vor Jahrhunderten breitete sich eine dichte Waldung von hier aus bis Wiesenthal an der böhmischen Grenze. Reisenden war in der Nähe, wo jetzt Elterlein liegt, ein Altärlein für die Andacht aufgerichtet, um welches sich bald einige Häuserlein erhoben, die Schutz und Nahrung gewährten. Sie hießen: »die Häuser am Altärlein« und gaben Anlaß für die allmählige Erbauung des Städtchens, welches in seinem Rathssiegel ein Altärlein mit 2 Kerzen bis zur Stunde führt und eigentlich Altärlein, statt Elterlein heißen sollte.[14]

Noch werfen wir einen Blick von unserm Scheibenberge aus gegen Süden; ein langes Dorf, Crottendorf genannt, zieht sich mit seinen 294 Gütern und Häusern, welche 2530 Menschen bewohnen, über eine Stunde lang herab, nach dem umbuschten und in Laubgrün gehüllten Walthersdorf. Beide haben weit ausgedehnte Fluren für ihren bedeutenden Flachsbau, der leider! meist roh in's Ausland verführt wird, weil Niemand spinnen kann und mag, so lange das Spitzenklöppeln einige Pfennige für den Tag mehr einbringt. Nicht weit entfernt vom obern Theile Crottendorfs liegt der sogenannte fiscalische Marmorbruch, der mehr für eine großartige Kalkbrennerei, als für die Bildhauerkunst benutzt wird, weil ein dortiger Marmorarbeiter sich mehr andern Beschäftigungsarten zugewendet hatte und dabei seine eigene Kunst vernachlässigte. Wir verlassen die Berghöhe, auf welcher kein Strauchholz die Aussicht störte, indem wir dem fernen Greifenstein im Norden, welcher seine wulstigen Granitmassen noch über die ihn umgebenden Fichten erhebt, so wie dem entlegenen Auersberg im Westen und dem Fichtelberg im Süden einige freundliche Blicke zuwerfen, und treten bald eine zweite Wanderung an, ehe die Sonne lange Schatten zieht.


Druck der Teubner'schen Officin in Leipzig.