Fünfte Szene.

Gräfin. Marquise.

Marquise. Sophie ist so romanhaft?

Gräfin. Bis zur Uebertreibung. Und der Chevalier fertig, jeden Ton, jede Form zu umarmen, weiht sich dem ihrigen mit einem Anstand, einer Kunst — Ohne daß es ihnen kund ward, behorchte ich einige ihrer Unterhaltungen, und auf meine Ehre, der Chevalier übertraf sich selbst, an zarten sublimen Wendungen, Flug der Phantasie —

Marquise. St — was gilts, da —

Gräfin. Er — er!

Marquise. Pocht ihr Herz nicht ein wenig? Fürchten sie nicht, erkannt zu werden?

Gräfin. Nichts weniger. Aber Freundin, sie weilen nicht mehr.

Marquise. Nur bis zu Anfang der Szene. — Das währt lange.

Gräfin. Seine Stimme. — Er klopft — ruft Dupré.

Marquise. Der ohne Zweifel einschlief.

Gräfin. Apropos! Wenn sie mich verlassen, treten sie in die Gesellschaft, nehmen Sophien bei Seite, und berichten ihr mein Vorhaben mit Blancé.

Marquise. Auch den Ausgang?

Gräfin. Ja wohl, und sie erscheinen Beide, wenn Dupré sie ruft.

Marquise. Nun treten sie hin — der Stuhl liegt am Boden.

Gräfin. Nun, nun — machen sie mich nicht lachen — ich sterbe vor Vergnügen — diesmal ist es Blancé — Ja, ich bin schon da … Wie?[9] … Bald eine Stunde. … Eine Stunde? Das Bouquet, welches sie mir diesen Morgen sandten? … O ja! … (gegen die Marquise) Ah, Dupré hatte es ihm zurückbringen sollen.

Marquise. Hören sie!

Gräfin. (sehr laut:) Ich verstand nicht. … Weil ich es gern länger tragen wollte. — (sehr laut) Wie? … Ich verstehe nicht … Meine Hand?

Marquise. Was sagt er?

Gräfin. (gegen die Marquise) Meine Hand will er durch die Tapete küssen.

Marquise. Das ist neu.

Gräfin. Welch ein Einfall! … Ich willigte ein? … (gegen die Marquise) In der That, diese Gunst darf man ohne viel Bedenken gestatten.

Marquise. Wie huldigen Liebende der Thorheit!

Gräfin. (gegen die Marquise) Das ist doch wahrhaft sonderbar. (gegen die Wand) Wie zeige ich ihnen aber die Stelle an?

Marquise. Sagt er nicht: wie gestern?

Gräfin. Ja!

Marquise. So empfangen sie doch Unterricht.

Gräfin. Durch Schlagen. (gegen die Wand) Schlagen? … den Handschuh ablegen? … Legt ich ihn denn gestern ab? … (gegen die Marquise) Er sagt, endlich hätte ich mich entschieden.

Marquise. Ha ha ha ha.

Gräfin. Man muß noch einige Schwierigkeit machen. (gegen die Wand) Weil … Weil sie zu viel fordern. … (gegen die Marquise) Recht hübsch, was er da sagt. (gegen die Wand) Nun — nun — keinen Zorn! … Gewiß! … Zweifeln sie nicht länger! … Er ist abgelegt.

Marquise. Aber so ziehn sie ihn doch aus.

Gräfin. (gegen die Marquise) Ja ja, ganz aufrichtig. (gegen die Wand) Es geschah — hören sie — hier die Hand, hier hier … (gegen die Marquise) Mit welcher Extase er den Fleck drüben küßte. Bei dem allen glaub ich, Sophie hätte die Lippe auf der Hand gefühlt. Es giebt nur ein Lebensalter von so scharfer Empfindung.

Marquise. Ha ha ha ha!

Gräfin. Ich sagte nichts … Erröthet? ich bin erröthet? … (gegen die Marquise) Wie er an Kindlichkeit und Unschuld bei Sophien glaubt! Wie artig, diese Meinung zu äußern! Aber ist das nicht allerliebst? (gegen die Wand) Wahrhaftig, Chevalier, ich glaube, daß sie mich sehn.

Marquise. Sache des Herzens, nicht des Kopfes.

Gräfin. Ausdruck der Empfindung, und Ausdruck der Galanterie. O welch ein Unterschied! … Er hat eine andere Stimme bemerkt … (gegen die Wand) Ja, meine Kammerfrau. … Gewiß! … Sie kam, mir anzuzeigen, daß die Tante noch nicht schlafen gegangen sei. (gegen die Marquise) Gehn sie, meine Gute!

Marquise. Ich will der armen Sophie das Leben zurückgeben. Ungern meid ich dies Zimmer. Die Intrigue ist so unterhaltend. (geht ab.)


[9] Die Punkte zeigen ihr Schweigen an, während dessen sie horcht, was der Chevalier an der Gegenseite der Tapetenwand ihr sagt.