Sechste Szene.
Gräfin. Dupré.
Gräfin. (allein.) Ja, sie ist hinaus. … Ich bin ganz allein. (vor sich) Was will doch Dupré? (gegen die Wand.) Es ist Dupré, der mir was zu sagen hat.
Dupré. (heimlich zur Gräfin, die sich von der Wand entfernt) Da hatt’ ich einen artigen Schrecken. Die Frau Nichte dachte sie zu überfallen.
Gräfin. Wie?
Dupré. Unter dem Vorwand, hier einen Mantel zu holen. … Hören sie! Er ruft sich den Katarrh. Antworten sie!
Gräfin. (laut gegen die Wand) Einen Augenblick Geduld! Ich höre nur Dupré an. Gleich! (zu Dupré) Nun?
Dupré. Jähling kam sie, bleich, verstört, ich hielt sie an, sie wollte hinein, wußte nicht was sie that, die Frau Marquise erschien, nahm sie unter den Arm, und verschwand mit ihr.
Gräfin. Die Marquise bringt freudige Ruhe über sie. Still, was fällt mir ein, der Chevalier mag eine Erzählung hören. (zur Wand) Helfen sie mir!
Dupré. Mit Vergnügen!
Gräfin. Chevalier … ich bebe …
Dupré. Gewiß, Herr Chevalier, wie ein Rohrhalm im Orkan!
Gräfin. Erschrecken sie aber nicht!
Dupré. O, er ist schon außer sich.
Gräfin. Die Tante wollte uns überfallen. Ohne Dupré —
Dupré. Ja, ich erwies ihnen einen großen Dienst. … O sie sind sehr gütig!
Gräfin. Wie würde sie mich apostrophirt haben! … Dupré hat sie überzeugt, ich schlief lange.
Dupré. Und sie glaubte mit einer edlen Einfalt! … O, man hintergeht sie leicht, glauben sie mir … (zur Gräfin) Wie er lacht!
Gräfin. (an der Wand) Ha ha ha ha!
Dupré. (lacht laut auf an der Wand) Ha ha ha ha! Wenn sie ahnte, welch ein Streich ihr gespielt ward.
Gräfin. Ha ha ha ha! … Gewiß! … Sie haben Recht … Einen Alltagskopf foppen, lohnt nicht; … aber eine so listige verschmitzte superfeine Frau … Ha ha ha ha! (zu Dupré) Hörst du sein Gelächter?
Dupré. Ha ha ha ha! Darüber weicht aller Schlummer vor mir. (gegen die Wand) Ja ja, die Thüren sind alle zu. Es ist nichts weiter von ihr zu fürchten.
Gräfin. (gegen die Wand) Nein ich versichre es, sorgen sie nicht. — Fort Dupré, die Rolle wurde gut gegeben.
Dupré. O Madame, lange nicht so vollkommen wie die ihrige. (geht ab)
Siebente Szene.
Gräfin allein.
Ja! … Er ist fort. … Ein unglücklicher Abend. Immer Störung! … He? Ich verstand nicht. … Ein wenig lauter! … Ihr Billet von heute? … Ich fand es — artig, recht artig. … Unglücklich? … ob ich errathe, warum sie unglücklich sind? (vor sich) Das ist so leicht eben nicht. (gegen die Wand) O Chevalier! … (vor sich) Weil ich ihm abschlug, abschlug? Was denn? (gegen die Wand) Ob ich Grausame heute Erbarmen zeigen will? … (vor sich) Er würde keinen Gott beneiden? Ich muß wohl fortfahren, zu versagen. (gegen die Wand) Aber wie dürfen sie hoffen … Berühren sie diese Saite nicht mehr, Blancé! Ich bitte! … (vor sich) Ah ein Crochet von meinen, nein, von ihren Haaren. Und ich fiel nicht gleich darauf? Es lag ja am Tage. Ha ha ha! (gegen die Wand) Was? … Ich lache, daß sie einen so großen Werth daran binden. … Nun, wir werden sehn. … Nein, ich sage nichts zu. … Ueberrasche lieber. … Wie? … (vor sich) Jetzt will er meinen Anzug wissen. (gegen die Wand) Ein Musselinkleid von weisser Farbe. … Ein weisser Hut. … Der Gürtel hellblau. (vor sich) Drollige Neugier! (gegen die Wand) Die Schuh? … Nun blau und schwarz. (vor sich) Er will doch alles erfahren. (gegen die Wand) Und dies ihr Kleid? … Auch blau? (vor sich) Da haben wir die Sympathie! (gegen die Wand) O ja, ich bin frohgelaunt. … (vor sich) O das ist drollig, ich komme ihm heute pikanter vor wie gewöhnlich. Kann sein! (gegen die Wand) Vorwürfe? … Sie sind reitzbar … Ich versichere, daß sie mich nicht ganz kennen. … So bin ich nicht vollkommen von Coquetterie frei. … Nein! … Nein! … Sie ist aber weniger Zug des Gemüthes, wie Eigensinn. … Bei ihnen, mein Herr, im Gegentheil, ist sie lauter Gemüth! … Sie streiten? … Der Roman mit der Tante? … Ihre Empfindung für sie? … (vor sich) Welch ein platter Wahn! … (gegen die Wand) Ich glaube nicht daran. Nein! Eher mögt ich annehmen, daß sie den Vicomte liebt. … Sie nur, Sie? (vor sich) Ist da nicht eine Eigensucht! (gegen die Wand) Aber sie lieben meine Tante, liebten sie wenigstens? … Nicht? (vor sich) Schmeichelhaft! (gegen die Wand) Aber denken sie nur an den Sommer in Bercy. Wo sie die Nächte hindurch vor ihrer Terrasse weilten, die tönende Guitarre in der Hand. Jenen Abend, wo sie eine so poetische Erklärung begannen, die sie mit lauten Epigrammen unterbrach? … Wer mir das sagte? sie allein. … O das ist nicht wahr. Ich glaube der Tante mehr. … Warum? Weil sie mir theuer ist. … (vor sich) Ah, Sophie gedachte meiner immer vortheilhaft. Braves Mädchen! (gegen die Wand) Aber sie lieben doch unstreitig den Ton ihrer Stimme? … Warum? der Aehnlichkeit halber? … Sie meinen, das wolle nicht viel sagen, könne sie nimmer täuschen? (vor sich) Wir haben die Probe. (gegen die Wand) Sie finden also ganz und gar die bezaubernde Liebenswürdigkeit nicht, die der Vicomte ihr andichtet? (vor sich) Schmeichelhaft! (horcht gegen die Wand) Nun zeichnet er mein Porträt! … Himmel! nach allem was er mir sagte, beschwur! … O Männer, Männer! So sind sie aber alle. Das ist bestrafter Vorwitz. (gegen die Wand zornig) Was? Unbeständig, voll Leichtsinn, ohne Tiefe der Empfindung? Und dennoch wähnen sie von ihr zum Sterben geliebt zu sein? So flach zeichnen sie ihr Gemüth, und behaupten eine Kraft der Leidenschaft — ei, so widersprechen sie sich doch nicht! … Wie? Wer ist bei ihnen? Dupré? Was will er? Immerhin Heimlichkeiten, ich erfahre sie dennoch. … Reden sie zu mir Dupré! … Nicht beide auf Einmal! Er will sie erinnern, daß die Stunde zu Ende ging? Gut, die Unterredung soll gleich abgebrochen sein. Nur weg! … O wie sie den Armen anließen? Gleich Aufwallung. … Ich verlasse sie nun, habe noch Briefe zu schreiben. … Nein nein, sie sind heute unerträglich. … Wie, ich wäre gestern weit liebenswürdiger gewesen? Ich wette nein! … Sanftmüthiger? Wäre möglich! … Den Maskenball am Sonntage hätte ich ihnen aufgeopfert? Sie flehten, und dennoch waren sie gegen ihr heiliges Versprechen dort. … Nur einen Augenblick? Das heißt, zwei oder drei Stunden. … Sie gaben einer grauen Nonne den Arm. Und küßten ihre Hand oft, ohne Handschuh, ohne Tapeten. (vor sich) Ah das verwirrt ihn. (gegen die Wand) Mit eignen Augen sah ich es ja, denn ich hielt mein Versprechen nach ihrem Muster. Ich folgte tief verlarvt, sie zu enthüllen. Sie sind durchschaut. … (vor sich) Doch ein Triumph! Ich quäle ihn unerhört. (gegen die Wand) Nicht wahr, sie kannten mich noch nicht? … Sie meinen, in sechs Monaten erforsche sich das weibliche Herz? O wie unerfahren! … Nun nun, lachen wir darüber, klüger wie Harm. … Gegenseitige Duldung! … Sie finden das nicht romantisch? … Aber doch weise! … Nachsicht von beiden Theilen! … (vor sich) Ah, nun fällt er in den tragischen Ton! (gegen die Wand) Wenn dies System ihnen nicht gefällt, so — so — Hören sie: die Leidenschaft meiner Tante ist doch ein unübersteiglich Hinderniß. Sie ist meine Wohlthäterin. Darf ich ihre Ruhe untergraben? … (vor sich) Welche Bewegung! (gegen die Wand) Das Glück will einmal unsrer Liebe nicht winken. Also standhafte Philosophie. Sprache der Lebensklugheit. Ich besitze kein Vermögen, sie eben nicht viel. … Hören sie mich doch ruhig an! Sie erklärte mir diesen Abend, ich müsse dem Baron meine Hand geben, oder lebenslang auf ihr Wohlwollen verzichten. Ich sagte aber nichts zu — aber — aber. … (vor sich) Nein diese Wuth! (gegen die Wand) Ob ich den Baron liebe? Nein, doch Achtung, viele Achtung — … Sie drohen? O deshalb wanke ich nicht. … Eine runde nette Erklärung? Wohlan: Ich fühle mich zu ihnen hingezogen, aber Chevalier, ihr Ungestüm, ihr herrischer eifersüchtiger Sinn — ich legte alles auf die Waage — ein Tag wandelt vieles um — Mein Herr, ich kann ihnen meine Pflichten nicht opfern, ihre Drohungen, ihr wilder Eifer, mahnen mich nur lauter an Trennung. Sie wissen Alles! … (vor sich) Nun ist er starr und stumm! — Bei alledem ein liebenswürdiger zorniger Unmuth! Eine edle Verzweiflung! (gegen die Wand) Leben sie wohl! … auf ewig — ewig! (entfernt sich von der Wand, springt aber wieder zurück) Wie, das Klirren eines Degens? Chevalier! (lauter) Chevalier! Chevalier! Sie werden doch nicht! Gott ich mögte zu Boden sinken!