SZENE ZWEI
DAISY: Endlich. Ihre Stimme. Ich wartete nicht im Zimmer. Konnte nicht bleiben. Hielt mich an der Klinke. Sie gab nach.
KEAN: Mein Erstaunen – verzeihen Sie – ist nicht geringer als mein Entsetzen.
DAISY erstarrt: Unmöglich. Gott kann so grausam nicht sein.
KEAN: Ein Lokal für Verbrecher und Hafendirnen.
DAISY: Ich habe nicht gezögert, zu kommen.
KEAN: Aber Sie wagen, mir eine Erklärung zu geben, die keine ist.
DAISY: Ich kam auf Ihren Brief.
KEAN: Wer ist hier irrsinnig geworden?
DAISY: Sie bestellten mich hierher. Sie schrieben mir: Kommen Sie; Sie wohnen unsicher. Ich kann Sie nicht holen, ich bin bewacht. Es gab für mich nur einen Gedanken: zu folgen.
KEAN: Der Brief.
DAISY: Hier.
KEAN: Sie sehen, welche Seite meines Namens man für kreditwürdig hält. Tod, Hölle, Heilige. Man hat meine Schrift gefälscht und meinen Namen ausgenutzt.
DAISY: Ich habe nur an die rechte Seite Ihres Wesens gedacht. So mußte ich kommen.
KEAN: Sie waren daran, Ihrem Lieblingsteufel ins Boudoir zu laufen.
DAISY: Ich habe Sie nicht gesucht und finde Sie auch in dieser Gefahr durch die Schickung.
KEAN: Sie schlagen besser dem schönen Zufall ein Stück Nase ab, um ihm dankbar zu sein, statt ihn aufzubauschen.
DAISY: Ich hatte Sie nie gesucht. Als ich zum erstenmal im Theater Sie sah, änderten Sie schon nicht nur meinen Weg. Sie retteten mein Leben.
KEAN: Haben Sie keine anderen Entscheidungen wie immer den Tod?
DAISY: Nicht für mich. Ich kam aus dem Kloster, sprach nicht, hörte nicht, sah nicht. Man gab mir Bäder und Ärzte. Durch eine List lockte man mich ins Theater, ich hörte Romeo, Hamlet, der Tiefsinn riß auf in mir.
KEAN: Konstable.
DAISY: Sie werden keine Gewalt ausführen.
KEAN: Sie haben an Edmond Kean appelliert, als Sie zu mir kamen.
DAISY: An Ihre Güte.
KEAN: Ich habe eine Verpflichtung gegen das Unrecht übernommen, die auch Ihr Einspruch nicht erledigt.
DAISY: Wenn ich Sie bitte, nichts zu unternehmen gegen den Mann, der mich hierher bestellte, tu ichs, weil ich die Absicht habe, ihm zu folgen.
KEAN: Dem Entführer ...
DAISY: Ich habe eine Mission. Was kümmert mich alles andere?
KEAN: ... vor dem Sie heut früh noch sterben wollten.
DAISY: Ich werde mich an ihn gewöhnen lernen.
KEAN: Sie sind wahnsinnig.
DAISY: Es wird leicht sein, denn ich weiß, warum ich es tue.
KEAN: Sie opfern sich.
DAISY: Ich tue, was ich vorhabe, mit Liebe und Bedacht.
KEAN: Für eine Mädchenträumerei, eine ideale Hysterie, einen tragischen Irrsinn.
DAISY: Als ich Ihr Haus verließ, wußte ich, es gab nur eins für mich: irgend etwas zu suchen, was Ihr Leben auch nur im Geringsten fester gestalten könnte. Ich will nichts von Ihnen. Aber ich erbitte die Freiheit, zu tun, was ich muß.
KEAN: Sie glauben, es sei etwas wert, eine der Beschwerlichkeiten, die einen Tag mir durchschwirren, wegzunehmen, indem Sie das Leben einsetzen? Sie schwärmen, Kind.
DAISY: Ich hätte gedacht, meine Dankesschuld höher abtragen zu können. Aber die Gewißheit dieser Kleinigkeit schon wird mich leicht das wagen lassen, was mir entgegensteht. Es hat keine Schrecken mehr.
KEAN: Konstable! Zu Daisy: Kommen Sie. Ich befehle es Ihnen.
DAISY: Wenn Sie mich zwingen, muß ich folgen. Und daran glauben.
KEAN: Konstable!! Erscheint. Ich führe diese Dame in ihr Zimmer. Sie bleiben davor, und wenn Skelette angeritten kommen. Ich bin Kean.
KONSTABLE: Der Boxer?
KEAN: Der Schauspieler. Konstable steht stramm.
DAISY: Nun wollte ich für Sie etwas tun, wieder tun Sie es für mich. Wie belastet mich Gott, daß Sie mich sogar dazu zwingen. Was kann ich tun, um auch dies zurückzugeben?
KEAN: Zum Teufel mit der Güte, mit der Sie mich bombardieren. Ich kann nichts anfangen damit. Gehen Sie. Wir werden eine Jagd heute noch haben. Öffnet die Tür. Daisy voran, dann er, dann der Konstable.