GLASARBEITEN.

Unmittelbar an die keramische Sammlung schließt sich die Glassammlung an. Die Glaserzeugung, das heißt die Herstellung einer amorphen Verbindung von Kieselsäure mit zwei Basen, die durch Metalloxyde bestimmte Färbung erhält, reicht in das Dunkel vorhistorischer Zeiten zurück. Zahlreiche Proben ägyptischer Glasmacherkunst, die aus den Gräbern ans Licht gefördert wurden, sind Zeugen einer hochentwickelten Technik, die bis in das IV. Jahrtausend v. Chr. zurückreicht.

Die Glassammlung des Museums beläuft sich auf mehr als 2000 Nummern.[29]

Den kunsthistorisch bedeutendsten sowie an Vortrefflichkeit und Zahl der Objekte hervorragendsten Teil bilden die gravierten und geschliffenen böhmischen und schlesischen Glasarbeiten vom XVI. bis gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts.

Glasbecher mit Schmelzmalerei, in Silber montiert, holländisch, XVIII. Jahrhundert, 1. Hälfte


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ANTIKE GLASARBEITEN.

Erster Schrank an der Schmalwand der Eingangsseite:

Nebst einigen Proben ägyptischer Glasarbeiten, worunter nebst Halsketten, Skarabäen etc. besonders die zierlichen Alabastren mit Zickzackverzierungen in kobaltblauem Grunde bemerkenswert sind, verdienen hier namentlich die Fragmente bunter römischer Glasarbeiten in künstlerischer und technischer Beziehung größte Beachtung. Viele dieser Bruchstücke sind Teile von Hohlgläsern, andere rühren von Wandbekleidungen, Möbeleinlagen, von Schmuck oder Nippesgegenständen her. Die Blütezeit dieser Industrie fällt in das I. Jahrhundert n. Chr. Der größere Teil sind sogenannte Millefiori-Gläser, eigentlich Mosaikgläser, die durch das Zusammenschmelzen von Glasstäben verschiedener Farbe entstanden sind. Durch Querschnitte auf diese Stabbündel erhielt man Plättchen, auf welchen das beabsichtigte Muster zum Vorschein kam. Die Plättchen wurden in Hohlformen zu Schalen etc. zusammengesetzt, von innen durch eine Glasblase verbunden und dann auf der Außenseite von einer durchsichtigen oder durchscheinenden grünen, braunen, blauen, goldgelben oder violetten Glasmasse überfangen. Besonders feine Arbeiten erhielten noch obendrein durch Schliff eine vollkommen glatte Oberfläche. So die prächtigen Mosaikfragmente mit den zierlichen Blumen und Friesornamenten, die Masken, Vögel, Zierleisten etc. Eine hervorragend schöne seltene Probe dieser minutiösen Mosaiktechnik ist ein in mehreren Bruchstücken erhaltener Fisch auf hellblauem Grunde.

Andere ähnliche Fragmente gehören in die Gruppe der sogenannten Madreporen-Gläser. Das sind Gläser mit unregelmäßigen farbigen Flecken, Spiralbändern oder Ringen, die auf eine ganz ähnliche Art, aber unter Begünstigung von Zufallserscheinungen, die eine gewisse Unregelmäßigkeit des Musters herbeiführen, erzeugt wurden. Eine weitere Gattung bilden die Bandgläser, die aus Längsschnitten von Stabbündeln gebildet sind. Einzelne Stabbündel, welche Fäden von opaker Farbe, meist Weiß, enthielten, wurden schraubenförmig um ihre Längsachse gedreht, und es entstanden jene Gläser mit verstricktem Fadenmuster, die man Filigrangläser nennt. Ein durchsichtiger Überfang verband schließlich alle diese Stäbchen zu einer kompakten Masse. Eine ausgedehnte Gruppe bilden die sogenannten Onyxgläser, die durch Mischung und Verschiebung verschiedenfarbiger Gläser in einzelnen Stücken und Streifen eine mehr konventionelle als auf Täuschung berechnete Nachahmung kostbarer Steinarten aufweisen.

Überdies sind noch Bruchstücke bemerkenswert, die uns verschiedene Techniken antiker Glasarbeit in Einzelproben vorführen. Von der merkwürdigen Spezies der Diatreten, das heißt jener Gefäße, die ein gläsernes Netzwerk umgibt, das aus einem Überfang in der Weise herausgeschliffen ist, daß das Netz frei abstehend nur durch stehen gelassene Stege mit dem andersfarbigen Untergrund in Verbindung steht, besitzt das Museum ein Fragment, auf dem mehrere flache kobaltblaue Bügel auf einem Untergrunde von weißer Farbe aufsitzen und die Technik des Diatretum-Glases in ungewöhnlicher Deutlichkeit erkennen lassen. Besonders bemerkenswert ist ferner eine schöne hellgrüne Medusenmaske, ein aus dicker Masse gepreßter Zieransatz eines Gefäßhenkels, endlich zwei Löffel, eine Nadel, Amulette, Anhängsel, Spielsachen, Kugeln, Halsschnüre, Perlen, Mosaikgläser mit Goldflocken usw.

Unter den mannigfachen Arten der Verwendung des Goldes zum Schmucke der Gläser sind die sogenannten Fondi d’oro die interessantesten. Solche wurden hauptsächlich in römischen Katakomben gefunden. Es sind Schalen, in deren Fuß ein Goldblatt eingelassen ist, dem man eine bestimmte Zeichnung gegeben. Diese Goldgläser beginnen mit Ende des II. Jahrhunderts n. Chr. und reichen bis weit in das V. Jahrhundert. Ein Medaillon, auf welchem die Zeichnung mit scharfem Stifte eingeritzt ist, während die überflüssigen Teile abgeschabt sind und das Ganze blau unterlegt ist, zeigt einen männlichen Porträtkopf und die Inschrift ATIUS BALBIF; es wird in Buchers Katalog unter den echten Antiken angeführt, ist jedoch nicht ganz einwandfrei. Die moderne Nachbildung einer größeren Schale dieser Art befindet sich nebst andern Nachbildungen antiker Gläser und einigen neueren Arbeiten aus Hebron, die noch ganz in antiken Traditionen wurzeln, in dem kleinen Schranke vor dem Fenster.

Was die Formen antiker Hohlgläser betrifft, so bietet die kleine Sammlung im Aufsatzschrank über den Pulten ein abwechslungsvolles Bild. Wir finden halbkugelige und flache, glatte und gerippte Schalen, viereckige, kugelige, birnförmige, lang- und kurzhalsige, plattgedrückte und zylindrische sowie mit Fäden umsponnene Flaschen, solche mit eingekniffenen Bandverzierungen und mannigfach gerippten Henkeln, Ampullen mit flachem Kegelfuß und langgestreckte Phiolen, runde Becher und solche mit eingedrückten Wänden, einen sogenannten Rüsselbecher, kleine Gefäße in Tierform usw. Viele dieser Stücke zeichnen sich durch eine prächtig irisierende Oberfläche aus. Diesen herrlichen Farbenschimmer verdanken sie einem Verwitterungsprozeß, da die verschiedenen Säuren im Erdreiche der Gräber dessen Oberfläche zerstört haben.

In der Ecke links einzeln aufgestellt befindet sich eine arabische Moscheenampel in der Art, wie sie vom XIII. Jahrhundert an in Syrien, namentlich in Damaskus angefertigt wurden. Innerhalb einer weißen Bandverschlingung sind Arabesken in buntem Email dick aufgetragen. Der Grund war von Goldornamenten bedeckt, von welchen größtenteils nur noch die roten Umrißlinien sichtbar sind.

Im freistehenden Schranke in der Mitte haben ältere venezianische Gläser und solche aus Hall in Tirol Aufstellung gefunden. Die venezianische Glasindustrie, in ihrem Wesen an alexandrinische Traditionen, die sowohl in Alexandrien wie in Vorderasien noch während des frühen Mittelalters weiter gepflegt wurden, anknüpfend, ist seit dem XIII. Jahrhundert historisch nachweisbar.

Die ältesten Stücke der Sammlung gehören dem Anfange des XVI. Jahrhunderts an. So die große Schale, in der Mitte unten, mit netzartigen Falten, auf der unteren Seite bemalt mit einer mythologischen Szene in der Mitte und vier Brustbildern und Blattornamenten auf dem Rande, ferner die Schalen und der Pokal mit Goldrand und Perlenornament, im Charakter orientalischer Dekorationsweise. Spätere Typen sind die vier Deckelschälchen, besetzt mit mittels der Formzange gepreßten Rosetten und Löwenköpfchen. Im oberen Fache repräsentiert ein konischer Becher mit einem auf einem Seeungeheuer reitenden Meerweib die bunte Emailmalerei, während ein Faltenpokal, von drei Reifen umschlossen, noch an gotische Formen erinnert. In der Mitte auf hohem Sockel steht ein Pokal mit Goldranken und dem Wappen des Erzbischofs Mathias Lang von Salzburg (1509-1540). Da die Haller Fabrik 1534 gegründet wurde und erst 1550 zu voller Blüte gelangte, dürfte dieser Pokal das älteste noch vorhandene Erzeugnis der Haller Glashütte sein.

Weitere Haller Gläser sind die daneben stehenden hohen, walzenförmigen Pokale, beide mit dem Diamanten geritzt, einer davon auch mit dem charakteristischen Haller Dekor in Gold und kalten Farben (Grün und ein bräunliches Rot). Ein weiterer Haller Walzenpokal aus dunkelblauem Glase mit gerissenem Rankenwerk, auf dem sich Spuren von Vergoldung befinden, auf dem unteren Stellbrett. Vor dem Haller Pokal mit dem Wappen ein Venezianer Schälchen mit Aventurin-Glasfäden, überdies Traubenflaschen, kleine Vasen und Fadengläser aus Murano.

An der Fensterseite folgen nun sechs quergestellte Schränke mit verschiedenen venezianischen Glasarbeiten vom XVI. bis zum XVIII. Jahrhundert. Zunächst finden wir zahlreiche Typen farbloser Kelchgläser mit sehr mannigfach gebildeten Stengeln. Diese Gattung findet im nächsten Schranke ihre Fortsetzung. Einzeln ausgestellt eine Riesenschüssel mit bischöflichem Wappen und zwei ungewöhnlich hohe Stangenpokale. Es folgen in der nächsten Vitrine die sogenannten Flügelgläser. Hier wie bei den vorhergenannten Trinkgefäßen besteht jedes Stück aus drei Glasblasen, eine für den Kelch, eine für den Stengel und eine für die Fußplatte. Bei diesen Flügelgläsern sind zu beiden Seiten des Stengels phantastische ornamentale Formen, meist aus grünblauen und farblosen Glasstäbchen kombiniert, angebracht, die durch Biegen und Zwicken mit der Zange mannigfache Formen erhalten haben und oft in hahnenkopfartige Endigungen auslaufen.

Im folgenden Schranke sind hauptsächlich die mit Diamantgravierung verzierten sogenannten „gerissenen“ venezianischen Gläser vereinigt. Besonders bemerkenswert drei mit zierlichem Rankenwerk geschmückte Schüsseln, eine weitbauchige Deckelvase, ein Eimer mit beweglichem Bügel und die Kelchgläser mit violetter Kuppa.

Die nächste Vitrine enthält venezianische Fadengläser vom XVI. bis zum XVIII. Jahrhundert, deren komplizierte Herstellungsweise außerordentliche Übung und Geschicklichkeit des Glasarbeiters erforderte und daher den besonderen Stolz Muranos bildete.

Die Zahl der Varianten innerhalb dieser Gattung ist außerordentlich groß. Unsere Sammlung enthält Fadengläser mit radialer Anordnung der einzelnen Fadenbündel und sogenannte Netzgläser, die aus zwei Fadenglasblasen bestehen, welche beim Ausdehnen im Gegensinne gedreht wurden, wobei in den „Maschen“ der sich kreuzenden Fäden kleine Luftbläschen entstanden. Bei manchen Stücken sehen wir die netzartige Wirkung der Fäden durch Einstülpen der Blase zu einer doppelwandigen Schale herbeigeführt. Eine verwandte Gattung bilden die Gläser mit „gekämmtem“ Faden, wobei der kräftige weiße Faden nur auf der Oberfläche der Blase angebracht ist und die Musterung an die gewisser schuppen- oder federartig verzierter mit dem Kamme bearbeiteter Tunkpapiere erinnert.

Deckelpokal, geschnitten und geschliffen, böhmisch, um 1700


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Die folgende Vitrine enthält Proben venezianischer Glasfabrikation aus späteren Perioden und verschiedene deutsche Gläser. Die Formen sind mannigfacher, die technischen und künstlerischen Qualitäten aber geringer. Wir finden ein besonders reich ausgebildetes Blumengefäß, einen Krug aus „Eisglas“, und zwar jene im XVI. Jahrhundert entstandene Gattung, die in der Weise erzeugt wurde, daß man die noch nicht erkaltete Blase über kleine Glassplitter hinrollte, wobei diese sich mit der Oberfläche der Blase verbanden, worauf sie durch Einwirkung der Hitze stumpf gemacht wurden. In derselben Reihe sehen wir zwei große niederländische oder deutsche Flügelgläser des XVII. Jahrhunderts nach venezianischer Art. Überdies finden wir hier Proben geschliffener italienischer Gläser, Flakons und Vexiergläser des XVIII. Jahrhunderts und gekämmte Fadengläser von unreiner Farbe und dürftigem Aussehen, wie sie im südlichen und nordöstlichen Böhmen im XVII. Jahrhundert erzeugt wurden. Unter den Gläsern der untersten Reihe flaschenartige deutsche Trinkgefäße, die im XVI. und XVII. Jahrhundert beliebten Angster oder Kuttrolfs mit mehreren dünnen umeinandergeschlungenen Halsröhren, die sich in einer etwas erweiterten, zur Seite gebogenen Mundschale vereinigen und ein Vexierglas. In dem zunächst stehenden Schranke am Fensterpfeiler sind deutsche und böhmische Gläser des XVIII. Jahrhunderts mit vergoldeter Gravierung, Hinterglasmalereien und mit bunter Emailmalerei verzierte Milchgläser des XVIII. Jahrhunderts untergebracht. Im folgenden Schranke am Fensterpfeiler sehen wir bemerkenswerte Versuche der Wiederbelebung der venezianischen Glasmacherkunst in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Fast alle alten Techniken finden wir von neuem angewandt und besonders sei auf die Gläser mit Golddekor nach altem Muster und die Kopie einer sogenannten Brautschale, Violett mit Gold- und Schmelzdekor, und fünf Medaillons in weißem Email: Abenteuer des Zeus, aufmerksam gemacht. Hierher gehört auch der große Deckelpokal in der Mitte des Saales mit Drachenknauf und Drachenstengel aus weißem und rotem Fadenglas, eine Kopie von Salviati nach einem Original der Slade-Kollektion im British Museum.

Im Wandschranke an der Innenseite des nächststehenden Pfeilers sind weitere Typen deutscher Gläser ausgestellt. Wir finden in der oberen Reihe grüne Warzen- oder Nuppenbecher, auch Krautstrünke genannt, rheinische Römer des XVII. Jahrhunderts mit Traubennuppen, in der folgenden Reihe Rubingläser in vergoldeter Kupferfassung aus dem XVII. Jahrhundert und spätere Nachahmungen solcher Gläser an beiden Enden der Reihe. Zu unterst einen Walzenpokal mit Quadermusterung, Spechter genannt, eine Spezialität der Glashütten des XVI. Jahrhunderts am Spessart, mehrere Angster, einen großen Tiroler Humpen, davor ein Trinkgefäß in Form eines Phallus und anderes.

Bis um die Mitte des XVI. Jahrhunderts versorgte Venedig Deutschland mit emaillierten Wappengläsern. Von da ab breitet sich die Erzeugung dieser Gläser, die wir in zwei Schränken an der Außenseite der Pfeiler vereinigt finden, auch nördlich der Alpen aus. Bis etwa 1600 sind diese Walzenhumpen aus farblosem Glas, später erscheinen sie in verschiedenen grünlichen Nuancen. Die älteren Formen sind konisch und mit einem kurzen Fußansatz versehen, die späteren einfach zylindrisch. Die Emailmalerei beschränkt sich ursprünglich auf Wappen adeliger Familien. Vom Ende des XVII. Jahrhunderts erscheinen Zunftwappen und Embleme bürgerlicher Korporationen. Ein sehr beliebter Vorwurf für größere Humpen war der Reichsadler mit den Quaternionen-Wappen auf den Flügeln. Ein anderes oft vorkommendes Motiv sind der Kaiser und die sieben Kurfürsten, von denen es zweierlei Darstellungsweisen gibt; die ältere zeigt den Kaiser auf dem Throne sitzend und die Kurfürsten stehen angereiht — ältestes Stück von 1591 im Wiener Hofmuseum — die jüngere, häufigere, zeigt Kaiser und Kurfürsten zu Pferde. Andere beliebte Vorwürfe sind Jagddarstellungen, Jahreszeiten, Kardinaltugenden usw. Selten sind dagegen Genredarstellungen wie die auf dem konischen Trinkkrug von 1572 mit der Frau und dem Fuchs, der zugleich das älteste bekannte Stück dieser Art ist. Ein seltenes Glas anderer Art ist der zylindrische Becher mit Ansicht von Krafftzhofen und dem Wappen der Nürnberger Patrizierfamilie Kress vom Jahre 1657. In verschiedenen Größen sind Fichtelbergergläser, Erzeugnisse der Hütten von Bischofsgrün, mit der schematischen Ansicht des Ochsenkopfes und den vier dem Fichtelgebirge entspringenden Flüssen vorhanden. Aus dem benachbarten Thüringen stammt ein konisches Trinkglas mit zwei männlichen Figuren und wortreicher Inschrift, die den einen von beiden als Dieb bezeichnet, datiert: Lauscha 1712. Besondere Beachtung verdient ferner ein Hallorenhumpen des vierten, etwa von 1707 bis 1732 üblichen Typus, ein keilförmiger Deckelhumpen der Mitglieder der Salzpfännerschaft in Halle a. S., der „Brüder im Thale“, als was sie am Fuße des Humpens bezeichnet werden. Wir sehen unten Hallorenfiguren aneinander gereiht, darüber das Pfännerschaftswappen, von zwei Salzwirkern begleitet, rückwärts einen Fahnenträger mit brandenburgischer Fahne und darüber in Goldauflage, jetzt kaum mehr sichtbar, die Ansicht der Stadt Halle. Aus solchen Humpen wurde bei der Pfingstfeier „Torgauisch Bier“ getrunken. Ein Humpen für Studentenkneipen ist den Darstellungen nach das Paßglas mit gekniffenen Reifen, die die Grenze angeben, bis wohin das Glas geleert werden soll. Andere hier ausgestellte Arbeiten sind Vierkantflaschen mit Zinnschrauben (Apothekergefäß), ein zierlicher blauer Teller mit weißer Emailmalerei und drei Fischen in der Mitte, ein kleines sächsisches Hofkellereiglas, andere solche Gläser mit sächsisch-polnischem oder kursächsischem Wappen und eine Reihe späterer Arbeiten bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts. Interessant ist es zu beobachten, wie lange sich bei diesen Gläsern die traditionelle aus Venedig übernommene Verzierung mit goldenem Randstreifen und bunten Punkten erhalten hat.

Von hier in den Saal zurückkehrend finden wir zunächst einen Schrank mit Gläsern, deren Dekor in Schwarzlot ausgeführt ist. Joh. Schaper aus Harburg a. d. Elbe hatte diese Gattung von Malerei gegen 1640 nach Nürnberg gebracht, dort bis zu seinem Tode (1670) weiter gepflegt und auf eine Reihe von Schülern übertragen. Von einem derselben, Johann Keyll befindet sich ein signierter und 1678 datierter Becher mit drei Kugelfüßen in der oberen Reihe, er ist mit einer Bacchantengruppe und der Ansicht von Rückersdorf verziert. Außerdem sehen wir hier noch einen größeren Kurfürstenhumpen, mehrere Kelchgläser, zwei weitere Becher mit Kugelfüßen und einen Reichsadlerhumpen mit Doppelchronogramm 1720. Um diese Zeit hört die Schwarzlotmalerei in Nürnberg auf und wird auf geschliffenen böhmisch-schlesischen Gläsern fortgesetzt, wobei Laub- und Bandelwerkornamente, kombiniert mit Rokoko- oder Chinesenfiguren, und durch Goldhöhung bereichert die Dekorationsmotive bilden, wie es die in den folgenden zwei Reihen aufgestellten Stücke zeigen. Arbeiten des XVIII. Jahrhunderts mit äußerst fein ausgeführten bunten figürlichen Emailmalereien schließen sich diesen späten Schwarzlotgläsern an.

Im folgenden Schranke sind Doppelgläser verschiedener Art ausgestellt, solche, wie sie bereits Kunkel in seiner Ars vitraria beschreibt, die innen mit Ölfarben marmorartig bemalt oder mit Gold- und Silberfolie unterlegt sind und andere mit buntem figürlichen oder ornamentalem Schmuck auf Silberfolie. In verschiedenen Formen sehen wir hier auch die radierten Zwischengoldgläser, wie sie im XVIII. Jahrhundert in Böhmen erzeugt wurden. Sie sind außen vielseitig fassettiert, an den ineinandergeschobenen und dekorierten Innenseiten dagegen glatt. Die meisten zeigen Jagdmotive und Kriegsszenen, andere Genrebilder, so wie das Glas mit dem Festessen und das mit den Billardspielern, andere Heiligenbilder oder Allegorien. Ebenfalls böhmischen Ursprungs sind die mit eingesetzten, rot oder grün unterlegten Plättchen, welche mit Inschriften, Monogrammen, Emblemen usw. verziert sind. Sie erscheinen entweder kreisrund und flach im Boden des Gefäßes eingesetzt oder oval und in die Seitenwand eingelassen. Diese in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts aussterbende Gattung erfährt zwischen 1788 und 1808 durch den Glasschleifer und Glasmaler der Glashütte Guttenbrunn in Niederösterreich Johann Josef Mildner eine kurze Neubelebung. Mildner, der seine Arbeiten zu signieren pflegte, gravierte seine Ornamente, Monogramme, Inschriften, Heiligenbilder und Porträte in einem Belag von Blattsilber oder Blattgold, der die Außenseite des inneren Glases bedeckte, von innen her gesehen werden sollte, und durch einen roten Lacküberzug deutlicher gemacht wurde. Das darüber befindliche äußere Glas wurde an der Innenseite in gleicher Weise für die Ansicht von außen behandelt. In der Regel nahm er für die Innenseite Silber, für die Außenseite Gold, dazwischen lag die rote Lackschichte. Die beiden in der Mitte der mittleren Reihe ausgestellten Gläser tragen das Porträt des Josef von Fürnberg, von 1742 bis 1799 Besitzer der Herrschaft Guttenbrunn.

Von größter Bedeutung für die künstlerische Entwicklung des Glases war die durch Kaspar Lehmann, einen Steinschneider am Hofe Rudolfs II. in Prag, zuerst erfolgte Übertragung seiner Technik auf das Glas. Dieses Schneiden besteht in einer kunstvollen Bearbeitung des Glases mit kleinen Rädchen im Gegensatze zum gewöhnlichen Schleifen. Es gibt Hochschnitte, wobei die gewollten Formen im Relief erscheinen, die Oberfläche also abgearbeitet werden muß, und Tiefschnitte, bei denen der Dekor ähnlich einer Gravierung in die Fläche vertieft eingeschnitten wird. Das einzige von Lehmann signierte und 1605 datierte Stück ist ein großer Becher mit drei allegorischen Figuren in der Sammlung des Fürsten Schwarzenberg in Frauenberg. Von diesem Stücke befindet sich eine gute Kopie in dem nächst dem dritten Pfeiler befindlichen Schranke mit modernen Nachbildungen wichtiger Typen böhmischer und schlesischer Gläser, es ist das erste Stück in der obersten Reihe.

Lehmann starb 1622 und vererbte sein Können auf seinen einzigen Schüler, den Nürnberger Georg Schwanhardt, der nach dem Tode des Meisters in seine Vaterstadt zurückkehrte und dort eine Glasschneidetechnik einführte, die sein Sohn und verschiedene andere Mitglieder seiner Familie weiterbetrieben. Die Technik des Schneidens erfuhr zugleich eine Erweiterung durch das gelegentlich angewendete Blankschleifen des Schnittes. Die in Nürnberg geschnittenen Gläser unterscheiden sich nach Robert Schmidt namentlich dadurch von den späteren böhmischen, daß ihr Schaft nicht massiv, sondern aus einer Glasblase geformt ist.

Solche Hohlbalusterpokale sind im ersten Schranke der sich längs der Galerie hinziehenden Vitrinen aufgestellt. Sie bilden die oberste Reihe und beginnen mit einem Kelchglase mit Landschaft, worin die Bäume im Charakter der Arbeiten des Nürnberger Glasschneiders H. W. Schmidt ausgeführt sind. Hierauf folgt ein Deckelpokal, der durch die Zartheit des Baumschlages den Arbeiten von Killinger, dem letzten aus der Reihe der Nürnberger Glasschneider, nahesteht. Von den weiteren Nürnberger Pokalen sind noch der mit trichterförmiger Kuppa und prächtigen Rosenzweigen, der reich dekorierte, von 1714 datierte und der mit teilweise vergoldeten Ornamenten verzierte besonders bemerkenswert.

Es folgen sodann in diesem und dem zunächst stehenden Schranke böhmische Gläser des XVII. Jahrhunderts, von denen manche noch deutlich den venezianischen Einfluß namentlich in ihren gekniffenen Flügelansätzen und manchmal auch durch den im Stengel angebrachten roten Faden erkennen lassen.

Die Gliederung der oft hohen Schäfte besteht in wahllos aneinandergereihten Kugeln und Scheiben, die geschnittenen Verzierungen (Blumen und Landschaften) sind roh und ganz oberflächlich eingeschnitten, ja mehr geschliffen als geschnitten.

Charakteristisch für die böhmischen Gläser vor 1680 sind die schweren tropfenförmigen radial angeordneten Ansätze am Unterteil der Kelche und auf den Deckeln, das schönste derartige Stück ein hoher Doppelpokal mit Puttenmedaillons zwischen Ornamenten, einzeln ausgestellt vor dem Mittelfenster. Überdies finden wir Vexiergläser, wie sie in Form von Posthörnern, Pistolen, Schweinen, Bären, Tabakspfeifen usw. bis tief ins XVIII. Jahrhundert beliebt waren und zu allerlei Trinkerscherzen Anlaß gaben. Eine weitere Stufe in der Veredlung des böhmischen Glasdekors wird namentlich in den Glashütten des Riesengebirges durch die feinere Ausbildung des Schliffes erreicht, der sich auf den nun bereits starkwandig hergestellten Gläsern durch Kombination von Rillen, Kugeln, Fassetten und aus olivenförmigen Vertiefungen gebildeten Sternen, die später gewöhnlich nur in die Unterseite der Standfläche eingeschnitten werden, zu einer einfachen, aber oft sehr reizvollen Schleiferornamentik entwickelt. Solche Arbeit finden wir an den zwei Kannen unter der Reihe der Nürnberger Gläser und an einer Anzahl von Pokalen der untersten Reihe.

In Böhmen und Schlesien beginnt die klassische Zeit des Glasschnittes mit den wuchtigen, im Hochschnitt verzierten Gläsern. Ein solches Glas sehen wir in der obersten Reihe der folgenden Vitrine. Es trägt ein Allianzwappen des Gundaker Grafen Althan und ist mit schweren Akanthusranken verziert. Andere Gläser dieser Reihe zeigen eine Kombination von Hochschnitt und Tiefschnitt. In der Folgezeit beherrscht der leichter auszuführende Tiefschnitt fast die gesamte Produktion. Etwa zwischen 1680 und 1700 ist ein Dekor mit kleinen dichten Blumen üblich, der ohne besondere Gliederung, nur durch umkränzte Medaillons mit Porträten, Wappen u. dgl. unterbrochen wird, wie wir es an einigen Beispielen der folgenden Reihe sehen. Nach 1700 tritt eine Dekorationsweise mit großen Ranken und hineinkomponierten Blumen- oder Fruchtbüscheln auf, die Flächen sind nur mit leichtem Rankenwerk in lockerer Anordnung verziert und gleichzeitig kommt selbständig oder in Verbindung damit ein kalligraphisches Schnörkelwerk in Verwendung, wie wir es an einigen Beispielen der untersten Reihe und im folgenden Schranke sehen. Im zweiten Viertel des XVIII. Jahrhunderts tritt der prunkvolle Dekor mit Laub- und Bandelwerk auf, der eine üppige Umrahmung zu einer Hauptdarstellung, einem Porträt, einer architektonischen oder sonstigen Vedute, einem Wappen, Monogramm etc. bildet. Die Fläche ist gleichmäßig bedeckt, mattgeschliffene Bänder mit klar geschliffenen Kugelungen oder Streifen bilden das Gerüst des Blattwerks, Lambrequins, Baldachine, Trophäen, Putten, Tiere, Blumenvasen, kleine Landschaftsbildchen treten dazwischen. Die beiden folgenden Schränke weisen zahlreiche Arbeiten dieser Art auf. An den schlesischen Pokalen sind zwei Hauptformen zu bemerken. Bis etwa 1740 erscheint der untere Teil des Kelches eingezogen und mit blumenkelchartig gebildeten Fassetten verziert, die sich auf der Kuppa fortsetzen. Später hat die Kuppa keine Fassetten, und der kahle, stangenförmige Schaft geht mittels eines Kugelknaufes in den Kelch über. Besondere Formen zeigen die ovalen und oft auch muschelförmigen Konfitüreschälchen, die sich in solche mit und andere ohne Goldrand scheiden, sowie die Pokale, die ohne Schaft direkt, nur durch eine Einschnürung vermittelt, auf dem Fuße aufsitzen.

Um 1760 treten in Böhmen die Gläser mit ausgesprochenem Rokokoornament und zierlicher Randmusterung auf, wovon namentlich die zwei Pokale mit in Metall ergänztem Fuß Zeugnis geben. Nach 1775 unter dem Einfluß des Louis XVI-Stiles wird der Glasdekor einfacher und schlichter, es treten sowohl ganz dünnwandige Gläser auf, wie eine Anzahl in der untersten Reihe des vorletzten Schrankes ausgestellter Gläser zeigt, als auch schwere Formen mit dickem quadratischem Fuß, wie wir es in den beiden letzten Schränken sehen. Mit Beginn des XIX. Jahrhunderts zeigt sich bei den Gläsern aus Haida, Steinschönau und Blottendorf eine neu erwachte Farbenfreude, die sich sowohl in prächtigen Überfanggläsern sowie in den Hyalit- und Lithyalingläsern äußert, von denen wir in der vor dem Fenster aufgestellten Vitrine einige Beispiele finden. Hier sind auch Gläser mit durchsichtiger Emailmalerei nach Sigismund und seinem Sohne Samuel Mohn, Mohn-Gläser genannt, und gleichartige Arbeiten des Wieners Kothgaßner ausgestellt.

Ein kleiner Schrank am Pfeiler enthält verschiedene chinesische und japanische Glasarbeiten. An der Lampe geblasene Gläser (Uhrgehäuse, Nähkästchen etc.) sind in zwei andern Vitrinen an der Innenseite der Pfeiler ausgestellt.

Die übrigen Schränke enthalten moderne österreichische, französische, englische und amerikanische Glasarbeiten aus der Zeit von etwa 1880 bis zur Gegenwart. Besonders reich ist die Firma J. & L. Lobmeyr mit zahlreichen und vorzüglichen bunten und geschnittenen Glasarbeiten vertreten.

[29] Bucher, Br., Die Glassammlung des k. k. Österr. Museums. Geschichtliche Übersicht und Katalog. Mit 13 Tafeln. 1888.