Sechstes Kapitel.
Die Revolution.
Fürs Vaterland, Recht und Freiheit streiten,
Das ist des Mannes höchste Pflicht.
In wenigen Tagen hatte Theodor das Nothwendigste auf der Farm besorgt und da nichts Besonderes weiter zu thun war, ersuchte er Vater Leinbach, ihm zu erlauben, nach Philadelphia zu reisen und seiner Maria die frohe Kunde von dem Landgeschenke überbringen zu dürfen, in welchen Wunsch Leinbach gern willigte, da er überdies mehrere Aufträge daselbst zu besorgen hätte, denn wie er vernommen, sehe es in Philadelphia jetzt sehr unruhig aus, und je früher er das Pferd sattle, desto lieber wäre es ihm. Theodor versprach Alles auf’s Pünktlichste zu besorgen und schon am nächsten Morgen in der Frühe ritt er zur Farm hinaus, Philadelphia zu.
Wie immer, wenn er nach dieser Stadt kam, wurde er von der guten Kreuderin, sowie von der Familie Mühlenberg und seiner Maria herzlich empfangen und so zu sagen gehätschelt, denn er war ein gar schöner und anständiger Mann geworden, dem man bei der Unterhaltung gar nicht anmerkte, daß er sich nur mit Ackerbau und der Viehzucht beschäftigte. Er erzählte den Lieben, wie nobel er von Vater Leinbach behandelt werde, er zeigte ihnen den Schenkungsakt über das schöne Stück Land, das künftig seine Heimath werden sollte, worüber Alle hoch erfreut und den jungen Leuten zu ihrer neuen Heimath alles Glück wünschten. Dann wurde nochmals die Hochzeit besprochen und beschlossen, daß Pastor Mühlenberg die Trauung in Philadelphia vollziehen sollte und daß Theodor den Vater Leinbach und seine liebe Frau zum Hochzeitsfeste nach Philadelphia mitbringen müsse, doch sollte die Hochzeit nicht eher stattfinden, bis das Blockhaus auf dem neuen Lande wohnlich eingerichtet und Maria unterdessen für die inneren Bequemlichkeiten desselben gesorgt hätte, wobei ihr die Frau Pfarrerin und ihre Tochter (später die Frau des Pastors Kuntz), und die gute Frau Kreuderin, behülflich sein wollten.
Ueberglücklich war Theodor und seine Maria und schauten mit den schönsten Hoffnungen in die so nahe vor ihnen liegende Zukunft.
Allein es sollte leider anders werden. — Der Mensch denkt, Gott lenkt! —
In dieser Zeit erhoben sich immer mehr dunkele Wolken über die Colonien, immer mehr lastete der Druck der englischen Regierung auf ihren Colonisten in Nordamerika, immer mehr stieg die Erbitterung derselben gegen ihre Unterdrücker, und hatte bereits in Boston das Volk den so hoch von den Engländern besteuerten Thee aus den englischen Schiffen über Bord geworfen, auch hatten schon mehrere Gefechte zwischen den Colonisten und den englischen Soldaten stattgefunden.
Dies war die Veranlassung, daß die edelsten Männer des Landes sich in Philadelphia versammelten, um das englische Joch abzuschütteln. Sie riefen die Männer der Colonien zu den Waffen, um Gewalt gegen Gewalt zu setzen, und freudig erschienen täglich Hunderte, um sich anwerben zu lassen. Besonders herrschte in Philadelphia reges Leben, überall vernahm man Verwünschungen gegen das englische Gouvernement und seine Bevollmächtigten, und tüchtige Redner schürten das Feuer, bis es in helle Flammen aufloderte. Selbst Pastor Mühlenberg, der so christliche Mann, war über die Handlungen der englischen Regierung empört, und erklärte offen, daß der König von England und seine Gewaltherrscher gegen die Colonisten gewissenlos handelten.
Doch, lassen wir die Vorgänge ruhen, die bei dem Kampfe für Freiheit und Unabhängigkeit dieser Vereinigten Staaten stattfanden, dieselben sind ja Jedermann bekannt, und kehren wieder zu unserer Erzählung zurück.
Zufällig traf Theodor in Philadelphia einen jungen Bauerssohn Namens Isaak Levan, aus der Nachbarschaft von Reading, welcher einige Male Leinbach’s Farm besucht und mit welchem er und Friedrich, Leinbach’s ältester Sohn, gute Kameradschaft gemacht. Der junge Levan hatte öfters Friedrich und Theodor eingeladen, seines Vaters Farm in Elsaß, bei Reading, zu besuchen, doch hatten sie ihr Versprechen, dahin zu kommen, bis jetzt noch nicht erfüllen können.
Freudig begrüßten sich die beiden jungen Männer, und Levan erzählte Theodor, daß er auf die Bitte des Joseph Hister in Reading hierher gekommen sei, um zu erfahren, wie es mit der Sache der Aufständigen stehe, und auf welche Weise man denselben Hülfe bringen könne, denn in Reading und in Berks County überhaupt, sei man entschlossen, sein Schärflein zur Befreiung der Colonien aus den Händen der Engländer beizutragen, besonders sei es Joseph Hister, ein noch junger, doch für Freiheit und Unabhängigkeit glühender Mann, daran gelegen zu erfahren, wie es mit der Armee des Generals Washington stehe, da Joseph Hister beabsichtige, aus den jungen Leuten von Berks County eine Militärcompagnie zu errichten und dieselbe unter Commando des braven Washington zu stellen. Ferner erzählte Levan, daß er Benjamin Franklin und Thomas Jefferson besucht habe und diese ihm versichert, daß bei einer Energie und Opferwilligkeit, wie sie Washington besitze, derselbe zuletzt doch siegen müsse, wenn auch nach schweren Kämpfen, und hätten sich beide Männer sehr gefreut, daß die Deutschen sich mit Eifer der Sache der Freiheit annehmen. Auch in Bethlehem und Lancaster sammelten die Deutschen Leute, welche freiwillig in den Kampf für Freiheit ziehen wollten und ihre Zahl sei keine geringe. Jefferson habe ihm noch den besonderen Auftrag gegeben, Hister, dessen Vater er kenne, und von dem er wisse, daß er für die Sache der Unabhängigkeit hoch begeistert sei, sowie Alle, welche in den gerechten Kampf ziehen wollten, herzlich zu grüßen. Bedenke, junger Mann, habe Jefferson noch hinzugefügt, wenn wir sagen können, dieses große, herrliche Land ist unser, den Bürgern gehört’s, die sich selbst regieren wollen und können. Welcher Segen wird für uns entspringen, ja für die ganze Menschheit!
Nun Freund Theodor, fuhr Levan fort, will ich wieder nach Reading zurückkehren und berichten, was ich von den großen Patrioten vernommen, dann wollen wir eifrig daran gehen, eine Militär-Compagnie zu bilden und sobald dieselbe vollständig, in Washington’s Lager ziehen, auch ich will mitgehen, denn es ist ja des Mannes heiligste Pflicht, für Freiheit und Vaterland zu kämpfen und freudig ziehe ich in den Kampf.
Nachdem Levan seine Erzählung geendet hatte, stand Theodor noch eine zeitlang sinnend da, dann hob er plötzlich sein Haupt empor, reichte seinem Freunde die Hand und sprach: Isaak, glaube mir, ich bin wie du mit Leib und Seele der Sache der Freiheit und Unabhängigkeit ergeben, und was ich heute Morgen von dem braven Pastor Mühlenberg vernommen, daß die Engländer mit Feuer und Schwert die nach Gerechtigkeit rufenden Colonisten verfolgen und tyrannisiren, habe ich eine solche Wuth bekommen, daß ich auf der Stelle hätte darein schlagen mögen. Als mir aber der Pfarrer noch erzählte, daß sein Sohn Peter den Priesterrock ausgezogen, das Schwert umgürtet, um die Unterdrücker zum Lande hinauszujagen, da hatte ich keine Ruhe mehr, und bin jetzt froh, dich hier gefunden zu haben. Ich will mithelfen, den Räubertroß nach England zurückzujagen, und dazu bin ich jetzt fest entschlossen, obschon ich eben daran war, mir ein schönes Heim zu gründen und ein, ach! so liebes Weibchen, mein zu nennen, doch wie ein jeder guter Patriot sagt, will auch ich sagen: Es ist des Mannes heiligste Pflicht für Freiheit und Vaterland zu kämpfen. Nun, Levan, fuhr er fort, da dein Weg nach Reading nicht gar weit von unserer Farm vorbeizieht, so reite ich mit dir, du kehrst bei uns ein, erzählst Vater Leinbach was vorgeht, und da ich weiß, daß er einen großen Haß gegen die Unterdrücker hegt, so wird er wohl nichts dagegen haben, wenn auch ich mich den Berks Countyern anschließe und mit in den Krieg ziehe. Ehe ich jedoch Philadelphia verlasse, will ich noch einmal zu Pastor Mühlenberg gehen und ihm mein Vorhaben mittheilen und seinen Rath vernehmen. Du, Levan, gehst unterdessen zu Mutter Kreuderin, wartest auf meine Zurückkunft, dann wollen wir zusammen abreisen. Mache es nicht lange, erwiederte Levan, dann können wir heute noch Norris Wirthshaus erreichen, dort übernachten und morgen Abend noch Vater Leinbach’s Farm erreichen.
Theodor eilte nun der Behausung des Pfarrers Mühlenberg zu und als er in dieselbe getreten war, fand er die ganze Familie, auch Maria, in des Pfarrers Sprechstube. Alle waren in großer Aufregung, denn der Pfarrer hatte eben den folgenden Brief, den er von seinem Sohn Peter erhalten, vorgelesen:
Lieber Vater, Mutter und Geschwister!
Das zehnte Virginische Regiment, aus lauter Deutschen bestehend, zu dessen Colonel ich ernannt wurde, ist jetzt vollkommen gerüstet; meine Leute sind alle muthig und ziehen freudig noch heute in den Kampf für die gerechte Sache. Möge Gott uns Alle beschützen, und möget ihr nur Gutes von mir vernehmen. Ich verlasse ein theures Weib, ein liebes Kind, doch das Vaterland ruft mich und es ist meine Pflicht dem Rufe zu folgen.
Lebt Alle wohl!
Euer Peter Mühlenberg,
Colonel des zehnten Virginischen Regiments.
Durch diese Mittheilung ermuthigt, theilte Theodor den Pfarrersleuten mit, daß auch er sich entschlossen habe, dem Vaterlande seine Dienste zu weihen, und sich der Militär-Compagnie, die man jetzt in Reading gründe, anschließen wolle, wenn es Maria nicht zu hart nehme, daß er sie verlasse, wo ihnen jetzt eine so schöne Zukunft bevorstehe. Als Maria diese Worte vernommen, rollten schwere Thränen über ihre Wangen, doch mit festen Tritten trat sie zu ihm, reichte ihm die Hand und sprach: Mein lieber Theodor, du hast mir noch heute versprochen, eine gute Heimath uns zu gründen und mich als dein Weib heimzuführen, wodurch ich hoch erfreut war und mit großer Sehnsucht der Zeit entgegen sah, wo wir vereint mit einander leben sollten, doch darf ich dir nicht verhehlen, daß fort und fort eine düstere Ahnung mein Herz erfüllte, daß die so gewünschte Zeit sich in weite Ferne ziehen werde, und siehe, die Ahnung fängt heute schon an, sich zu bewahrheiten; doch glaube ja nicht, daß ich gegen dein Vorhaben bin, denn ich sehe ja hier schon seit einiger Zeit, daß viele Männer ihre Frauen und Kinder verlassen, um in den heiligen Kampf zu ziehen, wie es ja auch Vater Mühlenbergs Sohn gethan, und so sage ich, zieh’ hin mein theurer Theodor, bleibe treu bis in den Tod dem Vaterland und deiner Liebe. Sie drückte dem jungen Manne noch einen herzhaften Kuß auf den Mund und verließ eilig die Stube.
Erschüttert und bleich stand nach diesen Worten Maria’s Theodor bei den Pfarrersleuten, die ebenfalls von Maria’s Worten ergriffen waren; dann ging er aber rasch zu der Frau Pfarrerin, reichte ihr die Hand und bat mit den bewegtesten Worten, daß sie sich des armen Mädchens annehmen möchte, und wenn möglich zu veranlassen suchen, sich mit ihm trauen zu lassen, ehe er in den Krieg ziehe. Pfarrer Mühlenberg und sein gutes Weib versprachen Elternstelle bei Maria zu übernehmen und wollten sie auch zu bewegen suchen, sich mit ihm, ehe er in den Kampf ziehe, trauen zu lassen.
Nach herzlichem Abschied von der guten Familie, eilte er zu Frau Kreuderin, wo sein Freund Levan seiner wartete, und bald saßen die beiden jungen Leute zu Pferde und rasch ging es nach Oley zu, der Farm des Vaters Leinbach, welche sie auch am nächsten Nachmittag ohne Unfälle erreichten und von der ganzen Familie auf das Freundlichste aufgenommen wurden.
Theodor erzählte jetzt Alles was er in Philadelphia erlebt, ohne alle Umschweife. Er berichtete, wie er Freund Levan gefunden, von der gewaltigen Aufregung, welche in Philadelphia herrsche und wie jeder brave Mann daselbst gesonnen sei, für Freiheit und Unabhängigkeit in den Kampf zu ziehen. Selbst Männer in reiferem Alter hätten Weib und Kinder verlassen und die Waffen für die gerechte Sache ergriffen. Mein Freund Levan, fuhr er fort, ist auch ein guter Patriot und hat sich bereits der freiwilligen Militärcompagnie in Reading angeschlossen und auch ich habe gedacht, nachdem ich mich mit Pfarrer Mühlenberg und der Maria berathen, daß, wenn Ihr, lieber Vater Leinbach, nichts dagegen habt, ich mit Levan nach Reading gehe, mich der Compagnie anschließe und mit in den Kampf ziehe, denn es wäre ja eine Schande für einen kräftigen jungen Mann, wenn er sich zurückziehen wollte dem Vaterland zu dienen, während er sieht, daß Männer Weib und Kinder verlassen, zu den Waffen greifen, um Tyrannen aus dem Lande zu jagen. Selbst seine Maria hätte ihm zugerufen: Ziehe hinaus! Bleibe treu bis in den Tod dem Vaterland und deiner Liebe!
Als Vater Leinbach die von Theodor mit großer Begeisterung gesprochenen Worte vernommen, stand er auf, Thränen rollten über die Wangen des sonst abgehärteten Mannes, und mit tiefer Rührung sprach er: Theodor, das Vaterland, die gerechte Sache ruft dich, ziehe hinaus in den Kampf, der Herr begleite dich auf allen deinen Wegen und führe dich wieder glücklich zu uns zurück. Nun gehe und ruhe dich aus, denn morgen wird es noch gar Manches für dich zu thun geben.
Da es schon spät war, begaben sich die jungen Männer zur Ruhe, aber kaum begann das Grauen des nächsten Tages, da stand Theodor schon mit Leinbach’s beiden Söhnen in Berathung, wie fernerhin die Arbeiten auf der Farm geleitet werden sollten. Der ältere Sohn meinte, er könne jetzt den Vater nicht verlassen, daß ihn aber, sobald die schwerste Herbstarbeit verrichtet wäre, Niemand zurückhalten dürfe, mitzuhelfen, den Engländern das Fell zu verklopfen. Er werde, fuhr er fort, die Reading Compagnie aufsuchen, und stände sie in vollem Feuer. Gerührt schüttelte Theodor dem jungen Manne die Hand.
Nachdem auch Vater Leinbach zu den jungen Leuten getreten war, beschloß man, da die Herbsternte bereits eingeheimst sei, so viel als möglich die Vorarbeiten für den Winter zu besprechen und zu besorgen, und als noch der junge Levan dazu kam, so ging’s rasch an die Arbeit, und schon am Abend waren alle Vorarbeiten in Scheuer, Stall und Remise besorgt, so daß man auch ohne Theodor fertig werden konnte.
Die Nacht war hereingebrochen und ermüdet ging man in die Wohnstube, wo ein gutes Essen für die Arbeiter bereit stand. Nach dem Essen ergriff Leinbach das Wort, lobte die jungen Leute wegen ihrem Vorhaben, gab denselben seinen besten Rath und bestimmte, daß sein Sohn mit nach Reading reiten sollte und Theodors Pferd wieder mit zurückbringen, da er ja doch keinen Gebrauch dafür habe. Hierauf begab man sich zur Ruhe, doch kaum war wieder der nächste Morgen angebrochen, so waren die jungen Männer auch auf den Beinen und machten sich reisefertig. Als sie in die Stube traten, um Abschied zu nehmen, war schon ein vortreffliches Frühstück aufgestellt und Vater Leinbach lud die Anwesenden zum Essen ein. Nach dem Essen übergab Mutter Leinbach Theodor ein Packet mit allem nöthigen Weißzeug, Vater Leinbach drückte ihm eine wohlgefüllte Börse in die Hand und ohne Weiteres seinem treuen Knecht sagen zu können, entfernte er sich, tief ergriffen von ihm scheiden zu müssen, und eilte in ein Nebengemach. Theodor nahm jetzt von den Uebrigen herzlichen Abschied und bald darauf eilten die drei Reiter zur Farm hinaus; Theodor mit schwerem Herzen, denn vielleicht war es das letzte Mal, daß er die Farm und seine Lieben sehen sollte.