Siebentes Kapitel.
Der Marsch nach Washington’s Armee. — Freudiges Wiedersehn. — Die Hochzeit.
Der Krieger muß zum heil’gen Kampf hinaus,
Für Freiheit, Recht und Vaterland zu streiten;
Da zieht er noch vor seines Liebchens Haus,
Nicht ohne Abschied will er von ihr scheiden:
O weine nicht die Aeuglein roth,
Als wenn nicht Trost und Hoffnung bliebe,
Bleib’ ich doch treu bis in den Tod
Dem Vaterland und meiner Liebe.
Nach einem scharfen Ritt hatten die drei jungen Männer in wenigen Stunden das damalige Dörfchen Reading erreicht, auf dessen Marktplatz (jetzt das Square in der Pennstraße, zwischen der 5ten und 6ten) ein sehr reges Leben herrschte. Man hörte die Trommeln rühren, sah Männer und Burschen mit dem Gewehr auf der Schulter sich daselbst sammeln und zum Abmarsch bereit machen. Capitän Joseph Hister stand auf einem erhöhten Platz und war eben im Begriff eine Anrede an die Freiwilligen zu halten, als er Levan und seine Begleiter die Pennstraße herabkommen sah. Schnell verließ er seinen Platz, eilte auf Levan zu und bat denselben in aller Kürze sogleich zu berichten, wie es mit der Sache der Aufständigen stehe, und wie es mit Washington’s Armee aussehe. Als Levan berichtet hatte, daß die Aufständigen zu Hunderten herbeieilten, um in den Kampf zu ziehen, daß Washington zwar jetzt nur eine kleine, aber tapfere Schaar habe, welche in kleinen Scharmützeln den Engländern tiefe Wunden beigebracht, daß viele Deutsche aus dem Hessenlande, welche in die englische Armee gepreßt wurden, bereits zu den Amerikanern übergegangen seien, und daß Washington bei Princetown sein Lager habe, da eilte Hister zu seinem Platze zurück, schwang die neue Fahne und verkündete der Menge die frohe Botschaft, worauf ein donnernder Jubelruf die Luft durchtönte.
Als der erste Jubel vorüber war, stellte Levan seinen Kameraden, Theodor Benz, als einen neuen Rekruten aus Oley vor, welcher mit dreifachen herzhaften Hurrah’s empfangen wurde.
Noch an demselben Tage, gerade als die Glocke die Mittagsstunde anzeigte, zogen die freiwilligen Streiter von Berks County aus Reading und erreichten nach einem Marsche von drei und einem halben Tage die Stadt Philadelphia. Unterwegs hatten sich den Freiwilligen noch eine Zahl deutscher Farmerssöhne angeschlossen und so war es ein gar stattlicher Zug, welcher in die Stadt der Bruderliebe einzog und von den Bewohnern mit großem Jubel empfangen wurden.
Als Hister’s Leute ihr Quartier eingenommen, eilte Theodor Benz zu dem Capitän und bat ihn um Erlaubniß den Pfarrer Mühlenberg besuchen zu dürfen, da er daselbst für sich Wichtiges zu besorgen habe. Gerne willigte Hister in das Gesuch seines jungen Rekruten, der dann der Wohnung des Pfarrers zueilte, wo er auf die freundlichste Art von allen Gliedern der Familie und seiner Maria empfangen wurde. Man besprach nun die Hauptsache, die Hochzeit, und da Maria mit Allem einverstanden war, so kam man überein, daß die Trauung um sechs Uhr Abends in der St. Michaelis-Kirche in der Fünften, nahe der Cherrystraße, stattfinden und Mutter Kreuderin und sonstige Bekannte und Freunde dazu eingeladen werden sollten. Als die bestimmte Stunde herangenaht, war die kleine Kirche mit Eingeladenen und Neugierigen gefüllt, unter ihnen die gute Mutter Kreuderin, Levan, Theodors Freund, Capitän Hister und Capitän Graul und viele Andere.
Die Anrede des würdigen Predigers an das Brautpaar, sein Gebet zu dem Allmächtigen für ihr Wohl, war so ergreifend, daß man in allen Theilen der Kirche ein Schluchsen vernahm, und selbst dem feurigen Soldaten Hister standen Thränen in den Augen; nur Maria’s und Theodor’s Augen blieben Thränenleer. Als die Trauungsceremonie vorüber war und der Pfarrer seinen Segen über Alle gesprochen, bemerkte er noch, daß die Wirthin vom goldenen Schwan alle Anwesenden einlade, an dem Hochzeitsmale das sie bereitet, Theil zu nehmen, und daß man von der Kirche dahin in Prozession abgehen werde. Bald war der Zug in Bewegung. Voran schritten Capitän Hister, Capitän Graul und Levan, dann folgten die Neuvermählten, nach ihnen Pfarrer Mühlenberg und sein edles Weib Anna, hinter ihnen kamen Mutter Kreuderin mit des Pfarrers Töchtern, dann folgten die Uebrigen Zwei bei Zwei. — Es war dieser Hochzeitszug ein sehr stattlicher, aber ein sehr ruhiger, welcher mehr einem Leichenzuge als Hochzeitszuge glich. — Bald war das Hotel erreicht und groß das Erstaunen der Kommenden, als sie alle Fenster, die Hauptthüre, die Treppen mit Immergrün und Blumen geschmückt sahen. Auf der rechten Seite der Treppe stand ein hoher, kräftig gebauter Mann, auf der linken Seite eine liebliche Frauengestalt. Diese Leute waren der Farmer Friedrich Leinbach und sein treues Weib Maria, eine geborne Guldin, die von Mutter Kreuderin zur Hochzeit eingeladen waren, aber zu spät ankamen, um der Trauung beiwohnen zu können. Kaum hatten Theodor und Maria ihre Wohlthäter erkannt, so liefen sie auf dieselben zu, umarmten und küßten sie, und nun erst traten dem jungen Paare schwere Thränen in die Augen. Als man in das Eßzimmer getreten war wurden den Neuvermählten von allen Seiten Glückwünsche dargebracht, hierauf setzte man sich zur Tafel, die mit allen Delikatessen, welche Mutter Kreuderin zusammen bringen konnte, reichlich bedeckt war. Eine heitere Stimmung herrschte in der Gesellschaft, die unter frohem Gespräch fortdauerte, bis zur späten Stunde und die Zeit zum Abschied nehmen herangekommen war. Eben schlug die Mitternachtsstunde, die meisten Gäste hatten sich bereits entfernt, und nur Mühlenberg, seine Frau und Maria, Vater Leinbach, seine Frau und die drei Krieger waren zurückgeblieben, da trat Theodor zu Maria, übergab ihr den Landschenkungsakt, seinen Heimathsschein und Briefe seiner Eltern und sagte: Liebe Maria, bei dir sind diese Dokumente besser aufgehoben als bei mir, du bist jetzt mein Weib, und was mir gehört, gehört auch dir, und kehre ich glücklich wieder zurück, dann meine Liebe wird die Freude gewiß groß sein, und du kannst dann auch stolzer auf deinen Theodor sehen, der ein treuer Kämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit war. Er drückte ihr dann einen Kuß auf den Mund, versprach sie noch einmal am nächsten Morgen zu besuchen, dankte den Pfarrersleuten und Leinbach’s auf die herzlichste Weise, für den warmen Antheil, den sie an seinem Schicksal genommen, und entfernte sich mit seinen Kameraden nach dem Lager der Soldaten, welches damals im offenen Felde stand, und jetzt das schöne Franklin Square ist, eines der angenehmsten Plätze Philadelphia’s.
Es kam aber anders, als der gute Theodor sich gedacht, denn er mußte, ohne noch einmal seine Lieben gesehen zu haben, für immer von ihnen scheiden, denn kaum begann das Grauen des Tages, da wurde auch schon die Trommel im Lager gerührt und der scharfe Befehl gegeben, daß die Rekruten augenblicklich nach dem Delaware-Flusse marschiren sollten, wo bereits ein Schiff auf sie warte, um sie nach der Jersey Seite zu bringen. In aller Eile wurde auch dahin marschirt, das Schiff nahm sogleich die Soldaten auf, und in kurzer Zeit landete man in der Provinz New Jersey, wo mehrere Offiziere von Washingtons Armee die Rekruten empfingen und mit Waffen, Munition und sonst noch Nothwendigem versorgten. Nach einigen Stunden Ruhe begann der Marsch vorwärts nach Trenton, welcher Ort damals schon eine Stadt genannt wurde. Dort erhielt man den Befehl, nach Elisabethtown zu marschiren, daselbst zu bleiben und im Exerciren sich zu üben, bis die Leute fähig wären der regelmäßigen Armee einverleibt zu werden. Daselbst angelangt, wurden die Berks Countyer in zwei Compagnien getheilt, die erste unter Capitän Hister, die zweite unter Capitän Graul, und dann die jungen Soldaten durch die Exercirmeister fort und fort in der Handhabung der Waffen, sowie in den verschiedenen Märschen u. s. w. geübt.
Eines Tages stand Theodor mit noch einem Kameraden auf einer Anhöhe etwas entfernt vom Lagerplatz, wo man die ganze Gegend übersehen konnte, auf Wache, da sahen sie in der Gegend von Trenton her, mehrere Männer rasch gegen das Lager marschiren. Als sie nahe genug an den Wachtposten gelangt waren, so daß man einander verstehen konnte, rief Theodor denselben Halt!! zu und befahl ihnen nicht weiter zu gehen, ehe sie sich erklärt, was sie hier wollten. Soldaten werden, wie du, Theodor, rief eine hellklingende Stimme, und man denke sich die Ueberraschung, als Theodor in dem Rufenden seinen Freund, den jungen Friedrich Leinbach, erkannte. Er eilte auf ihn zu und umschlang ihn mit beiden Armen.
Endlich nahm Leinbach das Wort, deutete auf die vier jungen Männer, die mit ihm gekommen waren und sagte: Dieses sind meine Freunde Samuel Guldin, John de Turk, Samuel Bartolet und Jakob Yoder, alle aus Oley, die sich in Hister’s Compagnie aufnehmen lassen wollen, und du, Theodor, mußt uns Capitän Hister vorstellen. Gewiß, erwiederte er, aber jetzt, Friedrich, hast du mir auch sonst noch Mittheilungen zu machen? frug er etwas ängstlich. Ja, antwortete Friedrich: Zuerst Grüße von meinen Eltern und Geschwistern, dann tausende von deiner netten jungen Frau, und viele von Frau Kreuderin und den Pfarrersleuten, und alle hoffen und wünschen dich bald wieder zu sehen und hier schickt dir deine wackere Frau einen Silberring, den sie unter den nachgelassenen Sachen ihres Vaters gefunden, den du ihr zu Liebe stets tragen möchtest.
Die jungen Männer mußten bei Theodor bleiben, bis er abgelöst wurde, dann führte er sie zu Capitän Hister, der seine Berks Countyer Landsleute mit großer Freude empfing, in seine Compagnie einreihte und sie dann dem Exercirmeister freundlichst empfahl.
Theodor, den eine Art Heimweh beschlichen hatte, fühlte sich jetzt ganz glücklich, einen so theuren Freund, wie Leinbach, gefunden zu haben, der mit ihm brüderlich Leid und Freud theilen werde. Er erfuhr auch von Capitän Hister, als er die jungen Leute vorgestellt hatte, daß am folgenden Morgens der Armee-Bote nach Philadelphia sich begeben werde, und wenn er etwas dahin zu berichten hätte, dazu die beste Gelegenheit habe.
Noch spät Abends schrieb Theodor an seine liebe Frau, Friedrich an seine Eltern, worin sie unter Anderm meldeten, wie sie sich gefunden und wie sie nur der Tod trennen könne.
Die Briefe erreichten glücklich ihre Addressen und verbreiteten unter Verwandten und Bekannten der jungen Männer große Freude.
F. S. Berg Maria. [S. 58]