Weihnachtsspiele der Sächsischen Oberlausitz
Von Friedrich Sieber, Crostau bei Schirgiswalde
Ich weiß noch, wie freudig erregt wir Chorjungen eines kleinen Dorfes der Südlausitz am ersten Adventsonntag auf unsren Chorplätzen saßen, wie wir mit hellen Stimmen der festlichen Gemeinde das strahlende Lied entgegenjubelten: »Macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit!« Lag doch das Totenfest mit seinen Novembernebeln und düstern Melodien hinter uns, war doch endlich die gleichförmige Zeit der festlosen Trinitatissonntage vorüber! Nun war die Zeit wieder ahnungsreich geworden. Schnee und Weihnachten dufteten von ferne. Und am Abende kamen die ersten Boten des hellen Festes: das Christkind mit seiner wunder- und schauerreichen Begleitung zog durch das dunkle, schweigende Dorf …
Weihnachtsspiele sind bis zur Gegenwart in vielen Ortschaften der Oberlausitz lebendig geblieben. Aber von Jahr zu Jahr werden die Aufführungen seltner. Die Kinder spielen die Stücke für sich als Kinderspiel. Dadurch werden Texte und Melodien immer entstellter. Oft flattern nur noch schwerverständliche Bruchstücke durch die Köpfe. Und doch lassen die Trümmer des noch Vorhandenen deutlich erkennen, daß in unsrer Heimat die Überlieferung einst so üppig und breit strömte, wie etwa in Schlesien. (Vergleiche das erschöpfende Werk Friedrich Vogts: Die schlesischen Weihnachtsspiele, Teubner 1901.) Die Oberlausitzer Weihnachtsspiele zerfallen ihrem Stoffcharakter nach in drei Gruppen: Adventspiele, Christgeburtspiele, Herodesspiele. Innerhalb der Oberlausitz bestehen in der Spielüberlieferung augenscheinliche landschaftliche Besonderheiten. In der nördlichen Lausitz ist die Überlieferung offenbar treuer und reichhaltiger. Vielleicht ist dies durch die überwiegend landwirtschaftliche Bevölkerung bedingt, vielleicht auch durch den Einfluß wendischen Volkstums, das volkstümlichen Überlieferungen ausgeprägt konservativ gegenüberzustehen pflegt.
In der Südlausitz ist das kurze Adventspiel, aus drei oder vier Personen bestehend, gebräuchlich. Zu dieser Art gehört auch das von Kruschwitz in den »Bunten Bildern aus dem Sachsenlande« mitgeteilte Spiel vom Eigenschen Kreise. Engel, Christkind, Ruprecht treten nacheinander auf. Der Engel übernimmt die Rolle des Ankündigers, des Anklägers der Kinder, und als das Christkind daraufhin Ernst macht, mit seinen Gaben zurückzuhalten, die Rolle des erfolgreichen Verteidigers. Das Christkind, von einem Mädchen gespielt, ist milde, sanfte Schenkerin. Der Ruprecht spielt die eigentlich pädagogische Rolle. Das Ziel seines Auftretens ist Einschüchterung, die als erste Stufe zur Besserung betrachtet wird. Worte und Gebaren sind aber mit so reichlicher Plumpheit und gewollter Komik verbunden, daß er nur bei den ganz Kleinen seinen Zweck erreicht, für die Größeren wird er zur lustigen Figur, die allerdings noch mit einem angenehmen Gruseln umwoben ist. Die drei immer wiederkehrenden Forderungen, die Ruprecht den Kindern auferlegt und worüber er sie examiniert, sind: Ihr sollt fleißig beten! Ihr sollt fleißig in der Schule sein! Ihr sollt den Eltern gehorchen!
In der Zittauer Gegend wird das Spiel durch die Einführung des Petrus erweitert. (Vergleiche die von Paul Stöbe in der »Oberlausitzer Heimatzeitung« Nummer 7, 1919, mitgeteilten Zittauer Weihnachtsspiele.) Aber die Gestalt des Petrus ist in der Südlausitz ziemlich charakterlos. Er kommt über seine Selbstvorstellung als gewissenhafter, strenger Schließer des Himmels nicht hinaus. Sowohl die Spiele mit drei als auch mit vier Personen sind ihrer Art nach nahe verwandt mit denen, die Friedrich Vogt im Riesengebirge sammelte und sammeln ließ (Agnetendorf, Schreiberhau, Warmbrunn, Liebau). Es finden sich zahlreiche, wörtlich übereinstimmende Versgruppen, zum Beispiel die Einführungsworte des Ruprecht:
Flietz, Flatz, Fladerwiesch,
Drauß’n is mer’sch goar ze friesch,
War mich a de Stube mach’n
Und ’n Kinnern vertreib’n ’s Lach’n.
Oberlausitzer Spiele, die mit den bei Vogt aufgeführten völlig übereinstimmten, wenn auch nur in ihrem Aufbau, habe ich nicht gefunden. Aber nicht nur die Texte weichen voneinander ab; große Teile der Spiele werden psalmodierend gesungen oder im Sprechgesang vorgetragen. Melodie sowohl als Sprechgesang sind in der Oberlausitz den schlesischen Spielen gegenüber oft von eigenartiger selbständiger Prägung. Die melodische Grundfigur des kurzen Südlausitzer Spiels klingt folgendermaßen. Der Engel als Spieleröffner singt im Sprechgesang:
Gut’n Ab’nd, gut’n Ab’nd zu dieser Frist,
hierher schickt mich der heil’ge Christ;
ich sollte frag’n in der Gemein,
ob fromme Kinder drinne sein.
Ruprecht, Ruprecht komm herein.
In der Nordlausitz ist das Adventspiel mit dem Christgeburtspiele zu einer innigen Einheit verschmolzen. In der Südlausitz ist mir keine Überlieferung des Christgeburtspiels zu Gesicht oder zu Gehör gekommen, trotzdem Zittau wegen seiner ausgelassenen Christaufführungen berühmt und berüchtigt war. Bestand doch hier um 1700 unter der Handwerkerschaft sogar ein »Heiliger Christrat«, der die Spiele in Szene setzte. Das Adventspiel der Nordlausitz weist einige Besonderheiten auf. Spielankündiger ist das Schäfermädchen. Es tritt im Dirndlkleid auf, mit einem Hirtenstab, einem Schäfchen und einer Klingel in den Händen. Es rezitiert im Sprechgesang:
Guten Abend, guten Abend, ich komm herein geschritten
Und möchte Frau Wirtin bitten,
Ob sie uns wolle vergönn’n
Ein Liedelein zu sing’n.
Maria und Joseph kommt auch herein
Mit euerm kleinen Jesulein.
Diese eigenartige Spieleröffnerin hat das Nordlausitzer Adventspiel gemeinsam mit einem Spiele aus der Reichenberger Gegend. Während des Spiels bleibt das Schäfermädchen geradezu die Spielleiterin. Es ruft alle erforderlichen Personen mit Klingelzeichen herein. Das Schäfermädchen hat den Engel aus seiner Rolle verdrängt. Damit ist eine durchaus volkstümliche, tief im Heimatleben wurzelnde Gestalt in das Spiel eingedrungen, war doch die Schäferei an den Sudetenhängen und im Vorlande der Sudeten ein wichtiger Erwerbszweig der Bewohner. In diesem Zusammenhang ist auch der von Stöbe (a. a. O.) mitgeteilte Hirtenspruch zu erwähnen:
O Frede, über Frede,
Ihr Nubbern kummt und hirt,
Wos jetzt ei unsrer Hede
Fer Wunnerding possiert.
Do koam dohar a Ängel
Zu huher Mitternacht,
Ha sung wuhl a Gesängel,
Doaß ’s Harz an Leibe lacht.
Der Spruch wurde 1753 erstmalig gedruckt und gehört dem kurzen Spiel »Vom guten Hirten« an, das in das Christgeburtspiel aufging. Das zur Einheit verschmolzne Nordlausitzer Advent- und Christgeburtspiel ist verhältnismäßig personenreich. Nach dem Schäfermädchen treten Maria und Joseph auf, Maria im langen Rock, das Gesicht mit weißem Tuche verhangen, Joseph in langen schwarzen Hosen, Hemdärmeln, Schnurrbart, Halbzylinder, Stock, Quirl, Töpfchen in der einen Hand; in der andern trägt er mit Maria die Wiege, in der das Jesulein als Puppe liegt. Die Melodie ihres Eingangsliedes klingt an alte kirchliche Tonarten an:
Guten Abend, guten Abend, wir geben euch Gott,
Wir komm’n zu euch ohn allen Spott.
Habt ihr auch kleine Kinderlein,
Die Vater und Mutter nicht gehorsam sein,
So woll’n wir rufen Knecht Ruprecht herein,
Der soll sie tragen zur Höllenpein.
In dieser letzten Drohung ist noch der düstre Teufelscharakter Ruprechts angedeutet. Noch in den gelehrten Weihnachtsspielen des siebzehnten Jahrhunderts erscheint Ruprecht als eine Art Teufel, der dem heiligen Christ die Seelen der Kinder abspenstig machen will. Nun wird vom Schäfermädchen das Christkind hereingerufen. Es trägt ein weißes Kleid mit Sternen übersät, Stern auf dem Kopfe, Flügel, geschmücktes Christbäumchen in der Hand. Mit dem Auftreten des großen Christkindes neben dem kleinen ist das Volk einer beliebten Darstellungseigentümlichkeit treu geblieben. Es liebt es, eine Person in einer großen und einer kleinen Ausgabe vor Augen zu stellen und findet darin nicht den geringsten Widerspruch. Dem Christkind folgt der Engel Gabriel, dessen Tätigkeit infolge seiner Verdrängung durch das Schäfermädchen nur darin besteht, zwei Strophen des »Vom Himmel hoch« zu singen. Eine scharf ausgeprägte Persönlichkeit ist Petrus. Er ist der heilige, leidenschaftliche Eiferer. Er trägt Vollbart, eine Krone auf dem Haupte, Zepter und Schlüssel in der Hand:
Petrus, Petrus bin ich genannt,
Das Zepter hab’ ich in meiner rechten Hand,
Die Schlüssel hab’ ich alle hier,
Damit ich aufschließen kann die Himmelstür.
Die Kinder, wenn sie aus der Schule gehn,
Auf allen Gassen bleiben sie stehn,
Die Bücher zerreißen sie,
Blätter in alle Winkel schmeißen sie,
Ranzen rumschmeißen sie,
Ja solchen Unfug treiben sie.
Christkind, Christkind, wenn ich so wär’ wie du,
Mit Ruten und Peitschen hieb ich zu.
Während alle Personen in mehr oder weniger reinem Hochdeutsch sprechen, dröhnt Ruprecht in derbster Mundart herein:
Holler, woller, kumm ich rei gewollert,
Hoa an gruß’n Zipplsak,
Sibmsibzsch Kinner sein schun drinne,
Die anern, die ne fulg’n, kumm olle no rei,
Doas sull ane Strofe sein.
Hätt’ mich de Mutt’r gewosch’n mit ’n Schwomm,
Wär ’ch weiß wie a Lomm,
Su hut se mich gewosch’n mit ’n Ufnlopp’n,
Do bi ’ch schworz wie a Ropp’n.
Besonders lehrreich ist das letzte vierreihige rhythmische Gefüge. Es ist aus dem Dreikönigsspiel (der erste Teil des Herodesspiels) hierher verweht worden und wird ursprünglich vom Mohrenkönig gesprochen. Wir gewinnen hier einen tiefen Einblick in die Art und Weise, wie die Spiele gestaltet werden. Um typische Persönlichkeiten hat sich ein verwirrender Reichtum sprachlicher Formen gelagert, die ihr Wesen ausdrücken. Die Hauptsorge der Überlieferung besteht nicht darin, die Sprachformen getreu zu erhalten, sondern die typischen Persönlichkeitscharaktere unverfälscht zu bewahren. So herrscht in der Aneinanderreihung der Wortformen ziemliche Willkür. Zahlreiche Abweichungen und Lesarten entstehen. Wir werden an die Form der italienischen Stegreifkomödie (comoedia dell’ arte) erinnert. In dem oben erwähnten Falle findet eine Annäherung zweier Persönlichkeitssphären statt. Komik hier – Komik da: die Wortform springt von der einen Sphäre in die andre über.
Nach dem Auftreten des Ruprecht zieht singend der Engelchor ein. Das Adventspiel bricht ab, das Christgeburtspiel beginnt. Gemessen an der, an dieser Stelle besonders breiten schlesischen Überlieferung, sind die in der Nordlausitz noch lebendigen Reste dürftig zu nennen. Es fehlt die Herbergsuche, die Erscheinung der Engel, das zögernde, bäurisch-komische Aufbrechen der Hirten, die Hirtenanbetung, die Beschenkung des Kindes, die Reue des Wirtes. Es hat sich erhalten der wertvollste lyrische Kern des Stückes: das Kindelwiegen. Die Szene ist von außerordentlicher Zartheit und Innigkeit. Sie geht zurück auf ein hessisches Weihnachtsspiel des fünfzehnten Jahrhunderts. Die älteste Form des Zwiegesanges zwischen Maria und Joseph ist uns in einer Leipziger Aufzeichnung vom Jahre 1305 erhalten.
Maria (singt):
Joseph, liber neve myn,
hilff mir wiegen daß kindelin,
das got dyn lôner muße syn
im hymmelrich, der meyde sone Maria.
Joseph:
Gerne, libe mume myn,
helff ich dir wiegen dyn kindelin,
das got muß myn lôner syn
im hymmelrich, der meyde son Maria.
Das Lied wurde im Gottesdienst von Knaben und Mädchen gesungen, die den Reihen um die Krippe schlangen, die am Altarplatz stand. Die gemessenen Bewegungen wurden von Hymnen begleitet. Das Kindelwiegen hat in der nördlichen Lausitz folgende Form angenommen:
Maria (singt):
Joseph, lieber Joseph mein,
Hilf mir wiegen das Kindlein ein.
Nani, nani, nein, trust, trust, trein,
Hilf mir wiegen das Kindlein ein.
Joseph (spricht):
Wie kann ich denn das Kindel wiegen,
Kann selber men’ krumm’n Buckel ne biegen.
Chor der Darsteller wiederholt:
Nani, nani, nein, trust, trust, trein,
Kann selber men’ krumm’n Buckel ne biegen.
In dieser Art wiederholt der Chor während der ganzen Szene, was der Chorführer vorsingt oder spricht.
Maria (singt):
Joseph zieh dein Hemde aus,
Mach dem Kind zwei Windlein draus.
Nani, nani, nein, trust, trust, trein,
Mach dem Kind zwei Windlein draus.
Joseph (singt):
Wie kann ich denn mein Hemd ausziehn,
Kann mit dem Buckel ne nackicht giehn.
Maria (singt):
Joseph, lieber Joseph mein,
Koch dem Kind ein Breielein.
Nani, nani, nein, trust, trust, trein,
Koch dem Kind ein Breielein.
Joseph (bückt sich und quirlt).
Schäfermädchen (singt):
Maria breit dein Schürztuch aus,
Schenk dem Kind Gold, Weihrauch draus.
Nani, nani, nein, trust, trust, trein,
Schenk dem Kind Gold, Weihrauch draus.
Maria (tut es).
Die Lausitzer Form des Kindelwiegens zeigt allen schlesischen Lesarten gegenüber folgende Eigentümlichkeiten auf: es fehlt in Schlesien die Aufforderung zum Breikochen, die Aufforderung des Schäfermädchens an Maria, es fehlt der immer wiederkehrende Wiegengesang nani, nani, nein, der vielleicht einen Rest hymnischer Gesänge darstellt; die Melodie ist durchaus selbständig, auch der von Bernhard Schneider in seiner wertvollen Sammlung mitgeteilten gegenüber (»Lied und Spiel zum Preise des Christkinds«. A. Huhle, 1913, Heft 5). Der allgemeine Abschiedsgesang aller Darsteller, der im Anfang an die bei Vogt mitgeteilte Schreiberhauer Lesart erinnert, schließt das Spiel ab:
Ade, wir müssen scheiden,
Wir müssen weiter ziehn,
Die Zeit will uns nicht reichen,
Wir müssen zum Himmel einziehn.
Ade, wir könn’n nicht länger warten,
Wir müssen gehn zum Himmelsgarten,
Ade, wir könn’n nicht länger stehn,
Wir müssen zum Himmel eingehn.
Und hab’n wir auch das Liedel nicht recht gemacht,
So wünschen wir euch eine gute Nacht.
Die dritte Gruppe der Weihnachtsspiele bilden die Herodesspiele. Für sie fließt meiner Erfahrung nach die Überlieferung in der Oberlausitz am spärlichsten. Bekannt geworden ist das von Professor Dr. Curt Müller im Schulprogramm der Realschule zu Löbau (1900) bearbeitete Markersdorfer Herodesspiel. Eine nah verwandte, bruchstückartige Fassung habe ich in Crostau vorgefunden. Das Oberlausitzer Spiel gehört zu dem Typus, der auf Hans Sachs zurückzuführen ist. Nach einem kurzen Vorspruch des ersten Weisen hört Herodes ein Geräusch. In schlesischen Lesarten klopft es, oder Trompeten werden geblasen, oder ein fürchterlicher Knall erdröhnt.
Bei uns spricht Herodes:
Was hör’ ich denn jetzt für ein Singen!
Wer will mich um die Krone bringen?
Der Marschall (Diener) holt die drei Könige, die Urheber des Geräusches, herbei. Herodes erkundet Zweck und Ziel der Reise. Jüdische Schriftgelehrte werden um Rat gefragt. Die Weisen brechen von Herodes auf. Nun fehlen im Oberlausitzer Spiel wichtige Stücke: die Anbetung in Bethlehem, die Engelsbotschaft. Dargestellt ist wieder, wie die Weisen erwachen, ihren Traum austauschen und beschließen, auf andern Wegen heimwärts zu ziehen. Am Hofe des Herodes herrscht Unruhe über das Ausbleiben der Weisen. Herodes gibt dem Marschall den Befehl zum Kindermord. Der Marschall meldet den Vollzug des Befehls. Der Tod tritt zu Herodes mit der Sense (nicht mit dem Pfeil) und nimmt ihn in vergeltender Gerechtigkeit mit in sein Totenhaus.
Es ist nicht verwunderlich, daß die Überlieferung für das Herodesspiel spärlicher fließt. Der Stoff ist starr und spröde und widersetzt sich der ästhetischen Verzauberung. Die Form ist in weiten Teilen der Dialog. Das Spiel ist melodienarm. Trotzdem weist es ausgeprägte volkstümliche Eigenheiten auf. Die Personen sind in derben Strichen flächenhaft umrissen. Nuancierende und vertiefende Linien fehlen. Das Herodesspiel gleicht wie kein andres einem kräftigen, grell bemalten Holzschnitt. Adventspiel und Christgeburtspiel sind mehr musikalisch als bildhaft. Sie bringen in überwiegender Weise seelischen Ausdruck, nicht raum-zeithafte Darstellung. Der reine Sprechvortrag nimmt in ihnen nur geringen Raum ein. Er steigert sich zum Sprechgesang, um an den Höhepunkten in reine Ausdruckskunst, Lyrik und Musik, überzugehen. Das, was den Spielen bei allen technischen Unbeholfenheiten unaussprechlichen Zauber verleiht, ist ihr Hervorströmen aus einer machtvollen, innig und tief erlebten Geisteswelt. Der volkstümliche Spieler steht im magischen Banne zwingender Überlieferung und spricht sie ergriffen aus. Er wird zum Instrument einer übersinnlichen, symbolhaft erschauten Welt. Seine engumschränkte Einzelpersönlichkeit wird dabei ausgelöscht. Ich kann nicht verschweigen, daß ich so ergreifende Darstellungen in der Oberlausitz nur von Kindern erlebt habe. In früheren Jahrzehnten hat, wie mir erzählt wurde, ein ähnlich würdiger Ernst die erwachsenen Spieler beseelt, wie wir es etwa heute noch in Oberammergau erleben können. Aber zu so ergriffenen Spielern gehört eine ebenso ergriffene Zuhörerschaft. Die Darstellungen der Volksspiele waren keine Theateraufführungen; allen gemeinsames innerstes Seelentum trat bild- und klanghaft vor die Sinne. Über den Szenen schwebten die magischen Zauber des kultischen Ursprungs. Die meisten Wiederbelebungsversuche der Spiele durch Erwachsene sind heute aus tiefen entwicklungspsychologischen Gründen unecht. Der Durchschnittserwachsene ist ungläubig. Er ist ausgeprägtes Individuum. Er steht vor seinem Publikum. Neben der Tradition zeigt er sich, er spielt Theater … Er weiß, daß er in diesen Spielen eine Rarität vor sich hat, und all das vernichtet die Wirkung der schlichten Stücke im Keime. Nur auserlesenen frommen Seelen mag es in hingebender Liebe und eindringendem Eifer heute noch hier und da gelingen, die heilige Einfalt, die tiefe Gebundenheit und Innigkeit der Spiele zum Ausdruck zu bringen (Haas-Berkow). Aber was die fortschreitende individualistische Zerstäubung dem Erwachsenen genommen hat, das ist im Kinde lebendig geblieben. Das Kind unsrer Heimat steht noch im tiefen Banne des Weihnachtszaubers. Mag es auch bereits bei vielen Gelegenheiten individueller Schauspieler sein: beim Weihnachtsspiel ist es erklingende Saite großer Symbole. Damit haben die Weihnachtsspiele wie manches andre uralte Volksgut ihre letzte Pflege- und Zufluchtstätte erreicht: das Kind …