Wiedersberg
Von Paul Apitzsch, Ölsnitz i. V.
Unweit der sächsisch-bayrischen Grenze, etwas abseits der Staatsstraße Plauen-Hof, hockt zwischen den schräggeneigten Waldhängen des oberen Feilebachtales ein Häuflein Häuser: das vogtländische Kirchdorf Wiedersberg. Hoch über Tal und Dorf liegen im dichten Mischwalde versteckt die Mauerüberreste des gleichnamigen alten Raubschlosses. Es ist eigenartig, daß über Entstehung, Geschichte und Verfall der wenigen vogtländischen Burg- und Kirchenruinen geheimnisvolles Dämmerdunkel ausgebreitet ist. Oder vielmehr nicht eigenartig. Zahlreiche Kriege und Brandschatzungen des Mittelalters haben in dem alten Durchzugslande zwischen Mittel- und Süddeutschland Schloßarchive und Rathausakten, Klosterurkunden und Kirchenbücher vernichtet. Daß man die Zeit der Erbauung der Burg Elsterberg, des Schlosses Libau, der Veste Wiedersberg, der Wallfahrtskirchen am Burgstein nicht mit Bestimmtheit anzugeben vermag, nimmt weiter nicht wunder. Aber daß man über Zeit und Art ihres plötzlichen oder allmählichen Untergangs so gar nichts weiß, daß man nicht einmal anzugeben imstande ist, ob Zerstörung, Brand oder Verfall vorliegt, ist doch immerhin merkwürdig. So soll die Veste Elsterberg bereits in dem sogenannten Vogtländischen Kriege 1354 in Trümmer gesunken sein. Von den andern drei weiß man nicht, ob sie auch schon in diesem Kriege oder im Hussitenkriege oder im Dreißigjährigen Kriege zerstört worden sind oder ob sie überhaupt auf gewaltsame Weise ihren Untergang gefunden haben. Möglicherweise teilen sie alle das Schicksal eines fünften Schlosses, des zu Geilsdorf. Von diesem ist urkundlich nachweisbar, daß es 1667 durch den Grafen Tattenbach erbaut worden ist. Ebenso sicher ist, daß keinerlei Kriegsnöte an seinem Mark gezehrt haben und daß lediglich der berühmte und berüchtigte Zahn der Zeit die Ursache seines Dahinscheidens war.
Schloß Wiedersberg
Nach einer Schwarzweißzeichnung von Kunstmaler Enders
Völlig sagenhaft ist die von einzelnen Historikern vertretene Ansicht, Schloß Wiedersberg sei von Kaiser Heinrich I. (919 bis 936) zum Schutze gegen die Sorben angelegt worden. Vielmehr wird 1203 zum ersten Male eine Burg Wiedersberg erwähnt und 1288 ein Eberhard von Wiedersperch. Im Jahre 1386 belehnte Markgraf Wilhelm I. von Meißen den Ritter Jan Rabe mit Wiedersberg. 1421 verkauften die Rabe das Besitztum an die Familie von Machwitz, die es bis 1580 besaß. Der Rittersitz wechselte dann rasch nacheinander seinen Eigentümer und gehört seit 1840 der Familie Gräf. Eine ausführliche Geschichte der Veste Wiedersberg brachte A. Moschkau im Jahrgange 1878 der Zeitschrift »Saxonia« (Seite 36, 49 und 56).
Die Ruinen sind gegenwärtig von sehr geringem Umfange. Sie bestehen aus einem viereckigen Turm, einigen Mauerresten und dreifachen Schanzgräben. Ein stark angekohlter Balken im Wartturm deutet auf Brand. Indes kann dies auch in ursächlichem Zusammenhange mit der bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hier betriebenen Pechsiederei stehen. Denn unmittelbar darunter liegen, halb im Erdreich vergraben, zwei alte, geborstene Griebenherde. Das neben den Mauerüberresten stehende ehemalige herrschaftliche Jägerhäuschen ist in ein bescheidenes Bergwirtshaus umgewandelt worden. Der in dieser winzigen Waldklause hausende Pächter, Namens Bauer, hat den Krieg 1870 bis 1871 mitgemacht, wurde verwundet und ins Lazarett nach Dresden gebracht. Dort gehörte er zu denen, die sich der besonderen Fürsorge der damaligen Kronprinzessin und nachmaligen Königin Carola zu erfreuen hatten. Nach Gesundung und Rückkehr in die vogtländische Heimat entspann sich ein interessanter Briefwechsel zwischen der Königin und dem einfachen Tischlermeister Bauer in Wiedersberg. Bis zum Tode der Königin währte das gewiß seltene Freundschaftsband. Der alte Veteran weiß recht anregend davon zu plaudern und zeigt auf Verlangen die Originale der zahlreichen Briefe, die er pietätvoll in einer großen Mappe vereinigt hat. Seine Behausung gleicht dem Knusperhäuschen der Hexe im Märchen von Hänsel und Gretel. Vor dem Eingange krallt eine mächtige knorrige Kiefer ihre Wurzeln ins Felsgestein, und am prächtigsten zeigt sich der Wiedersberger Burgberg, wenn im Frühherbst die buntfarbigen Laubbäume aus dem dunklen Grün der Fichten und Föhren hervorleuchten.
Auf steinigem Wege steigen wir hinunter ins Dorf Wiedersberg. Ein steiler, beschwerlicher Abstieg. Der Klausner im Knusperhäuschen ist neben seinem Doppelberufe als Gastwirt und Tischlermeister auch noch als Standesbeamter tätig, und die guten Wiedersberger, die sich dem Ehejoche zu beugen gedenken, treten einen schweren Gang an, wenn sie zum Standesamte wallen.
Im Dorfe selbst sind drei bemerkenswerte Gebäude: Rittergut, Kirche und Gasthof, welche, wie auch anderswo, eng beisammenliegen. Die Pfarrei Wiedersberg gehörte nebst Sachsgrün, Eichigt, Krebes und einigen anderen zu den sogenannten »Streitpfarren«. Obwohl in Sachsen gelegen, übte in diesen ehemals zum Erzbistum Bamberg gehörigen Kirchgemeinden die Krone Bayern das Patronatsrecht aus, und erst 1845 wurde dieses Recht durch Vergleich an Sachsen abgetreten. Das Wiedersberger Gotteshaus enthält zwei Holzschnitzwerke unbekannter Meister: einen Taufengel und den mit der Kanzel verbundenen Hochaltar. Den Taufengel mit dem »hölzernen Wiesenblumenstrauß« hat Kurt Arnold Findeisen in seinem ersten Versbuch »Mutterland« besungen.
Zu Wiedersberg im schmalen Gotteshaus
Steht ein großer Engel vor den Bänken,
Der trägt seit Menschengedenken
In der Hand einen hölzernen Wiesenblumenstrauß.
Mit der andern stützt er in Himmelsgeduld
Das samtbeschlagene Lesepult.
Der Schnitzaltar ist kein Kunstwerk, ist vielmehr in seiner köstlichen Naivität als Arbeit eines bäuerlichen oder bürgerlichen Handwerksmeisters anzusprechen. Zwischen den lebensgroßen Figuren des Petrus und Paulus ist eine etwas kleinere Kreuzigungsgruppe dargestellt. Als eine Art Predella erhebt sich unmittelbar über dem Altartisch eine stark realistische »Einsetzung des heiligen Abendmahls«. Der unbekannte Schnitzmeister war nicht imstande, den an der Brust Jesu liegenden Lieblingsjünger Johannes naturwahr darzustellen. Diese Einzelfigur wirkt in ihrer mißratenen Kleinheit als Knabengestalt. Sehr geschickt dagegen sind die links und rechts herabhängenden Blumenbänder ausgearbeitet.
Ein wahres Juwel echter Heimatkunst ist der in der Mitte des Dorfes gelegene, im Jahre 1711 erbaute Gasthof. Das an derselben Stelle stehende frühere Wiedersberger Wirtshaus beherbergte, wie eine in Dresden liegende Urkunde berichtet, den im Jahre 1354 hier durchreisenden Kaiser Karl IV. Eine Stange ragt vom braunen Fachwerkbau weit über die schmale Dorfstraße. Am vorderen Ende dieser Stange hängt ein altertümliches, wertvolles Wirtshausschild. Kein Geringerer als Hermann Vogel hat das Wiedersberger Gasthaus samt dem Wirtshausschilde im Bilde festgehalten, und zwar im »Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« in der illustrierten Ausgabe der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen: An der rechten Seite der Dorfstraße der Gasthof, links das Holzgeländer am Feilebach. Droben auf waldiger Höhe das Raubschloß. Auf der Straße der Wirt mit dem tapferen Junker. Und das Malersignum H. V. ist eingedrückt dem feisten Hinterschenkel eines über den Weg laufenden – Schweines. Der Märchenmaler, der so gern hier oben im abgelegenen Feilebachtal seine Staffelei aufstellte, ruht nun schon seit zwei Jahren im kleinen Krebeser Dorfkirchhofe. Zwei noch lebende heimische Künstler traten sein geistiges Erbe an. Das Mittelalter ging in der künstlerischen Innen- und Außenschmückung von Gebäuden lediglich bei Schlössern und Rathäusern, Kirchen- und Patrizierwohnungen über das rein Handwerksmäßige hinaus. Die neuere Zeit hat das höchst anerkennenswerte Bestreben, auch bei Neu- und Umbauten großstädtischer Warenhäuser und Banken, Fabrikanlagen und Fremdenhöfe, Dielen und Bars hervorragende Künstler und Kunstgewerbler zur Mitarbeit heranzuziehen. Daß aber ein vom Kunstbetriebe der Großstadt weit abgelegener Dorfgasthof sich etwas derartiges leistet, dürfte doch wohl zu den Seltenheiten gehören. Die fünf graugrün gestrichenen Fensterläden des Wiedersberger Gasthauses sind von den Kunstmalern Albin Enders, Weischlitz und Alfred Hofmann, Stollberg mit Originalbildern und Sinnsprüchen geziert worden. Die geräumige Gaststube atmet wohltuende Beschaulichkeit, und ihre ländlich-einfache Innenausstattung zeugt von feinem, künstlerischem Empfinden. Buntgeblümte Vorhänge an den niedrigen Fenstern. Geranien und Levkoien auf allen Simsen. Eine von der Diele bis zur Decke reichende altmodische Ticktackuhr. Ein glänzender Spiegel aus Urgroßvaters Zeiten über dem Sofa in der Ecke. Überhaupt diese Ecke! Die ganze Wand ist bedeckt mit Radierungen von Albin Enders – Ruine Burgstein, Rittergut Wiedersberg und Rathaus Plauen –, mit alten Stichen in braungetönten Holzrahmen und allerhand andern Köstlichkeiten. In der Mitte des Tisches steht ein Strauß leuchtender Chrysanthemen, blaublütiger Glockenblumen und purpurner Kuckuckslichtnelken. Daneben liegt, mit seinem buntgekästelten Buchdeckel stimmungsvoll dazu passend, Kurt Arnold Findeisens »Mutterland«. In der rechten Wandecke eingebaut, ein kleiner Schrank mit dem Fremdenbuch. Dies Buch ist es wert, daß man ein geruhsam Stündlein sich mit ihm abgibt. Hier ist Albin Enders, der Hausmaler, zum Hauspoeten geworden. Das von ihm verfaßte und eigenhändig eingetragene Geleitwort lautet:
Trägst sinnig froher Wandrer du, in dieses Buch dich ein,
So wird es eine Freude auch für jeden andern sein.
Und kehrst du selbst nach Jahr und Tag in Wanderlust zurück,
Wirst abermals genießen dann ein längstvergangnes Glück.
Und dann folgen in bunter Reihe Beiträge von Louis Riedel, Emil Schwarz und anderen bekannten und unbekannten Poeten des Vogtlandes. Das Wertvollste aber sind zahlreiche Federzeichnungen des zweiten Wiedersberger Hauskünstlers Alfred Hofmann, Stollberg. Es gibt im Vogtlande nur noch ein Fremdenbuch, das sich an künstlerischem Werte dem Wiedersberger an die Seite stellen könnte: das Burgsteinalbum der Rahmig-Milda.
So ist der kleine Raum geweiht durch Eigenarbeiten begnadeter heimischer Maler und Dichter.
Die Heimat ist auch in ihren unbedeutendsten und abgelegensten Winkeln groß und bedeutend für den, der mit offenem Auge und warmem Herzschlag ihre Schönheiten schaut.