»Antons«

Von Denkmalpfleger Dr. Bachmann
(Aufnahmen von J. Ostermaier, Blasewitz)

Jedem Dresdner ist das kleine Landhaus wohl bekannt, das schräg gegenüber, flußabwärts der Waldschlößchenbrauerei auf dem Johannstädter Ufer gelegen ist. Fast das ganze Jahr hindurch lag bisher das Anwesen mit seinen schönen Baumgruppen trotz nächster Nähe der Großstadt in idyllischer Ruhe da, die nur von Spaziergängern oder Sporttreibenden belebt wurde. Einmal aber, im Sommer, zur Zeit der großen Vogelwiese, bildet »Antons«, wie die Dresdner es nennen, eine Insel in den hochgehenden Wogen der Volksfeststimmung.

Abb. 1 Antons im Jahre 1754
(aus Dresdner Geschichtsblätter 1918)

Antons ist nicht immer, wie bis zum Jahre 1921, Sommersitz einer Dresdner Familie gewesen. Carl Hollstein gibt uns darüber in Nr. 4 der Dresdner Geschichtsblätter von 1918 genauen Aufschluß. Danach wurde das Schlößchen mit dem Garten, ersteres aber noch ohne den Dachreiter und die Veranda (siehe [Abb. 1]), von dem Oberfloßinspektor der Elster- und Erzgebirgischen Flößerei, Christian Gottlob Anton, unter Kurfürst Friedrich August II. im Jahre 1754 angelegt und mit Gerechtigkeiten versehen: »sowohl der Gastier und Ausspannung, als auch des Branntweinbrennens, diesen und einheimische und fremde Biere und Weine einzulegen, zu verzapfen und verschänken usw.« Auch eine Kegelbahn wurde in einem der langen Wirtschaftsflügel untergebracht.

Antons war demnach auch Ausflugsort für die Dresdner und Kneipe zugleich und ist solches bis weit in das neunzehnte Jahrhundert geblieben. So wird es also auch der exzentrische E. Th. A. Hoffmann gekannt haben, als er einige Jahre in Dresden verlebte, und so finden wir ja auch Antons in seinen Novellen genannt.

Abb. 2 »Antons«. Schauseite an der Elbe

Auch Kriegsstürme sind oft darüber hinweggebraust, merkwürdigerweise ohne besondere Spuren hinterlassen zu haben. Truppen Friedrichs des Großen lagen hier während des Angriffs und der Beschießung auf Dresden und besonders heftig tobten im August 1813 um Antons, das benachbarte »Stückgießers« und das »Lämmchen« die Kämpfe zwischen Napoleons Garden und den angreifenden Russen, wie das der Freund Dresdner Geschichte in A. Brabants Buch »In und um Dresden 1813« nachlesen mag.

Abb. 3 »Antons«. Blick auf die Gartenrückseite des Hauptgebäudes mit dem Rondell

Antons hat verschiedentlich den Besitzer gewechselt. Nach dem Erbauer war lange Jahre das Anwesen Eigentum des Geh. Kriegsrates von Broizem, der eine Baumallee von dem Fürstenwege (heute Blumenstraße) bis zum rückwärtigen Eingang anlegte, die aber vermutlich schon 1813 fortifikatorischen Maßnahmen zum Opfer fiel. Bis 1832 gehörte dann Antons einem Herrn von Limburger, der es an die bekannte alte Dresdner Bankiersfamilie von Kaskel verkaufte, in deren Händen es bis zur Übernahme durch die Stadt, 1921, verblieb.

Abb. 4 »Antons«. Die Kegelbahn mit dem Hauptgebäude im Hintergrund

Wie die Zeichnung ([Abb. 2]) erkennen läßt, ist das Schlößchen selbst ein durchaus anspruchsloser, aber feingegliederter Bau, typisch für den Landhausstil seiner Entstehungszeit (1754). Was dem Ganzen aber die charakteristische Note gibt, ist die gutempfundene Eingliederung ins Landschaftsbild, geschaffen aus jenem untrüglich sicheren Geschmacks- und Stilempfinden heraus, das die Bauherren und Baumeister jener Tage auszeichnete und das wiederzugewinnen ja das Bemühen und die Sehnsucht unserer Tage ist.

Abb. 5 »Antons«. Die Aussichtsterrasse im Gartenwinkel

Im staatlichen Inventarisationswerk (Bd. Dresden 3, Seite 738) gibt Cornelius Gurlitt uns eine kurze Baubeschreibung, desgleichen Mackowsky in »Erhaltenswerte bürgerliche Baudenkmäler in Dresden«. Die in den Abmessungen durchweg bescheidenen Räume gliedern sich zu seiten einer Mitteltreppe. Im Erdgeschoß ist unter anderem ein Salon untergebracht, der sich mit einer breiten gedeckten Holzveranda nach dem Garteninnern öffnet, gleichzeitig aber auch durch das hier in der Gartenmauer angebrachte Lattengitter den Blick auf die Elbe gestattet. Im Obergeschoß ist nach der Loschwitzer Seite ein zweiter Salon gelegen, mit zierlicher Blumentapete und Rokokostuckdecke in einfachen Mustern. Auch die fein profilierten Türen tragen bescheidenes Rokokoschnitzdekor. Freilich die schönen Stilmöbel und die Kristallüster sind mit dem Auszuge der letzten Bewohnerin verschwunden und das ehemals so feinsinnig zusammengestimmte Milieu von Antons ist damit leider für immer dahin. Das Aussichtstürmchen mit der Uhr, das »Belvedere«, und der von einfach profilierten Pfeilern getragene Balkonvorbau über dem Haupteingang an der Elbseite sind, wie schon erwähnt, spätere Zutat des neunzehnten Jahrhunderts, gliedern sich aber dem Gesamtbild in trefflicher Weise ein, wie ein Vergleich der Abbildungen [1] und [2] eindrucksvoll lehrt.

Abb. 6 »Antons«. Durchblick im Park mit der alten Platane.

Antons schönster Schmuck jedoch ist der dicht an das Haus anschließende Garten, den man trotz seiner verhältnismäßig kleinen Abmessungen von etwa 150 zu 100 Meter Länge und Tiefe gern als Park bezeichnen möchte.

Riesige Kastanien und Linden umrahmen ein dicht am Hauptgebäude gelegenes Rasenrondell (siehe [Abb. 3]) und verdecken es nach dieser Seite fast gänzlich. Flußabwärts birgt sich die malerische alte Kegelbahn, von Efeu umsponnen, dicht unter alten Baumriesen, kaum daß die Sommersonne Platz hat, ein paar goldene Lichter auf Holzwerk und Weg zu legen ([Abb. 4]). Verschlungene Wege, nach englischem Geschmack angelegt und von Efeuhecken umrahmt, führen zu immer neuen, malerisch schönen Durchblicken. In der südlichen Gartenecke, im Mauerwinkel liegend, wird ein niedriger Aussichtsaltan sichtbar (siehe [Abb. 5]), von herrlichen Kastanien und Linden beschattet, und unweit davon strebt aus dunklen Efeubeeten eine mächtige Platane hell heraus (siehe [Abb. 6]). So klein die Anlage ist, so wirkungsvoll erscheint sie hier durch gärtnerische Kunst gestaltet.

Lange hat so Antons mit einer Parkanlage im tiefen Frieden geruht, ein Denkmal feinsinniger Kultur aus vergangenen Tagen. Heute nun herrscht lebhaftes Bade- und Sportsleben in und um das alte Landhaus herum und der stimmungsvolle Reiz des Ganzen ist damit wohl für immer dahin. Der Freund der Heimat und sächsischer Kultur muß sich aber fragen, ob zu dieser gewaltsamen Änderung wirklich ein zwingendes Bedürfnis vorlag, ob es wirklich nötig war, ein Stück bester Dresdner Tradition zu zerstören, um ein Luftbad mehr entstehen zu lassen in einer Zeit, in der die den Elbufern benachbarte Bevölkerung sich mehr und mehr gewöhnt, in der freien Elbe und an ihren Ufern ein möglichst uneingeschränktes Freibadeleben zu genießen. Uns will es scheinen, als hätten die für die »Modernisierung« von Antons von der Stadt ausgegebenen Millionen an anderem Platze besser und zweckdienlicher Verwendung finden können, denn auch die Erhaltung der Denkmäler alter Kultur ist eine Ehrenpflicht des freien Volkes, und der Ertüchtigung unserer Jugend dient in erster Linie auch der, der es unternimmt, sie vom Werte der Tradition und von den Grundlagen unserer heutigen Kultur zu überzeugen.