Die Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat als soziale Aufgabe gerade für unsre arme Zeit

Von Fritz Koch, Weimar

Wenn man für eine Notwendigkeit eintritt, die Schönheit und Eigenart unsrer Heimat zu pflegen, so hört man nicht selten die Meinung, unsre Zeit sei zu hart und zu arm, als daß sie sich mit solchen idealen Dingen beschäftigen dürfte. Und doch hat unsre arme Zeit dazu erst recht die Verpflichtung.

Wer sich darüber klar werden will, muß freilich etwas weiter ausholen. Denn mit einer nur äußerlichen Betrachtung kann man den Zielen und den Notwendigkeiten des Heimatschutzes nicht beikommen. (Mit diesem Wort, das auch den Schutz der Bau- und Naturdenkmäler einschließen will, faßt man bekanntlich die Bestrebungen zur Pflege unsrer schönen Heimat zusammen.) Es handelt sich beileibe nicht um eine Liebhaberei. Der Heimatschutz ist vielmehr ein Teil einer großen Kulturbewegung. Der materiell so günstige Aufschwung unsres Vaterlandes seit dem Kriege von 1870 war unstreitig in mancher Beziehung nicht gleichbedeutend mit Kultur. Man vergaß vielfach, daß materielles Wohlergehen nicht Selbstzweck sein kann, sondern nur ein Mittel zu einer höheren Entwicklung, die möglichst weiten Volksschichten Vervollkommnung und Glück ermöglicht. Diese Überschätzung des Materialismus und Kapitalismus ließ unter anderm auch die Rücksichten außer acht, die man auf die Erhaltung der Schönheit und Eigenart des Bildes der Heimat nehmen muß; denn die Heimat mit allen ihren Schönheiten ist schließlich doch Gemeingut aller, ist etwas mehr als nur ein Objekt der Ausbeutung, als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die ärgsten Verunstaltungen unsrer früher überall so schönen Orts- und Landschaftsbilder waren die Folge. Andre wurden obendrein angerichtet bloß durch den Mangel an Verständnis und an Fähigkeit, ein Haus, eine Wegeanlage usw. vernünftig zu gestalten. Soweit man z. B. etwas Besonderes »für die Kunst« tun zu müssen glaubte, wie beim Hausbau oder bei der Errichtung von Denkmälern, machte sich ein übler Parvenügeschmack, ein hohles Protzentum breit.

Gegen diese Schädigungen der Heimat wandte sich die Heimatschutzbewegung, als ein Teil jener Gegenströmung gegen den Materialismus, die etwa seit der Wende des Jahrhunderts eine Erneuerung unsrer gesamten Kultur erstrebt. Der Heimatschutz begann den Kampf zum Schutze von idealen Gütern, die seines Erachtens das Leben in der Heimat erst lebenswert machen. Von Anfang an hat er jedoch dabei betont, daß er durchaus nicht überspannt und weltfremd vorgehen wolle, und hat darauf hingewiesen, daß, von einer höheren Warte aus betrachtet, seine Forderungen, die auf allgemeine kulturelle und speziell vielfach auf schönheitliche Gründe gestützt werden, schließlich doch auch das für die volkswirtschaftliche Entwicklung auf die Dauer allein Segensreiche und Notwendige sind. »Es ist das, was wir anstreben, keineswegs rückschrittlich, reaktionär oder romantisch, wie man es vielleicht schelten wird; wir denken nicht daran, dem Rade der Entwicklung, auch der wirtschaftlichen, in die Speichen zu fallen, um es aufzuhalten oder gar zurückzudrehen, was wir doch nicht vermöchten, – aber wir können und wollen es lenken, daß es nicht unnötig die Schönheiten unsrer Heimat zermalmt und uns nicht hinabführt in den Abgrund, sondern hinauf auf die Höhen wahrer Kultur. Daß diese Höhen, die früher nur von einer privilegierten Minderheit beschritten werden konnten, jetzt allen zugänglich gemacht werden, – das ist der einzige wahre Sinn des modernen technischen Fortschritts!« (Fuchs, Professor der Nationalökonomie an der Universität Tübingen, in »Heimatschutz und Volkswirtschaft«, 1905.) Der Heimatschutz will, indem er für den Schutz der Heimat wirkt, weitesten Kreisen den Blick öffnen für die Schönheit und Eigenart unsrer Heimat. Er will mit seiner Arbeit allen Menschen Möglichkeiten des Glücks und von Freuden erhalten, die doch gewiß zu den besten gehören.

Das ist die hohe soziale Aufgabe, die er übernommen hat, und das macht auch seine besondere Bedeutung für unsre arme Gegenwart aus! Gewiß, erst muß der Mensch – in dieser schweren Zeit doppelt – bemüht sein, sein Brot zu verdienen und überhaupt zu leben. Aber so heißt es auf jede Kultur verzichten, wenn man sagt, er könne in dieser Zeit überhaupt für nichts andres mehr Sinn haben. Das ist aus äußeren Gründen falsch. Solange es zu Alkohol und Tabak reicht, muß es auch noch zu höheren, kulturellen Bedürfnissen reichen. Es ist aber auch aus inneren Gründen unrichtig. Der Mensch lebt nicht von Brot allein, und der Reichtum ist eine Sache, die nicht nur auf äußere Dinge gegründet ist, sondern die ebenso in uns selbst liegt. Das bekannte Beispiel: Ein Reicher, der sich das teuerste Klavier gekauft hat, kann allein deshalb noch nicht darauf spielen. Aber auch ein Armer kann mit den vielen geistigen Genüssen und Werten, die ihm trotz seiner Armut zu Gebote stehen, nichts anfangen, solange er es nicht gelernt hat. Hier liegt das Geheimnis. Noch heute gilt das Dichterwort: In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne. Je ärmer wir werden, je schlechter es uns geht, um so mehr müssen wir lernen, unser Leben mit idealen Werten auszustatten. Vor allem mit den Werten, die uns nichts kosten, die jedem, auch dem Ärmsten im Volke, zu Gebote stehen, wenn er nur seine Augen für die Schönheit dieser Welt offen hält. Man behaupte nun etwa nicht, der »Mann aus dem Volke« habe dafür doch keinen Sinn! Das ist einfach nicht wahr! Dutzende von Beispielen könnten zum Beweise beigebracht werden. Und für den, der uns trotzdem nicht glaubt, ergibt sich doch schließlich nur die Forderung an den Staat, besser als bisher für die Erziehung der »breiten Massen« zu sorgen, damit sie auch an den Genüssen der »sozial Höherstehenden« teilnehmen können. Zweifellos wird die Volksbildung gar nicht genug tun können, die Kenntnis der Heimat und die Freude an ihr zu vertiefen. Die Volkshochschule hat hier eines ihrer besten Tätigkeitsfelder. Vor allem aber wird es natürlich Sache der Schule sein, dieses Ziel weit mehr als früher in den Vordergrund zu stellen. Es ist bekannt, daß sie sich dieser Aufgabe bewußt ist. Sie kann dabei des Dankes und der Mitarbeit weitester Kreise sicher sein.

»Die Schönheit unsres Vaterlandes ist ein nationaler Reichtum.« Diesen Satz tragen die Veröffentlichungen des Heimatschutzvereins von Frankreich (das schon im Frieden Millionen für diese Bestrebungen aufwandte). Wir fügen hinzu: Sie ist ein Reichtum, den uns kein Feind rauben kann, nur wir selbst. Vor dem Kriege wollte man oft mit einem gewissen Schein des Rechtes geltend machen, es wäre nicht so schlimm, wenn auch viele Gegenden verunstaltet würden. Bei den billigen Verkehrsmöglichkeiten habe auch jeder Arbeiter, der in einer dumpfen freudlosen Vorstadt lebe, die Möglichkeit, am Sonntag in eine schöne Gegend zu fahren und sich dort zu erholen. Das ist bekanntlich jetzt anders. Jetzt müssen wir darauf dringen, daß jeder Wohnort und jede Landschaft nicht etwa nur gerade noch menschenwürdig, sondern so schön bleibt, daß man sich dort wohl fühlen kann.

Damit ist schon übergeleitet zu der Tatsache, daß der Heimatschutz sich nicht nur auf ideale Forderungen gründet, sondern sich auch mit vielen schwerwiegenden materiellen Interessen deckt; hier mit der Pflege der Volksgesundheit. So ist er z. B. längst, bevor diese Forderungen durch die neue Wendung der Politik vertreten wurden, für Bodenreform eingetreten, für innere Kolonisation, vor allem dafür, daß jedermann auch sein Gärtchen und sein Stück Land bekäme, weiter für Verstaatlichung der Naturkräfte usw. Und wenn der Heimatschutz sich gegen die Begradigung aller Wasserläufe wendet (deren Übertreibung Hochwasserschäden, Austrocknung des Landes, Verminderung des Fischreichtums mit sich gebracht hat) und gegen die Verunreinigung der Gewässer, und wenn er sich für den Schutz der nützlichen Vögel einsetzt, wenn er – um einige weitere Beispiele zu nennen –, vor den schematischen Bebauungsplänen mit viel zu breiten kostspieligen Straßen ebenso wie vor der Errichtung vieler überflüssiger Denkmäler gewarnt hat, so vertritt er damit auch schwerwiegende Interessen rein volkswirtschaftlicher Art.

Ganz besonders gilt dies für die Ziele des Heimatschutzes auf dem Gebiete des Bauwesens. Allenthalben ist von der Verbilligung des Bauens die Rede, und doch müssen die amtlichen Stellen fast in jedem Falle die Erfahrung machen, daß die Bauherren die Grundbedingung dazu außer acht lassen. Sie wollen nicht einsehen, daß man bei den jetzigen Verhältnissen (wenn man nicht zu den Reichen gehört) seinen Bau nur dann durchsetzen kann, wenn im Äußern wie im Innern so einfach und so sparsam wie möglich und auch wesentlich kleiner gebaut wird als früher. Fast alle Bauherren lassen sich Bauzeichnungen machen, wie man sie vor dem Kriege gewohnt war, möglichst im sogenannten »Villenstil«, sehr reichlich groß, mit Vor- und Anbauten, Verzierungen und sonstigem Aufwand. Und doch waren alle Einsichtigen schon vor dem Kriege längst darüber einig, daß nur ein irregeleiteter Geschmack und die Sucht nach dem Mehr-Scheinen-Wollen solche Bauten sich wünschen, und daß die schlichten Wohnhäuser viel schöner sind. Was aber in der Zeit früheren Reichtums in erster Linie Geschmacksfrage war, das ist heute zwingende Notwendigkeit. Wir können uns solchen verfehlten Luxus einfach nicht mehr leisten. Wir müssen heute schlicht bauen, praktisch, solid und dauerhaft natürlich (denn das Unsolide ist auf die Dauer das Teuerste) und bei aller Einfachheit trotzdem oder richtiger gerade deshalb schön. »Die erste Bedingung für die Verbilligung eines Baues ist also eine gute, der Armut unserer Zeit entsprechende Bauzeichnung. Fehlt sie, dann nützt alle Sparsamkeit bei der Bauausführung nichts, es ist dann unmöglich, daß der Bau billig wird.« (Aus einer Bekanntmachung des Stadtrats Rennert in Meiningen, betreffend Baukostenzuschüsse.) So sind die Forderungen, die der Heimatschutz auf dem Gebiete der Architektur aus Gründen der Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit seit Jahren erhoben hat, durch die wirtschaftlichen Zeitverhältnisse glänzend gerechtfertigt worden.

Aber nicht nur am Bauwesen, sondern überhaupt ist heute die Notwendigkeit der Bestrebungen des Heimatschutzes in allen einsichtigen Kreisen des Publikums anerkannt und ebenso auch durch den Staat. Der Heimatschutz findet jetzt seine feste Stütze in der Reichsverfassung. Artikel 150 stellt fest: »Die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und der Natur, sowie die Landschaft genießen den Schutz und die Pflege des Staates.« Damit ist ausdrücklich betont, daß der Staat seine Verpflichtungen gegen die Heimatschutzsache mit der Schaffung von Gesetzesvorschriften allein nicht erfüllt, sondern daß er auch sonst Maßnahmen zum Schutz und zur Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat treffen muß.

Es sind Maßnahmen und Aufwendungen, die sich hundertfach lohnen.