Das Raubwild im Haushalte der Natur
Von Hainz Alfred von Byern
»Wissen Sie,« sagte mir einmal ein Jagdherr, »das ist doch eigentlich sonderbar, auf meinem ganzen Revier gibt es kein einziges Stück Raubzeug, und trotzdem werden die Strecken von Jahr zu Jahr schlechter!«
»Jawohl,« entgegnete ich, »eben weil Sie alles Raubwild abschießen lassen!«
Der gute Mann sah mich ungläubig lächelnd an, er meinte wohl, ich wolle einen Scherz machen. Aber dann klärte ich ihn auf:
»Können Sie sich eine Großstadt, oder meinetwegen auch ein ganzes Reich, ohne Sanitätspolizei denken?«
»N–ein, – nein, eigentlich nicht –«
»So, na sehen Sie, und da wollen Sie klüger sein als die Natur, welche das Haarraubwild und die gefiederten Räuber einzig und allein aus dem Grunde erschaffen hat, um die Ausbreitung von Seuchen, die Fortpflanzung kranker und schwächlicher Stücke zu verhindern?! Denn jeder Fuchs, Marder und Iltis wittert es, ob ein Stück Wild krank oder gesund ist, jeder Wanderfalke, Hühnerhabicht, Rauhfußbussard und Milan schlägt das schwächste, zur Nachzucht ungeeignetste Stück, weil er es am leichtesten erbeuten kann!«
Mein Bekannter war recht nachdenklich geworden, und als ich ihn nach drei Jahren wieder besuchte – ei siehe da! – die Strecken hatten sich um fünfzig Prozent gehoben und Raubwild gab es gerade so viel, daß die gesunden und kräftigen Stücke von der »freiwilligen Sanitätspolizei« verschont blieben! –
Bitte, meine Herren, fragen Sie mal jeden alten, erfahrenen Praktiker! Er wird Ihnen – ich wette tausend zu eins! – sagen: »Ein Revier, namentlich ein Niederwildrevier ohne Raubwild muß herunterkommen, ist einfach ein Unding!« Eine Ausnahme gibt es: die Fasanerie! Da freilich soll es heißen: Krieg allen Räubern! Und mit allen weidgerechten Mitteln: Pulver und Blei, Knüppelfallen und Kastenfallen, Krähenhütte und Hasenquäke, aber nicht mit dem aasjägerischen, hundsgemeinen Gift und diesen furchtbaren, tierquälerischen Marterwerkzeugen, den Eisen, in denen sich so ein armes Gottesgeschöpf eine lange, endlos lange Winternacht in stummen Schmerzen, in Todesangst quält und windet!
Zwei Arten Raubwild verdienen keine Schonung: wildernde Hunde und verwilderte Katzen. Die schieße ich ab wo und wann ich ihrer habhaft werde.
Aber es gibt mir einen Stich, wenn ich lese, daß Herr X. das »Weidmannsheil« hatte, einen Adler zu erbeuten. Ja, meine Herren, muß denn alles »verruiniert« werden?! Muß das wirklich sein?! Ich meine, wir, unser heutiges Geschlecht, unsere »moderne« Zeit, sind so bettelarm an ethischen Werten, an Dingen, die sich nicht mit schmutzigen Markscheinen kaufen lassen! Soll uns denn die Freude an der Natur, die Liebe zum Mitgeschöpf auch noch genommen werden?!
Wie meinten Sie, Verehrtester? Ein Marderbalg kostet jetzt fünfzehnhundert Mark? Sehr richtig, und ein Hirsch ist ein brauner Lappen! Aber, lieber Herr Neureich, Sie haben doch Kinder – Enkel sogar? Na also, sehen Sie mal, sollen die vielleicht statt Füchse Ratten, statt Falken Sperlinge schießen?! Dann sind sie nicht Jäger, sondern »Kammerjäger«.
»Jeder ist sich selbst der Nächste!«
»Ach nein, Herr Neureich, jeder – Sie und ich, – sind ein Glied in einer Kette, ein einziges Rädchen der gigantischen Maschine, und wir haben die Pflicht – verstehen Sie mich recht: die Pflicht! – das Erbe nicht zu verschleudern, sondern zu erhalten und zu mehren!
Sehen Sie nur einmal einem Wanderfalkenpaar bei seinen Flugspielen zu, beobachten Sie eine Marderfamilie und – wenn Sie dann den rechten Finger nicht auch mal vom Abzug lassen können, tun Sie mir leid – Sie Schießer!!«
Nun werden meine liebwerten Leser wohl bald aufsässig werden und sagen: »Nächstens verlangt der Kerl noch eine gesetzliche Schonzeit für das Raubzeug!« Ganz recht, meine Herren, das tue ich auch, wenigstens für einige seltene Arten: Fischreiher, Adler, Edelfalken, Baummarder, Uhu usw. Warum soll denn bei uns etwas nicht gehen, das z. B. in Mecklenburg schon seit einiger Zeit Landesgesetz ist?!
Freilich – wie viele unsrer jetzigen Jäger können wohl einen Rauhfußbussard von einem Mäusebussard, Wespenbussard oder Hühnerhabichtweibchen unterscheiden? (Daß es – hm – »Jagdkarteninhaber« gibt, die jeden Kuckuck als Sperbermännchen ansprechen, sei nebenbei erwähnt.)
Und – ich kenne Leute, die jedes Stück Raubwild grundsätzlich auf die unglaublichsten Entfernungen beschießen mit der drastischen Entschuldigung: »Ach was, das ist ja »nur« Raubzeug, hoffentlich kriegt es ein paar Schrote ab!«
Diesen Schindern und Aasjägern soll ein dreifaches Donnerwetter in die Knochen fahren! Wie sagt Riesenthal?
»Bewahr’s vor Mensch und Tier zumal,
Verkürze ihm die Todesqual!
Sei außen rauh und innen mild,
Dann bleibet blank dein Ehrenschild!«
Laufen solche – solche – solche – (ich finde keinen Ausdruck aber – platzen soll’n se! Bajonett’ soll’n se schwitzen! Ä Ephei soll’n se wär’n un wuchern soll’n se um nix!) herum, haben sich als Jäger kostümiert und sind doch nichts als schlecht verkleidete Henkersknechte!
Diese Sorte ist schuld, wenn das Weidwerk bei den breitesten Volksschichten in Mißkredit gekommen ist, wenn uns von der grünen Gilde (wie dies kürzlich eine der verbreitetsten Tageszeitungen tat) »Sadismus« vorgeworfen wird!
Ihr Gesangbuchchristen und Pharisäer: ehrt den Schöpfer in seinem Geschöpf! Wer sagt euch denn, daß ihr mehr seid, ihr lieblichen Ebenbilder Gottes, als die stumme, leidende, wehrlose Kreatur?! Größenwahnsinnig seid ihr! – Vor Gott, dem Lenker aller Weltensysteme, dem Gestalter und Erhalter dieser Ungeheuerlichkeit, die wir mit unsern dumpfen, stumpfen Sinnen nicht begreifen können, seid ihr Mikroben, seid ihr Stäubchen im Weltenall!
Eines allein bleibt: die Liebe, die sich für uns ans Kreuz schlagen ließ, die Liebe, die auch im hilflosen Geschöpf ein gleichberechtigtes Wesen sieht!
Oder – wie wollt ihr Barmherzigkeit erlangen, wenn ihr selbst kein Erbarmen kennt?!
Und nicht nur ein Erbarmen aus Nützlichkeitsgründen, nein, auch dem verfehmten verfolgten Raubwild gegenüber!
Wohl bekomm’ euch meine Philippika, ihr Herren!