Landheimbau

Unser altes Landheim, die Sorge am Habichtsberg bei Cranzahl, hatten wir verloren. Zu Pfingsten 1919 mußten wir sie verlassen, da das Haus zum Abbruch von der Gemeinde Cranzahl verkauft worden war. Aber die Amtshauptmannschaft Annaberg verbot den Abbruch, – und uns eröffnete sich die Aussicht, unser Heim, das uns in so vielen Jahren, seit 1913, lieb und traut geworden, wieder zu gewinnen, – als Ostern 1920 die Sorge abbrannte. »Durch Funkenflug der Lokomotive« stand’s in der Zeitung geschrieben. Aber wir wissen, daß das unmöglich ist.

Wir suchten uns ein anderes Heim. In jetziger Zeit eine recht schwere Aufgabe. Dieses Jahr, noch war Winter, untersuchten zwei von unserer Ortsgruppe das Häusel im Schmalzgruber Hammerwerk auf seine Bewohnlichkeit. Es war bereits stark verfallen, Türen und Fenster fehlten, innen sah es schwarz und finster aus. Dem Verfall geweiht.

»Das wird ein Heim für uns. Wir bauen es uns wohnlich aus!«

Der Besitzer, Herr Fabrikbesitzer Paul Pilz in Niederschmiedeberg, zeigte sich uns außerordentlich entgegenkommend, und bald war der Vertrag abgeschlossen. Wir hatten ein Heim, das wir wieder unser nennen konnten. Und für den Jungen bedeutet es eine große stolze Freude, wenn er sagen kann, dies Haus ist unser. Er ist mit seinem Heimatboden näher nun verbunden.

Aber eine gewaltige Arbeit stand uns nun bevor: das Häusel ausbauen. Kosten sollte, durfte und konnte es nicht viel. Arbeitslohn brauchten wir keinen, da wir selbst die Arbeiter stellten. Herr Pilz überließ uns viel Material für den Ausbau in der freundlichsten und freigebigsten Weise, so daß wir hier in ihm eine mächtige Stütze fanden. Sein Betriebsleiter, Herr Leichsenring, ging uns mit Rat und Tat zur Seite.

So war es eine Lust zu schaffen. Und mancher, der vorüberging, hat sich gewundert, wie eine Handvoll Annaberger Jungens und Studenten »mitten im kalten Winter« schwer gearbeitet haben und dabei so lustig waren.

Eins stand uns beim Ausbau von vornherein fest: das Häusel bleibt in seiner Eigenart voll gewahrt.

An einem frühen Sonntagmorgen vor den Osterferien rückte eine Schar Jungen mit Handwagen, Hacken, Schaufeln, Eimern, Besen, Kellen, Hammer, Beilen und einem Handofen von Annaberg weg nach dem neuen Heim in Schmalzgrube.

Kräftig ging der Angriff los. Das Wetter war prächtig, die Sonne lachte dazu, und bald stand das ganze Häusel im Nebel, so kehrten und fegten alle dienstbaren Geister darin herum und brachten den Dreck und Staub hinaus aus dem Haus. Nur die Hose auf dem Leib, so schranzte alles, daß es »nur so roochte«. Die zerfressenen Bretterdielen wurden auch gleich herausgenommen, es waren nur noch kleine Stücke, »Fragmente«. An diesem Tage war das Häusel sauber gekehrt, dahinter aber im Steinbruch hatte sich ein ganz beträchtlicher Schutt- und Kehrichthaufen gebildet. Schwarzgrau und verrußt sahen die aus, die aus dem Häusel herauskamen. Im nahen Bache wurde sich gründlich gewaschen, um am späten Nachmittage den Heimmarsch anzutreten. Nicht schlecht guckte unser lieber Leichsenring über die Arbeit, die in den paar Sonntagsstunden geschafft worden war. Ja, das war für die Buben ein ander Zugreifen und Schaffen, als auf der Schulbank zu sitzen.

Die Osterferien kamen. Mit ihnen neuer unerwarteter Schnee und neue Kälte, dann wieder Tauwetter, kalter Wind und wieder Schnee. Das alles in recht bunter Abwechslung.

Das hielt uns nun nicht ab, den Bau mit Wucht weiterzuführen. Ein Sachkundiger hatte uns einen Bauplan entworfen. Im übrigen half uns Vater Leichsenring, wo er nur konnte. Und Mutter Leichsenring hatte nichts weniger zu tun, als zweimal am Tage für durchschnittlich fünfzehn Mann – alles starke Esser und keine Kostverächter – warmes Essen zu kochen. Wir kochten diesmal nicht selbst, damit wir hiermit keine Zeit verloren. Unser Nachtquartier hatten wir in einem leerstehenden Zimmer des Nachbarhauses bezogen.

Sofort begann die Arbeitsteilung. Die eine Hälfte der Mannschaft arbeitete im Heim, die andere ging »auf Transport«.

Uns war die Arbeit nicht leicht gemacht durch das böse Wetter. Verdrießen aber konnte uns das nicht.

In der unteren vorderen Stube arbeiteten immer drei bis vier Mann, hackten den schwarzen Boden, der steinfest gefroren war mühsam, oft nur splitterweise los. 25 Zentimeter tiefer wollten wir den Fußboden legen in einer Fläche von 27 Quadratmetern, weil wir ihn betonieren und darauf die Diele legen wollten. Acht Tage haben wir gebraucht, um den förmlich zu Stein gefrorenen Boden herauszuhacken. Die Hände wurden dabei steif und rissig. Die Hacke prellte ganz ekelhaft in den Händen. Dabei kam beim Tieferlegen des Bodens das Grundwasser hervor, so daß von Zeit zu Zeit ein Mann schöpfen mußte, was in der Kälte auch nicht gerade ein Vergnügen war. Außerdem pfiff der Wind durch die öden Fensterhöhlen.

In der Hausflur und in der hinteren unteren Stube wurden Stützbalken eingezogen. Im Obergeschoß rissen wir die Dielen heraus, um den noch versteckt liegenden Unrat herauszuschaffen. Manch altes Schloß und anderes verrostetes Eisenwerk fanden wir, so daß wir bald eine »Raritätensammlung« anlegen wollten. Zwei wohlerhaltene Kinderkutschen waren auch vorhanden. Wir benutzten den Oberteil davon zum Sand holen. Der Sand wurde aus dem nahen Teiche von zwei Mann herausgeschaufelt, in die Kinderkutschen geworfen und dann auf einem Schlitten von zwei Mann über die abschüssige Wiese ans Haus herangefahren und dort ausgeschüttet, wo ihn ein Mann durchs Sieb warf. Das Obergeschoß blieb im übrigen unberührt, nur die gröbsten Löcher im Schindeldach wurden mit Holzbrettern ausgebessert.

Die andere Abteilung, die ungefähr sieben Mann stark »auf Transport« rückte, hatte es nicht leichter. Da gab es Bretter, Balken, Schwarten, Lehm und anderes mehr heranzuschaffen. Früh um sechs Uhr wurde zu Herrn Pilz nach dem zweieinhalb Stunden entfernten Niederschmiedeberg mit einem Tafelwagen gefahren. Im oberen Preßnitztal lag Schnee, im unteren war er weggeschmolzen. Mit leeren Wagen abwärts zu Tale ließ sich gut fahren. Ganz anders aber wieder zurück: vierzig große schwere Bretter hatten wir aufgeladen. Wir mußten tüchtig schieben und zerren, um den Wagen durch den aufgeweichten Schmutz der Straße vorwärtszubringen. Toll aber wurde die Sache, als wir wieder in die Region des Schnees kamen. Da brach natürlich der schwer beladene Wagen erst recht ein. Wir griffen in die Speichen, um ihn vorwärtszubringen. Nur stückweise. Wir schwitzten. Die Zeit verging rasend schnell. Ich schickte einen Läufer nach dem eine Stunde entfernten Heim, daß die Leute aus dem Heim uns mit Schlitten entgegenkämen. Indessen versuchten wir mit unserer Last weiterzukommen. – Ein Geschirr auf der einsamen Straße! – Ob wir anhängen dürften? – Ja, wenn wir mitschöben! – Natürlich! – Mit drei Seilen banden wir fest. Gleich beim ersten Anzug des Pferdes rissen alle drei Seile mitten durch. Also das nächste Mal vorsichtiger anfahren! Es ging. Noch drei-viermal rissen uns die Seile. Der Kutscher hatte eine bewundernswerte Geduld mit uns. Aber wir kamen doch vorwärts. Bis das Gefährt nach Grumbach die neue Straße abbog. Nun wieder allein. Nach einer Stunde kommt die Ablösung mit zwei Schlitten. Umgeladen. Mit nur wenig Brettern auf dem Wagen fährt die alte Transportmannschaft ins Heim, während die Ablösung mit dem Schlitten nachkommt. Es ist bereits fünf Uhr nachmittag. Wir haben seit diesen Morgen noch nichts als eine Schnitte Brot gegessen. Wir sind im Heim, als ein Bote ankommt: der eine Schlitten sei zerbrochen. Also alles noch einmal raus! Teils auf dem anderen Schlitten, teils auf den Schultern bringen wir das letzte, immerhin noch große Stück die Bretter ins Heim. Wir waren froh, diese Tagesarbeit hinter uns zu haben.

Nicht besser war es anderntags mit der Lehmfuhre. Die war noch ein bissel schwieriger. In dem Moor, in dem Walde bei Grumbach gruben wir den Lehm, den wir zum Ofensetzen und Ausbessern der Holzverkleidung im Obergeschoß verwenden wollten. Den Waldweg bis zur Grumbacher Straße mußten wir erst ausschaufeln, so gut es ging. Und trotzdem wären wir kaum noch durchgekommen, wenn uns nicht der Förster zu Hilfe kam, Eisenketten mitbrachte und sich selbst gleich mit ins Zeug legte. Sein Dackel lugte nicht schlecht. Unter lautem »Hühott« zerrten wir die schwere Lehmfuhre durch den schneeigen Waldweg auf die offene Landstraße. Dort konnten wir fahren bis durch Grumbach durch. Aber am Ausgang des Dorfes lag wieder eine gewaltige Schneewehe, die wir nicht überwinden konnten. Wir holten uns kurz entschlossen einen Ochsen vom Bauern, spannten ihn vor den Wagen. Und nun vorwärts. Der Bauer hieb auf den Ochsen ein und wir brüllten und schrien und schoben mit, bis die kleine Anhöhe und die Schneestelle unter beängstigendem Gestöhne des Wagens überwunden war. Seit jenem Tage sind wir mit dem Bauer gut Freund. – Dann konnten wir die Straße wieder allein fahren; Schnee lag da keiner mehr.

So galt es noch manchen Transport zu vollbringen. Und die Transportabteilung wurde darum nicht beneidet.

Die Arbeit ging rüstig vorwärts. Der Boden der Stube war fünfundzwanzig Zentimeter tief herausgeholt. In der Mitte hatten wir ein Wasserloch gegraben, quer durch den Fußboden eine Schleuse und die Fensterwand an einer Stelle durchstoßen, um Abfluß zu schaffen. Außen am Hause bauten wir einen unterirdischen Flußlauf.

Nun das Betonieren. Der Wassergraben im Fußboden wurde mit Steinen ausgesetzt und überdeckt, dann legten wir eine Packlagerschicht von Ziegelbrocken, die wir aus dem Herrenhaus herüber gehandlangert hatten, wobei es manchen Riß in der Haut gab. In diese Schicht bauten wir sieben Querbalken und zwei Längsbalken ein für die Dielung, nahmen sie sorgfältig in die Wage, was gar nicht so einfach war, als wir es uns vorgestellt hatten. Aus dem Herrenhaus schleppten wir nun die Säcke Zement herüber, mischten den Zement mit Sand. Ein alter Schachtmeister half uns dabei redlich mit. Es war das sein Palmsonntagsvergnügen, wie er uns sagte. Solche Leute gibt es doch heute selten. Bis abends neun Uhr betonierten wir. Da galt es tüchtig und sachkundig Zement mischen, die Mischung in die Stube zu schleppen und Wasser zum Gießen herbeitragen. Eine Zementschicht von fünf Zentimeter Dicke entstand. Die Balken ragten noch drei Zentimeter heraus, damit das Dielenholz nicht auf den Beton zu liegen kommt, sondern Luftzug möglich ist. In der rechten Stubenecke gossen wir einen zehn Zentimeter hohen, zwei Meter dreißig Zentimeter langen und ein Meter zehn Zentimeter tiefen Sockel für den Ofen mit Herd. Mit einem gelernten Ofensetzer zusammen setzten wir den Ziegelofen auf. Einen eisernen Ofen setzten wir nicht hinein, da die Größe des Zimmers und die geschwungenen Fensterbögen einen mächtigen Ofen mit Herd forderten. Für den Herd bestellten wir eine Platte von ganz gewichtiger Größe, die uns zweitausendzweihundert Mark kostete, eine ganz erkleckliche Summe für unsern Geldbeutel. Aber dafür haben wir ein stilgerechtes Zimmer, in dem wir, wenn es nun ganz fertig ist, uns wohlfühlen können.

Unterdessen zimmert ein Junge mit einem gelernten Zimmermann, den wir für einen Tag zur Verfügung gestellt bekommen haben, für die Fenster die Mauerrahmen. Am ersten Tage wurden zwei Stück fertig, der dritte angefangen, die nächsten zimmert der Junge kunstgerecht allein mit Winkelmaß und allem Werkzeug. Zwei Mann mauern die Rahmen ein. Auch hier muß mit der Wasserwage gearbeitet werden. Dann werden die Fensterläden gebaut mit drei Querleisten in der Z-Form und Angeln und Sturmhaken. Auch hier lernen wir, daß der untere Winkel der Querstreifen seinen Scheitelpunkt in der unteren Angel haben muß, damit sich der Fensterladen nicht senkt. Alles will bedacht sein. Und weißt du, wieviel Nägel man zu einem solchen Fensterladen von ungefähr einem Quadratmeter Größe braucht? oder zu einem Quadratmeter Diele?

Auf die Dielenbalken legten wir vorläufig Bohlen und Bretter und besserten die Wände aus, putzten und verkalkten sie. Diese Arbeit war gar nicht so einfach. Besonders schwierig waren die Fensterbogen, die arg in Verfall geraten waren, auszubessern. Aber zwei von uns, die im sonstigen Beruf sich stud. iur. und stud. med. vet. nennen, hatten den Schwung, den Mörtel anzusetzen und zu verreiben, besonders gut weg. Und nun ging es ans Weißen. Nachdem der Zement abgebunden hatte und trocken war, wurden die gespundeten und feingehobelten Dielenbretter genagelt. Sie zu schonen und vor allem vor dem Kalk zu bewahren, streuten wir Sägespäne.

Unsere Bauarbeit zog sich bis auf die Sonntage nach Ostern, bis in die Pfingstferien; zu den Großen Ferien hoffen wir leidlich fertig zu sein. Denn dann entfaltet der Wandervogel seine Schwingen und fliegt weit hinaus in die Welt, bis in fremde Länder. Und in seinem Heim wohnen geladene Gäste aus dem fernen Süden.

Nach des Tages Last und Müh’ zogen wir uns in unser warm geheiztes Quartier zurück. Zum Singen, das wir so sehr lieben, brachten wir es in den Osterferien kaum, dazu waren durch das schlechte Wetter unsere Kehlen zu rauh und heiser geworden. Aber der oder jener spielte auf der Laute, oder wir lasen vor. Aus Selma Lagerlöfs »Gösta Berling«. Und denen, die voriges Jahr mit oben in Schweden waren, tauchten frohe, freudige Erinnerungen auf, wir sahen wieder die herrlichen Seen, umschlossen von ernsten, rauschenden Wäldern, dachten an die schönen Stunden, die wir auf stolzen Schlössern verlebten, wie weiland die Kavaliere auf Eckeby im frohen Vermland.

Und so haltens wir Wandervögel. In der sonnigen Sommerszeit schweifen wir weit in die Ferne. Die Große Fahrt ist uns das Höchste, sie gibt uns das Meiste und Wertvollste. Aber gern kehren wir zurück in unsere Heimat, die unser ist.

Annaberg im Erzgebirge.

Fritz Wollmann, stud. rer. merc.