Gefährdete heimische Pflanzenwelt
Von Paul Apitzsch, Ölsnitz i. Vogtl.
Ein sonnengoldner Sommertag blauet über den weiten Wäldern des südwestlichen Vogtlandes. Ich wandre in der Herrgottsfrühe mutterseelenallein von Bad Elster das Kesselbachtal aufwärts und erreiche bei der Theresienruh die sächsisch-tschechoslowakische Grenze. Zwischen Hochwald und mooriger Wiese zieht der mit granitnen Marksteinen besetzte Grenzweg dahin. Dort, wo vom Grenzpfad schmale Waldsteige nach den böhmischen Dörfern Krugsreuth und Thonbrunn abzweigen, liegen die Quellen des Kesselbaches. Lind fächeln im Frühwind auf geschwellten Moospolstern die weißen Fähnchen des Wollgrases (Eriophorum vaginatum). Dazwischen leuchten zwei Bergorchideen: die roten Blütenstände des gefleckten Knabenkrautes (Orchis maculata) und die gelblichweißen, stark duftenden Armleuchter der zweiblättrigen Platanthere (Platanthera bifolia). Zwischen Schachtelhalm und Farnkraut stehen vereinzelt, aus smaragdgrünen Blattrosetten emporragend, die veilchenblauen Blüten des Fettkrautes (Pinguicula vulgaris) und zu kleinen Genossenschaften vereinigt die mit roten Drüsenhärchen versehenen Blattsterne des rundblättrigen Sonntaues (Drosera rotundifolia), zwei immer seltner werdende insektenfressende Sumpfgewächse. An dem Höhenwege von der Theresienruh nach der Agnesruh und der Alberthöhe wächst im Preiselbeergestrüpp eine weitere botanische Seltenheit, die, außer im Vogtlande, nirgends in Sachsen vorkommt: die Buchsbaum-Ramsel (Polygala Chamaebuxus). Ihre starren, dunklen Blätter unterscheiden sich kaum vom Preiselbeerlaub, während die gelblichen Blüten denen des Waldwachtelweizens ähneln.
Wenn im Spätsommer die Waldblößen im purpurnen Glanze der Weidenröschen (Epilobium angustifolium) glühen, dann erscheinen überall an sonnigen Hängen die giftigen Blüten des blaßgelben Fingerhutes (Digitalis ambigua). Während dieser noch allerwärts im Vogtland und in andern Gebirgswäldern häufig vorkommt, ist sein gleichfalls giftiger Bruder, der rotblühende Digitalis purpurea, bereits dem Aussterben nahe. Vor zwanzig Jahren waren die purpurnen Fingerhüte im Steinicht zwischen Plauen und Elsterberg, im Triebtal und Kemnitzbachtale keine Seltenheit. Heute sucht man sie dort vergebens. Sie sind verdorben, gestorben. Ebenso gefährdet ist das Dasein der wenigen noch wildwachsenden Türkenbuntlilien (Lilium Martagon) im Burgsteingebiet und am Kandelhof bei Gutenfürst. Großstädtische Sommerfrischler und botanisierende Schüler werden dafür Sorge tragen, daß dieser Schmuck des Bergwaldes demnächst verschwindet. Im Frühherbst erscheinen dann die Heerscharen der Heidekräuter oder Ericaceen. Die gewöhnliche Besenheide (Erica vulgaris L. oder Calluna vulgaris Salisb.) ist ja durchaus nicht gefährdet, wenn auch während der Kriegszeit hektargroße Flächen in Ackerland umgewandelt und ebenso große Gebiete des oberen Vogtlandes entheidet wurden und ihr Pflanzenwuchs als Stallstreu Verwendung fand. Aber sehr selten geworden ist die großblütige Sumpf- oder Moorheide (Erica Tetralix), die meines Wissens nur noch an einer einzigen Stelle des Vogtlandes vorkommt. Aus leicht begreiflichen Gründen werde ich diesen einzigen und letzten Standort nicht verraten. Ich würde sonst vielleicht das Gegenteil von dem erreichen, was ich beabsichtige.
Eine spezifisch vogtländische Ericacee, die in Otto Wünsches »Exkursionsflora für Sachsen« als »sehr selten« bezeichnet wird, ist die fleischfarbene Erica carnea oder Schneeheide. Im Gegensatz zu ihren Schwestern, die sämtlich an der Schwelle zwischen Spätsommer und Frühherbst in Blüte stehen, ist die Schneeheide ein Kind des Vorfrühlings, und ihre roten Polster sind ein hervorragender Schmuck der sächsisch-böhmischen Bergwälder bei Brambach, Schönberg, Wildstein. Ihr Vorkommen beschränkt sich im allgemeinen auf die südvogtländische Granitinsel rund um den Kapellenberg, wenn auch hier und da in den Kontaktgebieten, so im Muskowitschiefer bei Hennebach und Dürrngrün in Böhmen, Schneeheide vorkommt. Als im Jahre 1885 der Eisenbahndamm zwischen Ölsnitz und Adorf mit Brambacher Granitschutt beschottert wurde, gedieh auch dort Schneeheide; sie kränkelte aber bald und ging schließlich ein. Im Jahre 1906 versuchte ich, an der Südseite des Hasenpöhles bei Ölsnitz Schneeheide zu akklimatisieren. Kräftige Pflanzen aus den der Fürstenschule St. Afra in Meißen gehörigen Brambacher Rittergutswaldungen wurden eingesetzt. Jedem Steckling war ein großer Ballen heimatlicher Erde und reichlich Granitsand in die Fremde mitgegeben worden, um die Lebensbedingungen möglichst günstig zu gestalten. Vier Jahre später habe ich Schneeheidesamen aus Mieders und Fulpmes im unteren Stubaital in Tirol ebenfalls am Ölsnitzer Hasenpöhl unter Zuhilfenahme von vogtländischem Granitsand ausgesät. Und der Erfolg beider Versuche? Die gepflanzte Erica carnea gedieh zunächst ganz prächtig, ging aber dann stockweise ein, und die letzten spärlichen Exemplare starben 1919 am Heimweh. Der ausgesäte Same mag von vornherein die Aussichtslosigkeit der Entstehung fortpflanzungsfähiger Schneeheideexemplare geahnt haben und – ging gar nicht erst auf. Granitner Grund scheint eine Mitbedingung des Fortkommens der Schneeheide zu sein. Wesentlicher jedoch als die Kausalität zwischen Granit und Schneeheide scheint mir die hochinteressante Beziehung zwischen dem Vorkommen der Schneeheide und dem Vorhandensein radioaktiver Wässer zu sein. Es fällt unwillkürlich auf, daß die Schneeheide ausgerechnet im Bereich der sächsischen und böhmischen Bäder: Bad Elster, Brambach, Franzensbad, Karlsbad, Königswart und Marienbad vorkommt. Alle diese Bäder besitzen, wie schon Felix Heller in Band X, Heft 4–6, Jahrgang 1921 der »Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz« ausführt, Quellen mit mehr oder weniger starkem Radiumgehalt. Brambach, mit der weitaus größten Zahl Macheeinheiten (2200), hat auch die stärkste Bodenbedeckung mit Schneeheide. »Es liegt da nahe, die Radioaktivität des Wassers als Ursache des Gedeihens der Pflanze anzusehen oder eine durch Radium-Emanation bedingte höhere Bodenwärme.« Wissenschaftlich ausgeführte pflanzenbiologische Untersuchungen könnten hier Klarheit schaffen.
Die Schneeheide ist stark gefährdet, da sie in den blütenarmen Monaten März und April Verkaufsobjekt, Handelsware, Erwerbsgegenstand geworden ist. Trotz strenger Verbote der Amtshauptmannschaft Ölsnitz und der Bezirkshauptmannschaft Eger setzt bei beginnender Schneeschmelze alljährlich ein förmlicher Vernichtungskampf ein; und so ist das Fortbestehen der obervogtländischen Schneeheide genau so gefährdet wie das in den Alpenländern von einer rücksichtslosen Fremdenindustrie bedrohte Edelweiß.
Zu den aussterbenden Gewächsen der heimischen Wälder gehört noch ein anderes Vorfrühlingskind: der Kellerhals oder Seidelbast (Daphne Mezereum). In Wildrosenhecken und im Schlehdorngesträuch leuchten an kahlen, holzigen Stengeln scharlachrote Blüten und hellgrüne Blattspitzen. Ein starker Geruch, wie von bitteren Mandeln, entströmt den Giftblüten. Auch das prächtige Pfaffenhütchen (Evonymus europaea) unsrer Wälder wird seltener. Je charakteristischer und auffallender eine Pflanzenerscheinung ist, desto mehr fällt sie der Beachtung und – Vernichtung anheim.
Unsre Heimat hat in ihrem großen Lebeweseninventarium nicht nur aussterbende Tiere zu verzeichnen, sondern auch untergehende Pflanzen. Insoweit dieses völlige Verschwinden mit unbedingt notwendigen Kulturfortschritten ursächlich in Zusammenhang steht – ich denke an das Zurückgehen der Sumpf- und Moorflora infolge Urbarmachung bisher brachliegender Hochmoore –, ist dies wohl bedauerlich, kann aber im Interesse gesunder kultureller Weiterentwicklung des Menschengeschlechts nie und nimmer aufgehalten werden. Die Menschheit kann nicht hungern, um etwa eine seltene Torfmoosart der Nachwelt zu erhalten. Aber die gefährlichsten Feinde der seltnen Flora sind nicht die Pioniere der Kultur, sondern sogenannte »Naturfreunde«. Ihr deutschen Jungen, gefährdet nicht die letzten Reste einer sterbenden Pflanzenwelt, indem ihr die wehrlosen Leiber derselben zusammenpreßt und euerm furchtbaren Herbarium einverleibt! Diese Totenkammern, diese Leichenhäuser, diese Mumiensammlungen tragen die Schuld, wenn die eigenartigsten und charaktervollsten Vertreter unsrer heimischen Pflanzenwelt dem Tode geweiht sind. Andachtsvoll stehe ich vor der einzigen und letzten Erica Tetralix meiner Heimat. Ich rühre sie nicht an. So gehe hin und tue desgleichen!