Der Lößnitzer Weihnachtsberg

Die Deutsche Weihnacht in der Jahresschau 1923

Von Edgar Hahnewald

Über eine ziemlich phantasielose Aneinanderreihung mehr oder minder guter Industrieerzeugnisse kam auch die Jahresschau Spiel und Sport nicht hinaus. Es war eine Messe der Hersteller. Der »Laie«, dem Spielzeug noch etwas andres ist als eine übersichtlich zu ordnende Handelsware, suchte immer wieder die erzgebirgische Spielwarenwerkstätte auf, in der Spielzeug vor seinen Augen entstand. Er verweilte nachdenklich vor den kindlichen Basteleien in der Sonderabteilung im Kapherrschen Palais und betrachtete die rührenden Erfindungen kleiner Hände und Hirne. Die Spielwarenfabrikanten haben sich diese Kinderbasteleien wohl nicht angesehen. Sie hätten es tun sollen. Sie hätten beschämt erkannt, daß sie auf ganz falschem Wege sind, wenn sie Kinderspielzeug zu Vitrinenfigürchen verzärteln oder, was sie noch beflissener tun, zu unkindlichen Karrikaturen verzerren. Das Kind arbeitet, wenn es spielt; es schafft, es gestaltet, wenn es sich Spielzeug selbst bastelt. Seinen arbeitsamen Eifer, seinen Ernst beim Spiel haben viele der Fabrikanten vergessen. Sie hätten sonst manches ihrer Erzeugnisse weniger anspruchsvoll oder gar nicht ausgestellt.

Der innerlichen Armut der Ausstellung entsprach die Phantasielosigkeit der Aufmachung. Nur in der Halle der erzgebirgischen Spielwarenindustrie war durch die Andeutung einer Jahrmarktsbudenreihe eine gefälligere und belebtere Gliederung in das bunte Vielerlei gebracht worden. Die meisten Aussteller begnügten sich mit nüchterner Symmetrie. In einzelnen Fällen führte das Bestreben, zu »dekorieren« zu bösen Verirrungen. Die schlimmste Leistung dieser Art war der von vielen angestaunte Weihnachtstraum der Kinder in der Halle der Sonneberger Spielwarenindustrie. Es war eine wahre Wolke von Kitsch. Als Beispiel, wie es nicht gemacht werden darf, wenn man sich nicht den Vorwurf der Geschmacklosigkeit zuziehen will, ist auch diese Sonneberger Dekoration für diese Blätter aufgenommen worden.

Ein einziger Raum hob sich von der Langweiligkeit der einen und den verunglückten Dekorationsversuchen der andern Abteilungen gleich wohltuend ab: der Raum Deutsche Weihnacht, den Professor Oskar Seyffert im Verein mit dem Architekten Professor Menzel eingerichtet hatte. Professor Seyffert hat in diesem Raum eine neue Probe seiner feinen Kunst abgelegt, für die sein Museum für sächsische Volkskunst und Volkskunde ein so erfreuliches und vorbildliches Zeugnis ist: seiner Kunst, zerstreute Dinge zu einer schönen, beseelten Einheit zu verbinden. Sein Raum war der einzige in der ganzen Ausstellung, in dem alles gut war.

Abb. 1 Das abschreckende Beispiel: Der Sonneberger »Weihnachtstraum«

Ein tiefes, edles, nächtliches Blau erfüllte den Raum mit ruhevoller, festlicher Stimmung. Goldene Sterne funkelten an der Wölbung, von der ein großer, mehrteiliger Leuchter, ein farbiger Stern aus Holz herabhing. Silberne und goldene Schaumglaskugeln schmückten ihn. Auch die Milchglaskugeln der Beleuchtungsanlage waren als Schmuck verwendet. Am Tage schimmerten sie weich wie tauende Eisbälle. Am Abend beleuchteten sie mit mildem Licht die glitzernden Weihnachtsbäume. Der feierliche Glanz einer stillen, blauen, deutschen Weihnacht lag über allem – mit so einfachen, aber fein abgewogenen Mitteln, ohne alle Apotheose, ohne alle Stimmungsmache wurde die Stimmung geschaffen, die der schon vorher beschlossenen Benennung des Raumes entsprach: Deutsche Weihnacht. So schlicht löste Seyfferts feinfühlige Hand die Aufgabe, die manchen andern zu pompösen oder gefühlvollen Dekorationskunststückchen verleitet hätte.

Abb. 2 Sternleuchter in der »Deutschen Weihnacht«

Auch auf den Gedanken, in diesen blauen Raum schlichte grüne Waldbäume, weihnachtliche Fichten zu stellen, konnte nur ein Künstler wie Professor Seyffert kommen, der ja, so wenig »poetisch« er sich auch geben mag, bis in die Fingerspitzen Poet ist. Grüne, im Glasschmuck glitzernde Weihnachtsbäume vor diesem nächtlichen Blau – das war nicht nur gut »gemacht«, das war gestaltete Dichtung eines Herzens, das sich auf Volkslieder, auf Märchen und Kinder versteht.

Abb. 3 Die Altarecke in der »Deutschen Weihnacht«

Auch an der Verwendung des Glasschmuckes erkannte man die künstlerisch fühlende Hand. Da war ein Baum nur mit bleichem Silber und mattem Gold behängt – er glitzerte wie bereift und hob nur ganz behutsam die Lößnitzer Krippe aus ihrer notwendigen Umrahmung in die Geschlossenheit des Raumes. In der einen Ecke flankierten die Weihnachtsbäume einen spätgotischen Altar aus dem Altertumsmuseum. Das edle, verblichene Gold der Holzschnitzerei durfte nicht überfunkelt werden – in das Gold und Silber des Glasschmuckes sprühten nur ganz wenige blaue und rote Kugeln einige funkelnde Lichter. In der andern Ecke im kirchenhaften Licht der schmalen Fenster glitzerten die Bäume bunt um bunte Weihnachtspyramiden und über farbenfrohem Spielzeug. Aber auch da wurde das Silber, Gold, Blau, Grün, Rot der Glaskugeln mit sorgsamem Bedacht auf geschlossene Wirkung in das tiefe, weiche Grün der Bäume verteilt. Und wie nun eine solche goldene Glaskugel im vollen Lichte glitzerte, eine rote aus dem Zweigschatten glühte, wie das Bunt die Bäume überrieselte, das war nicht ohne weiteres die Schönheit des Glasschmuckes, das war die Wirkung seiner geschickten Verwendung.

Abb. 4 Die Engel musizieren vor Marias Thron
Erzeugnis von Wendt & Kühn, Grünhainichen

Unter den geschmückten Bäumen breitete Professor Seyffert aus, was er an Spielwaren ausgewählt hatte. Alles in diesem farbigen Gewimmel war mustergültig. Im Raume waren die kleinen Dinge die bunten, belebenden Tupfen, die sich dem Ganzen einfügten, ohne sich vorzudrängen. Für die Weihnachtsstimmung des Raumes bedurfte es dieser kleinen, bunten, hübschen Dinge nicht – das spricht nicht gegen die Dinge, sondern für die meisterhafte Beherrschung der schlichten Mittel, mit denen Professor Seyffert diesen Raum schuf, der wieder nur der edle Rahmen sein sollte für das größte und schönste Werk volkskünstlerischer Herkunft, das in Sachsen, ja wohl in ganz Deutschland zu finden ist: für den Weihnachtsberg des Lößnitzer Bergvereins.

Abb. 5 Lichterengel unter Weihnachtsbäumen
Erzeugnis von Wendt & Kühn, Grünhainichen

Beim Anblick dieses geschnitzten Weihnachtsmärchens murrte ein Arbeiter: »Damit sollen die Kinder verdummt werden.« Ein andrer Besucher, der das hörte, erwiderte gereizt: »Wenn da lauter rote Fahnen hängen würden, würde es Ihnen gefallen.«

Abb. 6 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Der Palast des Herodes

Beider Einstellung war falsch. Der eine lehnte das Werk ab, weil er darin nur eine Verkörperung biblischer Geschichten sah; der andre verteidigte es aus dem gleichen Grunde. Man denke sich den Dialog eines Ungläubigen und eines Gläubigen vor der Sixtinischen Madonna, vor Rembrandts religiösen Gemälden geführt, um zu erkennen, wie weit beide davon entfernt sind, dem Kunstwerke gerecht zu werden. Ähnlich verhält es sich hier. Gewiß stellen die Schnitzwerke biblische Legenden dar und augenscheinlich war fromme, religiöse Empfindung der Antrieb zum Werke, da ohne seelischen Antrieb kein beseeltes Kunstwerk entsteht; aber entscheidend für die Beurteilung eines Kunstwerkes ist in der Regel nicht der Stoff, sondern seine künstlerische Gestaltung.

Abb. 7 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Die Hirten hören die himmlische Botschaft

Und um ein Kunstwerk handelt es sich bei diesem Weihnachtsberg, den die Mitglieder des 1879 gegründeten Lößnitzer Bergvereins, Schuhmacher, Weichenwärter, Waldarbeiter, Landbriefträger und wer sonst noch, im Verlaufe mehrerer Generationen erdacht, geschnitzt, bemalt und aufgebaut haben. Es ist ein Kunstwerk; es ist Volkskunst, beseelt von naivem, dichterischem Empfinden einfacher Menschen, wie es in Volksliedern und Volksmärchen lebt. Und obwohl fast jede Gruppe von andern Händen geschnitzt wurde, obwohl mancher Schnitzer schon im Grabe lag, als andre das gemeinsame Werk fortsetzten, scheint alles von einer Hand geschaffen zu sein. Da und dort entdeckt man wohl bei genauerer Betrachtung leise Verschiedenheiten in der Führung des Schnitzmessers, in der plastischen Bildung der Figuren, in der farbigen Behandlung, aber das Ganze ist von einem Empfinden durchdrungen. Die Spuren der einzelnen Schöpfer verschwinden im gemeinsamen Werk. Und wohl ist die Folge der Gruppen willkürlich. Mariä Verkündigung, die Geburt im Stall zu Bethlehem, die Verkündigung an die Hirten auf dem Felde, die heiligen drei Könige, die Flucht nach Ägypten – das alles schließt sich eng um die Weihnachtslegende. In den andern Gruppen schweifen die Schöpfer durch das Leben Christi. Sie gestalten die Darstellung im Tempel, das Tempelgespräch des zwölfjährigen Jesus mit den Schriftgelehrten, die Taufe im Jordan, die Bergpredigt, Jesus und die Samariterin. Mitten drin steht der Palast des Herodes. Der König sitzt auf rot überhangenem Thron und wartet gleichsam auf die Rolle, die er im Leben Jesus spielen soll. Man fühlt, daß die Schöpfer der einzelnen Gruppen sich nur von den Reizen führen ließen, mit denen dieser oder jener Vorgang zur Gestaltung lockte – die bunte Pracht im Königspalast oder das bewegte Figurengewimmel der Bergpredigt. Und doch wird keine Lücke fühlbar. Alle Gruppen schließen sich zu einem großen Bilde zusammen, in das man hineinblickt wie in ein gleichzeitiges, einheitliches Geschehen. Zeitliche Verschiedenheit der Entstehung, persönliche Verschiedenheit der Schöpfer, enge Aneinanderreihung weit voneinander liegender Vorgänge – alles dreis geht lückenlos auf in der großen seelischen und volkskünstlerischen Einheit des ganzen Werkes.

Abb. 8 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Die ruhenden Kamele der Weisen aus dem Morgenlande

Das wird noch verstärkt durch die Einfügung der Gruppen und Einzelfiguren in die überraschend gut erfundene Landschaft, die aus phantastisch gewachsenen Wurzelhölzern und aus Moospolstern aufgebaut ist. Wer es nicht vorm Werke selbst entdeckte, findet vielleicht auf einer der photographischen Aufnahmen heraus, wie groß, wie landschaftlich echt, wie felsenhaft diese Wurzelknorren um eine Herde kleiner Schäfchen, um das Beieinander gestenreicher Figuren wirken. Diese Landschaft gibt dem Ganzen die einheitliche Szenerie, und das silbrige Grau des knorrigen Holzes, das verblichene Gelbgrün des Mooses hält die bunten Farben der Gruppen und Figuren gut zusammen. So wirkt das Ganze noch stärker als ein Werk.

Abb. 9 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Die heilige Familie in Josephs Werkstatt

Betrachtet man dann die Einzelheiten, die ruhenden Kamele der Weisen aus dem Morgenlande, die Hirten auf dem Felde, die weidenden Schafe und die kletternden Ziegen, die wundervoll sprechende Gebärde der Maria in der Tempelszene, die farbige Schönheit der Palastgruppe, so findet man immer von neuem entzückende Feinheiten, und je öfter man vor den Weihnachtsberg tritt, desto mehr liebt man das Werk.

Abb. 10 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Maria findet Jesu im Tempel bei den Schriftgelehrten

Ist das verborgene, höchst komplizierte Werk der Rollen und Fäden im Gange, dann wenden sich da kleine Köpfchen und heben sich da zierliche Hände und Arme, pilgernde Menschen und hoheitsvolle Kamelreiter ziehen still und fließend zwischen den Felsknorren ihres Weges, die winzige Axt Josephs in der Werkstatt zu Nazareth tickt wie das verhalten klopfende Herz dieser Schöpfung, und aus himmlischen Höhen, aus schwebenden Wolken und himmlischen Heerscharen herab läßt sich mit bestürzend heftiger Gebärde in kleinen Rucken der verkündende Engel unter die aufschauenden Hirten fallen – man fühlt, wie unerwartet, überwältigend das Geschehnis die Hirten überfällt, und man glaubt fast die beglückende Botschaft in der großen Stille zu hören: Friede auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen! Und dann schwebt der Engel mit leiser Drehung wieder aufwärts. Und nach Sekunden stürzt er von neuem …

Abb. 11 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Die Taufe im Jordan
Christus und die Samariterin

In dieser stillen Bewegung war der Weihnachtsberg am schönsten. Und dann wieder sah man ihn abends, wenn sich die Schar der Besucher schon verlaufen hatte, wenn nur zwei, drei Menschen still vor dem frommen Berge verweilten. Das verborgene Werk ist abgestellt. Alles ruht in feierlicher und doch so schlichter Stille im weißen Lichte der bereiften Glaskugeln. Die goldenen Sterne funkeln und das dunkle Blau wölbt sich als nächtlicher Himmel. Und nun meinte man: so, in dieser großen Stille, sei das Werk am schönsten.

Immer aber war dieser Weihnachtsberg der köstlichste Anblick, den die Jahresschau bot. Und daß er da war, ist Professor Seyfferts Verdienst. Der erzgebirgische Bergverein, dessen gehüteter Besitz er ist, gab ihn nur schweren Herzens her. Sie brachten ihren Schatz selber, die Figuren in sorgsamer Verpackung, Moos und Wurzelfelsen in großen Kisten. Und sie bauten ihn auch selber auf.

Aber daß er so aufgebaut wurde, ist wiederum Professor Seyfferts Verdienst. Im Erzgebirgsstädtchen Lößnitz, wo er alle Jahre einmal um Weihnachten zwei Wochen lang zu sehen ist, erhebt er sich vor einem gemalten palästinischen Panorama und umgeben von vielerlei störender Zutat. Seyffert ließ das alles weg. Er stellte den ganzen Weihnachtsberg einfach unter die nachtblaue Wölbung, an der die goldenen Sterne funkeln, und nun wirkte das schöne, schlichte Werk so groß, so edel, wie es in Lößnitz nie zu sehen war. Hoffentlich verzichtet nun auch der Lößnitzer Bergverein bei der Wiederaufstellung seines Weihnachtsberges daheim auf alles überflüssige und störende Beiwerk. Es käme dem schönen Kunstwerke zugute, denn ein Kunstwerk ist der Berg, ein Kunstwerk, eines edlen Rahmens wert.