II.
Nur der Kosak schrie auf — menschlicher Weise gedenkbar: selbst in der eigenen Wuth noch erschrocken über das — Kriegsglück, daß er statt des Feindes, das Kind durchbohrt. Aber es war ein Schuß gefallen; denn der bedachte, absichtlich handelnde Franzose hatte sich gleich wieder auf ein Knie gerafft, richtig den Augenblick ergriffen, sicher gezielt und sicher getroffen, und der Kosak lag am Boden. Niemand konnte erkennen, daß er ein alter Mann mit silberweißem Barte war, kaum daß er ein Mensch sei, wenn es nicht die übrige Gestalt noch hätte schließen lassen; denn über Augen und Gesicht floß lichtrothes Blut von der Stirn, unter der rothen vierlappigen Mütze hervor, und überfloß den breiten Bart, als sei er aus blühendem Fuchsschwanz künstlich gemacht; und die gerötheten Zähne im Munde klapperten vor Schmerz oder Wuth; denn er war gleichsam nur ein blautuchener Schlauch voll deutscher Beute.
Die indeß genahten Franzosen hatten mit einer Salve der reitenden Artillerie die Kosaken wie sechsbeinige Hasen aus dem Dorfe gebürschet. Man hörte in der Ferne nur schreien und reiten, und sah wieder die Straße brennen. Im Dorfe aber und in Johannes Hofe war es still. Der Franzose hatte den Schimmel am Zaume aufgegriffen, und an der Linde angehangen, stand ruhig, putzte seine Flinte rein, und ladete sie wieder, während er mit finstern Seitenblicken zu dem Kosaken auf die Erde zwischen den Zähnen murmelte: Moskowiter! Ismaeliter! Esauwiter! — Da liegst Du — und Ich nicht! — Du bist mein — und Ich nicht Dein!
Wecker war in heiliger Entrüstung indeß bei dem alten Frommholz vorüber, herausgeschritten, und in Bezug auf den in seinem Blute schwimmenden Asiaten sprach er mit innigem Bedauern und herzlichem Wohlmeinen zu dem Franzosen: Kain! Kain! Kain! o fliehe! fliehe! — Du hast Deinen Bruder erschlagen! Wir wollen unsere Augen indeß zudrücken, daß wir nicht wissen, wohin Du geflohen!
Und so drückte er seine Augen zu, und stand mit geröthetem Angesicht harrend. Da er aber nur ein verwundertes Lachen hörte, schlug er die Augen wieder auf, sah den Lachenden mit Erstaunen an, und frug ihn, ganz irr’ an sich und der Welt: Nun so sagt: Wer hat Euch das Recht gegeben, den Mann zu erschlagen?
Ihr seid verrückt! entgegnete der Franzose.
Das habe ich schon von Andern gehört! entgegnete Wecker; aber, mein Freund — — denn auch Ihr seid noch mein Freund — aber auch so ein Ungeheurer, wie ich, kann fragen; also ernstliche Antwort: Wer hat Euch das Recht gegeben, geliehen, geschenkt oder vermeint zu geben, zu leihen, zu schenken!
Das Beispiel! närrischer Mensch. Die Trommel, der Feldwebel, der erste Kanonenschuß, das Wort „Marsch!“ Kein Mensch hat es uns eigentlich laut gesagt.
An der verschämten Art haben sie wohl gethan! sprach Wecker mit einiger Freude; aber gemeint haben sie es doch!
Und das recht redlich! Die Hohen befehlen, die Kleinen thun, die Alten thun es vor, die Jungen nach.
O Volk, du heiliger Affe! „sacra simia,“ wie auch Horaz den verfluchten Hunger nennt; aber kennt Ihr nicht aus dem Vorschreibe-Versbüchlein das Symbolum? Daniel! Wo bist Du? Bete doch dem Herrn Todtschläger den Vers vor: „Flieh, wenn Du — —“ Da er aber den Daniel nicht gewahrte, dictirte er gleichsam die Zeilen dem Manne in die Feder oder in die Flinte — wie er bemerkte — und sprach laut und warnend:
Flieh, wenn Du Böses siehst,
Und thu’ es niemals nach!
Du bist so strafbar sonst,
Als der es erst verbrach!
Der Franzose aber hatte einen großen russischen Hund, Peter, oder der große Peter gerufen, mitgebracht; und der Hund nun beroch den Kosaken; und hungrig, wie Peter sein mochte, leckte er ihm endlich das warme Blut vom Gesicht und aus den Augenhöhlen — und der Kosak stöhnte, schlug die Augen auf und erblickte seinen Schimmel, der sich von der Linde los gemacht, und mit gesenktem Kopfe neben seinem gefallenen Herrn, Freund und Vater stand. Und der Kosak schloß die Augen wieder.
Der kleine Gotthelf aber frug Weckern: Meister Wecker! Ist das ein Centaure?
Ja, mein Söhnchen, mein Gotthelfchen! erwiederte er. Gott helfe ihm! Es ist ein solcher guter, armer Teufel, wie einst ein gewisser Pferde- und Menschendoctor, Chiron benannt! Ist dieser hier nicht so lange todt wie Jener, so wird er es doch bald so lange werden. Aber die Todten holen sich wohl nicht ein? Indeß, so weit her sind sie Beide, und unser Gast wohl noch weiter her, der daher gekommen, um unsere Erde zu kosten, und statt um ein drei Ellen hohes Federbett, nur um ein drei Ellen tiefes Wurmlager bittet, ja nicht einmal bittet — so gut ist der liebe, alte Mensch; mein Gotthelf, mein Gotthelf. O, helfe doch Gott allen Menschen!
So sprach er in heißer Entrüstung und mit zum Himmel gestreckten Händen, und er schickte sich an, dem armen Alten beizustehen, und wo möglich noch Hülfe zu leisten, da er doch noch ein Lebenszeichen von sich gegeben — als Christel laut aufschrie.
Jetzt erst war sie herausgetreten; jetzt erst hatte die Mutter ihr Kind gesehen. Es lag auf dem Rasen neben der Thüre, und als es die Mutter erblickte, streckte es beide Händchen nach ihr. Der alte Mann hätte sein Enkeltöchterchen vielleicht sogleich hineingetragen, wenn er nicht befürchtet, dem Kinde durch eine Wendung oder durch das Nachschleppen der langen, schweren Lanze, an der es steckte, weh oder weher in seiner Brust zu thun; und so hatte er es nur ruhig hingelegt, und sich selbst auf die Bank gesetzt, wo er kraftlos und athemlos saß. Die Mutter bedeckte die Augen vor ihrem Kinde mit ihren Händen. Sie hatte gesehen . . . Alles mit einem Blick . . : es lebte noch! Es blutete nicht! Denn der Speer verschloß seine Wunde zugleich! Aber das holde Gesicht des Kindes war blaß, und die rosenrothen Wangen auf Zeit der Erde oder des Himmels dahin! Der Blick aus den schönen blauen, Hülfe bittenden Augen in ihre Mutterseele hatte ihr schweigend gesagt: sie sei des Kindes Mutter nicht mehr! Die liebe Kleine sei ihr auf einmal vom Herzen gefallen, so fremd geworden, und werde ihr bald so unkenntlich und so unergründlich sein, wie — Erde, und immer ferner, weit, fern, unerreichlich fern, und doch so nahe, so fest, so recht innig im Herzen, wie der durchbohrende, schmerzliche Speer in der kleinen Brust des Kindes. Ihre volle Mutterliebe stand auf einmal an einem grausen Abgrund still, wie ein gefrorner Wasserfall — und nur in der Tiefe schlich noch ein kleiner, zusammengedrängter, warmer Quell unter der eisigen Decke, das ewige schöne Gefühl: sie liebe noch! und jetzt erst unaussprechlich, unausweinbar, und zerflöße sie selber zu Thränen. Der blaue Himmel war ihr sonst nur die herrliche, gleichsam unsichtbare Decke über die Erde gewesen; die Erde selbst aber nur das weite, breite Haus für die Menschen, und die Sonne das stille Geleucht zu den Geschäften und Sorgen und Mühen aller solcher treuen Mütter wie sie, solcher redlichen Väter wie ihr Johannes, und solcher von Liebe der Aeltern gedeihender Kinder wie ihre! Jetzt war ihr die Erde kein fester Boden mehr; denn er schwand unter ihren Füßen hinweg, als habe sie auf falschem, nichtigem Gewölk gestanden; sie taumelte und hielt sich an die Pfosten der Thür. Und so war auch der Regenbogen über ihr nur ein Schatten; und die Sonne — dem Regenbogen gegenüber — war ihr nur ein grauses Gespenst, ein Gesicht ohne Augen, ein kahler, liebloser, lebloser Scheitel ohne Haar — sie hatte vergessen, daß es eine Welt gab, und ein Leben; denn dieses ihr Kind war hin! Und ihr Mutterherz empfand in dieser ihrer Noth keine andern Kinder mehr, sie waren ihr alle gestorben — und sie schrie laut und durchdringend. Dadurch hatte sie sich selbst aufgeweckt; sie blickte schüchtern und ängstlich und neugierig umher, ob es wahr sei, was sie geträumt — und als sie nun wiederum sah, es ist wahr . . . . es bleibt und bleibt wahr . . . . da strömte Eifer zu retten über sie; sie kniete hin und wollte dem Kinde den Speer aus der Brust reißen mit schneller, schonungsloser und schonender Hand.
Der französische Soldat aber sprang hastig hinzu, und wehrte ihr mit den Worten: Junge Frau, thut das nicht! Sonst verblutet sich erst das Kind. Es kann noch leben, bis ein verständiger Arzt kommt, der das vernünftig macht!
Johannes lief auf das Wort sogleich in das Dorf nach dem Dorfbarbier.
Seht, sprach der Soldat weiter, und riß seine breite, weiße, mit Haaren männlich geschmückte, schöne, hohe Brust auf, ich bin mitten hindurch geschossen, und lebe und kann schreien wie Einer: „Es lebe der Kaiser!“ — Mein Gehirn ist abgedeckt worden durch einen mich dumm zu machen meinenden Säbelhieb eines albernen Russen, aber, Gott sei Dank, ich bin noch so klug — wie ein Franzose! — Eine Kanonenkugel ist mir quer an den Augen vorüber gesauset, und hat sich unterstanden mir das Nasenbein verstellen zu wollen — aber seht, meine Nase ist noch musterhaft und der feinste Riecher! Und so schwach ich sehe, so sehe ich doch — aus Uebung den Feind, er sei blau, grün, weiß oder roth, wenn Ihr das versteht, liebe junge Frau! Ich muß denken — es ist Herbst auf immer für mich geworden, oder Abenddämmerung zwischen Hund und Wolf, oder die Frau Erde hat ihr Schleierkleid für mich angezogen — also sie hat mich ausgezeichnet durch ihre besondere Gunst.
Er sah sie bei diesen Worten an, und mußte zu ihr mitleidig lächeln, so freundlich sprach ihn das schöne, blasse, ängstliche Muttergesicht der Christel an, und er war eigen sanft und mild gegen sie, wie gegen eine frühere liebe Bekannte. Und das war sie auch wirklich. Christel war seine Schwester. Aber als er aus dem Vaterhause gezogen, war sie noch ein ganz kleines Jüngferchen gewesen; und er erkannte sie nicht, weil sie groß, ausgebildet, verändert durch ihre Reife, und verwandelt in ihrem Wesen durch ihr schreckliches Leid jetzt vor ihm stand; und nicht im Vaterhause, sondern im Hause eines fremden, ihm unbekannten Mannes, und als Mutter von erd- und weltfremden Kindern. Christel aber erkannte ihren Bruder Stephan nicht, weil sie sich nur seiner angehenden Jünglingsgestalt und obendrein nur dunkel erinnerte, er aber jetzt ein gebräuntes, bartverwachsenes Gesicht hatte, dem wohlgeheilte Wunden dennoch eine Entfremdung für sie gegeben; und der Mann schien ihr Bruder nicht, der aus einem sanften Knaben jetzt kriegverwildert vor ihr stand, auf die frühere Gutmüthigkeit jetzt rauh, roh und hart erschien, groß und älter geworden, wie sie ihn nie gesehen. Hätte er sie erkannt, dann hätte sie das Bild ihrer Erinnerung von ihm mit seiner gegenwärtigen kriegerischen Gestalt vertauschen müssen; aber ihn hinderte vorzüglich die Unwahrscheinlichkeit: sie könne es seyn, daran; und in ihrer reinen, liebenden Seele wurde jede mögliche Ahnung durch den Gedanken niedergedrückt: Das ist ein Mörder — der hat einen Mann erschlagen — der kann dein Bruder nicht sein! Und dennoch sah sie ihm in die mild auf sie gerichteten Augen, und frug nach seinem Namen.
St. Etienne heiße ich, antwortete er nicht ganz unbefangen, weil er sich durch und durch französisch gemacht hatte; und darauf schlug sie die Augen nieder und seufzte tief, als habe sie keine Ursache dazu, die sie wüßte; und ihr Anblick war wunderbar, bis sie sich über ihr Kind hinbeugte, und ihre Gedanken vergingen in heiligem Mutterschmerz. Aber sie hatte in Wahrheit ihren Bruder doch wiedergesehen. Und so hatte sie das Geschick auf eine zwar unverstandene, doch heilige Weise geheim und zart getröstet — und sie konnte weinen! Und das Kind hielt sich fest an dem Hals der weinenden Mutter geklammert.
Wecker aber hatte sich herzugekehrt, seine Augen waren immer größer geworden, sein Mund offener, sein langes, blasses Gesicht immer länger, seine Hände immer krampfhafter von ihm gestreckt, und zitternd gehalten, bis er nun die beiden stillen, theuern Wesen sah, seinen Nacken beugte und leise zu dem Kinde sprach:
Wie freundlich thust du dich doch zu,
Und greifst mit beiden Armen
Nach aller Welt, in Lieb’ und Ruh
Uns ewig zu umarmen!
Denn ich war Dir auch gut, Clementine, ob Du gleich noch nicht schulfähig warst! Nur Aepfel- und Birnenfähig, die ich Dir brachte. O, mein Kind! —
Der Kosak hatte sich mühsam aufgesetzt, und starrte vor sich ihn, als ob er zusähe. Und so gab Wecker ihm gleichfalls seinen Vers: „Hast Du noch etwas einzuwenden, Du armer Teufel! Ei komm’ her, versuch’ es ob Du was kannst enden; laß hören, was ist Dein Begehr? Doch Trotz Dir, Du verfluchter Geist, daß Du mich von dem Kreuze reißst!“ — „Pfeif, pfeif, Du tückische Sirene, und locke, Du vertrackte Welt! Ja, mach’ es noch einmal so schöne, und preise, was Dir wohl gefällt: bei einem, der sich hier befindet, da kommst Du Narre viel zu blind!“ — Er schämte sich aber, da der alte Mann, auf der That bestraft, wieder umsank; beugte sich zu Christeln, rührte sie an der Schulter an, und sagte ihr, während Thränen aus seinen Augen tropften:
„Wer hätte bei den Mördern
Die Unschuld doch gesucht?
Den Segen zu befördern
Wirst du von Gott verflucht.
Die Dich zu Boden treten,
Woher Dir weh geschieht.
Für diese willst Du beten;
Mehr Rache weißt Du nicht.“
Diese Worte erweichten Christel vollends. Und nun wußte sie nicht, was sie dem Kinde vor seinem Tode noch schleunig sagen, Liebes thun, vorsprechen oder versprechen sollte, um es über die böse Stunde hinweg zu bringen, oder nur die Augenblicke noch zu benutzen.
Kennst Du mich denn? mein liebes Kind! frug sie leise und hold, so hold sie es vermochte. Und die kleine Clementine lächelte nur, und drohte ihr mit dem Finger. Und dennoch frug sie, um es noch einmal zu hören: Nun wer bin ich denn?
„Nun meine liebe Mutter!“
Nun so habe mich einmal recht lieb! einmal („nur noch einmal“ vermochte sie nicht zu sagen). Und das Kind drückte sie, daß es zitterte, und küßte sie wieder und frug dann: „Mutter, aber was weinst Du denn gar so sehr!“
Und die Mutter antwortete ihr, sich bezwingend: Darum, daß Du nicht aufstehen kannst, nicht herumspringen, daß Dir die Brust wohl weh thut?
„Ach, es ist nur so wenig Luft geworden, und gar so heiß ist es, Mutter. Gieb mir nur mein Brodchen — ich will auch heute wieder ohne Dich einschlafen!“
Die Mutter schloß die Augen über das Wort, und gab ihr das Brodchen und sagte ihr dann: Sei nur noch ruhig und gelassen, bis der Vater wieder kommt. Wenn Du hübsch fromm bist, sollst Du auch ein ganz neues weißes Kleid kriegen, neue grüne Schuhe, und in Deine Härchen einen Kranz von den schönen Astern, die Du nicht hast pflücken sollen, und auch nicht angerührt hast, mein folgsames Kind!
Da sie aber den Todtenkranz gemeint, so konnte sie nicht weiter sprechen, wandte sich ab, und schüttete schnell ihre Thränen aus.
„Mutter, lachst Du? Ja, ich freue mich auch!“ Und das Kind lachte, klaschte in die Hände, und die Mutter lachte mit ihr, unaussprechliches, sanftes und heiliges Lachen.
Das Kind hatte aber bei der Erschütterung der kleinen Brust große Schmerzen empfunden, und sagte auf einmal: „Mutter, ich werde sterben. Lebe wohl, und grüße den Vater. Sage dem heiligen Christkind, es soll mir bei Euch nicht bescheren, sondern gleich oben — Du weißt schon: wo!“
Der Mutter war fast unerträglich im Herzen, und es kam jener Ernst über sie, wo der Schmerz ein freundlicher Wahn wird, und die Gedanken die Pforten der Heimath der Menschen aufthun, und die Welt zum schönen Mährchen wird. Und so sprach sie mit verschlossenen Augen: Nun so gehe in Gottes Namen von uns, mein liebes, liebes Kind! Sage dem großen Vater: wir hätten Dich in seinem Namen lieb gehabt, beinahe wie er selber Dich lieb hat; oder beinahe wie wir ihn lieben — ich hätte Dich immer sanft am Morgen mit einem Kusse geweckt, mit einem Kusse seist Du eingeschlafen im Mondschein oder wenn draußen die Sterne standen — — — sage ihm: ich hätte Dich immer sauber und warm gekleidet, Dich auf meinem Schooße getränkt und gespeiset, und Dir von seinem Sohne erzählt, und von ihm selbst, der die schönen Blumen Dir gemacht hat, an jedem Morgen neue! Sage ihm, wir würden Dich sanft in seine Erde senken, und er möchte Dich mir da bewahren, wie einen großen Schatz — und darinnen schlafe Du ruhig, bis ich komme, und mich zu Dir lege. —
„Du kommst doch gewiß?“ frug die Kleine.
— Gewiß, Gewiß! Das dauert nicht lange! antwortete die Mutter.
„Aber in die Erde!“
— Habe ich Dir denn nicht gesagt, daß der liebe Gott auch in der Erde ist! Denn Du weißt ja, die andern Sträucher und Blumen können die Blumen nicht machen, und machen sie nicht — und doch hast Du immer welche am Morgen gefunden, die er verborgen Dir aus der Erde heraus gesteckt: frisch, fertig und voller Geruch! Also kommst Du da zu ihm, Du liebe Blume, Du mein Herz!
„Aber der Vater soll auch nachkommen zu Bett, und Brüder und Schwestern!“
— Wir kommen! Wir kommen! sprachen sie alle, und reichten ihr die Hände, daß sie sie nicht alle fassen konnte. Und so schloß sie die Augen und lächelte sehr. Die Mutter beugte sich über sie und schwieg, so, lange, während die Abendglocke geläutet ward vom Thurme, weil die Sonne zu Rüste ging und zu Golde ward, und zerschmolz.
Indeß war das Kind gestorben. Und als die Mutter merkte, daß es ausgezittert hatte an ihrem Halse, da entfloh sie und warf sich im Garten in das Gras unter die Bäume — aber durch das so eben geschehende Wunder der Natur war es der armen Mutter: ein weiches smaragdenes Bett, und der Schirm des Baumes über ihr: ein von der untergehenden Sonne purpurn und golden leuchtender Baldachin; und der Herbstwind fuhr eilig, doch sanft, von der Abendröthe daher und streute falbe Blätter leis über sie nieder, und breitete den Hall der Abendglocke wie himmlischen Duft weit über ihr Gefild aus, und bewegte die blauen Astern, die zum Todtenkranz für das Kind bereit standen — und diese schauerten und nickten mit ihren schönen Engelsgesichtern.
Wecker aber sagte langsam zum alten Frommholz: Vater! Großvater! noch immer kaum glaublicher Großvater von einer kleinen Todten! Beweiset nun Eure Zimmermannskunst an dem Kinde; faßt Euch ein Herz; nehmt den Fuchsschwanz und sägt die Länge des unschuldigen Spießes von beiden Seiten ab, sonst muß der Todtengräber ein unmöglich tiefes oder langes Loch machen! Geht, alter Vater, geht! Braucht Euer rechtschaffenes Handwerkszeug einmal dazu! Die schönen grünen sonnigen Hügel auf Erden dienen ja auch zu kleinen grünen Hügeln für Todte! Der Herr hat die schöne Erde also auch dazu bestimmt! Seid nicht dagegen, Großvater! und laßt die Sachen sein, was sie sind, weil sie Gott dazu bestimmt; ob ich Euch gleich sage, daß ich es nicht begreife, wenn so ein Acker schöner weißumblühter und mit gelben Blumen geschmückter Frühlingserde zu solchem Jammer dienen soll! Aber ich mag hinsehen wie ich will: die großen Hügel bleiben grün unter dem blauen Himmel, und die kleinen Todten-Hügel bleiben bunt von gelben und rothen Blumen, die duften und wehen; und die liebe, wahrscheinlich unverständige Sonne wärmt sogar darauf und beleuchtet sie recht. Närrisch, aber wahr! Alter Frommholz — seid einmal von Holze und fromm dabei, so wird es sich sägen mit Gottes Hülfe! Und dann seid hübsch ehrlich — gebt die eiserne Spitze und den rothen Schaft seinem Herrn wieder! Die 5 Zoll Holz aber die dazwischen fehlen, die wird sich das Kind schon verdient und bezahlt haben — durch seine zwei schönen, blauen, zugemachten Aeuglein. Zwei Augen zumachen, ist das schwerste Werk der armen Menschen, geschweige der Reichen! Selbst der kleinen Kinder, geschweige der Großen!
Zu den Kindern aber sprach er: Mein Daniel! geh und setze Dich still dort neben die Mutter! Denn damals als Du aus Mangel an Holz erfroren warst, da bekam sie gleichsam statt Deiner die kleine Osternachttochter Clementine; jetzt, da das Kind durch ganz überflüssiges Holz umgekommen, nun geh Du wieder hin, daß sie Dich habe statt jener, besonders da ich Dich erweckt habe mit einem Strohwisch, als so viel ich Apotheker-Spezerei zur Hand hatte. Und wenn sie Dich ansieht, dann sage nur, Wecker hat mich erweckt, und ist ein bloßer Schulmeister! Jener ist aber der hohe Patron der Schule der großen Menschenkinder, der hat gar andere Mittel die Kinder aufzuwecken, als bloße Strohwische; und alle Apotheken sind bloße Mördergruben gegen seine Offizin mit Lebensbalsam, der alle Frühjahre schon die todten Blumen erweckt, daß sie riechen, daß wir sie riechen und kostbar! Gehe, geh. — Sophiechen, geh Du auch hin; Du bist ein Mädchen, die Mutter muß also sehen, wenn hinter ihrem Mutterauge die Mutterseele nicht am trauerschwarzen Staar leidet, daß sie noch ein Töchterchen hat! Und willst Du, so magst Du auch den Kern-Vers von Johann Menzer beten und sprechen: „Nun ist nur noch der Tod zurücke; jedoch er hat mir wenig an: mein Jesus bricht ihm das Genicke, so ist’s um seine Macht gethan: weil er mir Christum nur nicht frißt, so weiß ich gar wohl wie mir ist.“ Gehe, geh. — Und Du, Gotthelf, gehe auch, und setze Dich hin, und sprich weiter nichts, als: Liebe Mutter, Gotthelf ist da! Und, liebe Mutter, Du hast mir sonst immer gesagt: „Wenn Du der Mutter folgst und das thust und das annimmst von ihr, was sie will, so ist Dir gleich wohl, mein Kind; nun, liebe Mutter, nimm Du auch einmal das an, was der Vater will — so wird Dir auch gleich wohl sein! Gehe, geh.“
Und als Wecker sah, daß die Kinder langsam zur Mutter schlichen, da ging er selbst aus dem Gehöft auf den Kirchthurm — um frische Luft zu schöpfen. St. Etienne aber machte sich an das Aussuchen und Ausplündern des Kosaken, des Don Tauro, wie er ihn nannte, oder an das Beutemachen. Aber das erste Wort des Aufgerüttelten, sich wieder Besinnenden und Hülfe Flehenden war: — — „Mutter! — — Schnaps!“ —