III.
Unterwegs traf Wecker seinen Schutz- und Brodherrn Johannes außer Athem. —
„Er war nicht da, er war nicht dort, er war nirgends!“ sprach er zu Wecker.
Wer denn? frug Wecker. — Nun, der Sonntagsbarbier, der wochentags sechs Handwerke treibt. —
Geht nur heim, Johannes, tröstete ihn Wecker, „der Herr hat schon geholfen!“
Und so eilte Johannes fröhlich nach Hause.
„Aber der Christel steht bei!“ rief ihm Wecker nach, und sprach dann zu sich: „Jetzt ist es in deinem kleinen Oberstübchen nicht richtig, mein lieber Meister, darum gehe du in dein großes Oberstübchen! auf den Thurm! der hilft! Ein Thurm ist ein gewaltiger Freund in der Noth; aber das alberne Volk läuft drunten hinweg, und kennt nicht die Kraft der tausend Riesen, die bloß im Lande umher als dumme Jungen stehen!“
In der Halle begegnete er dem Chirurgus, den er herzlich bat, den Kosaken in seine Cur zu nehmen. Der aber entschuldigte sich mit dem Wort: er sei ein bloßer Civilchirurgus, und als solcher habe er keine solche wallfischmaulgroße Wunden von Pferden, Kanonenkugeln, ja von Kanonen selber, zu verbinden oder wohl gar zu heilen — übrigens zahle die Soldateska nichts, es geschehe Alles auf Regiments-Unkosten, und das Regiment — marschire weiter . . . mit klingendem Spiel! Kurz er gehe nicht, und werde lieber seine Pfeifen curiren und purgiren; denn sein Herr Bruder komme zu ihm, der Herr Licentiat! mit Frau Licentiatin!
Wecker fielen alle dessen Sünden, selbst das Schweinchen, aufs Herz, und so ergriff er den in der Halle stehenden schwarzen, rußigen Besen, und trillte den störrischen Menschenfreund zum Tempel hinaus, und ein Stück auf dem Weg zu Johannes fort; dann warf er „das chirurgische Operationsinstrument“ in den Winkel, und begegnete auf der Thurmtreppe — dem Teufel — den er herabwünschte, um Deutschland rein zu kehren, und anfing ihn zu beschwören; aber der brummte: noch nicht; doch bald; — und er erkannte den Schornsteinfeger, der sich nach den brennenden Dörfern umgesehen, und reichte ihm die Hand, um ihm seinen frommen Irrthum abzubitten.
„Euer Breitenthal brennt auch!“ sagte ihm der Schwarze. „Auf dem Striche, der droben auf der Dorf-Rose gerade nach dem Feuer weiset, steht richtig Breitenthal; es kann auch ein Dorf dahinter sein. Bei Tag scheint das Feuer zu weit, bei Nacht zu nah. Aber ehrlicher Freund, stürmt nicht erst mit der Glocke! Welch Dorf soll jetzt dem andern helfen? Jedes braucht seine Beine, Arme, Augen und Ohren zu Hause; und obendrein alles voll Soldaten!“
Wecker aber sah droben von der Zinne des Thurmes den Erdspectakel, den Krieg, wie er laut sagte, wodurch die Menschen zu Vieh ohne Mitleid zu werden — gezwungen waren — so offenbar und hell, wie der Himmel feuerroth zu werden gezwungen war. Und als er einige Zeit hinüber gestarrt und ganz geblendet und wüthend war — stand plötzlich der Teufel neben ihm. Wecker starrte ihn an, indem er die Hände mit ausgespreiteten Fingern gegen das Ungethüm, wie zur Abwehr, hielt; und er hörte es sprechen: „Denkst du, ich bin gestorben? Närrisches Haus! der Teufel — et le Roi — stirbt nicht, als aufgehoben zum letzten Gericht. Und wenn ich mit allen Gestirnen im Abgrund der Welt verschüttet läge, also nicht mit Pfeffernüssen — die kleinste Sünde der letzten Zeit erweckt den Teufel in seiner ersten Kraft wieder auf — und jetzt geschehen tausend Große, nun geht mein Reich wieder an, diesmal nur ein kurzes, aber Höllefüllendes: das Reich der Unterlassungssünden! Wie lange habe ich mit meinen vorzüglichsten Geistern gearbeitet: die Welt klug zu machen, und das wahre, ächte, erste Christenthum auszubreiten! Erschrick nicht ungläubig, Schulmeisterlein, sondern höre mich aus. Erfahren und weise muß die große Welt, oder auf französisch (denn das ist meine Sprache): le grand monde werden, damit sie doppelt strafbar werde, damit doppelt so viel Große und Kleine zur Höllen fahren — und nicht wieder auferstehen. Wenn ein verlorenes Lämmchen zurückekehrt, wird ein Kalb geschlachtet, wenn sich ein Hoher verkehrt, dann brate ich einen Leviathan ganz, als Rost-beef. Wie jener fromme — Kreuzzug mit leckern Ziegen und Gänsen und glattzöpfigen Kuttenträgern an der Spitze nach einem heiligen Grabe, das, wie sie wußten, doch nirgends vorhanden war und keinen Leichnam enthält, — so beginnt nun ein neuer Kreuzzug blutdürstend nach einem lebendigen Leichnam. Und nun sie so erfahren und so weise sind, nun erst will ich alles alte Unrecht, allen alten Unsinn, ich will den Papst und seine — oder meine Schaaren — wieder auf die Beine bringen und sein Regiment durch ein Regiment zu meinem Regiment wieder einsetzen lassen. — Kann ich frömmer und christlicher handeln? Mir ist Niemand auf Erden schätzbarer als Christus. Denn seit das Licht in die Welt gekommen, und die sogenannten Menschen dennoch in Finsterniß wandeln, Werke der Finsterniß fördern und thun, sich im Namen des Lichtes dazu vereinigen, die Finsterniß auszusäen wie Ruß und Mohn; seitdem ist Gedräng in den Pforten der Hölle, und ich habe neue erbliche Pairs müssen creiren, um neue unsterbliche Strafen zu stiften! Es lebe Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Aber Wecker, mein närrisches Haus — denn alle Narren sind mein — beruhige Du Dich! Für jeden Einen, der in den Kreuzzügen hochlöblicher Maaßen umgekommen, sind schon Millionen — Aepfel und Birnen gewachsen; Pflaumen und Kirschen (aus Kerasus mitgebracht) gar nicht gerechnet! Und wie viele St. Lampertsnüsse werden noch wachsen! O schmackhafter Profit der Kreuzzüge, großer, kindlicher Gewinn! Hat Clementinchen Dir nicht nach dem — Kreuzzuge die Taschen oft ausgesucht: Und was hätte sie sonst gefunden, als ächtdeutsche Plunschken und schöne, blaue, abscheuliche Schlehen? So werden auch künftige Kinder die Früchte dieses Kreuzzuges aus den Taschen der Verrückten suchen. Ist das kein Gewinn für die schöne, die große Welt, wenn Weiber, Kinder und Sperlinge etwas zu naschen haben in Ewigkeit! Sage: „Ich bin Wecker, bin verrückt, und ich sage Ja!“ Und nun sei ruhig über das Surren und Stechen des Schwarmes, der nur einen Leichnam — meinen großen Sohn in das Grab schaffen wird, und Kindern — wenn nicht Enkeln — und Sperlingen — wenn nicht Adlern nutzen wird, und gewißlich doch mir; durch Weisheit, die Dummheit wird; durch Wahrheit, die Lüge wird; durch Versprechungen, die Wortbrüchigkeit wird. O, meine Sperber freuen sich auch, und ich lasse die Hölle neu dielen, und die Dielen um des Pilzes Stamm in der Mitte voll von den Herren Musicis — mit Blumengewinden malen zum Festball. — Mit der Bande bin ich nun fertig; nun noch ein Wort an Dich, Schulhauptmann! Höre einen großen Vorschlag: Ich gebe Dir alle Reiche der Herrlichkeit, nicht etwa, wenn Du niederkniest und mich anbetest — das ist abgedroschen; nein, wenn Du nur heute das kleine Mädchen willst mit dem Speere durchstoßen haben; — eine pure Kriegslappalie, eine Kinderei gegen die hunderttausend Todten, die Millionen Wunden und Billionen Thränen, die daheim Wittwen und Waisen, Väter und Mütter und Brüder und Schwestern um sie weinen werden. Was ist also ein solches albernes Kind, und was sind alle Reiche der Herrlichkeit, Wecker? Wach’ auf! Schlag ein! Und Du sollst sie ganz monarchisch, ja türkisch oder autokratorisch besitzen, ohne Constitution, ohne gebundene Hände, ohne gebundenes Maul, oder irgend eine gebundene Gliedmaaße; ja ich gestehe Dir viel zu — ohne Papst und Jesuiten! Schlag’ ein, nimm das Kind auf Deine Seele, und sei legitimer Herr Aller.“
„Hebe Dich von mir, Satan!“ rief Wecker in äußerster Empörung. „Was hülfe es mir, wenn ich die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an meiner Seele.“
„Das wollt’ ich nur wissen!“ rief sein Satan lachend. „Sie — sie werden Schaden an ihrer Seele nehmen durch Selbstsucht, Habsucht und elende Seelenkratzerei — und doch nicht die Welt gewinnen, noch sich arrondiren; denn wie können alle Bienenzellen rund werden, Du Esel! Oder wie sollen alle Menschen Hörner bekommen, Du Schaaf!“
Wecker führte einen gewaltigen Streich mit der Faust nach dem Lügengeist. Aber der stürzte sich jäh vom Geländer hinab, und zerfloß drunten wie Wasser in eines alten katholischen Bischofs Grabe, und Leichenduft kam herauf. Aber wie eine wispernde Eidechse, kroch auch noch am Thurme die vergessene Einladung herauf: . . . „Wecker, komm’ wieder! Ich komme auch wieder. Verstanden?“
— Fahre zum Teufel, also zu Dir selber! Lügengeist! sprach Wecker, von wirbelnder Angst erlöst. Was will der Mensch — oder verzeihe mir Gott, der Extract des Bösen der Menschen, bei Dir? Sollst Du seine Meinung ausposaunen? Bist Du eine Posaune, Wecker! — dann müßte Dich Jemand blasen! und das wollte er! Aber das wären abscheuliche deutsche Herzen, die nicht zufrieden wären mit der Arbeit und Frucht von 30 Jahren der Erde, wenn Diese auch nichts gethan hätten, als den Veruneiner, Hetzer und Schandesäer von Deutschland zu Grabe zu tragen! Und wenn sie auch 15, ja 30 Jahre auf solch eine Höllenarbeit ruhten — und ein langes Leichenessen feierten — ich gönnte ihnen den Sabbath! Wer das gethan, hat auf Jahrtausende gethan, o Du Schänder, Spötter, Lügengeist — Teufel! — Eine neue Volksbewegung mag Neues erstreiten! Und Deine — des Teufels Lobrede auf Christum — und Dein Vivat! — mir stehen noch die Haare zu Berge! —
Indem er so sprach, und sich, aber bedächtiger und menschlicher als der Teufel über — Stufe für Stufe — die Treppe hinab vom Thurme stürzen wollte, um unter Menschen zu kommen, da trat eine weibliche, schwarz gekleidete, tief verschleierte Gestalt heraus auf den Gang, die ihn nicht wahrnahm, niederkniete, den Lockenkopf beugte, die weißen Hände vor die Stirn gefaltet oder gewunden hielt, noch einmal beten wollte, aber nur verworrene Worte murmelte, sich hastig auflöste, sich wild umsah, bebend sich auf das Geländer schwang, und wahrscheinlich sich — gerade an des Teufels Stelle hinunter stürzen wollte.
„Du weiblicher Teufel!“ schrie Wecker. „Hier geht’s in die Hölle. Halt! in aller Engel Namen, ich fasse Dich an den Haaren!“ Und so hatte er sie schon ergriffen, mit beiden Armen um die Kniekehlen gefaßt, und hob sie herab, und setzte sie derb nieder auf ihre Füße. Aber sie setzte sich auf den Boden, und als er sehen wollte, wer sie sei, schrie sie laut, und hielt sich den Schleier fest über Haupt und Gesicht. Wecker aber nahte ihr ganz, und beim Scheine der Abendröthe sah er — wie er meinte — durch den angezogenen Schleier ein Gesicht, das er kannte — und er fuhr zurück, wie ein redliches Herz vor einem solchen Gedanken.
Und als er sich gefaßt hatte, trat er wieder näher, legte der weinenden Gestalt seine Hand sehr sanft auf das Haupt und sprach vorsichtig-allmählig zu ihr, so mild er nur konnte: — „D . . . Do . . . Doro . . . Dorothea, ja ganze, leibhafte Dorothea, Gott weiß es ja doch, wer Ihr seid — das war albern! Ich weiß, Breitenthal ist abgebrannt — oder brennt noch da drüben — aber wegen Breitenthal, und wenn es Langenthal — Goldenthal dazu wäre — so kenne ich Euch nicht, brave Jungfrau!“
— Sie schauderte. —
„Oder, oder — ich weiß — Ihr seid Braut mit dem gar lieben, jungen Herrn von Ellenroth — ist Euch der etwa untreu geworden? Dann weinen gewöhnlich treue Mädchen, die Gott danken sollten, daß sie vorher klug werden, nicht nachher!“
— Die Gestalt lehnte sich kraftlos an. —
„Oder ist er Soldat geworden, und kann erschossen werden? Oder ist er schon Soldat und zerhauen worden?“
Die Verschleierte stöhnte tief, aber das Stöhnen klang Weckern wie Freude.
„Oder . . . wenn nur Euer Vater, der ehrbare Herr Paschalis nicht gestorben ist,“ sprach er, „so wird sich Alles geben. Ihr lebt ja! Aus Euch ist noch Alles zu machen, die schönste, beste Frau im Lande! Und für allen Dank erbitte ich mir nur auf Eurer Hochzeit erscheinen zu dürfen — ein Hochzeit- oder Kindtaufenschmaus ist das beste Regal der geplagten Schulmeister! Und da ich nicht mehr geplagt bin, wird es mir desto besser schmecken, und gar erst auf dem Kindtaufenschmaus . . .“
— Die Gestalt beugte ihr Haupt, und drückte die Ballen der Hände in die Augen. —
„. . . Da wird sich Wecker freuen, wie der Großvater Paschalis!“ fuhr er unwissend fort, gutgemeinte, aber der unerhört Gefallenen oder gewaltsam Herabgerissenen, entsetzliche, unerhörte Worte zu sagen: „Denn wenn der gemeinste Schuft Vater, ach, Vater und endlich gar Großvater wird, und noch so verwerflich gelebt hat, wird er eine Respectsperson, und so betrachtet, so behandelt; und der himmlische Vater stößt Jeden selbst mit der Nase auf seine Würde, und aller Firlefanz fällt nun weg — es geht ihm Niemand mehr darauf ein, wer da weiß, was er ist und vorstellt auf Erden bei Menschen und bei den Seinen. So sicher und herrlich sorgt Gott für Jeden, der nur jemals Eine seiner lieben Jungfrauen recht angesehen hat; denn dann muß er heirathen; über sein, ihm von Gott hingesetztes Kind erschrecken, erstaunen, das Wunder bewundern, das Mysterium der Kindtaufe ausrichten, sich Vater von seinem Weibe rufen lassen, und ein neues, seliges Leben anfangen, er mag wollen oder nicht.“
— Die Verschleierte schrie laut. —
Wecker schwieg betroffen, aber in seiner Freude setzte er hinzu: „Ihr seid verschämt, und ein keusches Kind, das wissen wir, darum vergebt! Denn ich habe große Freude. Wäre die arme Clementine der armen Christel nicht umgekommen, so rannte ich nicht auf den Thurm! Wollte mich der Teufel nicht zu einem Teufel machen, so wäre ich nicht Euer Engel geworden und hätte Euch nicht gerettet — denn ich war fort! Oder gar nicht da! Furchtbar! Entsetzlich! Ja nun freu’ ich mich ordentlich, daß ich so alt geworden, so lange gnädiges Brod — sogenanntes Gnadenbrod, aber von der guten Christel: wirkliches — gegessen, und ich möchte bald rufen wie Satan: Es lebe Christus, der Sohn . . . . aber heut kann ich nicht, vielleicht morgen — wenn ich ihn vergessen. Aber wollt Ihr nicht mit hinunterkommen zu der armen Christel? Ihr könnt ihr helfen das Kinderzeug machen, das letzte weiße Kleid, das nicht mehr gewaschen wird! Kommt!“
— Sie wollte aufstehen und reichte ihm matt die Hand. —
„Haha!“ lachte Wecker und rieb sich die Hände, „haha! Das wollt’ ich nur wissen! Ihr seid es . . . Ihr liebe Person seid Dorothea — die Gabe Gottes — sonst wolltet Ihr nicht zu Christel kommen! Ja, ja, Mitleid läßt gute Menschen nicht sterben, und sie richten sich vom Sterbekissen noch einmal auf . . . und leben wieder lange. Weiß Gott, was in der Welt steckt; ich glaube: der liebe Gott!“
Da sprang die Gestalt so plötzlich auf, daß Wecker erschrak und zurückfuhr.
„Nun gut,“ sprach sie, und riß ihren Schleier empor und hielt ihn so mit der rechten Hand; „ich bin Dorothea — . . . oder — ich war sie! — Aber Eure Hand darauf — schweigt, schweigt, schweigt . . . daß Ihr mich hier gesehen . . .“
„. . . und was ich gesehen!“ setzte er hinzu. „Wecker bleibt Wecker. Ich bin ein alter Mann und keine alte Frau. Und sollt ich mich selber rühmen, daß ich nicht der Teufel war, sondern bei einem guten Engel zugriff! Und wollt Ihr nicht mit mir kommen, kommt nach! Auf der Treppe ist’s lange schon dunkel. Euer Vater ist wohl auch da? . . oder kommt doch?“
Und da sie leise nickte, sprach er: „nun so seid ihr gebunden — da kommt Ihr schon; denn Ihr scheint nun wieder so vernünftig wie ich!“
Und so ging er. Und sie seufzte tief.