VI.

Johannes mußte nun auf Christels Fürbitte für den armen Sebastianow und auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag — krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er müsse zu einem Russen kommen, der also wahrscheinlich die ansteckende gefährliche Krankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der grassirenden Krankheit sich — das Reisegeld und die Aufenthaltskosten geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hülfe vom Arzte erwarten, es auch gern, gefällig und richtig geliehen erhalten — und ohne Schuldschein. Starben sie also während der Abwesenheit seines Leibes — denn Geistesgegenwart besaß er nirgend — so waren sie bezahlt; oder er bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch überstiegen, damit die Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten Freunde Johannes nicht ausweichen, der mit Holenlassen zu drohen beauftragt war, und erwiederte: „Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrübten Zeit, wo ich wenigstens meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewöhnlich gut, wo nichts ist; aber jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, daß Jeder selbst sein bester Arzt ist, wenn er sich vor ihr und vor uns sein in Acht nimmt — wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste Mittel selbst gegen die Pest: — „Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spät erst kehre zurücke!“ — Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine Krankheit zu curiren! Denn diese läßt sich nicht spinnen! Und Ein Thaler bei Tag für den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden?“ — Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lächelnd gefragt und gehört hatte, daß die vorher so preßhafte ganze Familie sich nun in gesegneten Umständen befinde, nicht bloß mehr die liebe Hausfrau Christel, also bezahlen konnte und gut bezahlen mußte, so legte sie bei ihrem Manne ein bittendes Fürwort ein, das aber wie er wußte, ein unweigerlicher Befehl war. Und so versprach er zu kommen — doch in der Dämmerung, aus besondern Gründen. Frau Licentiatin räucherte, daß Alle husten mußten; selbst der Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch zum Troste in der Thür: „Vertraut nur der Christel . . .“

Das thue ich immer in Allem; versetzte Johannes.

„. . . Nein vertraut ihr nur das: „ihr Schweinchen hatte Finnen! So vergißt sie es leichter.“

Johannes aber schied stumm. Aber wie erschracken sie Alle, als am Abend — ein Elephant die Thür aufmachte, und seine lange, bis auf die Erde reichende und riechende Nase, oder den Rüssel, vorsichtig über die Schwelle zog — und „Guten Abend!“ sagte, hinter einer Larve mit Glasaugen hervor. Denn es kam nur der Anfang, das Vordertheil eines jungen Elephanten herein, dem der Körper fehle; denn die glanzleinewandene Erscheinung sagte gleich selbst: „Ich bin der Licentiat, der seine Sicherheitsnase, die nur etwas reine Luft an der Erde holt, nicht zu fürchten bittet!“

Sebastianow aber sprang von dem Bette; man hielt ihn, bedeutete ihn schwer, daß die Gestalt sein Doctor sei, und er ließ sich endlich zum Niedersitzen bewegen; schloß aber die Augen, als Christel Licht brachte, damit er verbunden werden könne, und bat unter nachlassendem Zittern um etwas Niederschlagendes für ihn, und rief: „Mutter, Schnaps!“

Entweder dieses niederschlagende Getränk, der Schreck, der Verband, die Hoffnung, oder Alle zugleich, stärkten Sebastianow, daß er dann aufblieb, und seines Glaubens eingedenk war, sobald er sich wieder allein befand mit der kleinen Todten. Er suchte sich aus den Bildern an der Wand Jemand aus, der seinem Schutzheiligen am ähnlichsten sah; zündete Lichter an, und las, nach seinen Gebräuchen, aus seinem Büchlein nun unaufhörlich Gebete, bald leise, bald laut, bald still, um auszuruhen. Das that er dem Kinde zum Nutzen im Himmel, und sich zum Vortheil auf Erden, weil auf die Beerdigung dann, seiner Meinung nach, ein prächtiges Abendessen zu hoffen stand, oder weil er sich dadurch Christels Gunst erwerben wollte, der die einfache Feier gefiel, die aber von selbst schon Alles an ihm that, um nicht zu ihrem Schmerz noch Rache zu fühlen, und sich nicht die heiligsten Tage einer Mutter zu verderben.

Als nun das Särglein fertig war, und grün und weiß gemalt mit der Farbe der Unschuld und Hoffnung, und Wecker den Text auf das Kreuz geschrieben, da schritten sie zu dem Begräbniß. Und Wecker las latent, wie er es nannte, erst selbst als Schuljunge oder Custos, an der Hausthüre mit nachgemachter Knabenstimme, die schöne Verkündigung von den Todten; dann las er wiederum selbst mit Baßstimme drinnen an der offenen Stubenthür die Trostworte des Engels, als geistlicher Herr, mit viel mehr innerer Würde; und wer ihn sah, der wußte, was er las, und weinte latent mit, wie er; denn das Haus war voll fremder, unbekümmerter Menschen. — Darauf sprach Wecker als bloßer angemaßter Schulmeister und treue Hausseele: „Nun sind wir so weit! Liebe Christel! Wenn nur Jemand Todtes da ist, so kann man immer begraben, nämlich einmal, nicht alle Abende, wie die Kinder den Staar. Wir warten vergebens auf einen ruhigern Tag, und Johannes steht schon seit Mittag im Hofe exerciren mit einem Prügel statt einer Flinte, wie ein Bär; und der abgewachsene Mensch und Ehemann lernt nun auf einem Beine stehen, wie eine Gans — ganz prachtvoll! und lernt den Kopf drehen, wie ein Wendehals, ganz wunderbar! Hört nur das Commando: Köpfe — — — links! Köpfe — — — rechts! und so fliegen ihnen die Köpfe, als wären sie nun jemand Anderm! — Prachtvoll! Und jetzt treten sie gar den Gänsemarsch an — Einer hinter dem Andern! Prachtvoll! Und nun Köpfe links! und Köpfe rechts dazu — schwer! doch nun ganz erstaunend! Hei, nun schwenken sie! sie defiliren hierher, wie Enten, Alle an einem Faden Zwirn, und der Hinterste hat den Speck im Leibe; und die Arme haben sie Alle ohne Windelschnur fest am Leibe, wie Wickelkinder — und schreien, ja mucken auch nicht, sondern sehen ganz jämmerlich-ehrwürdig aus! Soll ein Mensch nicht erstaunen, was aus einem vernünftigen Menschen werden kann, sogar eine Maschine! Also die Kunst ist nicht gelungen: eine Maschine zum Menschen zu machen, wie man schon einen Trompeter hat. Aber die Kunst florirt: Menschen zu Einer Maschine von Einem zu machen. Und die stille Musik dazu! Nein, ich bin außer mir vor Freuden! Laßt uns begraben, daß ich weinen kann! Denn ehe die Rekruten — schon ein ganz himmlischer Name — ein Rekrut — ehe nicht zwanzig Stück halb todt umgefallen vor Müdigkeit und Gänsestehen und Entenmarschiren, jetzt hier niedrig, jetzt drüben, ehe läßt man sie nicht aufhören zu exerciren. Johannes kommt also vor Nacht nicht in sein Haus, und marschirt wie ein Betrunkener vor seiner eigenen Thüre herum und vorbei! Laßt ihm die Freude! Uns aber laßt allein zu dem Werke schreiten; da die lieben, kleinen, weißen Mädchen des Dorfes nicht mittrippeln mit ihren Kränzen, so schreite ich mit. Denn Alte gehen nur mit Alten, Weiber mit Weibern, Jungfrauen mit Jungfrauen, und Männer mit Männern zu Grabe, nach unserem schönen Gebrauche in Zahlbach. Jetzt aber lassen die Aeltern, wie keine Gans und keine Henne noch Ente, auch die lieben Kindlein nicht heraus aus dem Wirrwar in allen Häusern in den Wirrwar vor allen Häusern; Sr. Auchwohlerwürden der Herr Schulmeister, kann auch nicht mit schreien, noch mit schreiten, denn er hat „vom Volke“ — wie wir mit Recht den Ausschuß desselben nennen — mit Unrecht Schläge bekommen, weil er die Suppe zu heiß ausgethan und die Herren sich die Schnäbel verbrannt, und ist ausgetreten. Sr. Hochehrwürden, der Herr Pfarrer Lademann aber kann nicht mit einherschlendern, weil er erst ein junges Weib, einen schönen, lustigen Finken aus Bockenheim, genommen; ist also noch eifersüchtig und ganz verschämt oder confus, besonders da sich der gnädige Gottlieb, nunmehriger Lieutenant bei den Cohorten, im Pfarrhause dermaaßen einquartiert, daß er jämmerlich schiert, um sich vorerst Furcht zu machen. Darum schreitet der Herr Pfarrer nicht dreißig Schritt geradeaus mit dem Rücken vom Hause, für dreißig Ducaten; aber zweihundert Schritt um die Ecke der Kirche, nicht um zweihundert Louisd’or. Da ziehen ihn Eure sechszehn Kreuzer denn diesmal nicht. Auch geht man jetzt nicht auf der Straße, sondern bei dem Wetter in der Straße bis an die Waden. — Ich muß also schon mit schreiten oder waten, das seht Ihr ein! Seid nur so gut!“ —

Und so fuhr denn der alte Frommholz das liebe Kind auf dem Gras-Schiebbock zu dem ausgeworfenen Grabe, und des Kindes Mutter ging allein still hinter ihm als Leidträgerin; Wecker aber vorn, als Schulmeister, Schule und Custos mit dem Kinderkreuz, und sang — stumm, oder latent, mit sehr beweglichem und bewegtem Gesicht, wie Jemand, der mit vollem Munde kauet; er aber hatte Seelenspeise auf der Zunge, und labte sich recht.

Als sie bei dem Hofthore auf dem rechten Flügel der „Rotte“ vorüber kamen, hätte Johannes, der mitten im langen Gliede stand, seelensgern rechts gesehen, um wenigstens seines Kindes kleinen, bunten Sarg noch einmal ins Auge und in die Seele zu fassen; aber die Köpfe waren links commandirt, und er hatte im rechten Auge nur einen mattblendenden Schein von dem sonnebeschienenen Särglein. Es zog ihn unwiderstehlich, doch hinzublicken; er wandte allein von der ganzen Rotte den Kopf rechts; und der gnädige Gottlieb, der als Lieutenant inspiciren gekommen, sprang zu, und rückte ihm denselben bei den Ohren gewaltsam in das heilige Commandowort „Links,“ und hielt ihn dann zornig am Kinn mit der Faust.

Und Johannes alter Vater, der das vorüberfahrend mit angesehen, sprach nur halblaut vor sich: „Es ist schon gut!“ — Johannes aber sah sogar die große soldatenbunte Gestalt des gnädigen Gottlieb nicht, die ihm nahe in die Augen grollte; sondern vom Scheidegefühl und dem stillen Lebewohl ganz anders ergriffen, sprach er nur, im Herzen still, die Worte seinem Kinde nach: „Der Herr behütet Dich, der Herr ist Dein Schatten . . . daß Dich des Tages die Sonne nicht steche, und der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich vor allem Uebel, er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.“ — „Amen!“ sprach er laut; und der Lieutenant lachte, und das Glied, und er ließ ihm das Kinn los.

Nahe bei der Kirche, wo die Wege sich kreuzen, ward aber Wecker von einer Schaar betrunkener Reiter überritten, deren jeder eine Koppel wilder Handpferde zur Armee führte; und ein, von den betrunkenen Menschen gleichsam mit wie betrunken gemachtes Pferd sprang über das Särglein, riß es dem Alten vom Schubkarren herab und auf, daß der Deckel weit hinflog; ein anderes schlug scheu aus, und traf das Kind, während Christel sich verhüllte, und mit gewundenen Händen darauf nach Hause lief wie vom Feuer verfolgt. — „Es ist Krieg!“ riefen die rohen Gesellen. Und Einer, an dessen Stimme Wecker seinen Sohn zu erkennen glaubte, sprach lachend: „Was führt Euer Weg über unseren Weg? Kronengut geht vor Bauerngut! Und wenn wir die Pest am Leibe hätten, wir zögen frei durch alle Lande, und schliefen in Eurem Bett! Fort aus dem Wege!“

„Es ist schon gut!“ stöhnte der alte Vater wieder. „Mein Sarg steht schon lange auf unserem Boden.“ Und so las Wecker das liebliche, wie vor Schreck blaß gewordene Kind wieder von der Straße in das Särglein, auch den kleinen frischen Asternkranz von heut, und das kleine Brodchen, damit es ohne die Mutter gut schlafe, und deckte den Deckel wieder leise und schonend darauf, daß er dem Kinde ja kein Fingerchen quetsche. — Und während der alte Frommholz stumm es darauf unter einzelnen fallenden Thränen versenkte, und zuwarf mit der immergleichen, unverweslichen Erde, sah Wecker zum Himmel und auch zum Thurme — und sah den Teufel auf der Spitze stehen, der ihn herunter angrinsete unter unhörbarem Hohngelächter, während er die schwere eiserne Fahne mit dem vergoldeten Adler um seinen Kopf schwenkte, so daß ein Kreis von Fahnen mit Adlern sich um den Knopf des Thurmes bildete, wie Schwalben sich an einander hängen. Und die Raben kamen zur Nachtruh in das alte Gemäuer geflogen, und krächzten ihr Lied. Wecker aber riß das neue schon gepflanzte Kreuz wieder aus, und hielt es — seiner Erscheinung empor, und sie verschwand. Zu den Raben aber sprach er empor, indem er seine Hände vor dem Munde zu einem kurzen Schallstück höhlte und rundete: „Ihr wißt nicht, wer ihr seid? Ihr seid Engel gegen die Adler, ja Engel gewiß, die ihr eurem kleinen Gespielen entgegen singt. Es klingt aber schlecht! Ich — ich kann nicht singen — mir ist die Kehle wie zugeschnürt: Der Mann bin ich! . . . Wollt’ ich sagen: Der Vater!“

VII.

Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne Morgenröthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glühte geblendet von dem schmückenden Scheine. —

Wo ist denn das Kind? — Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da gewahrte sie durch das Fenster, daß Berge und Bäume und Garten und Gefilde verschneit waren vom reinsten Schnee. — Ach, seufzte sie, nachdem sie unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schläft unter einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn — o mein Gott — es hat mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frühe leise weckende Stimme: „Mutter, mache die Augen auf! . . . mach’ doch die Augen auf!“ und ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen Händchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Röckchen, die Schüchel und die Schürzchen — ich bin um Alles — da hängt es, und liegt es, und sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und möchte doch reden! so bunt — und möchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die letzte Schmach an ihm! — —

Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht.

An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden gegangen! Tausenden wird es gewiß noch so gehen — und ärger! Und was hilft das Unglück eines Menschen den andern? Was mir — das fremde? Und was den lieben fremden Menschen das meine — oder das unsere, wollte ich sagen, Johannes; sei nicht böse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird, als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes, ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz. Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Füßen treten muß! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja schlimmer, als wenn Du nicht wieder kämest, und Du mich verlörest, und ich Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt — vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so gräßliche Worte gesagt von Kronengut und Soldatenfreiheit — weil der Abscheuliche — sein großer Friedrich, sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat ihn erkannt — als ihn der Teufel gefragt hat: — „Wecker! war das nicht Dein Sohn, der da reitet nach Britzenheim!“ — Siehe, und so ist der alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was er bei ihm und mit ihm will — weiß Gott! Er hat ein Messer mitgenommen . . . .

„Ein Messer?“ frug Johannes erstaunt.

Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: „Kein Vater darf sich das Recht über seine Kinder nehmen lassen — ausgenommen sie werden besser und klüger als er, und es werden ihnen vernünftigere und menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause! Sonst muß der Vater aufstehen! und lehren und strafen und rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker, bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie ich, soll gescheidter sein, als viele ganz curiose Leute; und so ein armer Sünder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrönte, geschlossene Gesellschaft von christlichen Türkenhäuptern! Wozu sie noch der Corse, der Corsar zu Lande, macht, — und meinen Sohn! . . .“ — So sprach er stöhnend und jammernd, riß mir das verweigerte Messer geschwind aus der Hand, und ließ sich nicht halten!

Laß den guten Wecker mit seiner Ruthe ziehen! sagte ihr Johannes betrübt-lächelnd. Alles zu dulden bin ich auch nicht gemeint! Zum Ackern lassen sich selber die Ochsen geduldig anspannen, und ziehen im Schweiße ihres Angesichtes bis die heilige Sonne zu Rüste geht, und der Acker in Schatten und Dunkel liegt; aber wunderlich ausgeputzt mit goldenen Klapperblechen, werden sie rasend bei der Stierhetze, wie der Großvater von Rom uns erzählt hat. Wir Völker, mit uns allein, ohne Hetzer, sagte er, würden alle in Frieden leben, wenn man diejenigen ruhig beisammen ließe, die einerlei Sprache reden; höchstens würde einmal ein Viehstreit oder ein Hutungsstreit ein paar Stunden dauern. Aber, da sind Andere, die glauben, die Erde zu besitzen und verschenken zu können, wie einen großen grünen Schweizer Schabsickerkäse mit Kräutern und Maden und Milben — als nämlich mit uns Erwachsenen und Kindern, wie der Papst; — und Andere, die glauben: die Länder eigenthümlich, wie ein Müller seine Mühle oder die Mahlsteine zu besitzen, sie rund machen zu müssen, sie Mehl für sich mahlen zu lassen, sie verkaufen, vererben, ja entzweireißen und theilen zu können, als wären es wirklich bloß Steine . . . und nun kommt dazu: daß Viele das wollen, oder wie der Großvater eben behauptet: nur Einige; — und so mahlen sich die Steine zu Schanden, von einem dampfenden Menschenblut-Strome getrieben, und von fühllosen Rädern aus Eichenholz; und statt Mehl kommt Menschenasche und Knochenkleie herunter, die auf zum Himmel riecht, und die Müller selber werden elend von dem Elend, schleichen schlaflos auf den Gängen umher, hören mit Angst die Glocken rufen: „neue Menschenknochen aufzuschütten!“ und wollen doch Müller heißen und bleiben; denn anders haben sie nichts gelernt. Wenn sie aber Christen wären — ließen sie den lieben Gott seine Gaben auf seine Mühle schütten, ließen ihn das Mühlhaus beglücken, und hätten Freude und Schlaf und Dank. Und wenn der Müller nicht ein Christ wird, so kann es Gott selbst nicht anders bessern, als wenn die Menschen Christen werden, nämlich wir, wir Alle, und nichts mehr thun und leiden, als was Christus der Herr oder die zwölf Jünger gethan oder gelitten hätten. Darum muß sich das Volk nicht unterweisen lassen im Aberglauben, es muß keine Zauber- und Hexereistückchen-Fabrik mehr in Italien geben; das Volk muß nach der wahren Lehre Christi fragen, und darum fleißig das Wort Gottes lesen, um des Teufels Worte auszurotten!

„Nichts weiter!“ sagte Christel zum Morgengebet. „Nichts weiter;“ ich habe es gestern im Stillen weinend mit angehört, wie Dir Dein Vater das Alles gestern im Dunkeln gesagt hat. Ich war ja in der Stube. Doch indeß — indeß — bis dahin: wer will Dich retten. Soldat zu werden, mein Johannes, und von der Schmach: Deinem deutschen Vaterlande neue Ketten schmieden zu helfen mit Deinem christlichen Seitengewehr! Denn der Kaiser wird nicht klug! Ein anderer Vater wird menschlich, wenn er einen Sohn erhält; aber nun der seinen kleinen König von Rom hat, nun will er ihm erst das große Reich recht groß machen, wenigstens sicher und fest — aber Du weißt, was der Adam Müller prophezeiet hat! Das klingt ganz anders! Wenn ich den Mann nur einmal sehen sollte, der ein Bauer sein soll, doch was für ein Bauer — ein Prophet wie Daniel! — Ach, was wird mein Daniel machen? — „Ich muß fort, ich muß hin!“ sprach sie, von dem Namen des Propheten an ihren Knaben erinnert.

Gehe in Gottes Namen! hieß ihr Johannes. Ich aber habe Muth zu thun und zu leiden . . . . Jedes aber nur, so lange sich jedes mit meinem Gewissen verträgt. „Ich will ein Schaaf scheinen, wenn ich nur keines bin; und ich will ein Tiger scheinen, wenn ich nur keiner bin. Aber ich werde keiner, das fürchte nicht! Nur habe ich durch des Großvaters Worte eine große Hoffnung gefaßt! Wenn nur die Menschen alle die Hoffnung haben und die Aussicht, die das Wort Gottes verheißt, das nicht lügt — eben weil das Wort sich in jedem Menschen selbst wahr macht, und der Mensch selber ist — so sehen sie es eine Weile noch an, wie die Welt läuft, oder wie die Mühle geht; und wenn nicht gut, dann schützen sie selber den Blutstrom ein, und die Müller mögen ihre eigenen Kinder mahlen, nicht unsere! Denn wir, wir legen Alle, ein Jeder die Hand auf das Herz und sagen: Du sollst nicht länger bluten als dafür: — daß wir nicht länger bluten, und daß wir nicht länger zu Staube gemahlen werden, und unsere Kinder! — so sagt der Vater.“

Christel tröstete indeß ihren redlichen Mann, mit allen holden Tröstungen, die ein junges schönes liebendes Weib im Ueberfluß hat; und sie saßen in süßer stiller Betrachtung noch einige Zeit neben einander, indem sie sich still an den Händen hielten. „Deines Vaters Geburtstag ist heut,“ sprach sie endlich; „heut ist er siebzig Jahr.“ Gott erhalte ihn uns noch lange! besonders nur mir; denn was er mir thut, das thut er Dir und Deinen Kindern. Jedoch wenn er auch nur noch ist, lebendig und gegenwärtig; wenn er ißt, und es ihm schmeckt, und er sein Gutes empfängt von uns in seinen letzten Tagen, so ist ein Alter schon unersetzlich im Hause, ein wahrer Hausschatz, den kein anderes Gut mehr aufwiegt. Denn jedes ist schon ein eigenes, und ein alter Vater auch ein eigenes. Darum wollen wir den Tag still feiern, und kochen etwas Besseres für Alle, oder braten von den Gänsen; und so mögen es heut Alle bei uns gut haben, wenn sie auch nicht wissen: warum? selber der alte Sebastianow und der große Peter, der Hund. Ich aber gehe nach Mittags den kurzen Weg zu den Kindern in die Stadt, und zur armen Dorothea, die einmal nicht glücklich werden soll, das junge Mädchen. Auch bringe ich vielleicht von ihr heraus, was ihr ist, geschehen ist, oder Gott verzeihe mir, was sie vielleicht gefehlt hat! In diesen Zeiten ist Niemand vor großen Fehlern sicher, ja nicht vor Verbrechen; die Angst, die Furcht, die Entrüstung, die Rache sind los, und ergreifen Einen um den Andern, den Schuldigen und den Unschuldigen — und nichts ist länger, selbst die Gerichtsbank nicht, als Gottes Langmuth — spricht Wecker; aber in der Länge ist Muth und Gewißheit. Und erhasche ich nur ein Wort von Dorothea, verschweigt sie auch nur eine Antwort, so sehe ich durch ihr Wesen, wie durch einen Schleier, und kann ihr dann rathen und helfen! Nur ein Weib löst einem Weibe die Zunge, und weiß sie recht aus dem Grunde zu verstehen, recht aus der Seele Theil an ihr zu nehmen und es mit ihr gut zu meinen als wie mit sich; denn beide sind Weiber, und aus demselben weichen Stoffe — aus Liebe und Thränen! —

Christel brach ab; denn sie sahe durch’s Thor einen vornehmen Reiter herein in den Hof gesprengt kommen und halten. Als Johannes hinabgeeilt, kam er wieder und schickte Christel in den Hof. Der fremde, schöne, junge Herr rief sie nahe an sein Pferd und ritt dann an einer einsamen Stelle des Gehöftes, immer im Kreise langsam umher, während er hochglühend im edlen Gesicht, und doch sehr niedergeschlagen sagte: „Ich heiße Ellenroth und bin . . . oder war, oder heiße noch der Bräutigam Euerer Dorothea.“ Er holte schwer Athem, dann fuhr er mit einem Seitenblicke zu Christel geneigt fort: „Und so glaube ich Euch schon ganz bekannt zu sein; denn von einem Bräutigam wissen die Verwandten der Braut schon Alles; und wißt: ich bin ein junger Mann, der ein Mensch werden will durch ein Weib. Denn durch ein Weib wird man ein Mensch, nicht erst ein Mann; der muß man dazu ja gewesen sein. Auch bin ich Euch durch meine Liebe zu einer Verwandten von Euch gewiß schon lieb und vertraut — wie ein Anverwandter — wenigstens habe ich herzliches Vertrauen zu Euch, und bedarf Euern Rath und Euere Hülfe, denn Ihr seid jetzt gleichsam die Mutter der Dorothea, da Euere Schwester Martha dahin ist — dahin, wo . . . fürchte ich . . auch Dorothea bald folgen wird, oder zu folgen glaubt. Denn nehmt nur den Brief hier von ihr! „Sie will nicht die Meine werden“ — weil sie mich liebe und ehre; aber auch keines Andern — weil sie mich herzlich bemitleide und beklage. Ja, sie meint: „Gott erhalte mir nur meinen Verstand, damit ich nicht katholisch werde, weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.“ Leset! Erkläret mir, helft! Ich bin unschuldig und rein wie der gefallene Schnee! Und auch Sie ist gewiß so leicht über die Erde gewandelt, wie über Schnee, ohne eine Fußtapfe zu beflecken! Da, nehmt!

Christel nahm den Brief, blieb stehen und las, während Ellenroth in großem Kreise langsam umherritt. Darauf ging ihm Christel entgegen und sagte ihm traurig: „Was ein Mädchen, wie Dorothea sagt, so sagt, und schreibt, das hält sie gewiß, dabei bleibt es. Armer, junger Herr!“

„Geht zu ihr!“ bat er; „redet noch einmal zu ihr! Ich bin so thörig wie alle Menschen, die das Theuerste entbehren, das Aeußerste dulden, wenn sie nur klar wissen, warum? und wie es gekommen! Und diese Thorheit beweiset, daß es ein größer Glück giebt als alles Glück oder alles Unglück — und das ist: die Wahrheit, ist die Vernunft! Ach, daß die Liebe zu dem Weibe mir nur nicht höher wäre, liebe Christel! Denn erfahre ich auch den Grund der Zurückweisung und Verweisung meines Herzens auf sich selbst, so ist es doch leer, halb, zerrissen ohne Sie — und der Tod ist jetzt leicht zu finden: ich werde Soldat! oder erlöse durch meine freiwillige Gestellung vielleicht und gern noch einen gezwungenen Vater von Kindern! Vielleicht sollte das nur so kommen, das sollte ich im Leben vielleicht nur thun! Wer weiß, wozu ein jeder bestimmt ist auf Erden. Doch die Tage erst lichten das Leben auf — und die finstern: ein helles! Nur verdenkt mir nicht, daß mir die Augen tröpfeln! Vor Euch will ich es nicht verbergen.“

Christel meinte in diesen Worten auch eine Schickung Gottes zu sehen, ward durch und durch froh, und über und über roth, und wollte den verlorenen oder nicht erst erworbenen Freund inständigst bitten . . . wenn er denn wollte, was er müßte, oder müßte was er wollte . . . diesen Dienst dann ihrem Johannes zu leisten . . . den Vater ihrer Kinder frei zu machen von den Soldaten, durch sich! Aber sie erröthete bei dem Tröpfeln seiner Augen ganz anders. Denn Thränen rühren ein Weib am meisten, und unter allen Thränen, die Thränen eines Mannes, der schön und edel und muthvoll ist; ja diese solche Thränen erheben sie über sich selbst, und geben ihr alle ihren weiblichen Adel wieder und eine Himmelsseele dazu, oder erwecken sie nur in ihr, wenn sie schlummerte. Und so erwiederte Christel: „Armer Herr! Ich weiß gewiß, es ist vergeblich — aber ich gehe zu Euerer Dorothea. Bleibt bis zum Abend hier . . . und kann ich Euch nicht helfen . . . so helfet Ihr uns! Und Ihr . . . Ihr könnt es, und wollt es gewiß . . . schon um Dorothea’s willen! — Die wird sich doch freuen über Euch!“

„Sagt es dann gleich lieber jetzt!“ bat er. Aber sie beruhigte ihn damit, daß sie gleich nach Mittag in die Stadt gehen werde, nahm ihm das heißgerittene braune Pferd ab, und als er hineingegangen, sahe er bald darauf — den Johannes exerciren, und faßte im Stillen selbst den Entschluß: den redlichen, einfachen, aber den Seinen so kostbaren Freund zu erlösen . . . oder verstand er jetzt erst Christels Worte. Denn manche Worte werden erst spät verstanden, oft Jahre und Jahrhunderte nachdem sie verhallt sind, „wie die ächten wenigen Worte Christi,“ wie Wecker sagte.

Der alte Frommholz aber wußte von dieser fast gewissen Hülfe nichts, und auch von keiner andern irgend woher. Aber er wußte heimlich aus einem andern Hause den noch verborgen gehaltenen Befehl: „daß übermorgen, oder schon morgen, die Neugeworbenen, Alte und Junge, selbst halbe Greise und halbe Kinder, die nur verwüstet wurden, über den Rhein auf jene linke Seite geführt werden sollten.“ Darum hatte er beim Schlafengehen große Sehnsucht nach dem Tage. Der untergehende, prachtvoll schillernde Mond, der vor einigen Tagen schon voll gewesen, täuschte ihn: sehr früh aufzustehen, und zwang ihn gleichsam, die wechselnden aber immer wiederkehrenden Wunder der Nacht noch einmal recht zu genießen; bis er sich in seinen geschnitzten Lehnstuhl setzte, und mit stiller Freude endlich die Tritte seines Johannes über sich hörte. Da löschte er im Kalender, schon in der heiligen Morgenfrühe den Tag aus — den Montag — wie er sonst immer erst nach dem Abendsegen that; dann zog er die stehengebliebene Wanduhr auf; ließ den Kukuk die Stunden nachrufen — und schrieb noch einmal seinen Namen auf das mit Schiefer belegte Tischblatt, sahe ihn an, und löschte ihn lächelnd weg. Dann betete er aus seinem Kubach das sonderbare, doch ächte „Gebet eines Schieferdeckers, so er vom Thurme fällt,“ welches zwei Seiten lang ist, also einen wolkenhohen Thurm voraussetzt, wenn der dabei besonnene Unglückliche nicht eher auf Erden anlangen soll, als er es ausgebetet hat. Er merkte das, und lächelte die geringe Höhe seines Thurmes und seinen Fall, wie ein Kinderspiel, dadurch hinweg — und das Gebet bekräftigte ihn und machte ihn stark! Dann öffnete er die Stubenthür einen Fingerbreit, um noch einmal zu sehen: wie Alles darin morgen stehen würde! . . . . Wie in fünfzig Jahren . . . . in hundert Jahren die liebe Sonne so hereinscheinen würde!

Der stille Herr Ellenroth machte das Frühstück still. Doch sagte Christel dem Großvater, daß sie zu den Kindern hineingehen würde, und er ließ sie alle grüßen und bitten: „sie sollten ihn nicht vergessen!“ Das durfte er sagen. Aber Johannes durfte ihm nicht sagen, daß sie seinen Geburtstag begehen würden; um ihn beim Mittagsessen zu überraschen.

Als der Alte aber an die Arbeit gehen wollte, bat ihn Johannes: „Vater, bleibt doch zu Hause! nur heute zu Hause!“ Das Wort traf den alten Vater, als sei er verrathen. Doch als der Sohn hinzu setzte: „macht wenigstens Mittags bei Zeiten Feierabend; die paar Schläge an dem Thurme werden ja noch vor dem Winter gethan werden“ — da versprach er zu Mittag bei Zeiten bei ihnen zu Hause zu sein — und sähe sich jetzt um, wie es dann in der Stube unruhig aussehen würde, wie er daliegen würde todt und zerschmettert; aber auch, wie er des Sergeanten, ja des Kaisers grausame Befehle zu bloßem Wasser gemacht; und freute sich, daß so Jeder, der stark etwas Gutes will, frei ist von allen über den Ländern liegenden eisernen Gittern; und nur das Eine that ihm in seiner redlichen Seele leid, das ehrliche Begräbniß, das sie ihm würden angedeihen lassen; und das Bedauern, als sei er unglücklich gewesen in seinem Tode; da er doch grade sich säen wollte in Gottes Erde als einen Keim des Glücks für die Seinen. Und so sagte er nur zu Johannes: „Du bist mein lieber, mein einziger Sohn! Und Du meinst es gut mit mir — das merke ich heimlich! Merke nur auch heimlich: Ich meine es auch gut mit Dir — so gut wie ein alter Vater noch kann! — Lebe wohl — indeß!“

So ging er.

Aber auch Christel ging kurz vor Essen noch eilig in die Stadt; denn Paschalis Magd, die Einiges zu holen gekommen, hatte ihr gesagt: daß das kleine Mädchen sehr nach ihr geweint — und mit gewollt! Das war nun schon Stunden vorbei, aber das hielt sie nicht aus, obgleich das Kind gewiß jetzt längst schon wieder ruhig war.