VIII.

Von den Kindern zurückgehalten, ging Christel erst am anderen Vormittage von Mainz nach Hause. So wußte sie nichts aus Zahlbach — und so gewährt der Himmel den guten Menschen das Glück ihrer Treue und Liebe; und wo das Glück ist, kann nicht zugleich Schreck und Pein sein; und so sind sie nicht nur nicht elend, sondern oben darein beseligt. Wie viel Ursache aber Alle, ja alle Völker haben: tagtäglich zu bitten, daß auch ihre Nachbarn und alle die Ihrigen auf unschädlicher, ja wohltätiger Bahn wandeln mögen, damit sie nicht durch ihren Verkehr mit ihnen und grade durch ihre Neigung und Freundschaft und Liebe recht Bitteres von ihnen leiden — das erfuhr sie heute.

Daniel begleitete sie in Mainz bis an das Thor. Unter dem hohen dunklen langen Gewölbe wandelnd umfingen sie gleichsam die alten Zeiten sichtbar und doch so wunderlich. Denn wenn draußen auf Markt und Straßen neue Sonnenhelle und neues Leben sich regte, so hingen hier drinnen still, wie Fledermäuse, an den schattigen Mauern, die Spuren vieler hundert verflogener Jahre; und Alles, was sich hier Fröhliches und Trauriges herein oder hinaus bewegt, herein oder hinaus geschollen war, das hatte sich gleichsam nur — als Rauch an die Bogen gehangen, und ihnen die wettergraue, alterbraune Farbe — der vergänglichen Welt gegeben. Die Gewölbe aber hallten nur wieder, selber stumm; und so sagten ihr die Steine nicht, daß so eben die Rekruten aus Zahlbach hier durch geschleppt worden waren, während die armen Teufel ihre Angst in lustigen Liedern zum Himmel gesungen.

„Aber Mutter!“ sprach Daniel, „sind das nicht unsere Kühe dort? und unsere vier neuen Räder am Wagen?“

Sie drängten sich hin vor die Wache, vor welcher der Wagen mit einem im Strohe liegenden Manne hielt; aber nahe hinan konnten sie nicht, denn Soldaten und Menschen umstanden ihn. Und ein Bürger sprach zu dem andern: „Das ist ein böses Zeichen! Die Welt hat den Krieg satt; und damit nun grade der Kaiser und seine Brüder, seine Herrn Vetter und Frau Muhmen, Töchter und Schwäger auf den mit Braten gepolsterten und mit Wein besprengten Thronen sitzen, und Niemand Anders, oder Niemand, deswegen wollen sich nun die dummen Bauern nicht mehr selber todt schlagen lassen, noch ihre Söhne als frische Schemmelbeine unter den Thron zerzimmern lassen!“ —

„Sie sagten, es wäre ein Zimmermann;“ versetzte ein Anderer.

„Ja,“ bestätigte ein Dritter. „Er ist vom Thurme gefallen; und nun hat der Lieutenant in Zahlbach gesagt: er habe sich hinunter gestürzt — weil er ihn habe früh morgens am Altare knien und beten sehen — weil er einen einzigen Sohn mit Weib und drei Kindern zu Hause habe.“

Ach Gott! der Großvater ist todt! sagte Christel zu Daniel.

„Der alte Mann gefällt mir!“ sagte der Erste. „Erstlich, weil er ein Mann auf seine Hand ist, der uns Allen vorleuchten sollte; zweitens, weil er soll den Arzt gefragt haben: ob er auch wirklich ein Krüppel wäre, nun er beide Beine zweimal gebrochen habe . . .“

Mutter! rief Daniel fast zu laut vor Freuden: der Großvater lebt ja! Er hat nur beide Beine zweimal gebrochen . . . .

„. . . und als ihm das ist bestätigt worden, hat er mit Freuden eingestanden: er sei nicht gefallen! Auf dieses sein Geständniß, daß er seinen Sohn dem forcirten Vaterlande habe vorenthalten wollen, ist er nun hier in Ketten hereingebracht und soll ins Gefängniß geworfen werden und, als Zimmermann am richtigsten in den Holzthurm — sie wissen nur noch nicht in welches, denn alle — Holzthürme sind voll: — Verräther, das heißt nur voll Freunde ihres alten wahren Vaterlandes, das da Deutschland heißt.“

„Schwager!“ versetzte der Dritte: „das ist das größte Elend auf der Erde, daß grade das wahre Herz der Völker jetzt ein Scorpion sein soll! und die alte ächte redlichste Treue — Verrath; weil sie nicht mehr paßt, und nicht höflich und artig ist, wenn ein Andrer das Vaterland zerrissen, erbeutet und unterjocht hat, und doch so gut wie ein alter treuer, lieber guter Vater nun Kindesdienste, ja die Kinder selber verlangt! Der gute liebe Mann! Und wenn ich hunderttausend Jahre alt würde — ich würde kein Franzose! Und wenn ich Millionen Jahre alt würde, so würde ich nie ein Russe, geschweige zehn oder tausend Russen mit meinen Kind und Kindeskindern — und wenn ich alle Tage 1000 Napoleons, oder alle Stunden 5000 heilige Andreaskreuze mit Brillanten — geschweige die Knute bekäme; — — denn so Etwas ist nicht möglich, wider den Mann und wider den Menschen, und das sollte man einsehen, besonders: — „Man, der Teufel!“

Darauf sahen sie einen schönen Knaben auf ein Rad des Wagens steigen, und jetzt nur erblaßt und ängstlich nach dem braven Manne darin spähen . . . dann langsam und vorsichtig über die Leiter steigen und sich zu ihm setzen; und der Alte hob sein Haupt auf, sahe ihn wieder an, und rief: „Daniel!“ und Daniel rief: „Mein Großvater!“

Darauf war es umher still vor Mitleid und Verwunderung; selbst die Soldaten wehrten dem Knaben nicht; und so überwand auch Christel die Scheu, aber nur durch eine starke innere Aufwallung, sich vor so vielen Augen zu zeigen; und so ließ sie die Menschen die Menschen sein, unbekümmert, ob sie solche heilige Kleinode unter der Stirn besäßen, die da zu sehen vermöchten, was unter der Sonne vorgeht; oder ob solche kleine Hämmer in ihren Ohren ihnen verkündigten, was aus einer Menschenbrust herauf und heraus getönt in die himmlische Luft — — sie drückte dem Vater die Hand, und hielt sie fest, während ihre thränengefüllten Augen über ihm schwebten. Denn sie bedachte mit staunendem Bedauern, wie nahe ihm die Hülfe des Himmels durch den entschlossenen Ellenroth gewesen sei, und welche That er aus Mangel an Vertrauen gethan — und sie drohte ihm mild mit dem Zeigefinger; — er kehrte sein Gesicht ab — und sie hatte nun eisernes Antlitz — vor aller Welt zu weinen! Dann erblaßte sie über und über vor Scham vor der Welt der Großen, und erröthete wieder über ihre eigene Schuld der Verschweigung gegen den Schwiegervater: welchen Trost ihr der Herr von Ellenroth gegeben! Aber „soll ein Weib denn alle Augenblicke Alles sagen? und gleichsam vom Herzen abschlagen, was noch nicht reif ist, sondern erst eine kleine grüne Frucht ansetzt, die noch abfallen kann?“ So tröstete sie sich selbst, faßte sich schwer aufathmend, und befahl ihrem Daniel leise, bei dem Großvater zu bleiben und ihn zu pflegen und darum wohl zuzusehen, wohin man ihn ins Gefängniß werfen werde, und dann Herrn Paschalis zu bitten, daß er sich seiner erbarme. Darauf gab sie dem Daniel Geld, stieg rasch vom Wagen und verlor sich unter der Menge.

Und der eine Bürger sagte wieder: „Schwager! Wenn wir nicht alle die Hoffnung hätten, daß eigentlich Nichts lange besteht, was die Großen thun, höchstens von einem Friedensschluß bis zum andern, und wenn es nicht ein wahres Glück wäre, daß ein Friede nicht von Eichenholz ist, also nicht versteinern kann, sondern der ewigste Friede nur etwa fünfzehn Jahr alt wird — so möchte ich kein Schuhflicker sein in Ewigkeit! Sela!“

„Und ich kein Schneider! Schwager!“ versetzte der Andre, „Aber wir hoffen, das deutsche Reich, dieses viel zerrissene und von aller Welt behaltene Gewand, das der liebe Gott am Schöpfungs-Sonntage selber abgelegt, das wird nun endlich wieder auf seine alte rechte Seite neugewandt werden, und auf eine beßre, ja hoffentlich gute Weise mit Cameelgarn und Seide wieder zusammengenäht, daß es so lange hält wie ein Rock der Kinder Israel in der Wüsten — 40 Jahr! Sela!“

„Wenn’s nur noch Stich hält!“ schloß der Dritte. „Menschenherzen sollten sie können zusammen nähen! So einen Schneider gebe uns Gott! Desselben Ziegenbock will ich sein in Ewigkeit!“

„Ich auch!“ sprach der Dritte. „Ich auch!“ schrie der Erste. Und von ihrem Gedanken gleich froh ergriffen, meckerten alle drei Freunde laut, und nunmehr erscholl unauslöschliches Lachen. Doch nun meckerten sie erst recht. Und die Kinder umher meckerten, die Lehrjungen meckerten; die Kühe brüllten; die Soldaten fluchten und schlugen ohne Auswahl und ohne Schonung unter die Menge. Und die drei ursprünglichen Ziegenböcke fingen an zu reden und sprachen: „Vergieb ihnen, Herr! denn Soldaten wissen ja nie, was sie thun! — nur was sie leiden!“

Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt öfter ihre — mit den Ellenbogen wie in die Luft gestützte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete, daß das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklärte es sich aus gutem Herzen so: — „Johannes liebte sie; das sahe der Großvater; — und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und die Kinder liebte mit seiner Liebe.“ So war es gekommen. Darum beschloß sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem Herzen. Und so ward dieses neue Unglück ein neues Band um sie und Johannes; denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trägt, und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das Frohe.

Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: „Weißt Du?“ — Und sie antwortete nur: „ich weiß!“ Und nach zeitlangem Schweigen setzte er nur noch hinzu: „Deine schönen Kühe sind auch fort!“ — Sie aber versetzte heiter lächelnd: „aber die Kinder — die Kinder sind alle — ach nun alle die wir noch haben — gesund und fröhlich — bis auf den Daniel, der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!“

Sie schwiegen darauf beide — aber übereinstimmend — und gingen an ihre Geschäfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen selbst, der in ihren nöthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat, ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefühlen darüber zu machen, sondern seine Leiden und Freuden in seine Geschäfte hinein arbeitet oder hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag — und das Gottgeheißene willig und still vollendend, ein Mensch ist, ein ächter Träger der Zeit — wenn er bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heißt.

Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein großes Geheimniß kaum verständlich zugeflüstert: Daß Dorothea nichts gethan: — als eine Thüre zugemacht, eine Gewölbthür im Unterstock des Schlosses, — Das Mädchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere Erkundigung gesagt: „in dem Gewölbe habe ein großes Kohlenbecken mit glühenden Kohlen gestanden.“ — Mit diesem unverständlichen Bescheid wollte der verstoßene Bräutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber — er nahm seinen Weg über Breitenthal, um zu erfahren: Wie „eine Thür zumachen“ seine Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen können.

So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte Unordnung, und von Mühe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gästen, die sich müßig pflegten und schonten bis zum Lord- — Todesschmause auf dem großen grünen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht aber mitspeisen, höchstens ins Gras beißen, oder Erde kauen; — „so wie Bauern beim Schachspiel, welches morgenländische Herrscher mit lebendigen Figuren spielten oder noch spielen, und den verlornen und gewonnenen, vom Stehen müden Statisten die Köpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen oder es befehlen; ohne daß die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als — den Braten gerochen, den sie wie Jäger, noch grunzend im Walde für ihres gnädigen Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern aufgerissen hat;“ wie Wecker gesagt.