Das kluge Huhn
Im Hühnerhof war große Gesellschaft. Von überall her waren die Hühner und Enten eingeladen. Zu einem Gericht frischer Maikäfer hieß es, in Wahrheit aber um die neue Nachbarin in Augenschein zu nehmen. Es ging das Gerücht in der Gegend, daß sie eine Andalusierin sei. Und das mußte wahr sein, denn tief schwarz war das Gefieder, und blau die Bäcklein, wirklich blau. Andere Spanier, Minorka zum Beispiel, hatte man ja auch schon gesehen, aber Andalusier noch nie.
Die Fremde benahm sich wirklich nett. Sie begrüßte jede der Hennen einzeln, und nur ganz kurz den Hahn.
Sie beantwortete sämtliche Fragen mit »Ja« oder »Nein«. Selber fragte sie nichts.
Nur bei den Hennen, die Junge hatten, forschte sie eifrig, ob alle die Kleinen gesund seien, und fügte hinzu, daß sie selten so hübsche Jungen gesehen habe.
Diese weise Frage hatte sie von ihrer Großmutter.
»Kücken,« hatte die gesagt; »du gehst nun in die weite Welt. Klug bist du nicht. Also gibt es für dich nur zweierlei zu beobachten: Begegnet dir ein Hahn, so sei schweigsam, und begegnet dir ein Huhn, so lobe seine Jungen. Beide werden deine Klugheit preisen.«
Die einzige Klugheit des spanischen Kückens war aber die, daß es seiner Großmutter gehorchte. Und auch diese Klugheit verdankte es nur seiner Dummheit. Es fiel ihm leichter zu gehorchen, als selbst zu denken.
Der Rat des alten spanischen Huhnes bewährte sich.
»Es ist wirklich eine gescheite Henne,« sagten die mütterlichen Hühner.
»Das ist sie,« bestätigte der Hahn und fügte anzüglich hinzu: »Wenigstens gackelt sie nicht den ganzen Tag wie gewisse andre. Sie muß klug sein.«
Nun war die Parole ausgegeben. Die kluge Spanierin wurde sie überall genannt.
»Sie kann reizend zuhören,« sagten die guten, schwatzhaften Hühner und merkten nie, daß die Fremde bei ihren Erzählungen die Augen geschlossen hatte und träumte.
»Und so bescheiden ist sie,« sagte die alte Ente. Sie konnte es nicht leiden, wenn ihr jemand widersprach, ganz besonders wenn es junge Leute waren. Die Jungen hatten »Ja« zu antworten, und damit basta.
Und »Ja« antwortete die Spanierin immer, warum hätte sie »Nein« sagen sollen? Es war ihr ja ganz gleichgültig, was die Alte da behauptete.
Der Hahn aber liebte seine schwarze Andalusierin sehr. Sie bewunderte ihn schweigend. Mit kindlichen, runden Augen sah sie zu ihm auf. Sie schwieg, wenn die anderen gackelten. Sie lief immer dicht hinter dem Hahn und ging nie eigene Wege. Auch hatte sie nie eine eigene Meinung.
Später hatte die Spanierin Junge. Reizende, schwarze, kleine Geschöpfe. Sie hütete und fütterte sie und lief nie von ihrer Seite. Das tut ein Huhn aus Instinkt, dazu braucht es keinen Verstand.
Als sie aufwuchsen, gab es freilich Hindernisse.
»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte einer der jungen Gockel.
»Du mußt »ja« und »nein« sagen und die Kücken der Hennen loben,« sagte das Huhn. »Das hat mich meine Großmutter gelehrt, und ich bin gut damit ausgekommen.«
Das Huhn sah nicht, daß hinter dem Zaun eine schöne, bunte Katze saß, mit feurigen, gelben Augen, die das Gockelchen unverwandt anstarrte. Es lief auf sie zu. Die Katze packte es und trug es im Maul davon.
»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte auch eines der jungen Hühnchen.
»Du mußt dem Gockel gefallen, das hat schon meine Großmutter mich gelehrt,« sagte das spanische Huhn und warnte das Hühnchen nicht vor dem Habicht, der mit gierigen Augen über dem Hühnerhof kreiste. Er schoß herab und packte das Hühnchen mit seinen scharfen Krallen.
Auch die andern Kücken kamen gelaufen.
»Was ist das Schönste in der Welt?« fragten sie.
»Das Schlafen,« sagte die Andalusierin und schloß ihre Augen. Die Kücken schlossen auch ihre Augen.
Sie sagten des ganze Leben »ja« und »nein«. Sie fraßen und schliefen.
Als das spanische Huhn starb, hielt der Hahn die Grabrede. Er nannte die Andalusierin die Klügste des Hühnerhofes.
»Des Hühnerhofes,« nickte klappernd der Storch und flog davon.
Der alte Schafbock
In der Schafherde lebte ein alter Bock. Er war nicht liebenswürdig gewesen, als er jung war, und er glaubte nun das Recht zu haben, noch viel weniger liebenswürdig zu sein, da er alt geworden. Um seines Alters willen mußte die ganze Herde sich ihm beugen. Einzig gegen die jungen Schäfchen war er freundlich, und die hätten es lieber gehabt, wenn er weniger artig gewesen wäre. Dies fanden auch die jungen Böcke. »Das Recht des Alters« nannte es der Schafbock, wenn er an den Lämmern herumschnüffelte.
Er hatte aber noch andre Eigenschaften.
Meistens erzählte er lange, langweilige Geschichten, und vergaß im Laufe der Erzählung das Ende. Er fing dann von vorne an und erzählte die Geschichte noch einmal. Aber dann passierte es ihm leicht, daß er die Pointe einer andern Erzählung dieser anfügte. Das merkten aber nur die andern, er selbst nie.
Man sah es ihm immer an, wenn er erzählen wollte, er hatte dann einen matten, in sich gekehrten Blick. Wer ihn bemerkte, nahm Reißaus. Nur die ganz Jungen nicht, die sahen nie, was ihnen drohte; noch nicht einmal merkten sie es, wenn der Alte sie zu sich rief.
»Laßt euch einmal erzählen, wie zu meiner Zeit die Alten behandelt wurden,« sagte er dann, und die Helden seiner Geschichten wurden jedesmal tugendhafter, und die Böcklein, die zuhörten, kamen sich jedesmal gemeiner vor, wenn sie sich mit den Altersgenossen des alten Schafbockes verglichen. Aber wieder nur die ganz Jungen.
Die andern kannten die Form, nach der die schönen, moralischen Lügen geprägt wurden.
Der alte Bock hatte aber nicht nur Belehrendes zu erzählen. Stand er unter den Schafen, so ging es nach einer andern Melodie, und hatte er sich gar an die Jungen herangeschlichen, so hörte er überhaupt mit Erzählen auf, und die Lämmlein mußten sich von ihm lecken lassen, so sehr ihnen vor seinen kahlen Stellen im Pelz und seinen roten Augen ekelte.
»Denkt, ich sei euer Großvater, meine Lämmchen,« sagte er. Aber das dachten sie nicht und sprangen bei der ersten Gelegenheit davon.
Der alte Schafbock hörte nicht mehr gut, deshalb mußte jedes Wort, das in seiner Gegenwart gesprochen wurde, wiederholt werden, auch das gleichgültigste.
»Das ist das Recht des Alters,« behauptete er auch da. Zudem nahm er alles übel, und die Jungen mußten um Verzeihung bitten, wenn sie es schon nicht böse gemeint hatten.
»Das ist die Pflicht der Jugend,« sagte er. Er hatte auch ein schlechtes Gedächtnis und wiederholte fortwährend dasselbe. Wenn den andern die Geduld ausging, und sie über ihn weg zusammen redeten, wurde er wütend.
»Nie wäre so etwas zu meiner Zeit möglich gewesen,« schrie er. »Die heutige Jugend ist entartet, der Respekt vor dem Alter ist tot!«
»Warum soll man eigentlich gerade vor dem Alter Respekt haben?« fragte ein kräftiges Böcklein.
»Warum? Warum?« Der Alte schnappte nach Luft. Er erstickte fast vor Zorn. Er schnaufte und nieste und schäumte und bespritzte die Umstehenden. Aber als er fertig war, fand er doch keine Antwort.
»Darum!« mähte er endlich heiser. »Ich verlange Respekt von euch, das ist mein Recht! Ihr habt zu schweigen, wenn ich rede, ihr habt zuzuhören, wenn ich erzähle, ihr habt stillzuhalten, wenn ich euch liebkose. Ihr habt mir nicht zu widersprechen, wenn ich etwas behaupte, und ihr habt mich zu ehren und zu lieben und zu achten.« Erschöpft schwieg er.
»Warum?« fragten sie wieder. »Wir wollen wissen warum!«
»Weil ich alt bin!« Der alte Schafbock ging seinem Stalle zu, um zu schlafen.
»Wenn er freundlich wäre,« sagten die Schafe, »wir wollten ihm gerne helfen und ihm dienen!«
»Wenn er würdevoll wäre,« sagten die jungen Böcklein, »wir wollten ihm gerne gehorchen.«
»Wenn er weise wäre,« sagten die alten Schafe, »wir hörten gerne seine Lehren. Aber er ist nur alt. Hat er darum ein Recht auf unser aller Wohlbehagen?«
»Nein,« schrien alle, »er hat keines! Wir wollen ausziehen und uns belehren über die Rechte des Alters.« Die ganze Schafherde ging über Land.
Sie fanden ein altes Pferd auf der Weide. Still und ruhig graste es. Sprangen unerfahrene, junge Pferde zu nahe an den Fluß, so hielt es sie auf. Den Füllen wehrte es die Fliegen. Wollten die Pferde in wildem Jagen ihre Glieder üben, so stand es beiseite, und freute sich der tollen Sprünge und gedachte dabei der eigenen Jugend. Und die jungen Pferde suchten die saftigsten Kräuter und führten das alte Pferd dorthin. Sie rieben sich schmeichelnd an ihm und scherzten mit ihm. Sie liebten es, denn es freute sich ihrer Jugend.
»Hat das alte Pferd von seinen Rechten gesprochen?« fragte der Leiter der Schafherde.
»Kein Wort!« riefen alle. Darauf fanden sie einen rissigen, uralten Baum. Hohl war sein Stamm, und dürre Äste ragten traurig zum Himmel auf. Aber fröhlicher Efeu war am Stamme in die Höhe geklettert und schmiegte sich schmeichelnd an die Eiche.
»Kann der Baum den Efeu zwingen, ihn zu schmücken, darum weil er alt ist?« fragte der Leitbock die Herde.
»Niemals,« antworteten die Tiere.
Am Bache lag ein alter, grauer Stein. Er lag mitten im Flußbett und störte den Lauf des Bächleins. Aber er hatte sich mit grünem Moos bedeckt, er hatte seine scharfen Kanten und Ecken vom lustigen Wässerlein abschleifen lassen und hörte freundlich auf sein Murmeln und Plätschern, und freute sich des munteren Gefährten, der sein Alter erheiterte.
»Warum kräuselt sich der Bach so gerne um den alten Stein?« fragte der Bock die Herde.
»Weil der Alte ihn nicht hemmt!« rief die Herde.
»So brauchen wir nicht weiter zu ziehen,« sagte der Bock. »Wir wissen nun, was wir wissen wollten.« Und sie zogen heimwärts bis zu ihrer Weide, wo der alte Bock mürrisch an der Sonne lag und schalt, daß man ihn so lange allein gelassen.
»Ich habe ein Recht, zu verlangen, daß man bei mir bleibe,« rief er und stieß die Nahestehenden mit den Hörnern.
»Fort mit dir,« schrie nun die ganze Herde. »Du hast kein Recht auf uns, nur weil du alt bist! Gehe zu Pferd, Baum und Stein und lerne von ihnen, wie man sich Liebe erwirbt.« Und sie ließen den Bock stehen und rannten leichtfüßig hinauf in die Berge, in die Sonne, zu duftendem Tymian und Vergißmeinnicht.
Vom bescheidenen Hähnchen
»Frau Mutter, wir möchten uns ein wenig in der Welt umsehen,« sagte das jüngste Hähnchen zu der Henne.
»Ja, das möchten wir,« sagte auch das älteste.
»Was heutzutage die Kinder nicht alles wollen!« Die Henne schüttelte den Kopf. »So geht! Ihr werdet bald genug wieder da sein. Und was ich sagen wollte: Seid ja recht bescheiden und drängt euch nirgends vor. Das können die Erwachsenen nicht leiden.«
Die Hähnchen machten sich eilends davon und krähten heiser und vergnügt in die Welt hinaus. Die Henne sah ihnen nach.
»Um den Ältesten ist mir nicht bange,« sagte sie zum Hahn, »aber der Jüngste.«
»Jugend hat keine Tugend,« bedeutete sie der Hahn.
Die Hähnchen zogen über das Feld, und das jüngste wurde hungrig.
»Hast du etwas zu essen?« fragte es seinen Bruder.
»Nein,« sagte der Älteste; »aber da kriecht eine fette Raupe.«
»Danke!« sagte das Jüngste, und fraß sie auf. Verblüfft sah der andere zu.
»Eigentlich hätte sie mir gehört. Ich habe sie zuerst gesehen.«
»Aber ich habe sie zuerst gefressen,« sagte ruhig das Hähnchen.
Sie liefen weiter und liefen manchen Tag, und die Welt hatte immer noch kein Ende. Es wurde ihnen fast unheimlich zumute.
»Ich wollte, ich wäre wieder daheim bei der Frau Mutter!« sagte das Älteste.
»Das glaube ich!« lachte der Fuchs, der plötzlich vor ihnen stand. »Welches von euch beiden möchte nun zuerst gefressen werden?«
»Bitte, Herr Fuchs, ich warte gerne,« sagte das jüngste Hähnchen bescheiden.
Da packte der Fuchs den Ältesten und zerriß ihn. Das Jüngste aber lief über das Feld heimwärts, so schnell es konnte. Es rannte und flog und krähte, bis es endlich bei seiner Mutter war.
»Frau Mutter,« schrie es schon von weitem, »oh, wie recht haben Sie gehabt. Bescheidenheit ist eine schöne Sache.«
»So,« sagte die Henne und sah ihren Jüngsten mißtrauisch an, »und wo hast du denn deinen Bruder?«
»Den hat der Fuchs gefressen, Frau Mutter. Und hätte ich nicht auf Sie gehört und mich unbescheiden vorgedrängt, so hätte die Sache schief ablaufen können.«
Das neue Buch
Es war einmal ein alter Uhu, der nicht mehr auf die Jagd gehen konnte, und sich von seinen Söhnen füttern lassen mußte. Da dachte er, daß er ein Buch schreiben wolle, und zwar ein Buch, in dem man sehen konnte, wie es in der Welt zugehe. Er wollte es drucken lassen für die Schulkinder.
Er ließ seine drei Freunde kommen: Den Maulwurf, den Hahn und die Schwalbe; die sollten ihm berichten, was sie von der Welt wüßten.
Es waren Leute, die viel erfahren hatten, zudem wichen sie nie von der Wahrheit ab, und dem Uhu lag besonders viel daran, daß in dem Buch nur die reine Wahrheit gesagt würde.
Sie begaben sich zusammen an den Rand des nächsten Waldes, um ungestört verhandeln zu können. Der Uhu saß im Stamm einer alten, hohlen Eiche, der Hahn ging gravitätisch davor auf und ab und der Maulwurf grub sich ein Loch, aus dem er nur den Kopf herausstreckte. Die Schwalbe aber flog auf den untersten Zweig des Baumes, unter dem sie beraten wollten.
Der Uhu nahm sein Notizbuch, spitzte seinen Bleistift, und bat den Maulwurf anzufangen. Der setzte sich in Positur und begann:
»Die Welt ist dunkel.«
»Dunkel?« fragte die Schwalbe verwundert.
»Ja, dunkel,« antwortete der Maulwurf bestimmt. »Dunkel und eng. Lange, schmale Gänge durchziehen sie, in denen man bequem gehen kann. Man macht die Gänge selbst, und hat viel Arbeit damit. Nahrung gibt es in Menge. Die Tiere besitzen alle einen schwarzen samtnen Pelz.«
»Einen schwarzen Pelz!« rief der Hahn. »Was für ein Unsinn!«
»Jawohl, einen schwarzen Pelz! Es gibt auch Maulwürfe, die einen weißen Pelz haben. Aber zum Glück sind sie sehr selten. Man verachtet sie, weil sie nicht sind wie alle andern.«
Der Uhu schrieb alles, was der Maulwurf gesagt, in sein Notizbuch. Zu einigen Mitteilungen machte er Bemerkungen. Er sagte aber nichts, sondern fragte höflich den Maulwurf, ob er noch etwas mitzuteilen habe.
»O ja,« sagte der Maulwurf, »die Hauptsache! In der Welt ist es sehr langweilig. Ein Tag ist wie der andere, und man hat nur zwei Zerstreuungen. Die eine ist das Essen. Die andere ist, daß man alle anderen Tiere über die Achsel ansieht, die nicht in der Welt wohnen und nicht leben wie die Maulwürfe. Und das ist die feinste Freude für einen Maulwurf.«
Der Uhu notierte alles. Darauf bat er den Hahn, nun auch seine Erfahrungen mitzuteilen.
»Die Welt,« begann der Hahn, »ist meistens eine lustige Sache. Genug zu essen, genug zu trinken und Hühner, soviel man will!«
»Soviel man will!« stöhnte entsetzt der Maulwurf.
»Jawohl! Soviel man will! Die Welt ist viereckig und hat einen Zaun aus Draht rings herum. Die Welt hat ein Licht am Himmel, dann ist es warm. Manchmal fallen aber weiße Fetzen vom Himmel und dann ist es kalt.«
»Weiße Fetzen?« fragte erstaunt die Schwalbe.
»Ja, und wenn die herabfallen, wird die ganze Welt weiß davon. Kein Tier legt dann Eier. Es gibt in der Welt jemand, der einem alle Tage Futter bringt. In der Welt haben die Tiere Federn und einen roten Kamm.«
»Einen Kamm?« riefen Maulwurf und Schwalbe. »Das ist nicht wahr.«
»So! Nicht wahr!« krähte heftig der Hahn. »Ich habe doch einen, und unsere Kücken haben einen, wenn sie zur Welt kommen, meine Hühner haben einen, und dann: nicht wahr! Jedes Wort ist wahr, das ich sage! Ich habe alles selbst beobachtet, ich lebe mitten in der Welt und betrachte sie von morgens bis abends.«
Der Uhu bat höflich den Hahn, sich nicht zu ärgern. Es zweifle niemand an der Wahrheit seiner Behauptungen, nur nehme eben nicht jedes denselben Standpunkt ein. Da gebe es dann leicht Differenzen.
»Das Schönste in der Welt,« fuhr der Hahn besänftigt fort, »ist der Misthaufen. Das ist eine wahre Fundgrube. Würmer, Käfer, Körner, kurz alles, was man sich wünschen kann, ist vorhanden. Das ist eine Lust, wenn alle da kratzen und scharren, picken und gackern, und nie fühlt man sich so als Mann, als wenn man auf seinem Mist steht inmitten seiner Hühner und stolz in die Welt hinauskräht.«
Ganz ergriffen hörte der Uhu zu. Zu der letzten Bemerkung des Hahns machte er ein Kreuz, damit er sie besonders sorgfältig ausarbeite.
Dann bat er die Schwalbe, nun auch ihre Beobachtungen und Erlebnisse zum besten zu geben.
»Die Welt,« fing die Schwalbe an, »ist unendlich groß. Sie besteht aus Meeren und Ländern, aus Bergen und Tälern. Das Schönste in der Welt ist, wie ein Pfeil die Luft zu durchmessen, von einem Land ins andere, Meere zu überfliegen und seine Brust dem Sturme preiszugeben.«
»Ein gräßliches Vergnügen!« wimmerte der Maulwurf, und der Hahn und der Uhu schüttelten ihre Köpfe. Der Uhu fragte nicht weiter. Es kam ihm gar zu phantastisch vor, was die Schwalbe erzählte, gar zu unwahrscheinlich und übertrieben. Jedenfalls würde er sich in seinem Buch mehr an die beiden andern halten.
Der Uhu dankte den Dreien sehr für die nützlichen Mitteilungen, und versprach jedem ein Exemplar des Buches, wenn es erscheinen würde. Er sagte, daß die Ansichten der drei Freunde weit auseinander gingen, daß aber, da alle drei ehrenwerte Leute seien, an ihrem Worte nicht zu zweifeln sei. Er werde alles sorgfältig prüfen und aus allen Darstellungen dasjenige nehmen, was ihm für die Kinder das Passendste scheine.
Nach einigen Monaten kam das Buch für die Schulkinder heraus. Lehrer Storch las in der Schule daraus vor. Es hieß da:
Die Welt ist dunkel. Oft ist eine Sonne da, doch scheint sie nicht immer. Wenn sie scheint, sehen sie nicht alle.
In der Welt haben die Tiere einen Kamm, manchmal aber einen schwarzen Pelz. Die Welt ist unendlich groß, und alles ist mit einem Zaun umgeben. Sie ist viereckig.
Das Schönste in der Welt ist der Misthaufen. Einige fliegen darüber weg und geben ihre Brust dem Sturme preis, die meisten aber krähen und suchen Würmer.
In der Welt sind enge, dunkle Gänge und darinnen verachtet man die andern Tiere. In der Welt ist es sehr langweilig, manchmal auch lustig, besonders wenn man Hühner hat, soviel man will und genug zu essen.
Viele Tiere sehen Flocken vom Himmel fallen, andere sehen sie nie.
In der Welt bringt jemand den Tieren Futter ... usw.
Als der Storch fertig vorgelesen hatte, mußten die Kinder es durchbuchstabieren, und dann mußten sie es auswendig lernen.
Der Uhu hatte es sich lange überlegt, welche der verschiedenen Ansichten der Tiere er bringen wolle, denn sie stimmten ja durchaus nicht überein. Er wollte keinen seiner Freunde ärgern, indem er etwas wegließ, auch war ihm alles gleich wertvoll und schien ihm unentbehrlich für sein Buch.
Zuletzt fand er einen Ausweg. Er machte Zettelchen, schrieb sämtliche Beobachtungen von Maulwurf, Hahn und Schwalbe einzeln darauf, warf sie dann in eine Schüssel, schüttelte sie tüchtig und fing an zu ziehen. Den ersten Zettel, den er zog, gebrauchte er für das Buch, den zweiten nicht, den dritten wieder für das Buch, den vierten nicht, und so weiter, bis er den letzten gezogen hatte.
Das war gerecht und einfach und konnte ihm keinerlei Unannehmlichkeiten zuziehen. Und so entstand das Buch.
Der Storch stattete dem Uhu einen Besuch ab und dankte ihm begeistert im Namen der heranwachsenden Jugend für das interessante Werk.
Die lieben Nachbarn
»Habt ihr es schon gehört, der Nachbar von nebenan will eine Stadtmaus heiraten!« sagte eine Feldmaus zu ihren Besucherinnen. Sie glättete ihr braunes Pelzlein und ringelte zierlich den Schwanz.
»Eine Stadtmaus? Doch nicht die Weiße mit den roten Augen, die neulich hier auf Besuch war?«
»Gerade die!«
»Jetzt hört aber doch alles auf!« jammerte eine der drei, eine fette braune Feldmaus. »Also die Weiße! Nun, der Nachbar kann sich gratulieren!«
»Warum? Was wissen Sie von der weißen Maus?« schrien aufgeregt die andern.
»Ich weiß nichts, und ich sage nichts; aber denken tue ich mein Teil.«
»Woher wissen Sie es, Frau Feldmausin?« fragten die drei und rückten näher zusammen.
»Das darf ich nicht sagen. Aber die Person, die es mir mitteilte, ist zuverlässig, durchaus zuverlässig. Wenn das unser Nachbar wüßte! Der würde sich schwer hüten, so eine zu heiraten.«
»Man sollte ihn warnen,« riefen alle; »das ist beinahe unsere Pflicht!«
»Jawohl, es ist eigentlich unsere Pflicht!« Alle nickten mit den Köpfen und sahen sich bedeutungsvoll an. Es glänzte unternehmungslustig in den beerenschwarzen Äuglein. Und die vier machten sich eilig auf, und gingen zum Nachbarn hinüber.
»Herr Nachbar, wir kommen in einer delikaten Angelegenheit.«
»Liebe Freundinnen, ihr kommt gewiß, um mir zu gratulieren. Es ist ja kein Geheimnis mehr, gar nicht.« Die vier lächelten sauersüß und wünschten Glück.
»Meine Braut ist reizend,« rief der Verliebte. Die vier nickten.
»Das ist sie, gewiß; dagegen ist nichts zu sagen.«
»Und tugendhaft,« betonte nochmals der Nachbar.
Die langen Schnurrbarthaare der Feldmäuse zitterten vor Erwartung.
»Jetzt!« sagte leise die eine, und stieß ihre Nachbarin an, damit sie reden solle.
»Herr Nachbar,« begann die Fette und räusperte sich, »es ist leider unsere Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Braut ...«
»Daß meine Braut?«
»Das Lob, tugendhaft zu sein, nicht ganz verdient.«
»So,« sagte der Nachbar, »was wissen Sie denn von ihr?« Die fette Maus kam etwas aus der Fassung: Der Bräutigam blieb gar zu gelassen.
»Sie ist ... sie hatte ... kurz, man hat sie mit einer braunen Maus im Mondschein spazieren sehen!« Erleichtert setzte sich die Feldmaus; es war eben keine Kleinigkeit, einem Bräutigam so etwas zu sagen.
»So!« sagte der Nachbar.
»So! So, sagen Sie, Herr Nachbar? Und mit diesen Grundsätzen wollen Sie in die Ehe treten? Bei so etwas bleiben Sie gelassen? Die beiden haben sich nämlich auch geküßt!« Triumphierend sah die Feldmaus im Kreise herum.
Der Nachbar lachte. Da erhoben sich alle vier würdevoll.
»Wir haben unsere Pflicht getan,« sagten sie. »Das Weitere ist Ihre Sache!« Steif wandten sie sich zum Gehen, ihre Schwänzchen fuhren aufgeregt hin und her. Sie waren schwer enttäuscht. »Wir bedauern gestört zu haben!«
»Gar nicht, aber gar nicht!« rief der Nachbar. »Die große, dunkelbraune Maus bin ich nämlich selber gewesen. Übrigens lade ich Sie alle zur Hochzeit ein.«
Und er öffnete die Türe und machte eine tiefe Verbeugung ...
Wie der Binsenteich erforscht wurde
In einem Wald, der noch wenig bekannt war, wurde ein Teich entdeckt. Er war viereckig, und seine Ufer waren mit Binsen bewachsen, deshalb wurde er von seinen Erforschern der »Binsenteich« genannt. Mehr wußte man noch nicht über den interessanten Ort. Bald beschloß der »Verein strebsamer Amphibien«, drei wissenschaftlich gebildete Mitglieder auszurüsten und hinzusenden in den unbekannten Wald.
Es meldeten sich eine Kröte, eine Ringelnatter und ein Enterich. Letzterer war zwar nicht Mitglied des Vereins, hatte aber doch schon öfters Vorträge gehalten, und da er Fachmann in allem, was Tiefteicherforschung hieß, war, so hatte man sein Anerbieten gern angenommen.
Die Expedition begann ihre Reise gemeinsam, beschloß aber bald, sich zu trennen, um ja recht verschiedene und subjektive Resultate zu gewinnen. Die Kröte sollte die Ufer und die Flora des Teiches als ihr zu erforschendes Gebiet betrachten, die Ringelnatter die Fauna, der Enterich aber die Tiefen, sowie die allgemeine Bodenbeschaffenheit usw. Sie trennten sich, nachdem sie den Zeitpunkt der Rückreise bestimmt hatten.
Die Kröte hüpfte langsam vorwärts, ruhte sich von Zeit zu Zeit aus, wartete, bis sich irgendein Insekt dicht vor ihre Nase setzte, und hüpfte, wenn sie gegessen und verdaut hatte, weiter. Sie brauchte lange Zeit, bis sie endlich beim Binsenteich ankam.
Am ersten Tag erholte sie sich von ihren Strapazen.
Am zweiten fragte sie eine Ameise, die vorüberlief, was es denn hier für Blumen gäbe?
»Blumen?« fragte diese verwundert, »Blumen gibt es keine hier! Ich wenigstens habe noch keine gefunden.«
»Schön, schön,« sagte die Kröte bedächtig, »da kann ich es mir ja bequem machen.« Sie setzte sich in den Schatten eines großen Klettenblattes und schlief ein. Am dritten Tage machte sie sich an die Erforschung des Teiches und seiner Ufer. Sie hockte auf einem Stein, ließ sich von der Sonne bescheinen und sah sich rings um. Aber sie sah nichts. Es schien ihr ein Teich zu sein wie ein anderer. Als sie dies alles in ihr Notizbuch eingetragen, schlief sie wieder ein und wachte nur des Abends auf, um etwas Nahrung zu sich zu nehmen.
Die Ringelnatter war indessen auch nicht müßig gewesen. Sie war bald beim Teich angekommen und schlüpfte nun eifrig, ihrer hehren Aufgabe eingedenk, durch die Binsen.
Sie begegnete einer Wildente, die sich eben auf die Jagd begeben wollte, und nahm diese sofort in ihre Dienste.
»Wie steht es hier mit der Fauna, meine liebe Ente?« fragte leutselig die Ringelnatter.
»Ausgezeichnet,« berichtete diese, »ganz ausgezeichnet. Die Frösche sind so zart wie nirgends sonst, auch Wasserschnecken gibt es in Menge, ebenso Fischlein, und der Sand, den man zum Verdauen braucht, ist weiß und fein. Vor Hunden und Menschen ist man durchaus sicher.«
Der Ringelnatter lief das Wasser im Maul zusammen.
»Wie wäre es, meine liebe Ente, wenn wir erst ein wenig jagen würden?«
»Um der größeren Wahrheit meines Berichtes willen wäre das sogar dringend notwendig.« Und die beiden begannen die Jagd. Lautlos glitt die Natter am Ufer hin, erhaschte da einen armen Frosch, der sich an dem schönen Sommermorgen seines Lebens freute, packte dort eine ahnungslose Schnecke, oder ein unerfahrenes Fischlein, und bereicherte ihr Wissen auf diese Weise rasch und angenehm.
Auch der Enterich war beim Teich angekommen. Als er sich von seinen Kollegen getrennt hatte, fiel ihm ein, er könne doch seine Braut, eine reizende schneeweiße Pekingente, mit auf die Reise nehmen, und kaum war der Gedanke in ihm wach geworden, als er sich auch schon auf dem Weg dorthin befand.
Die junge Ente war entzückt, daß sie an einer so interessanten und hochwichtigen Expedition teilnehmen sollte, packte rasch das Nötige – Öl zum Schmieren ihrer Federn und einen Lappen zum Reinigen – zusammen, und machte sich mit ihrem Enterich auf den Weg.
Als sie beim Teich angekommen waren, stürzten sie sich alle beide in das Wasser, tauchten, schwammen, bespritzten einander, und ruderten zuletzt friedlich Seite an Seite, sich mit den Schnäbeln zärtlich berührend und die schwarzen Augen verliebt verdrehend. Dann suchten sie sich ihre Mahlzeit, was nicht schwer war, da es von fetten Tieren aller Art wimmelte. Nachher schliefen sie, und dann gingen sie in den Wald spazieren.
So trieben sie es den ganzen Tag, und fingen am nächsten Morgen von vorne an. Daß der Enterich den Binsenteich erforschen sollte, hatten sie ganz vergessen. Endlich fiel es ihnen ein, gerade am letzten Tag. Aber der Enterich verließ sich auf alles, was er schon wußte und gelesen hatte, und auf seine Gabe, zu improvisieren.
Darum machte er sich fröhlich und guter Dinge auf die Heimreise, und traf an dem vereinbarten Ort mit der Kröte und der Ringelnatter zusammen. Letztere war dick und fett geworden, konnte sich nur langsam fortbewegen und litt an Verdauungsstörungen. Die Kröte aber sah ganz schlaftrunken aus. ... Sie hatte sich das Datum ihrer Abreise aufgeschrieben, das Papier an einen Baum geheftet, und eine junge Haselmaus gebeten, sie zu wecken, wenn sie etwa schlafen sollte. Dann hatte sie weitergeschlafen.
Die drei fingen nun an, sich zu unterhalten über alles, was ihnen am Teich aufgefallen war. Der Enterich sprach sehr geschickt, begeistert, erfüllt von seiner Mission, ließ auch merken, daß ihm viel Neues und Wunderbares aufgefallen und vorgekommen sei, und daß es manche Überraschungen geben werde.
Die Ringelnatter fühlte sich etwas bedrückt. Es wollte ihr nun doch scheinen, als ob die großen Hoffnungen, die der Verein strebsamer Amphibien auf sie gesetzt, nicht so recht erfüllt würden. Sie durchlas deshalb zu Hause sämtliche Bücher, die über Teichfauna handelten, notierte sich mancherlei, und ging nun ziemlich getrost dem Augenblick entgegen, wo sie in öffentlichem Vortrag dem Publikum ihre Entdeckungen mitteilen sollte. Die Kröte aber machte sich keinerlei Gedanken.
Der wichtige Tag war gekommen. Dicht zusammengedrängt saßen die Zuhörer. Erwartungsvoll wisperte und piepste und summte und quakte es. Vorne saßen die Schnellschreiber mit gespitztem Stift. Auch ein ganzes Pensionat junger Entlein war da, um ihren verehrten Lehrer, den Enterich, sprechen zu hören. Die schwarzen Äuglein glänzten.
»Er wird himmlisch sprechen!« sagten sie.
Die Kröte betrat zuerst die Rednerbühne. Langsam und schwerfällig begann sie: »Der von mir erforschte Teich ist viereckig. Es ist ein Teich wie alle andern. Blumen wachsen keine dort.« Darauf sagte sie noch einiges über ein paar Wasserpflanzen, die zufällig in der Nähe ihres Klettenblattes gewachsen, dann verließ sie ihren Platz.
Der Beifall war sehr mäßig.
»Eigentlich ist das nichts Neues,« sagten die ganz gewöhnlichen Leute. Die von der Wissenschaft schüttelten die Köpfe, sagten aber nichts.
Der Präsident des Vereins strebsamer Amphibien dankte ziemlich kühl im Namen des Vereins.
Die Kröte setzte sich auf die erste Bank und schlief ein.
Darauf kam die Reihe des Sprechens an die Ringelnatter. Sie richtete sich gerade auf, züngelte nach rechts, und begann ihren Vortrag. Sie sprach sachlich und fachgemäß über alles, was sie in ihren Büchern gelesen, brachte Daten und Zahlen, nannte die Länge des Teiches in Metern, und konnte genaue Schilderungen machen über die Eßbarkeit sämtlicher im Teich sich aufhaltenden Tiere.
Als sie geendet, klatschten die Zuschauer, und riefen Bravo.
»Recht interessant,« meinten die ganz gewöhnlichen Tiere.
»Kommt uns bekannt vor,« kritisierten die akademisch gebildeten, aber dem Publikum sagten sie das natürlich nicht.
Nun erhob sich der Enterich. Er verneigte sich gegen das Publikum, glättete eine widerspenstige Feder und begann:
»Tief versteckt im unerforschten Wald liegt ein Teich. Wie schlafend liegt er da, Binsen flüstern an seinen Ufern, Ulmen rauschen darüber hin und Seerosen träumen an seinen Wassern!«
»O Gott wie schön!« flüsterten die jungen Entenfräulein.
»Seine Ufer sind bevölkert mit uns gänzlich unbekannten Tieren. Sie sind grün, weißbäuchig, hocken zum Teil auf Blättern und schwimmen zum Teil im Wasser. Abends singen sie mit lauter Stimme merkwürdige Lieder.«
»Höchst interessant,« nickten die ganz gewöhnlichen Leute zufrieden. Die Schnellschreiber schrieben mit Windeseile.
»Das Wasser selbst wimmelt von einer sonderbaren Art von Lebewesen. Sie jagen blitzschnell dahin, glitzern wie Silber, schnellen oft in die Höhe, um nach Insekten zu schnappen, und verstecken sich unter den Steinen.« Der Enterich schwieg einen Augenblick, und das Publikum benützte die Pause, um seinen Gefühlen Luft zu machen. Dann fuhr der Redner fort, die Ufer, die Blumen und den Boden des Teiches zu schildern. Eine interessante Mitteilung folgte der anderen, das entzückte Publikum meinte im Walde zu sein und die neu entdeckten Tiere, die wunderbaren Blumen zu sehen, das Liebesgeflüster der Insekten zu hören, sie glaubten, hinunterzutauchen in die Tiefen und die seltsamen Gebilde zu bewundern, die auf dem Boden des Binsenteiches ruhten, und brachen, als der Redner geendet, in unermeßlichen Jubel aus.
Sämtliche jungen Enten weinten vor Freude. Das ganze Komitee des Vereins strebsamer Amphibien drängte sich um den Enterich und machte ihn zum Ehrenmitglied. Bescheiden dankte der also Gefeierte, verbeugte sich und verließ mit seiner Braut den Versammlungsort.
Kröte und Ringelnatter sahen ihm voll Neid nach.
»Merkwürdig, was der alles gesehen hat,« sagte die Kröte, »es muß auf der anderen Seite des Teiches gewesen sein, denn ich habe nichts bemerkt!«
»Ich auch nicht«, dachte die Ringelnatter, aber sie war klüger als die Kröte und sagte es nicht laut.
Das Begräbnis
Eine sehr angesehene Maus war tot und sollte begraben werden. Um das Lager des Verstorbenen war die Familie versammelt, und wartete auf die Eingeladenen. Zwei Mäuse standen abseits, eine graue und eine weiße. Die Weiße hatte einst die tote Maus geliebt, und die graue war von dem Verstorbenen geliebt und verlassen worden.
»Er hat die Seinen genug gequält,« sagte sie; »ich habe jahrelang zugesehen, und seine Witwe wird ihm nicht manche Träne nachweinen.«
»Sie war auch darnach,« sagte giftig die Weiße; »ich habe sie in ihrer Jugend gekannt. Gefallsüchtig und faul und ... Guten Abend, lieber Freund! Es freut mich, Sie zu sehen, wenn auch der Anlaß ein trauriger ist.«
»Ein sehr trauriger, liebe Cousine. Wir alle verlieren viel an ihm. Die ganze Gesellschaft trauert mit der Familie.« Der Vetter der weißen Maus trat beiseite, und sprach mit einem Neueingetretenen.
»Sehen Sie dort die weiße Maus,« sagte der. »Sie hat in ihrer Jugend den Verstorbenen geliebt und trauert nun um ihn, als wäre sie seine Witwe.«
»Vielleicht mehr als die Witwe selbst,« meinte bedeutungsvoll der Angeredete; »ich könnte Ihnen Dinge erzählen, an denen der Tote keine Freude gehabt hätte!«
»Was Sie nicht sagen.«
»Ein ander Mal; hier könnte man uns hören.«
Eine kräftige braune Maus trat zu der Witwe. »Im Namen sämtlicher Mäuse unserer Gesellschaft spreche ich Ihnen mein tiefstes Beileid aus. Wir alle trauern mit Ihnen. Da ist keiner und keine, die nicht an Ihrem Schmerz Anteil nehme, und die nicht die Hochherzigkeit, die Freigebigkeit und die Güte des Verstorbenen priese.«
»Der und freigebig!« sagte verächtlich die graue Maus zur weißen. »Ja, wenn es alle wußten und ihn dafür lobten, da gab er; aber frag' die Maus, seine Frau, die könnte dir erzählen. Ein Geizhals war er, ein gemeiner.«
»Er wird auch nicht allein schuld sein,« sagte aufgeregt die Maus, die ihn unglücklich geliebt hatte. »Da hätte ich seine Frau sein sollen! Ich hätte anders sparen und zu seiner Sache sehen wollen! Die Äpfel ließ sie im Keller verfaulen und die Würmer fraßen den halben Weizen! Begreifst du überhaupt, daß er sie nahm? Aus einer solchen Familie? Arm! Und nicht einmal hübsch!«
»Nicht hübsch! Sie war doch sehr hübsch!«
»Der Geschmack ist verschieden,« sagte schnippisch die weiße Maus.
»Ja leider,« wisperte die Graue.
»Ich möchte eigentlich wissen, woher er die Mittel hatte, so großartig zu leben,« sagte der Vetter zu seinem Nachbarn; »er war doch nicht eigentlich reich.«
»Oho! Reich war er schon! Ganze Haufen Weizen lagen da und Kerzen und Speck. Wie er dazu kam, ist freilich eine andere Sache.«
»So, so! Aha! Ja, ich habe auch schon etwas munkeln hören.«
Mehr und immer mehr Trauernde waren gekommen. Arme Mäuse waren keine da. Aber viele Mäusevereinsvorsteher. Sie alle lobten den Verstorbenen, seinen wohlwollenden Sinn, seine Freigebigkeit. Die junge schöne Maus, die dort am Lager des Toten stand, hörte gar nicht mehr, was die vielen redeten. Alle hatten dasselbe gesagt, und allen hatten sie dasselbe geantwortet.
»Nun kann ich von unseren Vorräten nehmen, soviel ich will; es hat mir keiner mehr darein zu reden!« dachte sie. »Und geben kann ich davon, wem ich will!« Sie versank in Luftschlössern. Auch die kräftige braune Maus, die so schön an der Bahre gesprochen hatte, machte solche.
»Vielleicht wäre es ganz klug, wenn ich die Witwe heiratete. Dann ist all der Weizen mein.« Und die braune Maus drückte die Pfoten der verwitweten Maus und sah ihr mitleidig und bedeutungsvoll in die Augen.
»Verfügen Sie ganz über mich.«
»Mit dem hätte ich ein anderes Leben führen können,« dachte die Witwe und fragte sich, wann die braune Maus wohl kommen werde, um sie zu trösten.
»Vielleicht gleich nach dem Begräbnis. Ich wollte, es wäre schon vorbei.«
Die reiche Maus wurde begraben. Der Verstorbene lag nun still da und konnte alles das nicht mehr tun, was er bei Lebzeiten so gerne getan hatte: Seine Frau ärgern, seinen Freunden sagen, er könne ihnen – leider! – nicht helfen, vor seinem Weizenhaufen sitzen und sich freuen, daß er ihn gestohlen, die armen Mäuse anfahren, wenn sie bettelten, und den Reichen geben, wenn es nachher im Mäuse-Tagblatt stand. – Das alles konnte die tote Maus nicht mehr. – Der Mäuseverein-Vorsteher sprach aber sehr schön an des Verstorbenen Grab. Die weiße Maus, die ihn in ihrer Jugend geliebt hatte, weinte, aber freute sich, daß die Witwe, die sie ihr ganzes Leben lang beneidet, ihn nun auch nicht mehr habe.
Die braune kräftige Maus freute sich, daß der Verstorbene solche Haufen Weizen hinterlassen, und ihm nun durch seine Witwe Gelegenheit gebe, die Haufen zu genießen.
Die Witwe sogar trauerte dankbar. Dankbar dafür, daß er nun tot war. Und zierlich führte sie ihr Schwänzchen an die Augen – sie waren ihr wahrhaftig feucht geworden.
Die Ratgeber
Trübselig saß eine Henne im Sand, und blinzelte müde mit den runden Augen. Sie fühlte sich krank, mochte nicht mehr Eier legen, auch nicht spazieren, und nahm die fette Kellerassel, die der Hahn ihr bot, nicht an.
Er stand vor ihr, schön und stolz, und schüttelte seinen blutroten Kamm.
»Du hast dich überfressen,« sagte er, »faste, und morgen bist du wieder gesund.« Er muß es wissen, dachte die Henne, denn er ist der Hahn.
»Wie du meinst,« sagte sie ergeben. Sie hatte keinen Appetit, daher ließ sie die Assel sich vor dem Schnabel vorüberspazieren. Der Hahn stolzierte der Wiese zu.
Die alte Pekingente, bei der sich jung und alt Rat und Weisheit holte, hörte von dem Hahn, daß seine Lieblingshenne krank sei, und kam eilig angewatschelt, den vom Alter braunen Schnabel in die Brustfedern gedrückt.
Sie sah das Huhn durchdringend an.
»Öffne den Schnabel.« Das Huhn riß ihn auf. »Wackle mit dem Schwanz.« Das Huhn wackelte. »Plustere dich.« Das Huhn plusterte sich. »Du hast den Pips,« sagte die Ente, deren Bauch bis auf die Erde hing, bestimmt. »Äußerlich reibst du den Hals mit frischen Schnecken ein, innerlich trinkst du angemachtes Ameisenwasser. Tue, was ich dir sage, und morgen bist du wieder gesund.«
»Wie du meinst, Entenmutter,« sagte das Huhn. Es war überzeugt, daß die Ente alles wußte, denn alle glaubten an sie. Es machte sich auf die Suche nach Ameisen und Schnecken, mußte aber oft in die Furchen sitzen, denn es war recht schwach. Die Alte wackelte schnatternd davon.
Die Pute des Nachbarn, die ebenso dumm als abergläubisch war, trippelte heran, gluckte und sprach dem Huhn von einem unfehlbaren Sympathiemittel, an das sie unverbrüchlich glaubte.
»Suche drei Federn des Hahns, die er an einem Sonntag verloren hat, nimm die Schale von einem Erstlingsei, auf das die Henne nicht stolz war, und einen Engerling, der noch nichts im Magen hat, verbrenne das alles und laß den Tau darauf fallen. Die Asche wird dich heilen, so wahr ich schön bin.« Sie schritt gespreizt, sich verneigend und immerfort glucksend, davon. Das Huhn hatte seine rotgeränderten Augen aufgerissen und sich bei der Pute bedankt. Es glaubte an ihre Kunst, und fing mühsam an, die Erde nach Engerlingen zu durchwühlen.
Da kam zufällig die Hauskatze daher, die mit dem Huhn auf gutem Fuße stand, und fragte, was es da mache.
»Dummes Zeug,« sagte sie, als die Henne sie über ihre Bestrebungen aufgeklärt, »das ist alles Narretei. Daran glaubt kein kluges Huhn. Nein, in Honig gekochter Mäusedreck ist gut für dich, der hilft über Nacht.« Die gutmütige Katze strich sich den Schnurrbart und schob das entkräftete Huhn der Scheune zu. »Dort finden wir, was wir suchen,« sagte sie.
Aber an dem Scheunentor stand der Hund und lachte Huhn und Katze aus, als er hörte, was sie wollten.
»Was weiß die Katze! Die versteht nichts von Medizin,« sagte er verächtlich. »Ich hole dir den Doktor, der hilft dir sicher.« Böse lief die Katze davon, und der Hund geleitete die Kranke nach Hause.
»Wie du meinst,« sagte die Henne mit ihrer letzten Kraft. Im Hühnerhof streckte die Bedauernswerte beide Beine von sich und atmete mühsam und stoßweise.
»Sie muß besser genährt werden,« sagte eine gefräßige, grünschillernde Ente, »gebt ihr doch zu essen.« Sie stopfte so viele Regenwürmer, Käfer und Erde in den Schnabel des Huhnes, als hineingehen wollte. Das gute Tier behielt den Schnabel gleich offen, damit die Ente weniger Mühe habe. Die mußte es verstehen, einen Kranken zu nähren, denn sie fraß selber den ganzen Tag. Alle Hühner, Puten, Perlhühner und Truthähne standen im Kreis um das Huhn herum. Jedes tat sein Bestes mit guten Räten. »Wie du meinst,« sagte das Huhn zu einem jeden. Zuletzt konnte sie auch das nicht mehr sagen.
Da kollerte der Truthahn, blies sich auf, wurde rot und trommelte: »Fieber hat sie. Ihr Leib ist zu heiß, sie hat zu viel Federn,« und er und seine Henne ließen es sich angelegen sein, dem Huhn die Brustfedern auszurupfen. Es zitterte heftig, wehrte sich aber nicht und sagte nichts. Sie mußten ja wissen, was sie taten.
Da kam der Hund mit dem Doktor.
Er fühlte an der Kranken herum, sah ihr in den Schnabel, untersuchte ihr die Augen, sah nach, ob es ihr am Vermögen zum Legen fehle und wollte eben seine Verordnungen zum besten geben.
Da wurde das geduldige Huhn plötzlich wütend. Es hatte genug. Es schrie und gackerte gellend und heiser, rannte, als hätte es den Verstand verloren, im Kreise herum, sprang in die Höhe, schlug sich den Kopf an die Baumstämme, tobte und wütete, daß alle die Umstehenden entsetzt und in großer Angst zurückwichen.
»Sie ist verrückt geworden,« dachte der Hahn und ergab sich in das Schicksal, eine andere Henne zu seinem Lieblingshuhn ernennen zu müssen.
»Warum hat sie nicht getan, was ich ihr riet,« schnatterte die alte Ente erbost. Sie vertrug alles, nur nicht, daß man ihren Rat mißachtete.
»Geschieht ihr recht,« brummte der Hund, »warum holt sie den Doktor nicht und glaubt jeder dummen Katze.«
»Hätte sie Sympathie angewendet,« sagte die Pute leise zu einem Perlhuhn. »Sie wäre munter wie ein Fisch im Wasser.«
»Geschieht ihr recht, warum nahm sie alle die fetten Kellerasseln, die ihr der Hahn bot, und ließ uns keine übrig,« nickten zwei verrupfte Hühner, die keinem Hahn der Welt mehr gefallen konnten, aber doch gern Leckerbissen aßen.
»Jetzt gibt's Platz für mich,« dachte triumphierend das jüngste Huhn und machte sich in die Nähe des Hahns.
Alle sahen auf das Huhn, das noch immer wie rasend herumtobte, endlich zur Erde fiel und sich in den Stall schleppen ließ.
Dort verfiel es in einen tiefen Schlaf, schwitzte und wachte bis zum Morgen nicht auf, denn es wagte sich niemand mit Ratschlägen an das Verrückte heran. Am nächsten Tag war es wieder gesund und sagte guten Morgen.
Das künstliche Auge
Es war einmal einer, der ein künstliches Auge hatte. Das andere war ein gewöhnliches Auge, wie es jeder Mensch besitzt.
Niemand begriff, warum der Mann Dinge sah, die kein anderer sehen konnte, und warum er oft behauptete, es sei gar nichts da, wenn es alle anderen sahen.
Es kam daher, weil er einmal mit dem natürlichen Auge die Dinge betrachtete, und ein ander Mal mit dem künstlichen Auge. Öffnete er nur letzteres, so verzerrte sich ihm alles, was er sah, und wechselte Form und Farbe.
»Maulwürfe!« höhnte er die Leute, die kopfschüttelnd behaupteten, sie begriffen gar nicht, was er sehe. Oder er lachte sie aus.
»Sie bewundern wieder, was nicht da ist!« sagte er achselzuckend.
Der Mann ging über Land. Es war ein anderer bei ihm, ein Maler mit gewöhnlichen Augen. Der mit dem künstlichen Auge hatte eine mitleidige Verachtung für ihn, der Maler fühlte sie, und es war ihm unbehaglich.
»Ewig diese grünen Bäume,« murrte der Mann, dessen künstliches Auge noch schlief. »Es wird nachgerade langweilig! Grün! Solche altmodische Farbe!« Da erwachte sein Auge.
»Donnerwetter! Sie sind ja gar nicht grün! Da ist ja alles Farbe! Glut, Feuer! Fort mit den grünen Bäumen!«
Zögernd widersprach der Maler.
»Sie sind aber doch grün.«
»So, sind sie grün?« höhnte der andere, »weil ihr Blindschleichen sie grün seht, sind sie grün, nicht wahr?«
Dem Hohn gegenüber sind die Leute feig. Darum schämte sich der Maler und bekehrte sich rasch.
»Es ist wahr, sie sind rot!« sagte er zaghaft. Er sah sie zwar nicht eigentlich rot, aber es schien ihm doch, als ob sie einen rötlichen Schimmer hätten. Und bald kamen sie ihm rot vor, dunkelrot.
Darauf malte er ein Bild mit Bäumen, die wie in Blut getaucht aussahen, und den mächtigen Strom, der sein Bild quer durchschnitt, machte er ebenfalls rot. Auch das Gras, aber dieses mehr bläulich-rot!
Im Vordergrund krochen drei Schnecken, deren Fühlhörner sich berührten.
Der Maler wußte wohl, daß das Publikum sein himbeerfarbenes Bild nicht ohne weiteres annehmen würde. Er nannte es daher: Seelenharmonie. Das würde den Leuten zu denken geben.
Das Publikum stand vor des Malers Bild und lachte. Darauf schalt es. Dann versuchte es die Seelenharmonie zu begreifen. Zuletzt schämte es sich, daß es sie nicht begriff, und als es so weit war, hatte der Maler gewonnenes Spiel. Alle Welt bewunderte die »Seelenharmonie«, und das Museum der Stadt kaufte sie. Der Maler schrieb sich die Sache hinter die Ohren.
Wieder ging der Mann mit dem Maler spazieren. Sein natürliches Auge schlief, und nur das künstliche wachte. Er betrachtete den Wald.
»Hübsch, dieser Silberton,« sagte er daher. Diesmal versuchte es der Maler nicht einmal, seinen eigenen Augen zu glauben. Er sah den Wald sofort im Silberton, ging nach Hause und schuf ein Bild. Grau alles, einförmig, nebelhaft, verschwommen. Im Vordergrund ein schmutzig grüner Sumpf, auf dem eine gelbe Dahlie schwamm. »Toter Haß« hieß das Bild im Katalog.
Drei volle Tage brauchte das Publikum, bis es sich die rote Harmonie abgewöhnt hatte, dann aber hob es mit Begeisterung den »Toten Haß« auf den Schild. Und wieder nach drei Tagen sprach die Stadt von nichts anderem. Der Maler trug einen schweren Geldsack auf die Bank.
Zum dritten Mal gingen die zwei über Land. Der Mann schloß seine beiden Augen und spitzte dafür die Ohren.
»Hören muß man die Schönheit, nicht sehen!« rief er in Ekstase, »gar nichts soll auf der Leinwand sein, damit man voll genieße, empfinde, fühle!«
Der Maler malte ein Bild, und als er fertig war, sah die Leinwand aus, als wäre sie leer.
»Ah!« rief der Mann, »ausgezeichnet! Feuchtes Holz, Moos, faules Holz! Mord! Kühle Schauer zittern über meine Haut!« Er schloß die Augen.
Das Bild wurde zwischen zwei spitzen, schwarzen Bäumen aufgehängt, Klapperschlangen wandten sich um die Stämme. Graue Schleier fielen in geraden Falten über die Leinwand. »Mord« stand in langen verzerrten Buchstaben auf dem Rahmen. Er hatte die Form eines Galgens.
Das Publikum kam. Keiner wagte laut zu atmen oder gar sich zu schneuzen. Man empfand das Bild, fühlte es, nahm es auf.
»Ah!« seufzten alle. Ihre Seelen gingen auf den Fußspitzen. Ohne Gänsehaut ging keiner aus dem Saal.
Der Mann und der Maler saßen auf einer der Ruhebänke. Der Mann mit dem künstlichen Auge hielt sein natürliches Auge geschlossen, und der Maler alle beide.
»Wie schwer er an seinem Bilde trägt,« sagten die Leute und betrachteten sein blasses Gesicht.
Da kam ein Fremder zur Tür herein, mit blauen Augen und klarem Blick. Erstaunt betrachtete er den Maler, das Publikum und das Bild. Dann lachte er, laut und herzlich. Von dem Lachen zerrissen die Schleier vor dem Bild, und man sah plötzlich, daß die Leinwand leer war, leer und öde. Da fingen die Leute an sich zu räuspern, zu schneuzen, zu schwatzen und zu husten. Man konnte ordentlich hören, wie ihnen die Augen aufgingen.
Sie scharten sich um den Maler. »Hinaus!« schrie die Menge zornig.
Der Mann mit dem künstlichen Auge war schon fort. »Warte es ab,« sagte er zu ihm, »deine Zeit wird wieder kommen.« Da verkroch sich das Auge so, daß gar nichts mehr von ihm zu sehen war. –
Die Richter
»Nein,« sagte die Maus, deren Großmutter eine weiße Maus gewesen, »das glaube ich nicht. So schlecht ist niemand.«
»Ich will ja auch nichts gesagt haben. Ich glaube es selber nicht. Bestimmt kann es ja niemand behaupten ...« sagte der Maulwurf. »Aber wissen Sie ...« Die Maus, deren Großmutter eine weiße Maus gewesen, und die darum meinte, sie sei auch eine weiße Maus, zitterte mit den Schnurrbarthaaren, so begierig war sie zu erfahren, was denn eigentlich vorgefallen sei ...
»Ja wissen Sie.« Der Maulwurf strich sich über das behagliche Bäuchlein und glättete seinen schwarzen Pelz, »man hat mir gesagt ... man hat sie zusammen gesehen ...«
Aha. Eine Sie und ein Er. Die Maus mit der weißen Großmutter ringelte das Schwänzchen. Es stand ganz steif in die Höhe. Vorne strich sie sich sanft und bescheiden über das Schnäuzlein und schloß halb die glänzend schwarzen Augen. »Ich bin eigentlich keine Freundin von derartigem. Sie wissen, meine Großmutter ...« Der Maulwurf verbeugte sich.
»Ja, natürlich, ich weiß. Ich würde es auch gar nicht wagen, so etwas weiter zu sagen, aber ... man hat sie zusammen gesehen. Es läßt sich nicht leugnen. Sie waren in der Speisekammer.« Des Maulwurfs blinde Äuglein blinzelten.
»Pfui,« sagte die Maus im Tone der weißen Großmutter. »Man sah sie im Keller ...«
»Oh,« zirpte die Maus. Das Schwänzlein fiel erschöpft herunter. »Sie haben zusammen an einer Kerze geknabbert.«
»Ah,« piepste die Enkelin der Seligen. »Und das alles, trotzdem ...«
»Was, trotzdem?«
»Trotzdem er für eine Mausin und ... neun Kinderchen, nackt und bloß, ja, nackt und bloß, zu sorgen hat.«
»Es ist nicht möglich,« ächzte die Maus.
»Möglich und wahr.« Bestimmt sagte es der Maulwurf, und faltete seine rosigen Patschchen über dem Leib. »Man muß mit ihr reden. So etwas wollen wir nicht dulden. Ich will mich nicht heilig sprechen, aber so etwas ... so etwas ...« Er schwieg.
»Sie haben recht,« sagte die Maus, und es schien ihr plötzlich, als ob ihr Pelz heller würde und einen gewissen Glanz bekäme. »Man muß mit ihr reden.«
»Ausgezeichnet,« nickte der Maulwurf beifällig, »das muß man. Sie sollen wenigstens wissen, die Sünder, daß man weiß ...«
»Natürlich. Das wäre noch schöner, wenn sich zwei einfach lieben könnten, ohne daß ... wie soll ich sagen ... einfach so ... ohne weiteres ...« Der Maulwurf schwieg. Er war kein Redner.
Die Maus, deren ehrwürdige Großmutter noch weißer gewesen als je, entschloß sich rasch.
»Ich rede mit ihr,« quietschte sie. Und sie ging stracks und redete mit der Angeschuldigten.
»Es ist uns allen bekannt,« begann sie, »bekannt, daß ...«
»Bekannt, daß?« fragte die hübsche, braune Feldmaus. »Was?«
»Es fällt mir schwer zu sagen ... daß wir wissen ... daß Sie mit – Sie wissen, wen ich meine – zusammen in der Speisekammer gewesen sind, und im Keller gewesen sind, und zusammen an einer Kerze genascht haben ... Ich habe den Auftrag, Ihnen zu sagen, daß wir dieses sträfliche Verhältnis nicht dulden wollen. Nein, wir wollen nicht, daß zwei unerlaubterweise und so ohne weiters glücklich zusammen seien, und wir meinen ...«
»Was? Was wollen Sie eigentlich sagen? Was für ein Verhältnis? Der – und ich?« Die Maus, die die schwere Aufgabe übernommen, der hübschen Feldmaus mitzuteilen, daß sie sich nicht ungestraft einem sträflichen Glück hingeben könne, saß auf ihren Hinterpfötchen, ringelte zierlich das graue Schwänzchen, drehte den Schnurrbart und besah sich zufrieden. Sie war weiß geworden, so weiß, wie ihre selige Großmutter nie gewesen. Wahrhaftig.
Die braune Feldmaus aber hatte der Schlag getroffen vor Entrüstung über die ungerechte Anklage.
»Ein Gottesgericht,« sagte nachher die weiße Maus zum Maulwurf. Sie gingen und riefen den Totengräber, daß er seines Amtes walte.
Schicksal dreier Freunde
(Ein Scherz)
In der Herberge »Zum harmlosen Haustier« waren unter anderen auch drei Handwerksburschen eingekehrt, ein Floh, eine Laus und eine Wanze. Sie waren aus südlichen Ländern gekommen und wollten es nun für einige Zeit mit dem Norden versuchen.
Überhaupt, sie wollten die Welt kennen lernen. Da sie nun ungefähr alle dasselbe Ziel hatten, so ziemlich dieselben politischen Ansichten und alle drei italienisch verstanden, so verband sie bald eine feste Freundschaft.
Die Wanze entstammte behaglichen Verhältnissen. In einem reichen Bauernhaus hatte sie das Licht der Welt erblickt, und sich auch – einem Vertrag gemäß, den die Familie seit Generationen besaß – von dem Blut der angesehenen Familie genährt, zu der gehörig sie sich betrachtete.
Es war mehr Neugier als Notwendigkeit, die sie bewog, ihren reichen Brotkorb zu verlassen und aufs Ungewisse in die Welt hinauszureisen. Aber warne einer die Jugend. Vater und Mutter Wanze konnten nichts anderes tun, als ihren Sohn neu ausstatten, und ihm den einzigen weisen Spruch mitgeben, den sie kannten: Laß dich nicht erwischen.
Bei der Laus standen die Sachen anders. Sie war hinterm Zaun geboren, unter Zigeunern. Da war keine Seßhaftigkeit, kein Eigentum, kein Respekt vor Mein und Dein. Die Köpfe der Leute gehörten jedem, der kam und sich ansiedelte. Gefiel es einem nicht mehr auf diesem Kopf, so probierte man es auf jenem, kurz, der Laus war das Zigeunertum so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie es bei ihrem Stamm nicht mehr aushielt und sich schleunigst auf Reisen begab. Ihr größter Feind war die Seife, und sie war so darauf eingewöhnt, sie von weitem zu riechen, daß es ihr kaum je geschah, sich auf einem Kopf niederzulassen, der mit Seife in Berührung gekommen. Sie erwartete viel von der Zukunft; die größten Abenteuer und die kühnsten Unternehmungen schreckten sie nicht ab. Ihre Devise war: Ich verfolge meine Feinde.
Der Floh war Sozialdemokrat vom reinsten Wasser. Nicht nur, daß seine Familie sich seit Generationen in Rot kleidete, nicht nur, daß sein Vater auf dem Felde der Ehre gestorben, sondern seine Mutter hatte ihn zur Welt gebracht, als sie eben der Rede eines berühmten Sozialistenführers lauschte, und dessen kostbares Blut war seine erste Nahrung gewesen. So glaubte er sich zu hohen Dingen ausersehen, und ging in die Welt hinaus mit dem Feuer der Begeisterung.
Blut ist ein ganz besondrer Saft, stand auf seinem Gürtel eingestickt.
Diese drei also waren es, die sich im »Harmlosen Haustier« gefunden hatten. Sie plauderten bis spät in die Nacht hinein und machten sich am andern Morgen in aller Frühe auf, um Arbeit und ein Unterkommen zu suchen. Eine Viertelmeile vor der Stadt machten sie Halt. Sie waren an einem Kreuzweg angekommen und wollten sich da trennen. Vorher aber versprachen sie, sich an einem bestimmten Tag wieder zusammenzufinden, um von da aus gemeinsam weiter zu reisen, ihrer Heimat, Italien, zu.
Der Floh war der erste, der die zwei anderen verließ. Ein rüstiger Wandrer, der eben vorüberging, diente ihm als Fortbewegungsmittel. Der Floh hatte sich auf einen Stein gestellt, und war eins, zwei, drei, dem Burschen auf die Schulter gesprungen. Es dauerte keine Minute, bis des guten Mannes Hand tastend über den Rücken fuhr, woran die zwei Zurückgebliebenen merkten, daß der Floh frühstückte.
Darauf machte sich die Wanze auf den Weg. Sie mußte ziemlich lange gehen, ehe sie einen mit Stroh gefüllten Wagen traf, an dem sie hinaufkletterte und sich verbarg. In dem Stroh waren Güter, die zur Eisenbahn geführt werden sollten, und so kam die Wanze bequem in die große Stadt.
Die Laus, die als Letzte zurückblieb, wartete geduldig. Um die Mittagsstunde kam ein Vagabund, der sich unter einer Linde am Weg niederlegte und sein Mittagsschläfchen hielt. Die Laus bezog ihn und war froh, auf diese Weise bis zur nächsten Stadt transportiert zu werden, von wo aus sie nach Osten weiter reiste. –
Der Tag war da. Die Sonne schien warm auf die Linde, die am Wege stand, und die neugierig war zu erfahren, wie es den drei Burschen wohl ergangen sei, die sich versprochen hatten, unter ihrem Schatten wieder zusammenzutreffen.
Da sah man von ferne die Wanze daherkommen. Wohlgenährt und behäbig sah sie aus. Aufs schönste parfümiert und poliert. Sie ließ sich an dem kleinen Abhang nieder, der neben der Landstraße zum Sitzen einlud, und wartete auf ihre Gefährten. Sie mußte lange warten, nichts ließ sich sehen weit und breit.
Sie wollte schon aufbrechen, um im nächsten Dorf Einkehr zu halten, da hörte sie ein lautes Summen, und ein Bienchen ließ sich neben ihr nieder, das ihr mit einer Verbeugung einen Brief überreichte. Erstaunt nahm die Wanze den Brief, öffnete ihn und las mit höchster Überraschung, was die Laus schrieb:
»Liebe Freunde. Es ist mir leider unmöglich, heute an unserer geplanten Zusammenkunft teilzunehmen. Meine Stellung erlaubt mir nicht, mich auch nur einen Tag von hier zu entfernen, – ich bin nämlich in Belgrad, Serbien – denn es lauern zu viele darauf, sie einzunehmen.
Ich kam vor einem Jahr nach Belgrad auf dem gewöhnlichen Weg, Eisenbahn vierter Klasse, mit einem Slovaken. Von da zog ich zu einem Soldaten, einem Unteroffizier, später wurde ich ins Offizierskasino eingeführt durch einen der Burschen, und nachher war es nicht mehr schwer, mich zu den höchsten Stellen emporzuschwingen.
Kurz und gut: Ich war anwesend, als ein gewisses Telegramm vorgelesen wurde, kurz vor der Ermordung des Königspaares. Ich merkte mir alles, was geredet wurde, und verbarg es still in meinem Herzen. Nachdem ein neuer König den Thron bestiegen, versuchte ich, in seine Nähe zu gelangen, und ich erreichte es verhältnismäßig leicht. Ich wartete den Augenblick ab, in dem der Herrscher vor seiner Privatschatulle saß und darin wühlen wollte. Ich trat vor und sprach:
»Majestät,« sagte ich, »ich bin Mitwisser wichtiger Geheimnisse. Will Majestät mir eine verbürgte und verbriefte Stellung als Ober-Hof-Laus anweisen, so bewahre ich dies Geheimnis in meinem treuen Busen. Wenn nicht, so habe ich Zeugen, um meine Aussage zu bestätigen. Sollte mir etwas passieren, so sind meine Memoiren an sicherer Stelle niedergelegt. Majestät wähle.«
Majestät wählte, und ich bekam die Stelle als Ober-Hof-Laus. Da höchstdieselbe mir nicht ihr eigenes Haupt anbieten durfte – die Serben halten streng darauf, daß ihr König nur die besten Seifen gebrauche – so konnte ich nach Belieben auswählen, wo ich meine Residenz aufschlagen wollte. Seither lebe ich in Freuden und Herrlichkeit, und ihr werdet wohl begreifen, daß ich keine Lust habe, mich weiter zu begeben. Ich teile euch auch mit, daß ich meine Devise: Ich verfolge meine Feinde, umgeändert habe in: Üb immer Treu und Redlichkeit, und euch ersuche, davon Vormerkung nehmen zu wollen. Im übrigen bitte ich euch, mein teures Vaterland zu grüßen, wenn ihr dorthin zurückkehrt.
| Euer getreuer Janos-Laus, Ritter des Georgienordens 1. |
Starr vor Staunen hatte die Wanze gelesen. Dem ist es noch besser gegangen als mir, dachte sie.
Denn auch sie war in recht angenehmer Stellung gewesen. Als sie in Berlin ausgepackt wurde, befand sie sich in der Wohnung der ersten Hof-Opern-Sängerin. Es schien der Wanze ein Ort zu sein, wo es sich leben lasse. Sie kroch still in ein reich mit Spitzen besetztes Bett und hoffte, die reizende, zarte Italienerin, die sich im Zimmer befand, möchte die Besitzerin des Bettes sein. Und ihre Hoffnung betrog sie nicht.
Als sie in dunkler Nacht das süße Blut der Dame kostete, durchrieselte sie ein langentbehrtes Gefühl. Italienerblut, das geliebte, belebte sie. Sie vergaß der Vorsicht. Ein Lichtstrahl traf sie, und: Wanze, rief eine helle Stimme in der Sprache ihrer Heimat, denn auch die Italienerin grüßten durch das Tier italienische Erinnerungen. Die Diva setzte die Wanze wieder sorgfältig unter die Matratze ins Dunkle. Dort blieb sie und wurde dick und fett. Dennoch packte sie das Heimweh, so daß sie sich nun auf der Reise nach der Heimat befand. –
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und noch war kein Floh zu sehen. Die Wanze wurde ungeduldig. Sie sah sich suchend um und bemerkte ein Stück Zeitungspapier, in das ein reisender Handwerksbursche seine Wurst gewickelt und weggeworfen haben mußte, denn es waren Fettflecke darauf. Die Wanze begann aus Langerweile darin zu lesen. Ihre Augen wurden größer und größer.
In dem Blatt stand gedruckt: Majestätsbeleidigung. Wieder wurde das Verbrechen begangen, das in letzter Zeit unsere Polizei und unsere Staatsanwälte ihrer kostbaren Zeit beraubt. Wir meinen die Majestätsbeleidigung. Zum Glück trifft es diesmal nicht einen Untertanen der Majestäten, sondern einen Italiener, aus bekannter, sozialdemokratischer Familie, einen Floh, der seiner verdammenswerten Gesinnung in den Worten Ausdruck gab: Blut ist ein ganz besondrer Saft, die auf seinen Gürtel eingestickt waren. Besagter Floh konnte sich – wie es zuging, ist uns durchaus unbegreiflich – bis in die Gesellschaft einschleichen, welche die Ehre hatte, mit einer hohen Persönlichkeit den Abend zu verbringen.
In gänzlich schamloser Weise rühmte sich der Angeklagte später bei seinesgleichen, er habe das Blut des Kronprinzen getrunken, und – darin bestand eben die Ruchlosigkeit – es habe ihm nicht besser geschmeckt als anderes auch.
Für diese Beleidigung eines hohen Herrn wurde der Angeklagte zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, was jeden treuen Untertanen des prinzlichen Hauses mit Genugtuung erfüllen muß.
So las die Wanze, und sie konnte nicht im Zweifel sein, daß es sich um ihren Freund handle. Schmerzlich bewegt von seinem Schicksal raffte sie sich auf und begab sich auf die Heimreise.
Oft gedachte sie des Janos-Laus am serbischen Hof und des Flohes, der im Gefängnis, seiner Überzeugung treu, schmachtete. Später hörte sie, daß er in einem Anfall von Wahnsinn sich auf den Wärter gestürzt, und daß dieser ihn einfach zerdrückt habe. So endete der hoffnungsvolle Sprößling einer für die gute Sache begeisterten Familie.
Der Goldfasan
Die Türe des Hühnerhofes knarrte. Man schob ein goldenes Etwas herein. Es flatterte herum, kreischte, beruhigte sich und sah sich um. Es war ein Goldfasan.
Er überblickte die Hühner und Enten, die ihn verwundert anstarrten, senkte hochmütig die Augenlider, hob den Schnabel und sagte: »Ich bin ein Goldfasan!« Dann sah er sich um, welchen Effekt seine Worte auf die Hühner gemacht hatten.
»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen!« sagte der Hahn im Namen aller. »Ein aufgeblasener Kerl,« dachte er dabei.
»Ein recht gewöhnlicher Patron,« urteilte der Fasan über den Hahn. Er ging langsam auf und ab, seine Schwanzfedern schleiften auf der Erde, und seinen goldenen Kragen schob er unaufhörlich nach vorn, erst nach links und dann nach rechts. Dann sah er sich wieder um, was die Hühner wohl dazu sagten. Er konnte zufrieden sein.
»Ein ausnehmend vornehmer Vogel,« sagte die Gelbe.
»Das ist etwas anderes als unser Hahn,« gluckste die Graugesprenkelte.
»Du, sieht man, daß mein Kamm erfroren ist? Ist er blau?« fragte ein großes, schwarzes Huhn mit riesigem Kamm.
»Nein,« sagte die Gelbe. Aber man sah es doch.
»Sieh, wie trübselig sich unser Hahn ausnimmt, den herrlichen, goldenen Federn des Fasans gegenüber. Der muß reich sein.«
»Und vornehm!« sagte die Graugesprenkelte.
Ein sehr schönes, weißes Huhn mit großem, rotem Kamm spazierte am Fasan vorbei. Es war des Hahns Lieblingshenne. Der Goldene machte seine schönsten Bücklinge und schob den Kragen unaufhörlich nach vorne, daß es gleißte und glänzte.
»Wie herrlich ist Ihr Gefieder, schöne Italienerin.«
»Bitte!« sagte sie und rauschte mit den Federn.
»Und welch herrliches Rot schmückt Ihren Kamm! Nie sah ich dergleichen!« rief feurig der Goldfasan.
»Bitte!« gluckste verschämt das Huhn.
»Gehören Sie dem Hahn hier?« fragte der Goldfasan.
»Ja, bis jetzt!« sagte das Huhn. Des Goldfasans Kragen schnellte nach vorn, er blies sich auf, er rasselte mit den Federn und schüttelte sich. Er funkelte förmlich.
»Wenn ich Sie zu einem Gang durch die Wiesen einladen dürfte?« fragte er.
»Ach bitte, ja!« gackerte schmelzend das Huhn. Sie gingen. Durch das hohe Gras glänzte es golden und schimmerte es weiß. Der ganze Hühnerhof sah den beiden nach.
»Es hört einfach alles auf,« sagte eine behäbige Henne mit zehn schwarzen Kücken, »einfach alles!«
»Und begreifst du, daß er unter allen gerade die Weiße ausgewählt hat? Das dumme Ding, fade wie Bohnenstroh?« fragte ein junges, schwarzes Hühnchen.
»Aber schneeweiß!«
»Schneeweiß! Dem Hahn gefällt schwarz besser!«
»Was willst du denn mehr? Oder hätte der Goldene dort auch schwarz schöner finden sollen?«
Der Hahn stand auf dem Mist und scharrte Körner heraus und Regenwürmer für seine Hühner. Er krähte laut und schmetternd, daß man es über zwei Wiesen hören konnte. Stolz überflogen seine Augen seine wohlgenährte und wohlgehütete Schar.
»Hahn! Du solltest auch so glänzende Federn haben,« sagte eines der Hühner und betrachtete geringschätzig die schöngebogenen, grünen Sicheln des Hahns.
»Und einen bronzenen Rücken!« kritisierte ein zweites.
»Und einen goldenen Kragen!« piepste das junge Hühnchen.
»Ich bin, wie ich bin,« sagte der Hahn. »Wer fort will, kann gehen.«
»Sei nur nicht gleich so grob,« schalt das graugesprenkelte Huhn, das vorhin dem Goldfasan zugehört hatte, als er mit dem weißen Huhn sprach, »wir wollen uns das nicht gefallen lassen.«
Das schneeweiße Huhn kam zurück mit seinem Begleiter. Die ganze Hühnergesellschaft umstand den glänzenden Vogel und bewunderte ihn.
Gravitätisch kam der Hahn geschritten.
»Fasan! Das weiße Huhn gehört zu mir. Du mußt mit mir darum kämpfen.« Der Fasan war kein Feigling. Er blähte sich und stellte sich in Positur.
Lange standen sie so, Auge in Auge, den Hals gestreckt, die Sporen bereit. Dann schossen sie aufeinander los und hackten sich mit den Schnäbeln. Und plötzlich standen sie wieder unbeweglich einander gegenüber.
Goldene und grüne Federn flogen herum, und goldene und grüne Federn lagen auf der Erde um die zwei Kämpfer.
Leise gackernd und glucksend standen die Hühner im Kreise herum. Die Schneeweiße tat, als gehe sie die Sache nichts an. Sie zerhackte einen Regenwurm und schielte dabei unter ihrem Kamm hervor nach Hahn und Fasan.
Plötzlich ertönte ein sonderbarer, krähender Schrei, der Hahn taumelte, kreischte, flatterte und lag auf der Erde. Blut lief über die Federn des Halses und färbte sie dunkelrot. Der Verwundete zuckte, schlug mit den Flügeln und wurde still. Dann schnappte er nach Luft und war tot.
Es erhob sich ein großes Gegacker, ein Wehklagen und Jammern und Piepsen.
»Wer sucht uns nun die Käfer? Und die guten, zarten Regenwürmer? Wer beschützt uns vor dem Habicht? Wer? Wer?«
»Ich bin nun euer Beschützer,« sagte der Goldfasan, und die Hühner gaben sich zufrieden.
Das Schneeweiße stand neben ihm und strich zärtlich eine Feder glatt an seinem goldenen Halskragen.
»Ich liebe dich ewig,« sagte der Goldfasan zu ihr. Das italienische Huhn schloß die Augen vor Glück.
Am nächsten Tag war der Goldfasan verschwunden.
Die Hühner saßen ganz verstört auf dem Mist und sahen hinüber in den Nachbarshof, wo unter Fasan und bronzenen Puten der Goldfasan herumspazierte, ohne auch nur einmal den Hals nach der verlassenen Schar zu drehen.
Die Schneeweiße flog auf den Zaun, sah sehnsüchtig hinüber und gluckste.
Der Fasan sah sie, senkte die Lider, hob den Schnabel und schob seinen Kragen vor. Dann ging er mit seiner goldenen Gefährtin weiter.
Lautlos saß das arme Weiße auf dem Zaun. Dann streckte es den Kopf unter die Flügel und rührte sich nicht mehr.
Dicht zusammengedrängt stand die verwaiste Hühnerschar. Dann sagte eine: »Wenn wir doch unsern Hahn wieder hätten!«
»Ja,« sagte die Graugesprenkelte, »nun können wir unsere Regenwürmer selber suchen!« Und eifrig begannen sie alle zu scharren.
Vom Huhn, das etwas gelernt hatte
Ein schönes, fremdes Huhn hatte sich auf einen Hühnerhof verirrt und suchte nach Nahrung.
Es hatte glänzende Federn und silberne Ringe an den Beinen. Es lebte mit seiner Familie bei einer Künstlertruppe und verstand zu apportieren, sich auf Kommando tot zu stellen und über sein eigenes Ei zu hüpfen, rückwärts und vorwärts, und Purzelbäume zu machen. Und das war sein Hauptkunststück. Jetzt stand es in einer Ecke und pickte Körner auf.
»Was ist das für ein auffallendes Geschöpf?« fragte die dicke, graue Henne den Hahn.
»Sie hat ja silberne Ringe an den Füßen. Woher hat sie die?« forschte die braun und weiße, die lange Federn an den Beinen hatte.
»Ich weiß es nicht,« sagte der Hahn, »aber sie gefällt mir.«
»Natürlich!« gluckste geringschätzig die graue. »Dir gefällt alles Neue.«
»Das Alte auch,« sagte höflich der Hahn und verbeugte sich.
Inzwischen saßen die anderen Hühner um die Fremde herum und forschten sie aus über Heimat und Familie.
»Ich trete in einem Zirkus auf. Ich habe allerlei gelernt,« erzählte harmlos das Huhn, und beschrieb, was es für Kunststücke machen könne. Da erhob sich ein ungeheures Gegacker. Ein paar der Hennen flohen, einige gingen vorsichtig um die Fremde herum, um sie nicht zu berühren, einige rannten nach ihren Kücken, um sie von ihr fern zu halten und ein paar sahen sich um, was der Hahn dazu sage.
»Purzelbäume macht sie! Wie gräßlich!« gackerte ein mageres Huhn, das als Eierlegerin berühmt war. »Das schickt sich ja aber gar nicht.«
»Warum nicht?« fragte das Huhn.
»Darum nicht. Es ist gegen die Natur.«
»Was haben meine Purzelbäume mit der Natur zu tun?«
»Es ist einfach gegen die Natur! Wo kämen die Kücken und die Hähne hin, wenn alle Hühner etwas lernen wollten?«
»O, behüte, da ist keine Gefahr,« sagte das fremde, schwarze Huhn etwas pikiert.
Da fing eine Rouen-Ente zu schnattern an und mit den Flügeln zu schlagen. Sie war ein Muster von Tüchtigkeit, eine große Eierlegerin und Führerin der Jugend, und genoß viel Ansehen.
»Darf man fragen: Gehören Sie zu einem Hahn?«
»Natürlich!« sagte die Fremde. »Und zu einem schönen, ausländischen.«
»Haben Sie Kücken?«
»Das will ich meinen. Und sie haben alle schon ihre Flügelchen und Schwanzfedern.«
»Und dabei treten Sie auf? Und machen den Zuschauern Kunststücke vor und daheim piepsen ihre Jungen, haben nichts zu fressen, frieren und haben keinen, der auf sie achtet. Eine ganz liederliche Mutter sind Sie, vor Ihnen kann man ja gar keine Achtung haben und muß unsere jungen Hähne und Entlein vor Ihnen warnen.« Das wurde aber dem fremden Huhn zu bunt.
»So! Und woher wissen Sie denn, daß ich meine Jungen vernachlässige? Sehen Sie sich die Kücken einmal an. Aufgeweckt und lustig und klug sehen sie in die Welt. Und fragen Sie meinen Hahn, mit wem er am liebsten auf der Wiese spaziert, mit mir oder den anderen Hühnern?«
Die Rouen-Ente wollte dazwischen schnattern, aber die Schwarze kam ihr zuvor.
»Und fragen Sie den Ihren, warum er immer neue Hühner haben muß. Die seinen sind schön genug, man kann kaum schönere finden. Weil ihr Enten und Hühner alle tötlich langweilig seid, und man es auf die Dauer mit euch gar nicht aushalten kann, darum!«
Da drangen sämtliche Hühner und Enten auf das schwarze Huhn ein, und zwickten es und rissen ihm die Federn aus und gackelten und kreischten.
»Laßt sie in Ruh,« krähte der Hahn. »Das, was sie sagt, ist wahr.«
»Wahr!« kreischten die Hühner. »Ist das nun unser Dank!«
»Und wie haben wir dich geliebt!« gackelte jammernd die Graue.
»Sie liebt ihren Hahn auch,« sagte der Hahn.
»Und wie eifrig haben wir dir Eier gelegt,« beklagten sich ein paar andere.
»Das hat sie auch getan.«
»Und wie viele Kücken haben wir dir geschenkt,« prahlte eine große, gelbe Henne mit sieben Jungen.
»Sie hat deren neun.«
»Ja,« lärmten die Hühner durcheinander, »aber wie werden sie aussehen! Mager und verrupft und mit nackten Hälsen. Und zum Schluß frißt sie Katze und Habicht, denn wer paßt auf sie auf?«
Da piepste es draußen vor dem Hühnerhof aus vielen kleinen Kehlen und neun kugelrunde, glänzende, zierliche Kücken liefen vor dem Holzgitter herum.
Als das schwarze Huhn sie sah, flog es mit lautem Freudengegacker auf sie zu. Die Kücken rannten um das Huhn herum, flogen ihm auf Kopf und Hals, krochen unter seine Flügel und wieder hervor und piepsten seelenvergnügt und freuten sich.
Oben auf dem Zaun aber standen sämtliche Hühner des Hofes und unten guckten die Enten durch das Gitter.
»Und wie gefallen euch meine Kücken?« rief das schwarze Huhn. Es bekam keine Antwort, aber an dem Tag mußte der Hahn sämtliche Regenwürmer selber essen. Er machte sich aber nichts daraus.
Er und Sie
Es war einmal ein Zaunkönig, der mit seinem Weibchen in Frieden und Eintracht lebte. Alle Jahre bauten die beiden ihr Nest in einem Zaun, nicht ganz oben, damit es nicht hinein regne, und nicht ganz unten, damit keine Katze sie überraschen könne, sondern schön gerade in der Mitte. Jahr um Jahr taten sie das und waren glücklich und zufrieden dabei.
Aber einmal – kein Mensch wußte warum – fiel es dem Zaunkönig ein, sich einen andern Platz auszusuchen, um sich sein Nest zu bauen.
»Frau,« sagte er, »mir ist es verleidet, immer im Zaun herumzukriechen. Bin ich ein König oder bin ich es nicht? Also! Wenn ich aber König bin, so will ich auch hoch auf einem Baum nisten, wie es sich für einen König schickt!«
»Aber, Männchen,« sagte erschrocken die Zaunkönigin, »was fällt dir nur ein. So lange leben wir nun im Zaun und sind glücklich dabei, was willst du denn Besseres?«
»Gerade weil wir so lange im Zaun saßen, soll es nun anders werden. Und kurz und gut, ich will auf einer Tanne nisten, oder auf einer Pappel wie der Rabe.«
»Mann!« rief die Zaunkönigin, »du wirst doch nicht! Auf einer Pappel, wo Regen und Wind hindurchbläst, und der Sturm ....«
»Und kurz und gut, ich will auf einer Pappel nisten,« schrie der Zaunkönig noch einmal, »und morgen fangen wir an unser Nest zu bauen.«
Das Weibchen schwieg. Es war klug und wußte wohl, daß es nichts Gescheiteres tun konnte, aber daß die Sache schlimm ablaufen würde, das wußte es ebenfalls im voraus.
Früh am Morgen saß der Zaunkönig schon auf dem höchsten Zweig seines Zaunes und hielt Umschau. Er war stolz auf seinen Entschluß und überzeugt, daß die Vögel ihn bewundern würden ob seines Mutes und seines Unternehmungsgeistes.
Er wählte die allerhöchste Pappel aus unter den vielen, die da standen, besichtigte deren Äste und Zweige und fand endlich eine passende, geschützte Stelle, ganz oben, wo man das Land überblicken konnte. Erfreut flog er heim zu seinem Weibchen.
»So, Frau,« rief er, »nun können wir anfangen! Ich habe gefunden, was wir brauchen!« Seufzend band das Weibchen das Notwendigste in ein Bündelchen, streichelte zärtlich mit dem Schnabel sein altes Nestlein und folgte seinem Gemahl in die neue Heimat.
Als es sich auf dem Ast niederließ, den der Zaunkönig ausgesucht hatte, wurde ihm ganz elend zu Mute. Es durfte gar nicht daran denken, was geschehen könnte, wenn eines der zukünftigen Jungen da hinausfallen würde. Weil es aber wußte, daß es nun zu spät sei, etwas zu sagen, so war es wiederum ganz still.
Ein Rotkehlchen, das in der Nähe ihrer früheren Wohnung hauste, kam angeflogen, um zu sehen, was Zaunkönigs denn so lange auf der Pappel zu tun hätten.
»Wir bauen unser Nest,« sagte selbstbewußt der Zaunkönig.
»Was! Da oben auf der Pappel, wo der Regen herein kann und der Wind?«
»Schweig!« schrie der Zaunkönig, »das ist meine Sache und geht dich gar nichts an!«
»Gar nichts,« sagte vergnügt das Rotkehlchen und freute sich, daß die Sache schief ausgehen würde.
Darauf kam der Rabe geflogen. Er wohnte auf der nächsten Pappel.
»Ich gratuliere zu der neuen Wohnung,« krächzte er höhnisch, »du bist auch der Rechte, um hier oben zu wohnen, du Zwerg!«
Die Federn des Zaunkönigs sträubten sich vor Zorn. »Lümmel!« schrie er, »sieh du zu deinen Sachen und mach', daß du fortkommst.«
Aber der Rabe blieb sitzen und sah zu, wie das Paar Reiserchen zusammentrug, feine Halme und zarte Moose, und dachte bei sich, daß der Sturm sogar sein eigenes Nest, das doch aus fingerlangen und dicken Reisern gebaut war, schüttelte. Endlich flog er davon.
Der Zaunkönig fuhr fort, mit Feuereifer zu bauen, und sein Weibchen half ihm getreulich. Nachbarn kamen und fragten, was er denn da oben mache?
»Ich baue mein Nest,« sagte er jedesmal stolz, und die Vögel flogen weg und unterhielten sich über den Größenwahn des Zaunkönigs.
Nach einigen Tagen war das Nest fertig bis auf ein paar weiche Federchen und einige feste Grashalme, um es am Hauptzweig zu befestigen.
»Siehst du nun?« triumphierte der Zaunkönig.
Das Weibchen hätte sagen können, daß noch nicht aller Tage Abend sei, aber es war ein sehr kluges Weibchen und sagte nichts.
In der Nacht aber fingen die Blätter der Pappel leise zu zittern an, die schlanken Zweige bogen sich, Wolken ballten sich am Himmel zusammen, und Blitze zuckten. Der Regen klatschte nieder auf die Pappel und überschwemmte das neuerbaute Nestlein, der Wind zauste daran, und bei jedem Blitzstrahl sahen der Zaunkönig und sein Weibchen, wie ein Stück ihres mühsamen Werkes nach dem andern davonflog. Zuletzt wirbelte der Sturm das ganze Nest in die Lüfte.
Naß bis auf die Haut saßen die armen kleinen Vögel auf ihrem Zweig. Sie zitterten vor Kälte, die Hagelkörner trafen ihre zarten Körperchen, und in Todesangst streckten sie ihre Köpfchen unter die Flügel.
Der Zaunkönig hatte beständig nach seinem Weibchen geschielt, ob es nicht schelten werde, aber das gute, kleine Geschöpf mochte ihn nun nicht höhnen, da das Unglück über ihn gekommen war. Es schwieg ganz still und duckte sich so nahe an einen Ast, als es konnte.
Der Rabe auf der Pappel schrie aber in einem fort: »Siehst du wohl! Siehst du wohl! Siehst du wohl!«
Am andern Morgen, als der Himmel wieder schön blau auf die Vögelchen hinunterstrahlte, die Sonne schien und die Schmetterlinge herumflogen, glättete der Zaunkönig seine Federn, schüttelte sich und flog ohne weiteres seinem alten Wohnort zu.
»Es ist doch merkwürdig,« sagte er zu seiner Frau, als ob nichts geschehen wäre, »wie wohl es einem daheim ist! Ich begreife gar nicht, warum wir eigentlich fortgezogen sind!«
Das Weibchen zog ein widerspenstiges Federchen durch seinen Schnabel und glättete es. Es sagte aber nichts, sondern sah den Zaunkönig nur von der Seite an. Der sang seelenvergnügt in den Morgen hinein.
Am Abend kam Besuch, und man sprach von diesem und jenem. Auch von dem Glück des königlichen Paares.
»Nachbarn,« sagte der Zaunkönig, »ich und mein Weibchen, wir haben uns noch nie gezankt! Sie hat freilich einen harten Kopf und weiß was sie will. Aber ich bin der Gescheitere, ich gebe nach. Gelt, Frau!« Der Zaunkönig glaubte wahrhaftig, was er sagte.
»Natürlich,« sagte sie, denn sie war ein sehr kluges Weibchen. Der Zaunkönig nickte zufrieden, er hatte gar keine andere Antwort erwartet!
Finis
Gedruckt bei Oscar Brandstetter in Leipzig