I.

Hamburg, den 14. Julii 1807.

Welches Vergnügen Sie mir gemacht haben, mich endlich statt ein Paar längst ersehnter Zeilen einen langen, freundlichen, gütigen Brief empfangen zu lassen, könnten Sie sich nur vorstellen, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe. Durch die Gemüthskrankheit der pr. Posten sind Sie bei mir völlig entschuldigt, und ich bitte um Verzeihung der halben Aeußerung wegen, die Sie gekränkt hat. Wie sehr erfreuet mich sonst noch Ihr gütiger Antheil an allem Verdruß und Schmerz den ich erlitten. Die gute Mutter starb an den Folgen eines tiefen Schmerzes über das, was sie für unerhört hielt, und wovon Sie sich nicht eingestehn wollte, daß die nächste Welt vor uns durch Indifferenz so vieles verschuldet hat. Die besten Menschen unsrer Tage können so oft die Betrachtung des Schmerzlichen nicht ertragen, die doch durchgeführt noch immer die Freiheit des Staates und der Religion erretten mögte. Was mich betrifft, so wahr ich nichts Besseres erwartet, als geschehn, so wenig kann ich die besten Hoffnungen auf das Leben darum aufgeben, weil meiner Freunde und meine bürgerliche Lage ins Schwanken gerathen ist. Ich studiere jetzt fleißig die Geschichten alter Zeiten, und da ein Buch Anlaß giebt mehrere nachzuschlagen, und ich mit Ernst angefangen über antique Kunstkenntniß zu sammeln, hat sich’s gefügt, daß ich mich mit manchen Dingen näher bekannt gemacht und Lust zur geschichtlichen Forschung und Quellenkenntniß, mehr als jemals, erhalten. Zugleich macht mir die Verwaltung oder vielmehr Wiedereinrichtung meiner bürgerlichen Lage um so mehr zu schaffen, da ich eigentlich anfange zum Haupt eines Theiles unsrer weiblichen Familie zu gedeihn. So viel erlaubt mir der Ort von meiner zeitlichen Beschäftigung zu melden. Mehreres, wenn wir uns wieder sehn, was hoffentlich bald sich ereignet. Berlin wäre kein ungeschickter Ort zum Zusammentreffen, wenn Geschäfte oder Umstände uns nicht erlauben sollten, die ganze Reise zu Ihnen, oder zu mir zurückzulegen. Jetzt habe ich den einzigen offnen Augenblick ergriffen, um auf etwa vier Wochen ins Reich zu gehn, wozu ich mannigfaltige Veranlassungen habe. Bei meiner Rückkehr treffe ich Steffens mit seiner schönen Frau in meinem Hause, die ein früher gethanes Versprechen jetzt bald erfüllen wollen. Steffens hat mich schon ein Mahl besucht, und wir haben uns einander herzlich lieb gewonnen. Es ist ein edler, herrlicher Mensch; seiner Wissenschaft liegt eine religiöse Innbrunst zum Grunde, die mir sehr das Rechte scheint. Ueber Vieles verstehn wir uns recht genau, was mir zur großen Erquickung gereicht. Ich fange überall auf meine rechten Freunde zu rechnen an, und mache andere Forderungen wie sonst. Leeres Nachschwatzen und Anhängerei wird mich nicht wieder veranlassen, Gesinnung zu suchen, wo deren nicht ist. Auf der andern Seite habe ich das Glück gehabt, indem ich verschiedne Menschen kennen gelernt, die sich von den öffentlichen Blättern abhängig gemacht, und von Vielem gewiß recht schiefe Ansichten gefaßt hatten, durch geduldiges Ertragen dieser Mängel allmählig dieselben zu erschüttern, und auf der andern Seite ein reiches, herrliches Pfund von gutem edlem Muthe, Notiz und Schulkenntniß auszugraben, das mir in diesen Handelsstädten, von deren Verkrüppelung Sie keine Vorstellung haben, da Sie nur das tüchtige Hamburg kennen, recht guten und lehrreichen Umgang zubereitet. — Wir warten schon so lange auf das Lied der Niebelungen; allerhand Jungen machen sich daran und schreien es ins Publicum, und verkünden Ausgaben, die nichts taugen werden. Sie sind es Ihren Freunden, Ihrem Volke schuldig, Ihre kritische Arbeit darüber, noch früher als die Geschichte der Poesie herauszugeben, auf die ich jedoch nicht weniger sehnlich warte. Ich bitte um Abschrift der Gedichte von der Musik. Sie haben sie den R. gegeben, so werden Sie mir dieselben nicht abschlagen. Sie haben keinen größeren Fehler als daß Sie dieser Welt des Privatinteresses zu edel, zu fromm, zu bürgerlich sind; das entzieht, fürchte ich, dem Volke die schönen Veranlassungen des Besten durch ihren Genius. Sonst erwiedre ich alle die gütigen Grüße und Wünsche Burgsdorfs und Ihrer verehrten Gattin, und wünsche Ihnen Allen Muth, Trost, Hoffnung und alle Güter, die in diesen Tagen die dauerhaftesten und besten sind.

Ihr ganz treu ergebener

C. F. Rumohr.