IV.
v. H. d. 17ten Octob. 28.
Niemand weiß besser als ich, daß man einem verehrten Manne kaum einen geringeren Erweis seiner dankbaren Gesinnung und treuen Anhänglichkeit darbringen kann, als wenn man ihm ein selbstverfaßtes Buch giebt. Kaum einen geringeren; und doch auch kaum einen gültigeren. Jedes Andere unerwähnt: ist doch ein mit Liebe und Fleiß geschriebenes Buch das Beste, was ein Autor hat, und gewissermaßen, was er ist. Thut er doch mit der Zusendung seine Ueberzeugung dar, der Andere werde Eindringlichkeit, Nachsicht, freundliches Wohlwollen an dem Buche üben, und eben weil er diese daran geübt hat, ihm geneigt seyn, — und dem Autor auch. Darum und dazu nehmen Sie, bitt’ ich, dieses mein Buch hin; zumal da es, wenigstens in dieser Gattung, zuverlässig mein letztes bleiben soll. Sollte es aber auch blos Sie zuweilen wieder an mich erinnern, so bin ich schon zufrieden.
Hiermit empfehle ich mich Ihnen, so gut ich kann.
Ihr
Rochlitz.
Rückert, Friedrich.
Geb. am 16. Mai 1789 zu Schweinfurt. — Lebt seitdem er (1849) seine Stellung in Berlin aufgegeben, auf seinem Gute Neuseß in der Nähe von Coburg.
Als Freimund Reimar hat er zuerst seine ersten Kampf-, Zorn- und Spottlieder gegen Deutschlands Erbfeind erschallen lassen, und hat sich seit fünfzig Jahren mit einer noch nie und nirgend erlebten Fülle poetischer Gaben und Schätze; mit einer unübertroffenen Herrschaft in Form und Sprache; mit einem ganzen Frühling und Sommer voll Blüthen so tief in dieses Deutschlands Leben und Weben hineingesungen, daß deutsche Dichtung und Friedrich Rückert für ewig unzertrennlich bleiben. Das hat Friedrich Wilhelm der IVte erkannt, und hat ihn nach Berlin berufen, den großen Poeten, der auch für dieses Königs Mutter, für Königin Luise, den Kranz von immer blühenden weißen Rosen wand, der in den „Geharnischten Sonetten“ den Ahnherrn, den alten Fritz, heraufbeschwor!
Daß Rückert in Berlin nicht heimisch werden könne, war vorauszusehen. Nach 1848 wurd’ es unmöglich. Und daß der verstorbene König diese Unmöglichkeit begriff, macht seinem Verstande, daß er dem Dichter die Möglichkeit gönnte, sich in den Frieden ländlicher Stille aus dem Geräusch der großen aufgeregten Stadt zu flüchten, macht seinem Herzen Ehre.
Deshalb auch begegnen wie den innigen Worten, die in nachstehenden Zeilen dem königlichen Gönner gelten, mit aufrichtiger Freude.
Berlin d. 11. Okt. 41.
Hochverehrter Meister!
Hier stellt sich mein armenischer König vor Ihren Richterstuhl. Sehen Sie die Arbeit so an, wie ich mündlich sie Ihnen zu zeigen versuchte, als eine erste Einübung der mir neuen Kunstform, und zwar als ersten rapiden Hinwurf ohne Durchsicht und Feile. Ich sagte Ihnen schon, daß noch einige dergl. Uebungstücke folgen sollen, eh ich an meinen eigentlichen Vorsatz, vaterländische Stücke (aus der brandenburgischen Geschichte) gehen werde. Wäre das Stück nicht zu unvollendet und nicht zu lang, so könnt’ ich ihm nichts besseres wünschen, als es durch Sie selbst unsrem König vorgeführt, von dessen Begeisterung in mir es die erste Eingebung ist. Wenigstens möcht’ ich Sie bitten, Ihm bei guten Gelegenheiten von meinen Intentionen zu sagen, was ich selbst mündlich thun möchte, aber er hat mich bis jetzt noch nicht zu sehen verlangt, da ich ihn zu sehen nicht verlange, sondern brenne. Der gnädigen Gräfin empfehl’ ich mich unterthänig. In vollster Hochachtung
der Ihrige
Rückert.
Ueber den Zauber Ihrer Vorlesung möcht ich noch einmal mich mündlich gegen Sie aussprechen. Ganz besonders hat mich Malvoglio befriedigt, der beim Lesen immer als ungebührlich mishandelt mir wehe that. Aber Ihre Stimme macht ihn so dick und derb, daß man kein Mitleid mehr mit ihm fühlt.
Rühs, Christian Friedrich.
Geb. in Greifswalde 1779, gestorben 1820 in Florenz.
Er wurde 1801 Privatdocent in Göttingen, 1802 in Greifswalde, 1808 Professor der Philosophie, 1810 Professor der Geschichte in Berlin, 1817 königl. preuß. Historiograph und Bibliothekar.
Versuch einer Geschichte der Religion &c. der alten Skandinavier (1801.) — Unterhaltungen für Freunde altdeutscher und altnordischer Litteratur (1803.) — Pommersche Denkwürdigkeiten (1803.) — Finnland und seine Bewohner (1804.) — Entwurf einer Propädeutik des historischen Studiums (1811.) — Die Edda (1812.) — Zeitschrift für die neueste Geschichte, Staaten- und Völkerkunde, 4 Bde. (1814–15.) — Historische Entwickelung des Einflusses Frankreichs &c. (1815.) — Handbuch der Geschichte des Mittelalters (1817.) — und noch viel Anderes.
Dürfen wir von der Handschrift dieses Briefes auf jene in den Manuskripten seiner zahlreichen Werke schließen, dann mögen die Setzer bei ihrer Arbeit manchen Seufzer ausgestoßen, vielleicht auch manchen Fluch losgelassen haben. An ersteren wenigstens haben wir es nicht fehlen lassen.
Berlin, d. 14. Jul. 16.
Mein hochgeschätzter und verehrter Freund!
Den Babingtonschen Catalog hab’ ich Ihnen nicht gesandt, auch Reimer nicht, aber mit Vergnügen hab’ ich Ihre Aufträge an Hrn. Spiker befördert, der bis zum October in London bleibt. Sein Aufenthalt ist für die Königl. Bibliothek sehr vortheilhaft gewesen: schon haben wir 3 große Kisten mit englischen und einigen spanischen und portugiesischen Büchern erhalten. Wir haben bereits alle alten Hauptchroniken von England und von Schottland bekommen: ferner in der schönen Literatur jetzt 2 Ausgaben der old plays und die sämmtlichen neuen Commentatoren über Shakespear, auch Hawkins, Massinger Works u. dgl. Sobald alle diese Sachen, die mehrere hundert Volumina ausmachen, geordnet sind, zweifle ich nicht, daß Sie dieselben zu Ihrem Gebrauch werden bekommen können. Besonders wünschte ich, daß Sie einige Zeit hier bleiben könnten, um genauer mit diesen Schätzen bekannt zu werden. Nun bitte ich Sie, wenn Sie noch einige ältere für die Geschichte der Sprache und Literatur wichtige Werke wissen, die eine Bibliothek, die die Ehre haben will, die erste eines großen Staats zu seyn, haben muß, mich darauf aufmerksam zu machen: ich werde dann sorgen, daß sie angeschafft werden. Ich hoffe, daß die Bereicherungen, die unmittelbar durch meinen Betrieb der Bibliothek zugewachsen sind, noch in der Folge schöne Früchte tragen werden. Ich habe den ganzen Vorrath selbst nur erst flüchtig durchgesehn. Zwei Kisten kommen noch. Das Parlament hat uns ein Geschenk mit allen den Sachen gemacht, die auf Veranstaltung desselben gedruckt sind und darunter sind wichtig der Catalog der Bodleyanischen und Coltonianischen Handschriften: diese Sachen sind aber noch nicht hier: wir erwarten sie aber noch mit der ersten Gelegenheit. Unsre Bibliothek ist durch diese Erwerbungen wirklich sehr bereichert und wir brauchen nun nicht mehr so sehnsüchtig nach den Fleischtöpfen Aegyptens, der Göttinger Büchersammlung auszuschauen. Hr. Reuß verlangt nun die Bücher zurück, die Sie haben, und ich muß Sie bitten sie ihm wiederzuschicken. Hawkins ist hier und Sie können ihn wieder bekommen, vermuthlich auch was Sie sonst haben: melden Sie es mir nur bald, ich will dann schon suchen, Ihnen die Bücher zu schaffen. Es ist natürlich von hier aus leichter als aus Göttingen Sendungen zu machen. Kennen Sie schon das neue angelsächsische Gedicht, das Thorkelin herausgegeben hat? Es ist gewiß sehr merkwürdig, aber über die Maßen schwer zu verstehn, ich kann gar nicht damit aus der Stelle kommen. Schon früher hat die Bibliothek auch viele recht interessante Bücher zur spanischen Literatur erhalten: nicht nur alte Chroniken, auch poetische Werke, alte Schauspiele u. s. w., sie sind theils aus der Graf Palmschen Auction in Regensburg, theils aus Hamburg gekommen.
Wie sehr wünschte ich, daß Sie etwas näher wären: um Ihnen auch manches nordische mitzutheilen. Ich habe mir jetzt alle Werke von Bellmann verschaft, auch die alten schwedischen Volkslieder mit Melodien, worüber ich gar zu gern Ihr Urtheil hören möchte. Ich bin in sehr nüchternen Arbeiten begriffen: ich lese 3 Collegia, das ist völlig so gut als Holz hacken: ein neues über die Politik, das mir viele Zeit kostet, weil ich selbst noch nicht recht viel davon wußte, ich habe es aber gethan, um dem Schlendrian und den gemeinen Ansichten, die gerade hier wieder recht die Tagesordnung werden sollen, die Stirn zu bieten. Mein Mittelalter ist noch immer nicht fertig, obgleich schon 43 Bogen gedruckt sind. Man denkt jetzt ernsthaft an die Ordnung der hiesigen Kunstsammlungen, wozu eine eigne Comißion ernannt ist: mir ist auch mein Theil nemlich die Menge des Mittelalters angewiesen. Es hat sich bei dieser Gelegenheit das ganze herrliche Stoschsche Cabinett von geschnittenen Steinen wiedergefunden, das selbst nach gedruckten Nachrichten ganz zerstreut seyn sollte.
Herr Garlieb Merkel hat sich wieder eingefunden, um den alten Freimüthigen herauszugeben: mich erinnert seine Ankündigung an den Gastwirth in Hamburg, der anfangs sein Schild vertauscht hatte und da nun ein andrer sich seines alten bediente, unter sein neues (es hieß zum Prinzen von Hessen) setzen ließ: das ist der rechte goldne Esel. Reimer hatte den boshaften Einfall, gleich nach Merkel’s Ankunft, in alle hiesigen Zeitungen einrücken zu lassen: es wären jetzt von der Schrift Testimonia autorum de Merkelio wieder Exemplare vorräthig. —
Leben Sie wohl, mein verehrtester Freund! und vergessen Sie nicht Ihres
ergebensten
Fr. Rühs.
Rumohr, Karl Friedrich Ludwig Felix von.
Geb. am 6. Januar 1785, gestorben zu Dresden am 25. Juli 1843.
Italienische Forschungen, 3 Bde. (1827–31.) — Drei Reisen nach Italien (1832.) — Deutsche Denkwürdigkeiten, 4 Bde. (1832.) — Der Freiherr und sein Neffe (?) — Novellen, 2 Bde. (1833–35.) — Schule der Höflichkeit, 2 Bde. (1834–35.). — Im Jahre 1828 edirte er einen, unter dem Namen seines Küchenmeister’s „König“ verfaßten: Geist der Kochkunst, dessen Lehren eine Zeitlang manche Befolger und Nachahmer fanden.
Aus den von ihm an Tieck gerichteten Briefen hätte sich noch Mancherlei mittheilen lassen, wenn nicht diese Blätter gerade theils zerrissen, theils mit verloschener Tinte beschrieben, fast unlesbar geworden wären. Auch für einen korrekten Abdruck der fünf nachfolgenden vermögen wir nicht zu bürgen.