II.
Breslau, 21. Dez. 1843.
Hochverehrter Herr und Gönner.
Ihr sehr freundlich Schreiben mit der Empfehlung des Herrn Altmann gab mir die willkommene Gelegenheit, Ihnen meine alte Ergebenheit zu bethätigen. Gleichzeitig damit erhielt ich einen Brief Holtei’s, er suchte gerade einen jungen Mann, der sich der theatralischen Laufbahn widmen wollte. Holtei ist hier in der Provinz, in Grafenort bei dem Grafen Herberstein, eine lustige Gesellschaft von Schauspielern ist um ihn versammelt; sie spielen Komödie nach Herzenslust. Der Graf, sein Schloß, die Gegend, der ganze Aufenthalt, es ist alles durchaus poetisch, hier bildete sich der große Seidelmann zuerst für das Theater.... auch für mich knüpfen sich reizende Jugenderinnerungen an Grafenort. Dorthin sendete ich mit beßter Empfehlung Herrn Altmann, dem ich zugleich die ganz bestimmte Zusage gab, daß ich ihn hier anstellen würde, wenn er von dort zurückkommen werde; ich hoffte ihn im Frühjahr mit einem leidlichen Repertoir wiederzusehn. Was weiter mit ihm geworden, wollen Sie aus der Einlage von ihm und Holtei ersehen. Wie Holtei vorausgesehn, trat er nicht auf, er kam früher zurück, jetzt wollte er hier auftreten; auch das sagte ich ihm zu. Dann ließ er sich 8 Tage lang nicht sehen, dann schrieb er mir einen 12 Seiten langen Brief, er verlangte 300 Thaler und drohte mit Erschießen, wenn er sie nicht erhielt. Er hatte mir nicht einmal gesagt, wozu er das Geld brauche, und als ich ihn fragte, wollte er mir darüber keine Rede stehen. Konnte ich, bei solchen Umständen, mir diese Summe mit der Pistole in der Hand abtrotzen lassen? es war mir unmöglich; es ist unmöglich, daß Sie mir darüber zürnen werden! Jetzt schreibt er, daß er ein großes Talent habe, dramatischer Schriftsteller zu werden, er wolle sich lieber nicht erschießen, er bittet um Reisegeld zu seinen Angehörigen, gestern wollte er damit reisen, schon Vormittag Antwort holen. Das Geld liegt bereit, aber er ist nicht gekommen, ich weiß nicht wo er wohnt, ich will die Polizei nicht in Athem setzen, da ich wenig in Sorgen bin; er schreibt mir viel zu viel Briefe, um Zeit für das Erschießen zu haben. Er wird reisen, ob er zu Ihnen kommt, weiß ich nicht, er weiß es gewiß selbst nicht. Ich schließe diese Angelegenheit, ich weiß nicht, ob ich gegen den jungen Mann gesündigt, ich darf nur versichern, daß es mein ernster Wille war, ihm förderlich zu sein.
Mir geht es materiell vortrefflich, es thut mir leid, Sie gar nicht zu sehen, ich komme nur ungern nach Berlin, weil man dort mir meine Jugendthorheiten gar zu hoch anrechnet. Die höchsten Staatsbehörden haben mir, meine kleinen Fähigkeiten überschätzend, ohne mein Ansuchen, eine würdige Stellung in Berlin — und dahin gehöre ich — zugesagt. Sr. Majestät hat sie vor zwei Jahren befohlen, viele Gönner, namentlich Sr. Hoheit der Prinz Carl sich lebhaft dafür, aber vergebens, interessirt. Was ist zu thun? Nichts!
Mein Theater beschäftigt mich seit 3 Jahren lebhaft, hören Sie einen Schlesier, so wird er dasselbe, wie mich, loben; es lebt sich hier angenehm, ich erfreue mich der lebhaftesten Anerkennung von Stadt und Provinz. Aber unser großes Publikum heranzubilden durch Theater und Zeitung — die beiden Haupthebel, wodurch man hier auf die Masse öffentlich wirken kann, beide mir angehörend — ist über meine Kräfte... mit einem Worte, ich fühle mich nicht an der rechten Stelle und kenne, bei meinem praktischen Sinn, kein größer Unglück. Das Papier ist aus, nicht meine Lust mit Ihnen zu plaudern. Mit unbegrenztem Vertrauen
Ihr
treuer Verehrer
B. Vaerst.