Kapitel 13

Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende Frau von der Seite.

Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit einem anderen, der sagte: — Verbeiß nur Deine Frage, Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das ist Staatsgeheimniß. Vorläufig wenigstens.

Und Grege verstand den Blick und biß sich auf die Zunge.

Maikkas beweglicher Geist ließ ihm keine Zeit zum Grübeln und Tüfteln.

— Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europäischer Geschichte?

— Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika zweifle ich daran.

— Lass’ hören: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?

— Eine Erinnerung.

Maikka lachte hellauf: — Das ist Poeten-Ausrede für sachliches Nichtwissen.

— Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du thust mir Unrecht, Maikka.

— Ach, Du willst Dich drücken. Du gebrauchst

Ausflüchte. Ernsthaft, Grege: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?

— Kehrichthaufen, Kjökkenmöddinger.

— Sehr gut. Und was hinterließ uns der Mensch der industriellen und kapitalistischen Metallzeit?

— Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale, einen traurig zusammengeschrumpften Rest Menschheit. Kehrichthaufen, wie ich sage.

Als Maikka schwieg, fügte er wie entschuldigend bei: — Für Nordika gilt das wohl nicht.

— Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor tausend Jahren auch an dem großen europäischen Krach mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bös zurückgegangen. Aber das gab schließlich die einzige Möglichkeit, die Völker Europas, soweit sie kulturfähig waren, auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein Segen, ein grausamer Segen, daß über vier Fünftel der europäischen Bevölkerung in jenen Katastrophen draufgegangen sind. Was nach dieser furchtbaren Musterung übrig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natürlich blieb auch noch schlechter Kleinkram übrig, eben weil er Kleinkram war und durch allerlei günstige Zufälle mit durchschlüpfen konnte.

— Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es heute noch auf keine Million Menschen gebracht, behaupten unsere Volkszähler.

Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann ließ sie ihre Augen auf Grege blitzen: — Du bist ein herrlicher, natürlicher Ausnahmemensch, mit Dir kann

man reden. Hör’ mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt, schreit doch zum Himmel. Das ist eine Staatskunst von Idioten und Feiglingen. Da Ihr doch einmal keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so fristet Euch als Staatskünstler durch. Aber wenn man nicht mit der Natur hausen kann, muß man gleich ein Verbrecher gegen die Natur sein? Hör’ mal, Grege, hör’ mal!

— Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du?

— Wär’s möglich, daß Du für die Schmach Deiner Teutaleute selbst so wenig Empfindung hättest?

— Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich nun plötzlich hier, an Deiner Seite, an Alles denken, was je Schmachvolles daheim in Teutaland geschehen? Sprich, Maikka! Was stürmt hier nicht an unbeschreiblichen Eindrücken auf mich ein — und da soll mir Schmachvolles gegenwärtig sein, das weit hinter mir liegt?

In düsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe, rauhe Töne, als sie, die Hand auf Grege’s Schulter legend, halblaut hervorstieß: — In Teutaland verhandelt man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man frißt seine eigenen Kinder — und spielt den Fleischverächter? Weißt Du, was das für ein Volk bedeutet? Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen setzt?

Grege zuckte zusammen.

— Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend preis giebt oder verschachert. Grege, begreifst Du das nicht?

— Ich beschwöre Dich, Maikka!

Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionäre Art Jalas in Ausdruck und Stimme. Jedes Wort gab Grege einen Stich in’s Herz.

— Beschönige nichts, Grege, bei Deinem Heil! rief sie. — Oder ich muß Dich wie einen Tollen aus meiner Nähe jagen.

Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden Lippen, als suche er vergeblich nach dem rechten Wort, fuhr sie mit wachsender Leidenschaftlichkeit fort: — Das geht durch Eure ganze Geschichte, seit Jahrtausenden. Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und körperlich gemartert, wo ihr konntet. Ihr habt sie in den Zeiten des Mittelalters durch Eure blödsinnigen Gelehrten in Schule und Kirche den Alterthümlern überliefert, den Römern und Griechen und Juden und ihrem blutigen Aberwitz, ihre Köpfe entnervt und ihre Seelen belastet und ihre Gemüther verdüstert. Ihr habt sie dann in Kasernen, Zuchthäuser, Fabriken gesperrt, jede heilige Individualität mit Füßen getreten, Jahrhunderte lang sie ausgeschunden um elender Idole willen. Ihr habt sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus, des Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen, wie man einem Geier Aas hinwirft — —

— Halt ein, Maikka!

— Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren Pein, mit Verfolgung, Hunger, Noth und Elend in tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dünger über alle Erdtheile gestreut, und die armen Mädchen als Weihrauch

auf alle Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der Prostitution, in den — — der Millionenstädte — —

— Bis der große europäische Krach kam und die große Schicksalswende, Maikka. Ich bitte Dich, halte Maaß. Das that man in jenen unseligen Zeiten nicht bei uns allein, das geschah, stärker oder schwächer, fast in allen Ländern Europas. Und wenn die Todten, die die Vergangenheit nicht alle begraben konnte, an die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden — sprich, Maikka, welches Völkerhaus hat heute nicht noch seinen Leichnam?

— Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet, trotzdem Ihr in Teutaland keine Poeten duldet. Aber gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus, Teutaland.

— Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft werden!

Sie griff mit beiden Händen nach seinen Schultern, schüttelte sie, bohrte ihren Blick hinauf in sein flammendes Auge: — Das soll ein Held gesprochen haben, Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich fröstelt im Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne! Freie Luft im freien Licht!

Sie waren in einen Hain mit weißschimmernden Birken und jungen Blutbuchen eingetreten, in deren flüsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten. Maikka mußte Grege mit sich fortreißen. Denn nun waren in seinem Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden und in seiner Brust war ein seltsamer Rumor.

Er zwang Maikka zum Stillestehn.

— Bist Du nicht von Deinem ursprünglichen Gedankengang abgewichen, Maikka?

— Nein, nein. Oder gleichviel. Komm’ nur, wir haben schon den rechten Faden gesponnen. Soll ich’s sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und dann Deine Thränen — weiß ich’s? Das hat mich eben erregt und außer mich gebracht. Grege, merk’ Dir’s, mit mir ist nicht zu spaßen!

— Mit mir wohl auch nicht.

— Das will ich hoffen, Grege. Du mußt ein ganzer Mann sein.

Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder, ihre klare Güte.

— Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage kommen, Maikka. Anknüpfend an den Kehrichthaufen. Was glaubst Du, daß unsere Zeit hinterläßt?

— O, ich kann nur für Nordika gut stehen, Grege: Freude wird sie hinterlassen. Freude, die aus dem Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen Muth schafft. Mach’ doch nicht wieder jenes Gesicht!

— Der Muth muß aber nicht bloß eine Quelle, er muß auch einen Gegenstand haben, Maikka!

— Freilich. Den größten und höchsten, den’s giebt: Immer mehr Freude und Schönheit. Aber das ist schließlich dasselbe: Freude, Schönheit. Die Mittelalterlichen nannten es das Göttliche und verdarben sich das Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem Himmel die Erde. Sieh’ mal den lustigen Käfer, wie er behende über die Rinde läuft. Schön und drollig,

nicht? Weiß er, woher und wohin? Kümmert er sich um den letzten Grund der Dinge?

— Wir nennen’s in Teuta das Mystische.

— Schweig’ mir von Teuta jetzt. Das Mystische!

— Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche Wesen, das uns hegt und trägt?

— Fällt mir nicht ein. Kümmert uns Nordika-Menschen nicht. Das Mystische! Nicht im Mindesten kümmert’s uns. Wir hegen und tragen uns selber. Ja, wir erlauben uns das, Grege.

Und nun lachte sie wieder.

— Warum leben wir eigentlich, Maikka?

— Weil wir da sind und weil uns das Leben gefällt. Sehr einfach.

— Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefällt?

— Dann warte ich, bis es mir wieder gefällt. Ich ertrag’s in der Hoffnung, daß es mir wieder gefällt. Interessant ist’s ja immer, mit und ohne.

— Mit und ohne, was heißt das?

— Mit und ohne Gefallen. Aber hör’ mal, Grege! Stell’ dich nicht dumm!

— Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so stark, daß sie mich in die schönsten Kinderträume zurückführen könnte.

— Muß man Dich erst dahin zurückführen? Mit Vernunft? Ich bin mit Vernunft mittendrin, in jedem Märchen, Du Märchenprinz. Mittendrin!

Sie lachte, so übermüthig und ansteckend, daß Grege mitlachen mußte, ob er wollte oder nicht.

— Du solltest mir Deine Geschichte erzählen,

Grege. Aber siehst Du, sonderbar, ich erzähle mir sie selbst. Ich weiß Alles. Hörst Du? Alles!

— Ich erkläre, daß Du dann mehr weißt, als ich selbst. Vieles in meinem Leben ist mir wie verriegelt und versiegelt, ich kann nicht dahinter kommen. Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend — ach, was rede ich!

— Nun?

— Ist so verschattet, daß ich’s nicht mehr entziffern kann, es ist wie eine alte verblichene Handschrift.

Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein: — Poeten-Flausen! Was man nicht weiß, zählt nicht. Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt daran? Nur das Bewußte ist das Wirkliche. Das Andere ist einfach nicht da, für uns nicht da. Was soll’s uns also?

— Das ist leicht gesagt. Hinweglachen läßt sich’s auch nicht, was in unserem Leben dagewesen ist. Das bleibt unserem Schicksal einverwoben. Denk’ nur an das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen läßt, wovon wir kaum eine Ahnung haben. Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob wir’s wissen und wollen, oder nicht?

— Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstäblich zu nehmen wäre, dann hätten wir die Ehre, heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige Chinesen zu sein, wir Europäer. Schau’ mich an, Grege: Bin ich stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin ich chinesisch?

Und sie stand vor ihm, die verkörperte Fröhlichkeit.

Alles an ihr strahlte von Gesundheit und heiterem Geist. Sie ballte die Hände und streckte die Arme straff aus und mit ihren kräftigen Füßen stampfte sie den Boden.

Grege legte den Arm über den Rücken und besah sich das schöne Menschenbild lächelnd. Etwas Gegensätzlicheres zu seiner Jala hätte, er sich nicht vorstellen können. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er konstatirte, daß er ein Wunder erlebe, darin sich die Schöpfung von einer neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte er jetzt mit seinem Denken nicht einzudringen. Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen über alle Maßen gut, zweitens wünschte er, weniger Hunger zu haben, als er in der That hatte.

— Ja, Du bist sehr schön und sehr klug, Maikka. Und wenn ich Dich als Symbol von Nordika nehmen darf, so muß ich sagen: Beneidenswerthes Land!

— Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt — als Symbol. Nimm mich! Nordika hat nichts dagegen.

Er starrte sie entzückt an, mit offenem Munde.

Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain.

— Mir nach! Hier ist Nordika!

— Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen Schrittes nach. — Humor hat das Weib, dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man in Teuta auch nicht. Armes Teuta!

In dem nämlichen Augenblick hatte aber auch Maikka gedacht: Humor hat der schöne Teutamann nicht und Schneidigkeit des Gefühls offenbar noch weniger.

Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du für Dich und Deine Teutaleute recht haben. Ihr habt den Chinesen noch im Blut. Am frühen Morgen nach einem reichlichen Frühstück und blutwärmender Bewegung schon so schlaff — —

Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges Blicken in der hellen Sonne. Breit und friedlich zog ein Fluß aus dem See; so weit man sehen konnte, reihte sich Hügel an Hügel in grünem Glanze, ohne große Höhen und Tiefen, von einem eigenartigen sanften Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen sprach. Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen über das Ganze verstreut. Daraus hervorlugend, roth und braun, eine Unzahl von Häusern, fast alle von gleicher Höhe, aber ungemein malerisch und anheimelnd in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern und Baumwuchs. Und Vögelschwärme in der sonnigen, seidenweichen Luft hin und her.

— Im Winter ist das Alles weiß, schneeweiß! erklärte Maikka mit einem Anflug von Spott. — Aber auch das ist schön, weil sich dann der Frühling um so bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergnügen, nicht wahr, Grege?

— Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in meiner Phantasie, gewiß, da versetzte ich mich oft in ähnliche Landschaften, und Jala erzählte mir von ihrer Insel — —

— Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts von alledem, nichtwahr?

Grege verneinte mit Kopfschütteln.

— Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in einer einzigen Riesenstadt, wenn man das so nennen darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder vielmehr bei uns ist die Stadt über das weite Land zerstreut, die Häuser sind hineingesät zwischen Wiesen und Flußufer und Wälder — was weiß ich! Schau hin, da liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont abschließt und Du nichts mehr siehst, da geht’s noch weit fort, nach allen Himmelsgegenden, bis ans Meer mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika, immer Nordika.

— Wie ein einziger Körper!

— Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger Körper.

Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens und Irreführens an. Sie zog den Mund ein wenig schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft.

— Wie ein Körper, Du hast’s verrathen. Und verräthst Du auch wie wir’s machen, damit wir uns auf diesem weitflächigen Körper auskennen? daß wir uns in diesem Gewimmel von Häusern in der Landschaft nicht verlaufen? Erräthst Du’s?

— Ihr macht’s wie wir. Ihr verseht Alles mit Nummern und Ueberschriften, denk’ ich.

— Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen’s nicht wir Ihr. Das wäre uns zu mechanisch, zu langweilig. Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn Du willst. Wir sehen den Körper des Landes als wirklichen Körper vor uns, als menschlichen Körper, und benennen die einzelnen Landestheile mit den menschenkörperlichen

Namen. Unsere Landestheile oder Kreise sind also wie Körpertheile benamst und zwar genau nach dem echten anatomischen Zusammenhang des Leibes, von unten nach oben, von Süden nach Norden. Jeder, der seinen Körper kennt, findet sich auch im Lande zurecht, und wenn er weiß, wo er sich befindet, findet er überall hin, ohne viel zu fragen oder Nummern und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum Beispiel im großen Zehen des linken Fußes ist und will nach dem rechten Knie oder nach der Nase oder dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung keine Schwierigkeiten machen. Verstehst Du?

Grege fand das wirklich praktisch, aber so spaßhaft zugleich, daß er nun auch lachen mußte.

— Siehst Du jetzt, daß wir ein durchaus fröhliches und vernünftiges Land sind? Der gestrenge Teutamensch lernt bei uns das Lachen.

Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen über die Köpfe hinweg. Grege blickte und horchte auf.

— Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an welchem Körpertheil wir uns jetzt befinden?

Der hungrige Grege strich sich mit der Hand über den Magen.

Sein Mund jedoch sprach: — Auf dem Herzen.

Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem Blick seiner schönen Augen, daß es Maikka durchbebte.

Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit innigem Wohlgefallen.

Sollte sie ihm sagen, daß sie ihn gefoppt habe?

Nein, noch nicht.

— Wüßtest Du eine poetischere Eintheilung und Benennung unseres Landes?

Grege blickte ihr tief in’s Auge, besann sich ein wenig, dann antwortete er im vorigen Tone, nur wärmer und herzlicher: — Ich wüßte nicht, aber — vielleicht doch.

— Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand.

— Nach Sternbildern.

— O Du Poet! Und in welchem Sternbild befänden wir uns jetzt?

— Im Morgenstern, Maikka.

— Das ist wunderlieb gesagt. Wenn’s nur nicht falsch wäre, Grege!

— Wieso?

— Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein Sternbild!

Er erröthete ein wenig über seinen astronomischen Schnitzer, fügte jedoch lachend und schlagfertig hinzu: — Nun denn, so erheben wir den einzigen Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken wir doch auch in dem einzigen Augenpaar eines lieben Menschen den ganzen Himmel!

Maikka drückte ihm mit warmem Drucke die Hand und schwieg still entzückt über die schöne Deutung.

Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala gedenkend, die ihm mit ihren armen erblindeten Augen mehr war als alle Himmel und alle Sternbilder.

Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise rauschenden Flusse hin.

— Wo ist Fox? fragte Grege plötzlich.

— Auf der Jagd.

— Auf der Jagd?

— Ja.

Neues Schweigen.

— Sind das Bauern, die Leute drüben im Feld? begann Grege wieder, im Gehen zögernd.

Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den Kopf zu erheben: — Wir sind alle Bauern in Nordika. Bauern und Kulturstädter im älteren Sinne zugleich — und das ist unser neuer Sinn.

— Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich die letzten Worte nach.

— Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur arbeitsam zu leben und der Kultur froh zu werden. Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich, da kommt kein Gefühl zu kurz. Keins.

Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: — Also herrscht auch in Nordika die wirthschaftliche Gleichheit? Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz, nicht Satte und Hungrige — —

— Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser Land ist Freiland, unser Volk ist eine einzige große Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden, Austausch der Fähigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten.

— Aber wer Fähigkeiten nicht oder nicht genügend einzusetzen hat, oder wer die Gleichstellung mit bösem Willen lohnt?

— Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste Praxis, Grege: Absolute Dummköpfe und Thunichtgute

verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im Norden. Da belästigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm Dich zusammen und halte Dich brav! schloß sie lachend.

— — —

Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse ab auf einen Hain zu, aus dem ein freundliches Haus schimmerte.

— Meine Zeit ist um, Grege. Ich muß wieder an die Arbeit. Aber Du kannst mich begleiten und dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im Garten. Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule. Für Alt und Jung. Du zögerst?

Grege machte ein melancholisch lächelndes Gesicht.

— Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig, Grege?

— Ich habe furchtbar Hunger, Maikka.

— Du hast doch gefrühstückt?

— Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist noch nüchtern.