Kapitel 14
Er kam beflügelten Schritts gerade rechtzeitig, um auch heute noch einem Theil des Unterrichts beizuwohnen, den die bewundernswürdige Maikka im Freien gab.
Ueber den grünen Rasen bewegten sich noch andere Leute dem Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfüßige Mädchengestalten, reifere Frauen und Männer.
Die Schule ist öffentlich. Außer denen, die ungezwungen ihre Ehre dareinsetzen, einen ganzen Kursus regelmäßig mitzumachen, fühlen Andere das Bedürfniß, je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als sie erhaschen können.
Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, daß ihnen die Wissenschaft etwas Heiliges sein müsse, von dem sie sich im tiefsten Innern berührt fühlen. Mitten in die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut zu erhalten und im Vorübergehen eine feinere Kenntniß mitzunehmen, wie man auf einem Gang über die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien ihnen ein gewohnter Genuß zu sein. Keines kümmerte sich um’s Andere. So gab’s auch keine Störung der Aufmerksamkeit, wenn ein Hörer sich entfernte, ein Anderer schweigend und gesammelt herankam.
Alles griff hier ineinander: Natur, Fähigkeit, Arbeit, Lernbegier, Idealität der freien Persönlichkeit, edles Gemeinschaftsgefühl eines starken Volksgeistes. Nirgends etwas künstlich Gemachtes, äußerlich Erzwungenes. Kein dogmatisches System. Keine Verkürzung irgend einer persönlichen oder menschheitlichen Gerechtsame zu Gunsten einer mechanischen Ordnung. Es mußte, das fühlte Grege mit wachsender Bewunderung, eine ungeheuer glückliche Veranlagung mit einer unausgesetzten Kulturarbeit durch lange Zeiträume zusammengewirkt haben, um einen solchen Volkszustand wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet hier Geist, Gesundheit, Schönheit, Zufriedenheit. Nirgends merkt man etwas von jener Tüftelei und Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all’ jenen maskeradehaften Würdespielereien, die ihm sein Teutaland so widerlich gemacht hatten.
Und trotzdem — es war sein Teutaland, er lernte hier ein Gefühl kennen, das ihm seither fremd geblieben war, das Gefühl der Mitverantwortlichkeit. Wenn Teuta vor Nordika zurückstehen mußte, so mußte er persönlich vor den Nordikaleuten zurückstehen. Wenn Teuta vor Nordika sich schämen mußte, so mußte er sich vor Maikka schämen. Das verfing hier nicht mehr, daß er sich erhaben dünkte über seine Volksangehörigen; das gab ihm keine rechtfertigende Größe und Sonderstellung, daß er von daheim Reißaus genommen. Womit wollte er’s begründen, daß es ihn nichts angehe, was seine Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft
gemacht? Wäre es nicht unmännlich, sich auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem Blick, in jeder Miene, in der ganzen Haltung der Leute, ohne Unterschied des Geschlechts und der Jahre, lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefühl, das in seiner Lebensgestaltung sich frei und selbstschöpferisch weiß und jede sklavische Unterwerfung unter eine blinde Fügung ausschließt?
Und neben diesem Gefühl der Mitverantwortlichkeit für seines Volkes Thun und Leiden, für der Heimath Größe oder Erbärmlichkeit wuchs in Grege das heiße Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner eigenen Belehrung und Festigung auszunützen. Seine Jala blieb ihm unverloren, das war ihm heiliger Glaube, und müßten Wunder geschehen, um ihn mit dem geliebten Weibe wieder zusammen zu führen, gut, so würden eben Wunder geschehen.
War es nicht auch ein Wunder, daß er jetzt hier stand, unangefochten, in sicherer Gastfreundschaft, und den Worten einer Meisterin des Lebens und Wissens wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von würziger Luft, umflossen von mildem Sonnenlicht? Und stieg’s nicht wie ein Schwur in seiner Seele auf, das hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen seinen Volksgenossen zu verkünden, damit sie erwachten aus ihrem ärmlichen Geistesdämmer und stumpfen Genußleben, daß sie sich aufrafften zu einem bedeutungsvollen, inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in Teutaland überhaupt einen nennenswerthen Inhalt?
Schuf es eine innige starke Freude den Lebenden? Gab es dort einen öffentlichen Geist, der über so beredte Zeugen gebot wie diese geisterfüllte Maikka? Was galten seinen Teutaleuten überhaupt die Frauen, waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen, als minderwerthige Nebengeschöpfe? Trotz der Gleichheit?
Und wie war das Alles so geworden?
Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er’s jetzt hören, was in der Kulturarbeit des Volkes des Weibes Kopf und Hand geschaffen.
Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst war Frauenwerk. Nicht dem Manne nachäffend, in Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern, sondern aus dem selbständigen, dem männlichen durchaus gleichgeachteten Wesen der Frauenseele heraus. Im Tüchtigen so tüchtig wie der Mann, im Ergötzlichen so viel reicher und zarter als er. Und nichts mit dem heimlichen bösen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs, des kämpferischen Schrankenbruchs. Alles frei, naiv, selbstverständlich. Eine Kraft, die geradaus geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die nichts verdirbt und nichts zerstört, weil sie kein willkürliches Hinderniß zu überwinden hat. Diese heitere Entfaltung im Nebeneinander vom Weiblichen und Männlichen gab allem Werk soviel reine, überschüssige Schönheit. Keine hämische Kritik vom Einen zum Andern, kein Mißtrauen, keine Bosheit — daher dieses natürliche Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins fördert das Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt und hebt sich Alles in dem gleichen Geiste, wie
in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu Hochwuchs und Blüthe gelangt und mit seiner besonders gesegneten Art sich und die Anderen erquickt.
Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule ersonnen und ausgeführt. Die Zurichtung des großen Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan und den größten Theil der Lehre — Alles dankt man ihnen. Die tüchtigsten Maurerinnen und Schreinerinnen haben den Bau aufgeführt und die phantasievollsten Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit Bildern und Zierrath geschmückt. Die Vorhänge sind von den geschicktesten Teppichweberinnen gewoben. In die Herstellung und Unterhaltung der Parkanlagen ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten Gärtnerinnen getheilt.
Haushaltung und Hausfleiß, Musik und Malerei, dramatische Kunst und Literatur, Natur- und Kulturgeschichte werden hier von zahlreichen Lehrkräften, die ihre Probe in der Ausübung bestanden, dem lernbegierigen Volke in freier Wahl vorgetragen. Und keine Wissenspolizei bewacht die einzelnen Lehren. Der gesunde Verstand, die emsige Forschung, die praktische Anschauung und Erfahrung, die unabhängige Kritik sind ebenso viele und bessere Wächter, als irgend ein Einzelner von Amtswegen.
In Teuta hingegen, Grege mußte lachen und zürnen zugleich! In Teuta sitzt ein leberkranker Querkopf, wie dieser Minus, als „Hoheit Oberlehrer“ im „obersten Rath“ und hütet den „heiligen Wortschatz“ — und nie dürfte ein Mann oder gar ein Weib sich
beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche Ordnung, die den Bestand und das Glück Teutas verbürgt, zu verstoßen, oder es wartet ihrer der „große Fluch“ der Verdammung zu „ewiger Verhöhnung“ beim Zarathustra-Feste!
Greges Augen schweiften über die schönen Menschengruppen, die den Park und die Halle füllten und den Worten der Meisterin Maikka lauschten. Maikka stand auf einem erhöhten Platz, vor einem großen Tisch. Sie sprach vollkommen frei, ohne Buch oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie manchmal hin und her, bald die Hände auf dem Rücken, bald mit eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend, den Kopf leis auf die Seite geneigt. Eine Bewegung gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka nämlich die fünf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrückte und sich damit gegen die Stirn fuhr, als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute, nehmt einmal eure fünf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die Sache ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus. Die ersten Reihen der Zuhörer, auf losen Bänken, rückten nahe an die Sprecherin heran, die hinteren Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen sechseckigen Halle in den Garten, und hier saßen die Uebrigen theils auf dem Rasen, theils auf Feldstühlen, oder sie lehnten zwanglos an den Bäumen oder sie gingen lauschend vor den dichten, grünen Bosketts auf und ab, denn die Anlage war so geschickt, daß sich kein Wort der Sprecherin verlor. Und wenn zuweilen ein Vögelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade
von der Wiese herüber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene Wort um so inniger und ergreifender in dieser großen, fein abgetönten Harmonie der Natur. Mag der Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen, mag ein Wolkenschatten über die Köpfe ziehen, was macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit des Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und rauscht der Regen nieder, so rückt man in der Halle zusammen oder flüchtet in die Nebenräume oder unter die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag abgebrochen und jeder rettet sich wie er mag.
— Wie ist’s im Winter? fragte Grege, als ihm Maikka auf einem Gang über die Felder die schulischen Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklärte.
— Der Winter ist womöglich noch köstlicher als Studierzeit. Da beziehen wir in Abtheilungen besondere Räume. Jeder Bezirk — nein, ich habe Dich doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung in Herz, Magen, Nieren, Mund, Schlund — hast Du Hunger, sprich? — jeder Bezirk hat seine Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter wohnen wir Alle, die mit der Schule als Lehrende und Lernende zu thun haben, möglichst dicht beisammen. Also ein großes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben. Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich. Das Hauptgebäude jeder Schulkolonie enthält außer den Vortragssälen, der Turnhalle, den Bibliothek- und Lesezimmern u. s. w. auch ausreichende Wohnräume für die ständigen Schüler.
— Auch Werkstätten, Spielräume?
— Aber selbstverständlich. Sogar Schwimmbäder für die Reinigung wie zu lustigen Wasserfesten, während draußen die Welt in Eis starrt und kracht, sogar Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut.
— Ach, Maikka, das sind für mich so neue Ideen- und Lebenskreise, daß ich meinem Kopf ordentlich zureden muß, das Alles aufzunehmen und in Ordnung zu behalten.
— Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur Zeit nehmen und Zeit lassen, das ist das ganze Geheimniß, um mit Allem fertig zu werden. Das ist für uns in Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer und zu Allem Zeit. Uns plagt nie das Gefühl, daß wir Etwas versäumen. Drum leben wir auch so furchtbar lang, das heißt, das Leben kommt uns nicht kurz und zeitbeschränkt oder überladen vor.
— Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon, Meisterin, daß ich als beflissener Schüler Alles durcheinander frage. Warum sieht man bei Euch all’ die tausend Apparate nicht, in den Häusern, an den Wänden, an den Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt und Tritt geräuschlos den Verkehr vermitteln und so viel Zeit sparen helfen?
— O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil wir kein Gespensterleben führen mögen, sondern überall persönlich dabei sein wollen. Weil tausend Dinge, die Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kümmern. Und so noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du, die Menschheit hat nie weniger Zeit gehabt, also auch nie weniger gelebt, als im großen Maschinen-Weltalter.
Sie sahen Alles, hörten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten Alles, wußten Alles — nur Eines nicht, daß das wahnsinnige Narrethei und kein Menschenleben ist. Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glück, keine Schönheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter! Wir in Nordika haben es auch damals nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die weiter unten wohnen in der Geographie und sich als die Spitzenreiter der Zivilisation bejubelten, bis sie in den Graben purzelten, wie blinde Eseltreiber. Nein, wir haben bei Zeiten damit aufgeräumt. Alles überflüssige Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange.
— Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta hat man immer etwas Mechanisches unter den Füßen, unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den Ohren, vor den Augen und —
— Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, aber sie fand es eben so erleichternd, wenn sie bloß kräftig lachte.
— Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege nach einigen Sekunden, nachdem er sinnend stehen geblieben.
Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen Glosse zu diesem Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von Pedanten, Worthütern, Silbenstechern, Buchstaben- und Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht noch schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich. Gar keine Schule einige Menschenalter hindurch, eine radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für diese Wortfresser! Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken
und zu thatenfroher Anstrengung. Aber nein, sie wollte ihm willig Auskunft geben ohne Harm und ohne Falsch.
Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen Nordikas Bevölkerung die sogenannte Bildung verdankt. Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen Menschen sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder durch eine große Menge von Eindrücken, noch durch Unverständliches verwirrt und in seiner Entwicklung belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem achten Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung in irgend etwas, das wie ein Unterrichtsfach aussehe, erhalten. In der ersten Schule, zu der kein Kind vor seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden dürfe, sei nur in den Grundelementen der Anschauung und des Wissens, also im Lesen, Schreiben, Zeichnen, Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst im jugendlichen Alter, und hiezu rechnete Maikka wie alle ihre unterrichteten Landsleute die Zeit vom achtzehnten bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde Mensch im Stande, das geistig Aufgenommene ohne Gefährdung seines körperlichen und seelischen Wohlbefindens zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit zu verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da bleibe der Mensch in natürlichem Wachsthum, ohne zu künstlicher Blüthe und raschem Verwelken gepeinigt oder zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege zum Beispiel sie schätze?
Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte hier ein Widerspruch mit ihren Worten vorliegen. Wie konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende, kernige Gestalt hin- und hergehen, er prüfte die Linie ihres so schön geschnittenen Mundes mit den jauchzend rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen, blaublitzenden Augen mit den langen, dunklen Wimpern und den hohen Bogen der dichten, fast schwarzen Brauen — nirgends ein Fältchen oder Runzelchen oder sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend hinauswies. Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens vier bis fünf Jahre älter, vielleicht gleichalterig mit ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben erst aus ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte er ihr unmöglich geben.
— Lach’ mich nicht aus, Maikka, aber so Ende der Zwanzig, nein, wär’s möglich?
— Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran liegt uns Nordika-Frauen nichts. Ich fragte nur Deiner Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt’s keine alten Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt’s. Ich bin schon drei Jahre im Amt. Jawohl, volle drei Jahre.
Grege wollte in Verwunderung ausbrechen.
— Nein, mein Schüler, hör’ mich ernsthaft zu Ende und bleibe bei der Sache, nicht bei der Person. Unsere erwachsenen Schüler, gleichgiltig ob männlich oder weiblich, müssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls gleichgiltig, ob weiblich oder männlich, im fleißigen
Verkehr mit ihnen ihr Wissen ergänzen, ihr Selbstvertrauen stärken und ihre eigene Lebensanschauung entwickeln. Denn eingepaukt wird hier nichts. Vorgeschrieben als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in Respekt und Heldenverehrung wird nicht gearbeitet. Jeder kann seine Muster suchen, wo er will, und sich zu ihnen stellen, wie ihm persönlich gutdünkt. Glaube mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute, mögen sie auch verschiedene Wege einschlagen, immer an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines Berges kann von verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der Weg eines Strebenden muß sich jederzeit individuell bestimmen, nach Gemüthsart, Geisteskraft, Charakter. Ein Jeder muß sich den ihm am besten zusagenden Weg nach eigener Erkenntniß wählen, ohne damit das Recht zu erwerben, andere Wege, als den seinigen, als falsche zu verketzern. Das ist ja selbstverständlich. Die Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen verschiedenartigen Ideenkreis.
— Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder seinen Ideenkreis in voller Freiheit.
— Die Fähigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer hinein zu versetzen und dann erst zu beurtheilen, ob diese betreffenden Anderen den kürzeren oder den weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du, das ist wichtig.
— Ja, sehr.
— Und wer diese Fähigkeit hat, der ist weit entfernt von rechthaberischem Absprechen, von prahlerischem
Weisheitsdünkel, von der dummen Meinung, alle echte Erkenntnis für sich allein gepachtet zu haben.
— Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen, Maikka! Worauf erstrecken sich die Vorträge in Euren Volkshochschulen?
— Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und Kunst des eigenen Landes, dessen Verfassung und gesetzgeberische Entwicklung.
— O, Entwicklung, verpöntes Wort in unserem heiligen Teuta.
— Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie, Mathematik, Gesang. Außerdem werden praktische Arbeiten in den Werkstätten, in Haus, Feld und Garten und so weiter geübt. In den geschlossenen Kursen werden Abends einige Theile des Vorgetragenen einer ungezwungenen allgemeinen Besprechung unterzogen. Dadurch lernen die Schüler eine Sache von mehreren Gesichtspunkten betrachten und ihre Gedanken deutlich ausdrücken. Der Unterricht ist überall für beide Geschlechter gemeinsam, auf allen Lehrstufen und in allen Schulkolonien. So bleibt der Geist natürlich, gesund und rein, die Menschen überheben sich nicht gegenseitig. Sie genießen den vollen Segen der Arbeit. Keiner betrügt den Anderen um die Früchte seines Schweißes, wie es in jenen ruchlosen Zeiten war, wo einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl nur der Hungerlohn zum „Existenz-Minimum“ gehörte. Jetzt schafft Einer für Alle, und Alle für Jeden, sie sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle Pflicht und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner
Wohlstand, keine blühenden Genossenschaften, kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute hier oben beten unsere Heimath an!
Grege schritt still, gedankenvoll.
— Ja wir verehren unseren Boden, wir haben Ehrfurcht vor unserer Natur. Wenn ein Bauer einen jungen Wildling veredelt, entblößt er das Haupt, wenn er einen alten Baum niederschlägt, entblößt er wieder das Haupt. Der Landbau ist eine heilige Kunst. Wer den Pflug gut zu führen und eine schöne Furche zu ziehen weiß, ist so gut ein Künstler wie der, der ein Bild malt oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense schwingt und eine Mahd gefällig hinlegt, oder einen Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so bedeutend in der Kunst, wie der Tänzer oder wie der Sänger oder wie der Architekt. Die Kunst, das ist die Seele des Volks. Und ein Volk kann nie genug Seele haben und nicht genug Freude, sich darüber zu freuen. Siehst Du, Grege, drum freu’ ich mich allweil so unbändig.
— Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend in sich hinein.
Er fühlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf ihn überstrahlte. Es war wie ein lohender Brand, und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der Flammenzone.
Rasch führte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete die Stelle, wo Jala’s Blutstern war. Verblaßt, verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in die Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken.
In seiner Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein Licht, das im Dunkel seinen Gefühlen leuchtet, damit sie nicht in Irrniß gerathen.
Und Grege küßte heimlich die kleine Stelle an seiner Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger.
Dann blickte er froh beglückt in Maikkas leuchtendes Angesicht.
— Warum sprichst Du nicht, Grege? Schläfst Du — oder bist Du hungrig?
— Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschön ist, was ich sehe, wunderschön ist, was ich höre. Es ist herrlich hier. Ich weiß nicht, wie ich Dir genug danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin.
Der Lobspruch klang wohl männlich und echt. Und am dankbaren Gemüthe des schönen, stattlichen Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft und Ueberschwang der Empfindung. Freilich, wo soll das herkommen, wenn man aus dem vertrackten Teuta stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mußte er denn das schülerhafte Achtungsgefühl in Alles hineintragen?
Sie waren jetzt in einer Gegend von entzückender Abgeschlossenheit. Hohe, breitwipfelige Bäume drängten sich zu beiden Seiten des Weges und überschatteten ihn so vollständig, daß Grege ein Frösteln über seine nackten Glieder laufen fühlte. War’s wirklich nur die Schattenkühle, was ihn erschauern machte?
In schweigender Betrachtung eilte er vorwärts.
— Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die
Meierei da oben! dachte Maikka und beschleunigte die Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine und Füße und fand, daß sie schön gewachsen und für einen körperlich wenig geübten Teutamann erstaunlich muskulös waren. Gute Rasse verrieth sein Leib in jedem Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im Wuchs konnte er neben dem gelungensten Nordikamenschen mit Ehren bestehen. Er war ein edler Recke in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich sprossende Blondbart stand ihm ausgezeichnet. Maikka hatte mit ihrem Gast keinen schlechten Fund gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen; denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend und reckend, um das Frostgefühl nicht merken zu lassen, bot er wirklich das Bild eines Helden aus der Wiege des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht verhehlen, daß sie jetzt nicht unaufgelegt wäre, mit ihm in das romantische Traumland der skandinavischen Mythologie zurückzuschwärmen, mit ihm Held und Heldin in göttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit ihm zu ringen und — sich von ihm überwältigen zu lassen. Jawohl, auch dies — vollkommen überwältigen. Ihn dann aber für seinen Sieg mit einem Sturm von Zärtlichkeiten zu züchtigen, daß ihm das heiße Blut dampfend aus den Poren spritzte.
Grege eilte, eilte —
Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen, riß den Mund auf, daß ihr Gebiß schimmerte, wie eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm mit bebenden Nüstern zu: — Halt! Gelehriger Schüler!
Weißt Du, wo Du wandelst? Weißt Du, wie ich Dich sehen möchte? Als reißigen Nordlandssohn, in Brünne, Bärenfell und Flügelhelm! Du — Dich!
Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert. Als gälte es, sich zu plötzlichem Kampfe zu rüsten, mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen, zehn Schritte vor sich. Grege stützte die Fäuste in die geschmeidige Hüfte, stemmte einen Fuß vor den andern, hoch hob er den Kopf auf dem starken Nacken: — Halloh, Maikka!
Sie streckte den linken Arm und wies durch die dunklen Stämme in die Lichtung gen Westen, wo das ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den Fjorden lag:
— Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende nordische Aar sieghaft über die Welt, über Fluth und Flur, sein Name schon erfüllte die abgelebten Völker mit Angst und Schrecken, daß sie bebten bis in die vermorschten Knochen, bis in’s Mark! Wiking, halloh, auf’s Drachenschiff! Wiking, los!
Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen Lachen.
Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den Fels umklammern, und die ohne Schwanken im Sturmestoben den Blitz erwartet.