Kapitel 15
Am nächsten Nachmittage, als die Sonne schräge Feuerpfeile durch die dunklen Stämme schoß, fanden sich Grege und Maikka wieder an der nämlichen Stelle ein, um ihre Wanderung fortzusetzen.
Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht seines Lebens zu Ende zu erstatten. Was er ihr gestern Abend erzählte, auch von Jala — daß sie blind geworden, verschwieg er ihr — schien wenig Eindruck auf sie zu machen. Sie verlangte auch nicht Weiteres zu hören.
Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht.
Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein spöttisch-mitleidiges Lächeln.
Seine königliche Abstammungs-Fabel von einem gefangenen Friska-Fürsten fand sie geschmacklos. Alles Dekadente berühmt sich seiner Abstammung und pocht auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzählung nur die Bemerkung hin: — Was liegt an Vorfahren? Daß man Vorfahr werde und Nachkommen habe, die die Welt mit Glanz erfüllen, daran liegt etwas. Vielleicht liegt auch an den Nachkommen nichts, wer weiß!
Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dünkte
ihr barok, um kein verletzenderes Eigenschaftswort zu gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich vor, hinsichtlich Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fühlen. Seine geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lückenhaft. Er gab seine Urtheile mit einem Wortprunk, der ihr als afterpoetisch und unwissenschaftlich zuwider war.
Den Hinweis auf seine nächsten Zukunftspläne nahm sie mit ironischem Kopfnicken auf: — Du willst auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein? Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schöpfer, wessen? Welchen Inhalt soll Deine Kraft, Deine Jugend auf der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein Inhalt?
Kurz, sie ließ kein gutes Haar an ihm.
Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie standen, wo sie gestern gestanden.
— Was hast Du heute gearbeitet? begrüßte sie ihn.
Grege schüttelte unmuthig den Kopf.
— Du sehnst Dich von hier fort?
Er schwieg.
— Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches Gestade. Zu den Angelos kannst Du jedoch noch in dieser Woche gelangen.
Grege wehrte heftig ab.
— Nächst Nordika ist Angela das einzige Land, das ich Dir empfehlen möchte. Du könntest dort viel lernen, doch schätze ich Dich noch nicht reif dafür. Willst Du nach Teuta zurück?
Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen seltsam entschlossenen Ausdruck an: — Noch nicht. Noch lange nicht, Maikka.
Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen aussprach, wie eine Liebkosung. Aber sie wollte jetzt keine Liebkosung aus seinem Munde.
Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland führte.
— Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier bebaut. Solche Blumen, Kräuter und Früchte sieht man selten.
Grege bejahte stumm.
— Vor hundert Jahren war’s nicht so. Der Boden ist trächtiger geworden. Vielleicht das Klima sogar milder.
Maikka deutete auf niedrige Birnbäume, die sich unter der Last der Früchte bogen. Quitten hingen über einen niedrigen Zaun, der die Gartenstücke abgrenzte. Von einem Spalier lachten Pfirsiche und Pflaumen aus dem Laub. Dann kamen zwischen den Baumgeländen Beete wie besät mit Reseda und Flammenblumen. Malven und Sonnenrosen glänzten in süßen Farben über den Zaun.
— Ihr habt wohl große Freude an den Blumen, in Nordika?
— Wir haben auch große Freude am Kohl, Grege.
— Und Ihr eßt von Allem?
— Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta schmeckt ja nur das Chemische, das künstliche Präparat, nicht das natürlich Gewachsene, nicht wahr?
— In Teuta! Geh’ mir mit Teuta, Maikka. Ich bin doch nicht Teuta?
— Nicht ganz. Aber ein großes Stück davon.
Sie schöpfte tief Athem.
Grege wollte die Pause benützen, eine Blume zu brechen.
— Laß das. Jetzt bricht man keine Blumen. Sag’ mir lieber: Was haben Deine Teutaleute eigentlich? Was für Hauptvorzüge des Geistes und Gemüths, meine ich.
Er fühlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses ewige Examiniren!
— Was sollen sie haben, das Andere nicht hätten? Vielleicht etwas mehr Humor, Maikka.
— Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden kaum.
— Nenn’ ihn Sinn für Ulk, wenn Du willst.
— Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn für Ulk. Du kannst davon singen und sagen. Dein Hinweis gestern Abend auf Deine öffentliche Stellung im Teutareich als — Ulkist! Zarathustraismus — Ulkismus!
— Maikka, es ist wirklich schade um die duftige Sonnenluft, daß wir sie mit solchen Gesprächen erfüllen.
— O, kümmere Du Dich um unsere Luft. Die ist reich und kann etwas abgeben. Oder ziehst Du vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht. Euer Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da fliegt das Wort. Fang’s! Und gleich noch eins, dann ist’s ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist ein Komödiant und zwar kein guter.
Grege fuhr auf: — Respekt!
— Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient. Das ist eins unserer Staatsgrundgesetze.
Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer verbitterter, dann herrischer, hochfahrender; sie immer schärfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie einen stärkeren Trumpf, an jeden Einser hängte sie eine Null, dann gab’s einen Zehner.
Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken schien.
— Den Komödianten brauchst Du mir nicht übel zu nehmen, Grege. Gesetzt, Deine Vorfahren waren Könige, oder wenigstens kleine regierende deutsche Fürsten, wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren — ich will einmal ein historischer Stegreifrechner sein, nach Teuta-Art, mit weitem Spielraum und elastischer Grenze — also wie sie damals an den Kanten des großen Preußenreichs noch herumblühten, ja, blühten, um kein anderes botanisches Wort zu wählen. Diese Deine Vorfahren machten einen Hof und hielten sich neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur Hofkomödianten waren, noch besondere Hofschauspieler. O, Deine Vorfahren, die Fürsten, zeichneten sie nicht wenig aus, ihre berufsmäßigen Hofschauspieler. Sie machten Hofschauspieler, wenn sie hübsche, anstellige Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren Frauen, oder traten persönlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe als Leiter, als Führer, und machten mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten sich als Musageten mit Ruhm, der für sie auf andere Weise nicht mehr zu gewinnen war. Glaubst Du, daß
ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika, wo man die Kunst am höchsten stellt? Glaubst Du, daß es in jenen Zeiten am Ende nicht besser gewesen, die Fürsten hätten sich mit dem Kunstruhm begnügt und die Kunst des Regierens Anderen überlassen? Und nun, Grege, hör’ mich ohne Zorn an: Achtest Du’s für ausgeschlossen, daß Du der Abkömmling — eines Abkömmlings eines jener Schauspieler-Fürsten sein könntest und daß Du gerade darum berechtigt wärst, auf die doppelte Erbschaft zu pochen? Ist das nicht verständig geredet, Grege? Hättest Du Grund in dem kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als Schmach zu empfinden, da er doch in jenem großen Reich von damals als unbezweifelte Ehre galt? Man muß nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen.
Grege hatte sich über den Zaun gebeugt und streifte mit der Nase schnuppernd an einer hochstengeligen Tulpe.
— Duftlos, lächelte er.
Maikka lächelte gleichfalls, indem sie auf seine Bemerkung einging: — Vorsichtiger ausgedrückt, Deine Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir künftig beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlägt’s ja nichts, aber unserer Nase und was als empfindlicher Mensch noch dranhängt, kann’s zu statten kommen.
Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene sanfte Liebenswürdigkeit grenzte, fuhr Grege im Weitergehen fort: — Ich möchte wissen, Maikka, giebt’s auch Blödsinnige in Nordika?
Maikka fand die Frage überraschend. Sie erwog sie einen Augenblick. Dann betrachtete sie forschend Grege’s Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie der Frageton ließ einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen.
— Blödsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur wenige.
— Taubstumme?
— Ich vermuthe.
— Blinde?
— Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene?
— Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht.
— Ja, Grege.
— Wo sind diese Bedauernswerthen?
— In einer besonderen Anstalt. Draußen, in der Nähe des großen Fjords.
— Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen?
— Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich hatte einen erblindeten Freund draußen.
— O, einen erblindeten Freund! Der Arme! Ist er nimmer sehend geworden?
— Doch, ich hörte davon. Er hat das Augenlicht wieder erhalten, zum Theil wenigstens.
Eine große Bewegung erfaßte Grege.
— Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar. Der glückliche Unglückliche, nein, nein, wahrhaftig, er wurde wieder sehend?
— Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt hörte.
Er mußte an sich halten, um im Uebergefühl der Ahnung einer gleichen seligen Möglichkeit für seine Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen und zu weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kämpfte die Wallung tapfer nieder.
— Und die näheren Umstände seiner Genesung? Maikka, sag’ doch!
— Weiß ich nicht. Er verließ bald die Anstalt und siedelte in einer fernen Gegend sich an, mit andern Freunden. Und so verloren wir uns aus den Augen.
— Sonderbar, sonderbar.
— Daß man sich, kaum sehend geworden, wieder aus den Augen verliert, Grege? Dies findest Du sonderbar?
— Ja, auch dies. Maikka, sprich, könntest Du mir die Anstalt draußen am großen Fjord einmal zeigen?
— Gewiß, an meinem nächsten freien Tag. In kommender Woche.
— Der Verkehr mit der Außenwelt, ich meine mit den Fjords und so, ist wohl schwer?
— O, Du kannst leicht allein hinauskommen. Bist Du sehr ungeduldig?
— Gewiß nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber warum soll ich Dir immer zur Last fallen?
— Du fällst mir nicht zur Last. Im Gegentheil, Grege. Und da sich nun einmal Alles so gefügt hat, möchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist fremd, ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom
Besuch in der Anstalt, möchte ich dabei sein, wenn Du unsern großen, schauerlich-schönen Fjord zum ersten Mal siehst. O, mach’ Dich auf ein ungeheures Schauspiel gefaßt, Grege.
— Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend heiß. Er riß sein Wams auf, daß die Luft über seine nackte Brust strich.
Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht von der Seite, im Gehen, und drückte sie innig.
Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand mit der ihrigen fest.
So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in heißen Gedanken.
Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu Herz in Seligkeit. Und jedes hatte einen anderen Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch nur eine einzige Wonne, ein einziges Glück, wenn auch in verschiedener Mischung und Färbung.
Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die sonnenverschleierte Ferne, er wendete den Kopf ein wenig seitwärts, von Maikka ab. Diese aber sah gierig an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom Haar beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zärtlicher Bewunderung: — Er ist schön, glühend schön, mein Grege — und ihre schwellenden Lippen feuchteten sich in dunklem Roth, als wäre süßer Thau auf sie gefallen.
Beide fuhren plötzlich erschreckt auseinander.
Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem
Satz — hopp! über ihre verschlungenen Hände hinüber und davon, feldeinwärts, mit Gebell.
— Wem gehört das streunende Thier eigentlich, Maikka?
— Dir, mir, uns Allen, hauptsächlich dem, der es am meisten lieb hat. Und das wechselt. Neulich wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite. Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergnügen, weißt Du.
Grege’s Gedanken waren schon wieder auf anderer Fährte.
— Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in die Anstalt?
— Wir kutschiren, Grege.
— Wie ist das?
— Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen und spannen ein Pferd vor, ein recht flinkes.
— Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch.
— Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal schöner, als das träge Hinausgleiten mit der Elektrischen oder das schläfrige Gondeln in der Luft.
— Aber es ist gefährlicher und wir verlieren Zeit.
— Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander sind? Ich bitte Dich! Gefährlich, was heißt gefährlich? Das ist schließlich Alles . . . für den Aengstlichen.
— Aber anstrengend muß das Kutschiren sein, nicht?
— Das ist ja das Schöne am Altmodischen, wie
Du sagst, daß es anstrengend ist. Sieh’ mal hinüber, dort hinter der Allee rutscht die Elektrische dahin, und wir gehen doch auch hier zu Fuß und schlendern und wählen uns Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren! Das wirkt stärkend auf Geist und Gemüth, das giebt Witz und Widerstandskraft, das stählt die Nerven. Du wirst hüpfen vor Freude, glaub’ mir, Grege.
— Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika. Diese Art der Weiterbeförderung bin ich gar nicht gewohnt.
— Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte das Belebende? Fühlst Du das nicht? Frag’ einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am Marschiren? Sind sie nicht vergnügt, daß sie sich an Allem kräftig betheiligen dürfen, was wir unternehmen?
Grege lachte.
— Frag’ sie doch, Du eigensinniger Mensch! Und Maikka lachte mit.
Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende Menschen auf. Von einem eingefriedigten Weideplatz schallte Muhen und Blöken herüber. Man hörte Sensen dengeln, Leute sich zurufen, Vögel singen.
Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie wählte einen, der, ganz mit jungen Birken umbuscht, gar still und heimlich war.
— Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt.
— Nun?
— Sie sind müde und hungern nach Ruhe.
— O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt ihr gefüttert werden. Die armen hungrigen Beine. Wartet, ich weiß ein Mittel.
Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete ihm die Waden, eine nach der andern, mit beiden Händen, energisch, durch Streichen, Kneten, Drücken, Klopfen, dann preßte sie ein Knie um’s andere und schlug lachend mit der Handschneide in die Kniekehle, daß Grege einknickte.
Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt.
— Hör’ auf, Maikka, das schmerzt ja. Gräßlich schmerzt’s.
— Nachher wird’s Dir wohl thun. Gieb mir die Hände, heb’ mich auf. Und nun vorwärts!
Grege riß sie so stramm auf, daß sie an seinen Leib flog und einen Augenblick an seiner Brust lag.
— Maikka, was müssen die Leute denken!
— Daß Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend voraus: — Hier giebt’s übrigens gar keine Leute. Nur Blumen, Bäume und liebes Vieh.
Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden Waden rieb, duckte sich Maikka auf den Boden und machte sich klein, ganz klein, zu einem Häufchen.
Wie ein spielendes Mädchen rief sie neckisch: — Allahopp, Fox, über mich hinüber! Eins, zwei — drei!
Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres Auges, ihrer Stimme und Stellung war so groß, daß Grege einen Anlauf nahm und über das kauernde Weib hinwegsetzte. Seine Fußfohlen streiften ein wenig ihre elektrischen Haare.
Sie sprang auf, klatschte in die Hände: — Himmlisch! Aber jetzt müssen wir ernsthafte Leute sein und wieder vernünftig reden. Hast Du mich lieb, Grege?
— Ist das vernünftig geredet?
— Enorm, wenn Du ja sagst.
Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein rothes Kätzchen über den Weg, eine piepsende Maus im Mäulchen.
— Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der Arbeit.
— Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien todt.
— Sie verdient’s nicht besser. Ich habe Freistunde. Und Du lernst doch was unterwegs, Du dummer Mensch, nicht? Mach’ die Augen auf, jetzt wird’s interessant.
Und voll unerschöpflichem Uebermuth griff sie ihm am Nacken hinauf und packte seinen Kopf und drückte ihn nach links.
— Was ist das dort, Grege?
— Ein Haus.
— Gut geantwortet. Ein Haus. Und was hat das Haus?
— Ein Dach, Fenster, eine Thür.
— Sehr gut geantwortet. Und zur Thür treten wir ein.
— Durch die Thür, Maikka, nicht zur Thür.
— Himmel, macht der Schüler Fortschritte. Jetzt ist er schon über seinen Meister und korrigirt ihn.
— Nicht Meister, Meisterin, mit Verlaub.
— Wer sagt Dir, Grege, daß ich eine Meisterin bin, also ein Weib? Bin ich denn ein Weib? Was weißt Du vom Weibe? Dann müßtest Du ja ein Mann sein! Bist Du ein Mann? Dann müßtest Du ja das Weib lieben! Und Du liebst mich ja nicht. Also!
— Das ist eine tolle Geschichte, murmelte er erhitzt.
— Nein, das ist keine tolle Geschichte, das ist ein logischer Schluß, Du verzauberter Prinz aus Märchenland.
Und sie schritt hart an seiner Seite und drängte ihn mit einem Druck, ihrer Schulter links vom Pfad in einen langen Gang von wilden Weinranken, der gerad auf das Haus zuführte. Sie hielt plötzlich vor Grege still und hauchte in fieberhafter Erregung, athemlos: — Gieb mir einen Kuß. Ich verdurste.
Und er küßte sie auf die duftigen Haare und auf die Stirn.
Sie aber schlang sich an seinem Körper in die Höhe, suchte seinen Mund mit ihren Lippen und saugte sich daran fest.
In jäher Leidenschaft loderte Greges Blut. Er preßte Maikka, daß sie aufschrie und zu Boden fiel, wie er plötzlich die Arme öffnete.
Als er sich den Mund wischte, fand sich Blut an seinen Händen, an der Stelle von Jalas Stern.
— Du bist eine Wilde, knirschte er.
— Du bist ein, Starker, stöhnte sie am Boden. Ich fürchte, Du hast mir weh gethan.
— Wer wohnt in dem Hause?
— Niemand außer Ingeborg, meiner Großmutter. Willst Du sie kennen lernen? Dann komm! Heb’ mich auf, ich bitte Dich.
Er nahm sie auf seine Arme und trug sie wie ein Kind, festen Schritts durch die Laube über die Schwelle. Da stellte er sie nieder.
Die Thür war offen. Niemand in der Wohnung. Die Stube ganz einfach, sauber und behaglich, wie in Erwartung lieber Gäste. Durch die Fenster ein Blick wie ins Paradies. An den Wänden ein paar seltsame alte Bilder und Uhren, auf dem Sims altes, blaues Porzellan und mattglänzende Zinngefäße. Ueber einem großen, tiefen, lederbezogenen Lehnstuhl ragte das Bild einer gravitätischen alten Dame, mit einer wunderbaren großen Haube von blendendem Weiß.
— Das ist Großmutter. Das Bild ist von mir gemalt. Gefällt es Dir? Ich werde Dich auch malen.
— Aber nicht so.
— Nein, du bekommst keine Haube. Du bekommst einen Flügelhelm. Nun setz’ Dich in den Großvaterstuhl und raste, Du Starker. Hast Du Hunger?
Er bejahte und verneinte zugleich.
— Der Mundvorrath wird knapp sein, lächelte sie mit stechend glänzenden Augen, die immer größer zu werden schienen, als wollten sie ihn verschlingen.
— Der Mundvorrath, was ist das? fragte Grege.
Und Maikka warf sich über ihn und schlüpfte förmlich in ihn hinein und küßte ihn, als wollte sie ihm die Seele aus dem Leibe küssen.
Und Grege ließ sie gewähren.
Denn sie gehabte sich, als sei außer ihr und Grege jetzt Niemand auf der Welt.
Außer dem berauschend süßen Duft der Blumen, der vom Garten durch Thür und Fenster fluthete, schien wirklich in diesem Augenblick nichts Lebendiges da zu sein. Und wie eine immer dichtere Wolke von Wohlgerüchen umhüllte der Athem der tausend Blumen das einzige Menschenpaar, daß es aus seliger Betäubung kaum mehr erwachte.
Als das Irdische wieder sein Recht forderte und die Seligen aus dem Himmel wieder zurück auf die Erde kamen, etwas ermüdet von der weiten Reise durch den Aether, fanden sie sich immer noch allein in der Stube.
— Ich erinnere mich jetzt, Großmutter Ingeborg ist zu dieser Zeit nie daheim, wenn sie wohl ist. Und die Glückliche ist nie unwohl. Nun will ich die Wirthin machen.
Maikka verließ die Stube und kam mit einem Krug Milch und einem großen Pfefferkuchen zurück.
— Hier, Grege, lass’ Dich erquicken. Ich bin schon lange nicht mehr so glücklich gewesen. Und Du?
Grege schüttelte mit irrem Lächeln den Kopf, dann nahm er aus Maikkas Händen den Krug und that einen tiefen Zug.