Kapitel 18

Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute wieder ihren lachhaften Tag. Nichts Ernsthaftes verfing bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er wollte. Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen im Leben und Denken, im Schaffen und Schalten hatte sie nur die eine Antwort: Du bist ein Narr — Alles kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der Freudlosigkeit gewalzt wird, ist Blech. Grege, noch einmal, wenn Du mich anmoralisirst und anphilosophirst, so nehme ich all’ meinen Muth zusammen und verachte Dich, Amen.

Und dann brach das Lachen los. Eine ganze Symphonie, ein ganzes Konzert, eine ganze Oper, ein ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter Lachtönen. Und wie sie ein anderes Register zog, da klang’s bald wie ein Choral, bald wie ein Schelmenlied, bald wie Lerchentriller, bald wie Amselruf, bald wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer schön bei aller Tollheit.

Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des Lebens harter Pflicht wacker gekämpft. Zunächst in aller Frühe geschwommen und geturnt mit einigen

Schulschützlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen erhalten, dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen beigewohnt zur Festsetzung des Arbeitsplanes für die nächste Woche, in der sie sich zum Ausflug an den Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen mußte, dann am Nachmittag in der Volkshochschule ihren großen Vortrag über die Betheiligung der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann noch Dieses und Jenes, wobei sie ihren ganzen Kopf einzusetzen hatte.

Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und Abend frei. Und für sie gab’s nichts Inhaltsreicheres als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege wußte davon zu sagen.

— Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau, rief sie und schleppte ihn auf den Thurm und auf die Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt „Liebesgarten der Abgeschiedenen“, wo die Asche der Abgeschiedenen auf die Beete gestreut wird und ein herrlicher Rosenflor weithin seine Düfte sendet, gleich letzten süßen Liebesgrüßen) und in die unterirdischen Werkstätten (denn alle Hantirungen, die mit störendem Lärm, Gepoche und Gehämmer verbunden waren, mußten abseits von den Häusern in kellerartigen Räumen verrichtet werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus und in eine Haushaltungsschule, wo es nur so von weißbeschürzten, rothwangigen Mädchen schwirrte.

— Hast Du die Mädchen gern, Grege? Lieber als die Buben? Wie viele könntest Du einmal lieben

von ganzer Seele, sag’? Wie groß ist Euer Herz in Teuta?

Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung, oft wußte er dem Ansturm des Kobolds gar nicht Stand zu halten.

Merkwürdig war es für ihn, zu beobachten, mit welcher Gewandtheit dieser Neckgeist die Uebergänge in die verschiedensten Gefühls- und Aeußerungsweisen fand, je nach der Umgebung und dem zufällig mehr oder weniger freiwilligen Zuhörerkreis. Ohne Komödie oder erzwungene Heuchelei, völlig aus einem überreichen Anpassungsvermögen heraus und aus lebendigster Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war überwunden wie alle lähmende Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute unter sich waren wie ein reingestimmtes Instrument, wo sich Alles zu Akkorden fügt, je nach dem angeschlagenen Grundton, je nach der durchklingenden Tonart. Und wo ja einmal ein Mißton aufzitterte, da antwortete eine kluge Pause, bis es wieder stimmte.

Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten Teutamann, in welchem so viel Dogmatisches, Verbohrtes, Pathetisches verschlüpft steckte, das nicht auszutreiben war, griff Maikka zuweilen fehl und traf nicht den gesuchten Ton. Da konnte sie dann herrisch aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des Ausdrucks sich fortreißen lassen, daß Grege verblüfft war.

Dankbar fühlte er, wie unendlich viel er von dieser urwüchsigen und doch so verfeinerten Frauennatur lernte. Neue Horizonte eröffnete sie ihm, neue Erkenntnißquellen, davon er in seiner Teuta-Beschränktheit seither

keine Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und Herzensfrühling, und wenn er über sich und seine frischaufgeschossenen Pläne und Zukunftshoffnungen nachdachte, stieg er in sich selbst herum wie in einem blühenden Wunder. Jetzt erst glaubte er an sich, an seinen besonderen Beruf, in der Fülle der Klarheit, die in Nordika über ihn gekommen war. In seinen Gedanken fügte sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich zu einem hellen Ganzen verbanden, nicht mehr zerrissen, nicht mehr verschwimmend, sondern zusammengehalten wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft durchgriff bis zum äußersten Kreis.

Aber lachen, lachen wie Maikka — nein, das würde ihm und seinen Teutaleuten wohl nimmer gelingen. Das setzte Siege über so wesentliche Teuta-Thorheiten voraus, daß noch Generationen daran sich die Zähne ausbeißen mußten. Nur das stand ihm unverrückbar fest, daß der Kampf jetzt begonnen werden mußte, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte Alles gährend durcheinander in seinem Gefühle, wenn er sich all’ die Widerstände und Verwicklungen ohne Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden, je näher die Zeit der That rückt. Erst im Angesicht der Ereignisse selbst fallen die besten Entscheidungen. Hinein — und durch!

— Sag’ mir, Maikka, wer sitzt in Nordika über Euch zu Gericht, ich meine, wer entscheidet zum Beispiel über die Bedeutung eines Lehrers oder einer Lehrerin?

— Nun aber die Frage! Darüber kann doch vernünftigerweise nur ein Gericht und kein anderes entscheiden,

und das sind die Schüler. Wo in aller Welt könnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch über die Befähigung eines Schneiders? Doch nicht ein Kollegium von Schneidern? Doch nur Diejenigen, welche sich das Maaß nehmen lassen und das Schneiderwerk an ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch nur von Denjenigen gerichtet werden, an denen er sein Werk ausübt, nicht von Denjenigen, die mit ihm das gleiche Werk ausüben, denn die möchten aus irgend einem begreiflichen Hintergedanken heraus an dem Werke ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mäkeln haben. Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort Euern Teuta-Idealen und Staatsweisthümern wider den Strich? Wer entscheidet in Teuta über die Lehrer?

— Der hohe Oberlehrer, der Hüter des heiligen Wortschatzes.

— Da kommt ein Graben, gieb Acht, daß Du nicht auf den Bauch fällst und Dir dabei das Genick brichst.

Und sie lachte über diese „Teuta-Möglichkeit“, daß sich ihre Hüften bogen. Es war auf dem Wege zur Fohlenwiese.

— Schau’ dort das Mädel, Grege, roth wie eine Rose. Wer sitzt über die Rose zu Gericht? Eine andere Rose?

Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden gelehrigen Schülerton: — Die Nase, die daran riecht, das Auge, das sich an der Farbe entzückt, die Finger, die schmeichelnd daran tasten . . .

— Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka im gleichen Ton, und sie fand den Spaß sehr gut. So viel Laune hätte sie heute dem ernsten Staatsdenker Grege wahrhaftig nicht zugetraut.

Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft über die verschiedensten Gebiete, freuten Grege. Und wie die Mückenschwärme in der sonnigen Luft, so tanzten die Gedanken in seinem Kopf.

— Du, Maikka, wie ist’s in Nordika mit dem Kinderzeugen?

— Frage die Mütter auf der Fohlenwiese. Wir werden gleich dort sein.

— Halten’s die Menschen hier wirklich auch so? Wer hat, der giebt, und wer empfängt, der richtet sich darauf ein?

Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu werden. Maikka hingegen zog es vor, jetzt ernst zu bleiben. Das heißt, sie zog es eigentlich nicht vor, es kam ihr so.

— Bei einem natürlich gebildeten Volk, das auf sich hält, besteht die freie Wahl-Liebe, nicht wahr? Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf längere oder kürzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknüpfen mag, ist Sache des Gefühls und der wirthschaftlichen Erwägungen. Leuchtet Dir das ein, Grege?

Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen, denn plötzlich fühlte er, als Teutamann, bei dem verhaßten Zustand in seinem Lande, brüchigen Boden unter den Füßen. Er wollte die Szene von neulich nicht noch einmal heraufbeschwören.

— Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles Gewächs.

— Sicherlich, Grege.

— Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor ein und zwei tausend Jahren, wie es die Geschichte ausweist, ging’s ein wenig kraus zu.

Maikka brauste auf:

— Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging’s zu, unsinnig bis zum Ekelhaften. Mit der damaligen Auffassung von Liebe und Ehe waren doch alle Naturbegriffe gefälscht und alle Moralbegriffe obendrein. Sie hatten’s auch dafür. Wenn man an ihre Ehe-Dramen denkt, fragt man sich, in welchem Tollhaus die Vernünftigen und in welchem Schweinestall die Sittlichen gelebt haben. Und darauf hatten sie noch ein kirchliches und ein staatliches Patent. Neunzehntel aller Sorgen, Quälereien und Lumpereien einerseits, aller Poetastereien und Gefühlsquaseleien andererseits drehten sich um ihr „Ewigweibliches“, was in ihrer Lebenspraxis doch nur ein Ewigabgeschmacktes war. Dazu hatten sie ihre „Frauenfragen“ jahrhundertelang, und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive und aus dem Gegensatz der Geschlechter und ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette abzunehmen und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lösung kamen sie nicht.

— Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil sie ihre Natur verloren hatten. In Nordika habt Ihr gut reden. Ihr wißt nicht, wie schwer man sich mit

der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten in allen Stücken mit ihr auseinander ist.

Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der Nase. Er strauchelte über einen ersten und fiel über einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war.

Maikka wußte nicht, wo hinaus vor Vergnügen.

— Siehst Du, wie schnell man die Natur findet, wenn man die Kultur übersieht!

— Wie man nur so über Alles lachen kann, Maikka! Ich habe mir wirklich am Schienbein weh gethan.

— Kränkt sich das Schienbein, wackelt die Wade vor Schadenfreude. Warum soll ich nicht lachen? Lacht nicht auch der Himmel über uns?

— Er hat auch schon über uns geweint, fürchte ich.

— Und wird’s hoffentlich noch öfter thun, auch wenn wir ihm keine Veranlassung bieten, aus freien Stücken.

Hinter einer mächtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese. Es waren nur einige ältliche Stuten in der Nähe, die faul am Boden lagen, während sich die Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rücken spiegelte. Weiter drüben tummelte sich das jüngere Pferdevolk.

Maikka fand schnell den Eingang. Mit Händegeklatsch und Zuruf jagte sie die Thiere auf. Bevor ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte sie sich bereits auf den Rücken des ihr zunächst stehenden Pferdes geschwungen.

Sie saß rittlings, knotete sich mit der rechten Hand in die weiße Mähne und wendete sich nach Grege um.

— Mir nach, Grege!

Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr braunes Röckchen flatterte. Ihre nackten Arme und Beine leuchteten.

Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte sie ihn völlig verrückt machen? Das Schauspiel war ja an sich ganz lustig anzusehen, diese galoppirende Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er würde sich jedoch hüten, ihr nachzumachen und den Hals zu riskiren. Die anderen Stuten betrachteten ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie fort, Maikka nach.

Maikka ritt drüben mitten in die weidende Heerde, sprang ab und schwang sich auf ein anderes Pferd, das sie als das Leitroß erkannte. Ihr Lieblingspferd war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger Berufserfüllung. Das war nämlich der Zuchthengst, ein herrlich edler und intelligenter Kumpan, unter dessen ritterlicher Obhut die gesammte Fohlenwiese stand. In seiner Abwesenheit führte das Leitroß, gleichfalls ein tadelloses Thier, das Regiment.

— Wohin Du mit mir willst, vorwärts! Hipphipp!

Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzäunung, und der ganze Trupp hintendrein mit Gewieher und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt, der erschreckt zurückwich.

— Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene Mythologie. Magst Du Dich zu mir aufsetzen? Willst Du’s griechisch oder altnordisch?

Grege mußte ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah

prachtvoll aus. Verklärt animalisch. Wie ein höheres Thier. Und er hätte wahrhaftig etwas darum gegeben, wenn er sich fähig gefühlt hätte, sich zu ihr aufzuschwingen und mit ihr einen Ritt zu wagen.

Mit jähem Gedankensprung warf ihm Maikka die Frage zu: — Hör’, Grege, kannst Du Dir Deinen Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Roß denken? Nein? Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom Rücken eines edlen Rosses auf die Welt hinabgesehen, wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der aufgehenden Sonne entgegen, der untergehenden Sonne nachgeritten? Er hat nur Phantasieflüge gemacht, ohne Schluß und Schenkeldruck? Das Pferd gehörte nicht zu seinen heiligen Thieren?

— Was Du für Einfälle hast, Maikka. Zarathustra hoch zu Roß, die Umwerthung der Werthe zu Pferd!

— Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um. Alle weltbewegenden Offenbarungen wurden der Menschheit vorgeritten, das Christenthum auf einem geduldigen Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen Araber. Und Dein Zarathustraismus kommt zu Fuß?

Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte ihr die Hand. Sie glitt vom Pferde in seine Arme.

— Das viele Lachen hat mich dumm gemacht, wahrhaftig. Plötzlich fühle ich meinen Kopf so leer. Laß uns den Heimweg suchen.

Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm schweigend im heraufziehenden Abendfrieden.

Sie war wie verwandelt.

— Ueber Zarathustra, fing sie später leise an, aber es war doch, als klinge wieder ein verhaltenes Lachen durch, — über Zarathustra muß ich mit Dir noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die ich aus Deinem Kopf vertreiben muß. Kennst Du den vollständigen Zarathustra?

— Die hauptsächlichsten seiner Reden, ja. Alle zu lesen wird in Teuta nicht für gut gehalten. Auch von den Kommentaren sind uns nur wenige erlaubt.

— Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek kannst Du Alles finden. Aber sag’ mir, was weißt Du von seinem Leben?

— Nicht mehr, als unsere Autoritäten verkündigen. Er lebte um die Wende des zweiten Jahrtausends. Er war ein Heiliger und ein Märtyrer. Erst fünfhundert Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei Lebzeiten mußte er sich wahnsinnig stellen, um seinen Henkern zu entgehen. Nachdem er gestorben war, hörte man noch fünfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge murmeln, und über seinem Grab sah man bei Tag seinen dunklen Schatten und bei Nacht seinen lichten Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt.

— Das glaubst Du Alles buchstäblich?

— Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann.

— Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich? Daß er Euch Teutaleuten die Köpfe verdreht hat und daß Ihr, als Gegenleistung, ihm seine Lehre, soweit sie vernünftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also?

— Er hat den damals mächtigsten Papst der

Welt, einen Musikzauberer, der in Bayreuth einen Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt, in einer mit Blut und Galle geschriebenen Schrift „Der Fall Wagner“, die seitdem verschollen ist, weil die Verbündeten des Zauberers alle vorhandenen Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben. So stark wirkte die Schrift, daß der Zauberer seinen Tempel verließ und nach Italien floh. Dort trat ihm Zarathustra persönlich entgegen und setzte ihm so stark zu, daß der in die Enge Getriebene keinen Ausweg mehr wußte, als sich aus einem Palast in Venezia in das Meer zu stürzen. Aber selbst im Meere ließ ihm Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam durch alle Meere, um die ganze Halbinsel Italia herum, bis er an der Sirenen-Insel angeschwemmt und neben den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem Alterthum, Vergilius, bestattet wurde. Später gruben ihn die Gläubigen wieder aus und bestatteten ihn heimlich in seinem Tempel in Bayreuth.

— So lehrt Euere historische Wissenschaft in Teuta? Das läuft Dir wie Auswendiggelerntes über die Lippen. Hast Du darüber auch nachgedacht?

— Man braucht wohl nicht Alles buchstäblich zu glauben. Aber das ist die Lehre unserer ersten Autoritäten.

— Das läßt sich hören. Erzähl’ weiter. In diesem Ton. Er sei ein Heiliger und ein Märtyrer gewesen, lehrt Ihr. Wie begründet Ihr das?

— Zum Heiligen macht ihn nicht bloß sein beispielloser Wahrheitsmuth, sondern auch sein enthaltsames

Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, und die Gelehrten und Ungelehrten vertilgten täglich und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen dieser giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum allgemeinen Aergerniß. Namentlich die Leute waren wüthend auf ihn, die diesen Trank in riesigen Fabriken oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und damit fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten besondere Bierbahnen um die ganze Erde gebaut, so daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte. Diese Leute verfolgten den bierfeindlichen Zarathustra bis auf’s Blut und hetzten ihn von Land zu Land. Endlich entfloh er ihnen in’s Hochgebirg, in die Eiswüsten der Alpen. Er führte stets einen Becher bei sich, aus den Quellen oder von der Milch der Gletscher zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. Die übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere zu, Adler und Schlangen. Gehaßt und verfolgt wurde er auch von den Frauen, die nur um der physischen Wollust willen stets die Männer um sich haben und sie als Werkzeugsthiere für ihre sinnliche Befriedigung unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten kannte man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur die Zwangsehe und die Prostitution. Diesen Einrichtungen trat der heilige Zarathustra entgegen, wie einem giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den zermalmenden Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen jener Zeit hing er die Tafel auf: „Es ist besser in die

Hände der Räuber, als in die Träume eines brünstigen Weibes zu fallen.“ Einige alte Jungfrauen, die seine Lehre billigten, folgten ihm nach und verließen ihn nicht, so lang er in der Ebene und in den großen Städten weilte, unter den gefährlichen, ausschweifenden Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht.

— Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast Deine historischen Autoritäten gut inne. Und welches war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der Lehre der Teutaleute? Sag’ Dein Sprüchlein zu Ende!

— Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein Geist in den Leib eines mystischen Mechanikers und tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der griechischen Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch lange in schrecklichen Schriften. Die Jugend war Feuer und Flamme für ihn. Die Alten versuchten ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß sie von den Jungen nur verlacht wurden, ließen sie’s und schüttelten betrübt die Köpfe. Von Staatswegen, im Interesse von „Thron und Altar“, wie damals die Formel lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen umzubringen. Allein das gelang auch nicht. Körperlich konnte man seiner nicht habhaft werden, weil er die Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln.

— Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte?

— Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen von der Erde verschwundenen Volksstamme der Polen. Und hier beginnt schon unser Mysterium. Der Name Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre öffentlich

ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und zwar nur von mir . . . das heißt, wenn ich dabei bin . . . wenn ich wiedererscheine . . .

— Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. Ich fürchte, ich fürchte . . .

— Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege zärtlich, in kindlicher Sprechweise, wie sich selbst unbewußt.

— Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden Geiste, der sein Ende nahen fühlt, in mich gefahren. Wenn ich ihn beherberge, werde ich gleichfalls Schrecken wirken müssen. Sag’ mir noch eins: Welche Zarathustra-Lehre stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen Systems?

— Die geheimnißvollen Gegensätze: „Man soll die lieben, die Gewalt haben.“ „Man soll alles überwinden, was Gewalt hat . . .“

— Nun wohl, Teutamann, schaff’ Dir Gewalt an, und ich werde Dich lieben. Versuche Gewalt über mich zu haben, und ich werde Dich überwinden. Gut Nacht.

Und sie riß sich von ihm los und eilte davon, wie von Gespenstern gejagt.

Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm senkte sich die Finsterniß des Himmels herab auf die purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit schmerzlichem, allmählichem Erwachen, als wäre der Leib von der Seele verlassen gewesen und müßte sich erst Alles wieder ineinander finden. Was hatte er vorhin erzählt? . . . War das Erträumtes, Erdachtes,

Erinnerung an einst Erlebtes, mit späteren Lehren und Phantasien und zugeflogenen Irrthümern Vermischtes?

Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten.

Grege wußte lange nicht, wohin sich wenden. Es war ihm, als hörte er ein gellendes Lachen in den leuchtenden Lüften, wie an jenem Abend, da ihn Maikka auf das Drachenschiff beschied.