Kapitel 20

Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen zum großen Nationalfeste und was damit zusammenhing — und was hing bei den herrschenden Einrichtungen nicht damit zusammen? — ihren Fortgang genommen.

Ihren Fortgang!

Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und mit besonderem Glanze unter dem glorreichen Regimente Aos und seiner Hoheits-Genossen alle Staatsangelegenheiten ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum. In Schlangenlinien. Im Zickzack. Im plötzlichen Schuß mit plötzlichem Zurückweichen und Stehenbleiben: Was war’s — was nun? In Auf- und Abschwüngen. Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht. Im Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft.

Der kleine, geschmeidige, zähe Soundso nannte das boshaft „Die Politik des altneuen Kurses.“

Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder lebendig gewordenen Minus hat ihn übrigens im hohen Rath zum berühmtesten, einflußreichsten und gefürchtetsten Mann gemacht. Es war sein gelungenster Meisterstreich.

Sein eigener Meister Titschi ist darüber vor Neid todtkrank geworden.

Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren, für den genialen Entdecker ein starkes Stück.

Ao entschloß sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur, und zwar zu einer radikalen, mit heimlicher Auslandsreise, nach dem damals in der bewohnten Welt berühmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen und zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und Wunderstadt im Süden. Die Ruinen stammten von dreihundertfünfundsechzig Tempeln und einem Nothtempel für den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in den Schaltjahren, und die hohen und weitläufigen, von amerikanischen Alterthumsforschern bereits labyrinthartig durchschnittenen Scherbenberge entstammten den unzerstörbaren Resten von Milliarden von litergroßen Gefäßen, in welchen in der deutsch-christlichen Vorzeit die Trankopfer dargebracht wurden. Dargebracht einer Gottheit, die seit der Zerstörung ihrer Heiligthümer nur noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten Literatur-Fragmenten, genannt das „Kommersbuch“, Abtheilung „Kneiplieder“, fristete. Die Hüter des heiligen Wortschatzes in Teuta ließen jedoch diese Literatur-Fragmente um ihrer aufrührerischen Tendenz willen niemals in die Hände der Jugend gelangen. Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nächten manchmal in diesen bedenklichen Blättern und mußte diesen gelehrten Genuß regelmäßig mit einem argen Kopfweh am nächsten Morgen büßen. Auch wenn ihn unerwiderte Liebe gepeinigt, flüchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem zu kuriren, gern zu seinem „Kommersbuch“. Einige sprachliche Formen, die keine Philologie mehr

zu erklären vermochte, wie „Krambambuli“, „Jupeidi, jupeida“, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren der heiligen Tempel-Liturgie der Oberpriester angehörten, fesselten ihn oft dermaßen, daß er Herz- und Hüftweh darüber vergaß.

Der große Minus! Nun war er wirklich todt, und nur dem außerordentlichen Diplomaten-Geist des Soundso war’s gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt im hohen Rath vorzuführen und damit das ganze Kollegium zu revolutioniren.

Die große Noth der Regierenden in ihrer unzulänglichen Weisheit und der dämonische Ehrgeiz des Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht, der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht worden war. Und wie jeder geniale Gedanke, war er so naheliegend und so verblüffend einfach: Man ersetzt die abgängigen Kapazitäten durch elektromagnetische Automaten — und der Staat ist gerettet.

Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und alle technischen Täuschungs-Fertigkeiten auf der höchsten Blüthenstufe angelangt sind, ist es doch fürwahr keine Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komödianten?

Zuerst führte Soundso seinen leichenblassen, Geistergrüße flüsternden Minus-Automaten vor. Die Wirkung ließ, wie erklärlich, nichts zu wünschen übrig. Hierauf ließ er den Mann in der Kraft und Würde seines Oberlehrerthums fabriziren, wie ihn das Volk verehrte, und mit jenen Redensarten im Leibe, vor denen sich

das Volk stumm verneigt wie vor Orakeln. Der Phonograph hatte eine Menge solcher Staatssprüche aufbewahrt, zu beliebigem Gebrauche, je nach der augenblicklichen Nothdurft: „Wissen ist Macht, Bildung macht frei“, oder „Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben“, oder „Ich bin müde, über Sklaven zu herrschen, der Geringste im Lande steht meinem Herzen so hoch und so nahe, wie mein leiblicher Bruder“, oder „Wer dem Interesse des Staates zuwiderhandelt, der verdient zerschmettert zu werden“, oder „Wem’s im Teutareiche nicht behagt, der blase den Staub von seinen Pantoffeln, und es wird ihm wohler werden“.

Gewiß, die Hoheiten, nachdem sie sich von der ersten Verblüffung erholt hatten, fanden am Werke Soundsos Allerlei auszusetzen. Kaspe, der Oberrichter, fühlte ein Frösteln von der Brustwarze bis in den kleinen Zehennagel: Bestand nicht die Gefahr, daß man mit dieser fürchterlichen Technik schließlich die gesammte Jurisprudenz und Rechtspflege automatisire, so daß der ganze Richterstand, soweit er sich noch auf lebendiges Blut, Haut und Knochen berufen kann, um seine Existenz gebracht wäre? Lauter billige, unbestechliche, unfehlbare Automaten auf den Richterstühlen, wäre das nicht das Ende aller Herrlichkeit?

Der kluge Kaspe piepste natürlich diese intellektuellen Angstprodukte nicht heraus, sondern bemerkte bloß fachmännisch: — Das will Alles noch wohlerwogen und an unserem überlieferten Rechtsbestande gemessen sein. Jedenfalls würde diese Neuerung die Erlassung von bezüglichen Verordnungen und Schutzmaßregeln erheischen.

— Wirklich erheischen, Hoheit Oberrichter? fragte Hoheit Oberpriester Ao, der von der Idee der Entfettungskur rasch zurückgekommen war. Wir halten doch die ganze Geschichte vor dem Volke geheim, absolut geheim. Wir sagen nicht: Das ist der Automat Minus, das ist — gestatte das Beispiel — der Automat Oberrichter. Bewahre! Für das Volk giebt’s überhaupt keine Automaten. Das Volk muß glauben oder sich geberden und verhalten, als glaube es: Der Minus ist der Minus, der Oberrichter ist der Oberrichter, Hoheit ist Hoheit! Amen. Was dahinter steckt, das behalten wir für uns allein, meine hohen Freunde.

Soundso hörte zu und lächelte, bescheiden in seiner Größe, groß in seiner Bescheidenheit. Alle Finessen der Schauspielerei waren in seiner Gewalt.

Titschi abschließend: — Den Minus also hätten wir, unser hohes Kollegium ist vollzählig, und unserem gemeinsamen Auftreten bei der Nationalfeierlichkeit steht nichts im Wege. Automat Minus wird beim Zarathustrafest seine Schuldigkeit thun, ohne jede Störung, wir können uns auf seine amtsgemäße Haltung verlassen?

— Ja, Hoheiten, dafür verbürge ich mich! sprach Soundso sich verneigend.

Titschi: — Fehlt uns nur Grege. Der unmenschliche Uebermensch, der uns den Streich gespielt, sich nicht erwischen zu lassen.

Soundso: — Den schaffe ich zur Stelle, den fabrizire ich auch. Ich habe ihn bereits in Arbeit gegeben. Der Original-Grege mag uns gewogen bleiben. Die Kopie übertrifft ihn.

Allen Hoheiten entrang sich ein Ausruf des Entzückens. Doch nahmen Kaspe und Bim den ihrigen wieder zurück. Das sei zu viel des Glückes auf einmal. Ob man dem Volke wirklich eine solche umfangreiche Täuschung bieten könne, ohne Gefahr der Entdeckung?

Soundso tippte auf eine Feder im Minus-Mechanismus und sofort öffnete der Automat den Mund: — Volk? Sprecht mir nicht vom Volke! Heerdenvieh läßt sich Alles bieten. Dixi.

Alle waren blaß vor Schreck. Darüber, daß Minus unerwartet sprach mit geisterhafter Plötzlichkeit. Und noch mehr darüber, was er sprach. Wenn bei der öffentlichen Feierlichkeit die Maschine die Bosheit beginge, etwas Ungehöriges zu sagen, etwas zu verlautbaren, was nicht für die Ohren des Volkes wäre?

Soundso beruhigte die Aengstlichen. Er tippte den Kunstmenschen leise an.

Automat Minus nickte: — Alles für das Volk und durch das Volk, es giebt nichts Selbstherrliches außer dem Volke, die Herrschenden sind nichts ohne seinen Willen, und mit seinem Willen nicht mehr als des Staates erste Diener.

— Das läßt, sich hören, Hoheit Minus. Brav gesprochen, Maschine Oberlehrer. Das ist ein Automat, der seinem Herrschberufe Ehre macht, spottete vergnügt der Oberdiplomat.

Ao und Bim betrachteten das künstliche Ding immerhin noch mit geheimem Grauen.

Der Oberpriester machte kein Hehl daraus: — Hoheiten, wenn ich nicht meinen weichen, warmen Bauch

mit den Verdauungsbewegungen unter mir fühlte, ich wüßte nicht, bin ich ein Automat oder ein Mensch. Die Täuschung ist unheimlich. Man muß sich zusammennehmen, den Glauben an seine eigene Lebendigkeit nicht zu verlieren. Soundso könnte ein furchtbares Spiel mit uns treiben, wenn er bei unsern Lebzeiten unsere automatischen Doppelgänger anfertigen ließe und gegen uns selbst in’s Feld führte.

Bim warf sich in die Brust: — Ich entdecke, also bin ich. Die mechanische Puppe wird das niemals von sich sagen können. Damit ist meine Priorität und Identität festgestellt.

Soundso lächelte verschmitzt: — Vielleicht gelingt es uns auch noch, Automaten mit Bim’schem Entdeckergenie anzufertigen.

Der Oberphysikus empfand nach einigem Besinnen diese Aeußerung als dreiste Ueberhebung. Aber er wollte nicht weiter darauf eingehen. Er addirte sie einstweilen zu den übrigen Frechheiten, die sich dieser Junge mit dem listigen Armensündergesicht schon gegen ihn herausgenommen.

Ao: — Du sagst „uns“, Soundso, „vielleicht gelingt es uns“. Wer sind diese „uns“? Hast Du sie sicher in Deiner klugen Macht, daß sie uns nicht verrathen?

— Sehr zeitgemäße Frage, piepste der Oberrichter. Soeben habe ich sie im Stillen bei mir selbst erwogen.

Soundso kam diese Frage gelegen, er hatte sie längst erwartet.

— Meine Hoheiten werden erstaunt sein, wenn ich

bekenne, daß meine Automatenfabrik vollkommen meinem Willen unterthan ist, obwohl sie in der Frauenstadt liegt.

Alle wie aus einem Munde: — In der Frauenstadt?

— Auf mein Wort. Und hierin ist auch der Grund, warum ich von den Spähern selbst in „geschlossener Zeit“ und ohne „amtlichen Auftrag“ öfters in der Frauenstadt beobachtet worden bin. Ich habe zu der Denunziation geschwiegen. Ich weiß, daß man geneigt war, meinen heimlichen Aufenthalt in der Frauenstadt zu meinen Ungunsten zu deuten und meine Führungsliste damit zu belasten. Ich wußte, daß die Zeit meine Rechtfertigung bringen wird.

— Mit männlicher Kunstfertigkeit war das nicht zu machen? inquirirte Kaspe.

— Nicht mit dieser Vollkommenheit. Da gehören die geübtesten und feinsten Frauenfinger dazu, solche Automaten herzustellen. Ich habe lange gesucht und geprobt. Und ich konnte mich nur mit den fähigsten und verschwiegensten Frauen einlassen.

Titschi fand, daß ihn sein Schüler in allen Listen übertreffe.

— Wir können uns darauf verlassen, begann Ao wieder, wenn wir die Zarathustrafeier um weitere vierzehn Tage verschieben, daß Du uns den Automaten Grege zur Stelle bringst?

— Unfehlbar. Meine Frauen haben Grege schon in Arbeit. Er reist sichtlich seiner Brauchbarkeit entgegen.

— Herrlich! Nie fühlte ich mich einem Manne mehr verpflichtet.

Soundso schloß die Augen, beschämt von so viel

Anerkennung. Im Innern sah er sich in einem unaufhaltsamen Siegeszug, umjubelt von ganz Teuta, durch den einmüthigen Willen des dankbaren Volkes mit dem Purpur des ersten Vertreters des Staates geschmückt. O dieser impotente hohe Rath, er wird zermalmt werden von den Rossen seines Triumphes, zu Brei zerquetscht von den Rädern seines Siegeswagens. Ja . . . ja, gleich jetzt den Augenblick genützt und den Hoheiten eine neue Stichkarte in’s Gesicht geworfen. Das Unternehmen kann nicht mißlingen, und selbst wenn’s mißlänge . . . Es soweit gefördert zu haben, war eine unvergleichliche That. Los!

— Noch eine Kleinigkeit, die ich im Interesse unseres staatlichen Ansehens in die Hand zu nehmen mir erlaubte, wünsche ich vor den Hoheiten nicht länger geheim zu halten. Ich bin der Tänzerin Jala auf der Spur. Ja, ich darf sagen, ich habe die Person bereits, wenn auch erst sozusagen am Ende eines langen Fangseiles. Bis zum Zarathustrafest hoffe ich sie dem Festordner abliefern zu können.

Kaspe kniff die Lippen zusammen: Er und seine Späher übertrumpft! Wie war das möglich? Was vermag denn dieser junge Mensch noch Alles? Mit welchen Mächten steht er im geheimen Bunde? Seine Verdienste fangen an verdächtig zu werden.

Die reine Teufelei!

Aber der Oberrichter stimmte mit den Anderen laut in die Bewunderung ein und wünschte dem Handstreich des jungen Diplomaten glänzendes Gelingen.

Ao dachte für sich: Gut, daß Minus hinüber ist.

Mit Jalas Rückkehr hätte der sündhafte Tanz auf’s Neue begonnen.

— Bevor wir, meine Freunde vom hohen Rath, in unseren heutigen Berathungen weiterschreiten, erübrigt uns noch, unserem ausgezeichneten Soundso für seine sinnreichen Leistungen den Dank im Namen Teutas auszudrücken.

Die Hoheiten stimmen zu, mehr oder weniger gequält von allerlei „Erwägungen“.

Automat Minus legt die Hand auf die Brust und nickt gleichfalls, während sich seine Augenlider gefühlvoll senken.

— Die Aeltesten vom Festbund haben die Inspektionsreise durch die Feststraßen ausgeführt und haben sich zum Bericht angemeldet. Wir haben vorher noch Anderes zu erledigen. Die Leute können warten. Daß wir sie in unser Automaten-Geheimniß nicht einweihen, erachte ich für selbstverständlich. Ist einer von Euch, Hoheiten, anderer Meinung?

Automat Minus, Hoheit, öffnete den Mund: — Je Weniger um das Heil des Staates wissen, desto besser wird es behütet.

Der Ton klang ein wenig sarkastisch.

Die hohen Räthe lächelten. Einfach zauberhaft, wie Soundso sein Geschöpf dirigirte.

Ao legte nun verschiedene Fragen nach der Ausstattung des Festprogramms vor. Er wünsche, daß es diesmal besonders reich und glänzend gestaltet werde. Nachdem für den hohen Rath all’ die Schrecknisse und Aengste der jüngsten Zeit so glücklich überwunden

sind, soll das Volk für die Verschiebung durch um so belustigendere Spenden entschädigt werden.

Oberrichter Kaspe, Hoheit, nahm das Wort.

Er pries sich, in der angenehmen Lage zu sein, eine Abtheilung des Festzuges, worin die „politisch-sozial verdächtigen Schattirungen“ vorgeführt und der Verhöhnung preisgegeben würden, diesmal großartig ausstatten zu können. Zahlreiche Verdächtige seien ihm von seinen Spähern notirt. Ein gewisser Geist der Empörung schien im letzten Jahre lebhafter um sich gegriffen und mehr Opfer als sonst gefordert zu haben: — Das kommt uns natürlich sehr erwünscht. Wir werden ein Exempel statuiren, des hohen Festes würdig.

— Ja, aber . . . fragte Ao ängstlich, ein wirklicher „Geist der Empörung“?

— Bei der Jugend, allerdings, Hoheit Oberpriester. Natürlich in jenen Schranken, der zwar keine Erschütterung des Staates befürchten, aber immerhin eine Erweiterung unserer Machtbefugnisse und eine Verstärkung unseres Druckes auf die Köpfe zweckmäßig erscheinen läßt.

— Ach so. Ich dachte schon . . .

— Nein, Ao, davon ist keine Rede. Aber ich werde mir eine größere Anzahl Burschen herausfangen, die ihre Zunge in politischen Diskussionen allzu frei spazieren ließen.

— Was? Man diskutirt in Teuta? Die Jungen diskutiren?

— Hoheit Oberpriester, beruhige Dich. An sich ist die Sache ja furchtbar harmlos. Aber um ein Exempel zu statuiren . . . Man weiß ja, wie wohlthätig

das wirkt. Ernster ist folgender Fall: Im neunundneunzigsten Bezirk haben Etliche die Werkzeuge zerstört, also sich am Gemeineigenthum vergriffen. Eigenthum verdient unter allen Umständen höheren Schutz, als die persönliche Freiheit, denn es ist todte Sache und kann sich nicht wehren, erstens, und zweitens, das Eigenthum drückt die Macht des Staates aus. Wer sich im Geringsten am Eigenthum vergreift, vergreift sich am Staate.

— Sehr richtig, Oberrichter Kaspe.

— Sodann lasse ich eine Anzahl Individuen vorführen, welche die Heiligkeit unserer sittlichen Ordnung verletzt haben. Man hat sie zu unangemessener Zeit an den Thoren gesehen, welche zur Frauenstadt führen. Die Thore waren zwar verschlossen, allein die Absicht war nicht zu leugnen, unserer staatlich patentirten Sittlichkeit ein Bein zu stellen oder auch zwei.

— Strafe muß sein, lächelte Soundso.

Ao, beglückt: — Es ist mit angenehm, in so schwierigen Fragen, die Menschenkenntniß erfordern, unsern Freund Soundso unsere Ueberzeugung theilen zu sehen.

Kaspe fuhr mit wichtiger Stimme fort: — Nachdem unser gelehrter Minus als Automat den Tod überwunden hat und in den Augen des Volkes würdig weiterlebt, muß dafür gesorgt werden, daß sich seinem Rufe keine Kränkung nahe. Es sind mir einige Leute bezeichnet worden, die ihm Ehrenrühriges hinsichtlich seiner zärtlichen Neigungen nachzusagen wagten. Das ist schwere Beamtenbeleidigung. Wir können die Frevler

mit um so ruhigerem Gewissen in Strafe nehmen, als ein . . . Automat gewiß von exemplarischer Keuschheit ist. Ich werde also eine Anzahl solcher Verleumder in den Zug einstellen lassen.

Ao: — Von Rechtswegen. Ich bewundere Deine feinsinnige Gesetzesanwendung, Oberrichter Kaspe. Was man unserem Minus bei seiner ersten Lebenszeit mit einigem Schein von Berechtigung in Bezug auf seine erotischen Bedürfnisse nachsagen konnte, braucht er sich als Automat nicht gefallen zu lassen.

Nach einer kleinen Pause, die er mit Drücken und Streichen seines glucksenden Kehlkopfes ausfüllte, begann er wieder: — Noch eine ziemlich heikle Sache wünschte ich bei dieser Gelegenheit von den Hoheiten entschieden, es geht jetzt in Einem hin. Unsere Staatsreligion ist ja, unter uns gesagt, Religionslosigkeit und unser Gottesglaube Gottlosigkeit. Ist es nun weise, frage ich, und liegt es im Interesse des Staates . . . hm, hm . . . eine milde Praxis gegen diejenigen zu beobachten, welche vom „hohen Mysterium“, vom „großen Unbekannten“, von der Formel „Gott und sein Volk“ nicht mit dem herkömmlichen Respekte reden? Den Purpur der Gläubigkeit vielleicht gar besudeln?

— Bewahre! Keine milde Praxis! Nur das nicht! Streng bis zum Aeußersten! Religion, Mysterium, hoho, die Fundamente aller Autorität, nur daran nicht rühren lassen bei den heutigen Zeitläuften.

— Gut, Hoheiten, ich verstehe. Ich werde in Eurem Sinne das Weitere veranlassen.

Oberrichter Kaspe lehnte sich befriedigt zurück.

Er hat seines verantwortungsvollen Amtes mit Eifer gewaltet. Er hat sich um Teutas Rechtspflege verdient gemacht und den Glanz des Nationalfestes durch seine juridische Strenge erhöhen helfen.

Nun beugte sich der Oberdiplomat Titschi vor.

— Es sei mir gestattet, unsern Minus in seiner automatischen Amtsführung zu unterstützen. Es ist mir bekannt geworden, daß in einigen Bezirken verbotene Worte ausgesprochen worden sind. Man wird keine Beweise von mir verlangen, wenn ich mich auf die Zeugschaft unseres ausgezeichneten Soundso berufe. „Probleme“, „Entwicklung“ und ähnliche vom heiligen Wortschatze verpönte Begriffe sind von jungen Leuten, zweifellos in agitatorischer Absicht, wiederholt auf öffentlichen Plätzen, wo mindestens zwei Personen versammelt waren, ausgesprochen worden. Unbetheiligte Hörer haben Aergerniß daran genommen. Es liegt also ein qualifizirtes Verbrechen am heiligen Wortschatze vor. Ich werde die Verbrecher unserem Oberrichter zur Abwandlung überweisen.

Auch Bim konnte mit einigen interessanten Missethätern aufwarten. Im physikalischen Institut ist er hinter Schreckliches gekommen. Gut befähigte Schüler haben statt Bims wissenschaftliche Entdeckungen auszubauen und ihm mit eigenen Entdeckungen unter die Arme zu greifen, sich mit der Muse in ekstatische Umarmungen gestürzt, die nicht ohne strafwürdige Folgen geblieben sind. Drei Hefte, frisch mit Liedern beschrieben, zum Theil sogar selbst illustrirt, wurden bereits konfiszirt. Eins enthielt ein aufreizendes Liebeslied mit

dem verrückten Titel „An eine blinde Seherin“, ein anderes eine hochverrätherische Spott-Hymne an den Teuta-Staat und eine Ode „Auf einen sprossenden Bart“. Mit dem vorschriftsmäßigen Rasiren schienen es diese „Dichter“, die mit ihren Schmierereien sich über die offizielle Staats-Weisheit erhaben dünken, nichts weniger als genau zu nehmen. Hierin ist eine Herabwürdigung staatlicher Einrichtungen zu erkennen. Wenn die Hoheiten es verlangen, würde er gern eine Anzahl straffälliger Barthaare als Beweisstücke vorlegen. Also bitte er wegen Bartwuchses und Dichterei die von ihm Bezeichneten als Rebellen zu bestrafen.

Kaspe und Titschi nickten beifällig. Soundso rieb sich schmunzelnd sein glattgeschabtes Kinn.

Ein ungewöhnlicher Straf-Wetteifer hatte die Hoheiten ergriffen.

— Je mehr, desto besser! gähnte Ao. Die schwarzen Festzugs-Abtheilungen werden dem Teutavolke mehr Vergnügen bereiten, als die purpurnen. Das liegt in der menschlichen Natur.

Hierauf wurde die Liste der Auszuzeichnenden durchgesprochen.

Soundso befürwortete namentlich weibliche Verdienste. Alle seine Freundinnen hatten sich um den Staat verdient gemacht. Seine Vorschläge wurden mit Begeisterung angenommen.

— Ob wir nicht doch des Guten zuviel gethan? fragte am Schlusse Oberphysikus Bim zweifelnd.

Ao, der langen Verhandlung müde, versprach noch einmal eine Revisions-Sitzung anzuberaumen.

Die Aeltesten des Festbundes wurden zur Berichterstattung vorgerufen. Sie traten mit verdrossenen Gesichtern ein, vom langen Warten.

Automat Minus wurde zur Begrüßung auf sie losgelassen.

Die guten Leute merkten nichts. Die Maschine arbeitete tadellos.

Soundso versicherte dem Oberpriester noch einmal in’s Ohr, daß der Automat Grege womöglich noch besser ausfallen werde . . . Und Jala werde das Fest verschönen . . . leibhaftig!