Kapitel 21
Maikka lud Grege ein, mit ihr in’s Vorrathshaus zu kommen, damit sie sich ausrüsteten für die Reise.
Grege betrachtete seine Gefährtin mit ruhig ernstem Blick und ließ sie schalten.
— Wir wandern in rauheres Land, zu kernfesten, wetterharten Leuten, da müssen wir uns entsprechend kleiden, daß wir der Natur trotzen und den Menschen gefallen. Wir wollen nicht als unerfahrene Fremdlinge erscheinen.
Sie legte Grege eine kurze lederne Kniehose vor, einen langen hellen Rock, dazu eine rothe, pelzbesetzte Mütze und einen Tuchmantel von grauer Farbe.
— Daß ich’s nicht vergesse, auch ein großes Gürtelmesser mußt Du Dir an die Seite stecken. Von Gestalt wie ein alter Nordlandskönig, darfst Du in der Kleidung schon ein wenig wie ein heutiger Bauer aus dem Gebirge aussehen.
Für sich wählte sie gleichfalls einen grauen Tuchmantel. Ihre übrige Tracht sollte aus einem weitärmeligen weißen Hemd, einem rothen Mieder und einem kurzen schwarzen Rock bestehen.
Den Kopf behielt sie unbedeckt, die dicken blonden Flechten ringsum wie einen schimmernden Rahmen mit goldenen Nadeln festgesteckt.
Grege hatte sich Surros bereitet und eine volle Tasche davon bereit gelegt. Maikka hingegen versah sich mit derberer Landkost, mit einer Schichte dünner Fladbrode und einem großen Stück gepökelten und gedörrten Rindfleisches, dazu nahm sie noch gedörrte Birnschnitze und Konserven.
— Soll das Alles verzehrt werden? fragte Grege.
— Je nachdem. Mit Schaugerichten wollen wir uns nicht belasten. Aber wir müssen für alle Fälle mit Nahrung versehen sein. Deine Surros flößen mir, wie Du weißt, wenig Vertrauen ein. Du hast nur Hunger, ich jedoch Appetit wie ein Wolf. Wir kommen in Meer- und Gletscherluft. Du hast die Eisprobe zu bestehen, Grege.
— Ich bin auf Alles gefaßt. Nichts schreckt mich mehr. Führe mich nur bald in das bewußte Asyl. Ich habe lange genug Glückliche gesehen. Nun will ich auch wieder das Unglück grüßen.
— Nur nicht pathetisch, Grege!
— Deine Warnung ist gut gemeint, aber überflüssig. Ich werde Niemand mehr mit zu viel Worten zur Last sein.
— Nun thust Du gekränkt, Grege!
— Nein, Maikka. Du wirst mich nicht mehr schwach finden. Ich bin Dir tief verpflichtet.
— Ich bin ja zufrieden mit Dir. Sei doch gut. Du hast die Feuerprobe bestanden, nun werden wir zusammen doch auch die Eisprobe bestehen, wie?
Sie sagte das mit einem nixenhaften Lächeln auf den Lippen.
Und sie strich ihm zärtlich über den Bart, dessen dichter Wuchs über die Wangen herab, an der Oberlippe und am Kinn seidenweich und von gleichmäßig schöner goldblonder Farbe war. Eine wollüstige Kühle entströmte ihrer Hand.
— Dein Vollbart wird prächtig. Ich wünschte mir ihn nur ein wenig rauher und struppiger. So ein recht zottiger Knebelbart, daß ich d’ran baumeln könnte, wird Dir wohl nicht wachsen. Gieb’ mal Acht, was wir im Gebirge für Zottelbären-Männer entdecken werden. Für mich. Für Dich natürlich die entsprechende Weiblichkeit, gemüthstief, harmlos, still zutraulich . . .
— Du willst mich reizen, Maikka. Wann fahren wir ab?
— In einer Stunde.
— Und wir kutschiren?
— Bis zur nächsten Gäodrom-Station. Dort besteigen wir ein Luftschiff bis in die Berge. Und das Uebrige machen wir zu Fuß, bis uns das Meer entgegenrauscht, oder auch nicht. Wir werden stilles Wetter haben, frisches Wetter. So freue Dich doch, daß ich Dir Beförderung in allen Farben biete! Wahrhaftig, ich streiche Dir das Leben wie Honig um den Mund.
In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten Pilgermantel mit ein, denn es könnte sie die Lust anwandeln, ihren Gast zu abenteuerlichen Bergbesteigungen zu verführen, und wer weiß, wie da das Wetter wird, und wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbübisch in sich hinein. Grege wird Augen machen, wenn er
den alten verschlissenen Freund, den sturmerprobten, wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das in Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: „Der Purpur-Staat oder vom neuen Götzen“, ein dünnes Heftchen. Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine Berghöhle bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flügelschlag der Steinadler. Und noch ein schmächtiges uraltes Büchlein packte sie dazu, die „Sprüche von Jesus Sirach“, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen Strich umrahmte: „Errette den, dem Gewalt geschieht, von dem, der ihm Unrecht thut und sei unerschrocken, wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das Recht frei! Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh seine Gewalt nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit bis in den Tod!“
Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf einem hochräderigen Zweisitz dahin. Maikka sprach zunächst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem Reisegenossen. Es hatte einen zierlichen, doch kräftigen Leib von gelber Farbe, einen großen, klugen Kopf, eine aufrechtstehende, kurzgehaltene weiße Mähne.
— Vorwärts, Tema, mach’ Deinem Stammbaum Ehre! Du kannst Dir so viel auf Deinen Stammbaum einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei mir sitzt. Du bist aus edlem Hause.
Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken versunken. Vergangene Nacht lüpfte Maikka ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu sagen. Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge aufzudecken und seinem Rückkehrsplan nach Teuta
neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte Persönlichkeiten tauchten jetzt aus dem Dunkel des Teutastaates auf und rückten ihm drohend in’s Gesichtsfeld: Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er seither nur als Oberfläche genommen und ihre starren Wurzeln und Triebe in der Tiefe übersehen. Mit allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen haben. Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist von Teuta, unter dessen Fuchtel die Entwicklung der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten Launen gehalten, ist ein wilder Egoist, dem im Staate nichts heilig ist, als seine Herrschlust, ein ironischer Volksverächter. Titschi fischt im Trüben und hat sich den Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles wagt. Alle spielen nur mit dem Staate und nützen die ihnen vom verblendeten Volke eingeräumte Machtstellung für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta auf den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von Verräthereien um sich gesponnen. Er muß mit eiserner Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne Rücksicht. Alles was in Nordika und bei den Angelos über die inneren Zustände des Teutastaates ausgestreut worden ist, weist auf ihn zurück. Maikka hat ihm das geradeheraus bestätigt. Soundso unterhält mit Nachbarstaaten Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er will eine große Rolle spielen um jeden Preis. Er arbeitet mit den anfechtbarsten Mitteln auf eine erste Stellung im Staate los. Er hält’s mit den Alten
und mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch gemacht. Hier gilt’s den ersten Streich, um ihn aus dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen . . . Bei den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen sein, auch bei den Frankos, in geheimer Kundschaft seines Meisters Titschi . . . Maikkas Aussage klang in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der Werthvolle Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische Gesindel, das im hohen Rathe von Teuta nistet, könne durch einen einzigen eisernen Charakter von kühner Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine Windsbraut hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber welches ist die rechte Stunde? Jede Stunde, die sich die Windsbraut selbst schafft . . .
— Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich anrufen? Unser Pferdchen Tema möchte wissen, wie’s bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta?
— Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln auf. Ich bitte um Entschuldigung, Maikka. Ich dachte gerade . . .
— Das thun wir auch, Tema und ich. Drum fragen wir Dich. Auf wen lauten bei Euch die Geschlechtsregister?
— Auf die Mutter selbstverständlich. Der Vater ist gleichgiltig.
— Das will sagen?
— Genau das, daß der Vater gleichgiltig ist. Kinder stehen auf Mutterecht. Zur bestimmten Zeit ziehen bestimmte Jahrgänge von Männern durch bestimmte
Thore — und kehren wieder zurück. Alles Uebrige bleibt den Müttern, wieder bis zu einer bestimmten Zeit.
— Genug, Grege. Tema schüttelt die Ohren und wehrt mit dem Schwanze ab, mag nichts weiter hören. Schau’ Dir die Gegend an. Ehemaliges Sumpfland. Und jetzt! Die blühenden Gärten sind uns nicht über die Grenze geflogen. Schau’ Dir auch die Leute an. Siehst Du einen einzigen häßlichen Menschen?
— Keinen.
— Alles ist, wie’s gemacht wird, Land und Leute. Ich gestatte Dir die Nutzanwendung dieses Satzes. Hott, Tema!
Dann fuhr Maikka fort: — Deine Bemerkung neulich über die schwebende Bevölkerungszahl war zutreffend und gut formulirt. Jedes gesunde Volk muß sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung an Ort und Stelle darf über die bestimmte Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten Staaten des Maschinen-Weltalters war, daß sie sich in’s Blaue hinein vermehrten. Daß sie sich eine Uebervölkerung schufen. Als ob sich mit den überschüssigen Massen auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen ließe, als Bedrängniß, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und dann kamen ihre verdrehten Sozialpolitiker mit ihren einseitigen Systemen und wollten da das rabiat gewordene Leben hineinpressen. Wie diese durch die militärische Drillwuth verdummten Menschen durch ihre ewig fehlgeschlagenen Experimente sich nicht belehren
ließen, daß man mit Massen wohl Kriege führen, aber keine sozialen Probleme lösen könne, ist zum Lachen. Was die unglücklichen Volksmassen, die Vielzuvielen, noch mehr durcheinander brachte, war die sogenannte Presse oder die Zeitungen, von denen täglich ungeheure Ballen verschluckt wurden. Der Aermste las täglich seine Zeitung, sie gehörte zu seiner Mahlzeit, und den Allerärmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das war eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig den Krach der europäischen Zivilisation beschleunigen half. Die Presse nannte sich selbst eine Großmacht, auch wenn nichts groß an ihr war, als ihr Format und ihr gemeiner Unsinn und ihre Lügenhaftigkeit. Sie wirkte wie ein schleichendes Gift. Die wahnbethörten Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine Gottheit, obwohl sie sich alle untereinander widersprachen, sich stets in den Haaren lagen und sich der schimpflichsten Dinge bezichtigten. Von diesen Zuständen können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. Die politische Presse ist auch in Europa in dem großen Massengrab der Kulturkadaver mitverscharrt worden. Aber so lange sie da war, sorgte sie dafür, daß sie den Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen! Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise hockten sie auf dem engsten Raum beieinander . . . Fünf bis zehn Millionen oft in einer einzigen Stadt. Gräßlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten: Humanität und Internationalismus. Ihre Humanität bestand darin, daß sie alles Unsinnige, Kranke, Verdorbene, Gefährliche mit ausgesuchter
Schonung und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln behandelten, während sie den ehrlichen, gesunden Leuten Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was hatten sie von ihrem Internationalismus? Daß sie sich gegenseitig in die Töpfe guckten, gegenseitig beargwöhnten, gegenseitig belogen, betrogen, bekriegten, sich gegenseitig neue Bedürfnisse und Verlegenheiten anzüchteten, statt daß sie sich in Ruhe ließen, in vornehmer Entfernung blieben und jedes Volk für sich daheim auf eigenem Grund sich begnügte und sein Leben nach seiner eigenen Art organisirte. Durch den Internationalismus ist das örtlich Dumme und Verfehlte über die ganze Erde verbreitet worden, und was als örtlicher Seuchenheerd hätte isolirt bleiben sollen, ist als Weltgift zu allen Völkern geflossen. So mußte aus der Menschheit, die nur in einzelnen reingehaltenen Völkern und Völkergruppen mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen kann, ein wüster Mischmasch werden, ein wühlender Krater — der dann in der bekannten Weise eruptiren und Alles zum Bersten bringen mußte. Ist das Alles richtig betont worden in dem neulichen Probevortrag meiner Mitarbeiterin?
— Ich glaube wohl, Maikka. Doch hättest Du die Sache noch besser gemacht.
— Nun setze ich den Fall, Ihr würdet in Teuta den bekannten Skandal abstellen und Eure Menschenproduktion, die mir jetzt schon zu üppig scheint, ließe sich nicht gleich in der wünschenswerthen Weise eindämmen, was würdest Du thun, um den Ueberschuß an Nachwuchs zweckmäßig zu verwenden?
— Ich würde eine Auswanderung nach Jahrgängen vorschlagen und die verödeten Theile des alten Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen und Bavaren wohnten, gäbe es gewiß große Stücke Landes zu kolonisiren.
— Und wie würdest Du diese Jahrgänge Deines verhockten Höhlenvolkes fortbringen? Wenn sie nicht freiwillig gingen?
— Ich würde eine Bundesgenossin erwarten, die sie hinaustriebe.
— Die wäre?
— Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth, Maikka, die leibliche und vielleicht noch mehr die geistige Noth.
Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefährt auf der musterhaft gepflegten Fahrstraße dahin. Links und rechts Gehöfte mit thätigen Menschen. Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, daß einmal ein älteres Weib auf die Straße trat, dem Gefährt nachzublicken.
Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert.
Nun ging es eine längere Strecke sanft bergan. Tema wählte sich die gemächlichste Gangart.
— Es fällt mir auf, Maikka, daß die Hausthüren nicht gegen die Straße gehen, alle gegen den Hof- oder Gartenraum.
Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: — Weil die Menschen sonst zu viel schwatzen, und die Weisheit liegt nicht auf der Straße.
— Aber sie kutschirt zuweilen vorüber, versuchte Grege mit Spott.
Maikka drückte ihm rasch die Zügel in die Hand: — Flink, kutschire Du, dann stimmt’s.
Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort den Regierungswechsel und machte keinen Schritt mehr.
Maikka lachte über seine Unbeholfenheit: — Wo hast Du seither Deine Augen gehabt? Solche Dinge sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen — der kleine ist zu schwach? — also zwischen dem dritten und vierten, und den Daumen so legen, so. Und nun die Ellbogen einwärts an den Leib, die Beine nicht auseinander, Alles in Fühlung, Alles in festem Schluß, ein einziger Kraftkomplex, keine Zerstreuung. Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz . . . Und das will ein Staatenlenker sein, ein geborener. Halt, halt, mach’ mir das Thier nicht kopfscheu, Zügel jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als hättest Du eine abgetriebene Schindmähre vorgespannt, nicht ein edles Roß, das eine edle Leitung gewohnt ist. Hör’ mal, Grege, Tema verbittet sich dergleichen robuste Eingriffe in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfährig in der Illusion, daß der Mensch auf dem Bock in seinen Fähigkeiten wenigstens nicht unter ihr stehe. Raubst Du ihr diese Illusion, dann macht sie in ihrem Jugendfeuer mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen Prozeß.
— Die Noth lehrt kutschiren, Maikka.
— Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth
zwingt das Thier, sich einen Kutscher gefallen zu lassen, der das Kutschiren nicht gelernt hat. Bis es über die Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner Kutsche über den Haufen wirft. Die Geschichte hat schon Manchem nicht bloß den Kutscherthron, sondern das Leben gekostet.
— Ist’s so recht, Maikka?
— Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst die Antwort wissen. Das gute, vernünftige Thier! Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch einen erträglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit er ein besseres Fortkommen in der Welt finde! Alles wendet sich zu Deinem Heil!
— Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte, Maikka. Der die Noth erleidet und der sie beobachtet und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schließlich am gleichen Strang und müssen sich verständigen.
— Das ist sehr staatsmännisch gesprochen. In der alten Zeit nannte man das, weißt Du wie? Opportunitäts-Politik. Der Karren gerieth trotzdem immer tiefer in den Dreck.
Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas eigenthümlich Starres, Fanatisches.
— Dreck freilich, wo der überlegene Geist fehlt, den nur das Schicksal sendet oder vorenthält. Die Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka.
— Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt eine Form der Noth, da lacht sich auch das Schicksal in’s Fäustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das Schicksal hat unter der alten Weltordnung jährlich
Millionen Menschen verhungern lassen, kein Geist hat die armen Hungertodes-Kandidaten errettet. Freilich, damals kannte man Deine Surros noch nicht, das Surrogat aller Surrogate.
— Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich fürchte, er bleibt mir im Magen liegen.
— Laß ihn liegen und schaff’ Dir einen neuen Magen an.
— Ich will mir’s merken, Maikka.
— Und merk’ Dir gleich noch dies dazu: Ihr Teutaleute habt Euch an Surrogaten verdorben. In Allem. Nehmt wieder natürliche, starke Kost, so wächst Euch ein natürlicher, starker Geist. Schafft Euch eine neue Küche und neue Köche an. Dann habt Ihr das Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht keine slovakische Surrogat-Politik mehr. Das Geheimniß aller Umwälzungen und Neuordnungen liegt in der Küche. Nun, ich würde Euch Surrogat-Menschen einen Küchenzettel schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen, Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen Blut! . . . Gieb mir die Zügel, Grege, die arme Tema dauert mich . . .
Die Landschaft jenseits der Höhe wurde einförmiger. Der Pflanzenwuchs kümmerlicher. Von Bäumen waren nur noch Birken, Eschen, Erlen und Ebereschen zu sehen. Die Straße führte über moorigen Grund. Selten war ein Gehöft zu entdecken. Hie und da ein Mensch in eigenthümlich langem, grauem Gewand, das den Leib sackartig umhüllte, kaum zu unterscheiden, ob Mann oder Weib.
— Du fragst nicht, Grege?
— Was soll ich fragen? Frage Du für mich. Du hast mich verwöhnt . . . oder verdorben. Du nimmst mir Alles ab. Teufelsweib!
Maikka lachte: — So nimm doch wieder Alles zurück! Du bist die Macht, die durch Herkommen herrschende Macht, mußt mich also bekämpfen. Als Opposition bin ich von Haus aus der schwächere Theil, ich will die Herrschaft erst erringen. Wo hast Du jemals eine Macht gesehen, die sich schwach macht, sich selbst schwach macht . . . hü, Tema! . . . um die Opposition mit gleichen Waffen zu bekämpfen? Du mußt mit Deiner altererbten Gewalt die Opposition aufreiben! . . . Hübsch auf dem gebahnten Wege bleiben, Tema, sonst führst Du die Opposition in den Morast! Frage, Grege, frag’!
Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische Zug verstärkte sich.
— In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme Gegend führst Du mich?
— Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens Lokalfarbe. Das ist die christliche Gegend. Und die wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist interessant genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von Nordika, vielleicht von Europa. Und daß wir hier überhaupt fahren und athmen können, ohne Gefahr für unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die Christen hier niederließen, war das ein tödtliches Fiebersumpfland. Ihre Aufopferung, ihr Fleiß brachten es auf den heutigen Stand. In hundert Jahren werden
wohl hier auch Gärten blühen und Kornfelder wogen und Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen nehmen ihren Beruf mit jenem himmlischen Ernst, der an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt. Sie glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor, wie auf ihre wahre Heimath. Von der Erde und den Menschen begehren sie nichts, als Duldung und die Erlaubniß, sich ihnen nützlich zu erweisen. Sie pflegen die kranke Erde und die kranken Menschen und trösten die Mühseligen und Beladenen, die hilfesuchend zu ihnen kommen. Sie selbst drängen sich Niemand auf.
— Die Mühseligen und Beladenen in Nordika? fragte Grege erstaunt, mit warmer Antheilnahme.
— Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise, Grege? Gerade die Mühseligen und Beladenen sind es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den armen Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am Fjord. Nun ja, das Asyl ist Christenwerk. Sie haben es erbaut und bestreiten seine Unterhaltung. Das ist die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten christlichen Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa giebt es meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes Christenthum mehr. Diese letzten Christen leben unter uns vollkommen frei, ohne jede andere Organisation als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr Leben der Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. Nur den Mühseligen und Beladenen verkündigen sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden Armen. Und wenn diese das Evangelium annehmen und wieder zur Gesundheit kommen, so setzen sie das
christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an Anderen fort — oder auch nicht, ganz wie es ihnen das Herz eingiebt.
Grege fragte nachdenklich: — Sind das nun geborene Unglückliche oder erst unglücklich Gewordene, die wir im Asyle finden werden?
Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem überraschenden Eindruck, den die christianisirte Gegend auf Grege’s Gemüth machte, und antwortete treuherzig: — Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika ist so wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes freies Land. Wem die Natur gleich bei der Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit des Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen, daß die Natur ihr mißglücktes Geschöpf wieder zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem anderen Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von der Geburt an, ein langes Leben hindurch. Wenn sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen, die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang herumschleppen wollten, würde da nicht jeder höhere Zweck der Menschheit vereitelt?
— Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang . . . gewiß, Maikka. Aber das Christenwerk, wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt wie ein unverlöschlicher Himmelsglanz . . .
— Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe liegt’s auf dieser jahrtausendalten christlichen
Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen. Dann begreift man auch die einstigen Massenwirkungen der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit der Poesie des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition, selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das innerste Mark eingesogen, wie sie mit weltfremder Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich zugleich, wie jede Massenwirkung. Aber wäre die Welt jemals licht, froh und sinnvoll geworden, wenn der kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie, Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden ihr gebracht, daß sie gespenstisch blühe. Und siehe, die Gespenster sind doch überwunden.
— Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit schwerem Kopf.
— Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. Das Leben selbst Poesie, das volle, heiße, gegenwärtige Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es giebt keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! Hü, Tema!
— Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel!
— Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig gelebter Poesie etwas ab? Ist Nordika nicht ein Idyll zwischen Erd’ und Himmel?
— Ja, ja, wie man’s nimmt . . . ein Idyll . . .
— Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei den Angelos ein Epos, bei den Teutaleuten, na, Grege?
— Ein Drama.
— Richtig, Teutamann, ein düsteres Drama mit Satyrspiel wie bei den klassischen Alten. Sieh nur zu, daß das Satyrspiel nicht am Anfang kommt . . . Tema, hü! Nun werden wir’s ja bald haben, jenseits des Hügels ist die Gäodrom-Station. Dann hinein in alle Lüfte!
Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem Blick.
— Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann! Tema hört das Singen gern, es trabt sich leichter beim Singen. Im Namen Tema’s bitt’ ich Dich. Tirilire uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife!
Ein finsteres Seitwärtsblicken war die Antwort.
— Verzeih’, Grege, ich hab Dich überschätzt. So juble wenigstens. Schrei Hojoho! Wir sind aus dem christlichen Armesünderland heraus, aus der Niederung der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Höhenluft, Höhenlicht, die Herzen auf, die Welt ist so schön!
Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und kalt saß er da.
Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und pfiff durcheinander und fand dabei noch Zeit zu dem Gedanken, daß der Mann an ihrer Seite doch eigentlich ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein unausgetragener Stier. Ein Wasserkopf. Ein dreifacher Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den Asyl-Käfig am Fjord. Zur Erheiterung der Unglücklichen. Hü! Den Glücklichen bereitet er doch nur Mißbehagen.
Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen Nordika-Sonne . . . Diese moderige Mumie im Garten der Lust . . .
Und sie lachte und sang in den höchsten Tönen und stieß den Takt mit dem Ellbogen in Grege’s Seite . . . Und um ihn recht empfindlich zu treffen, improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger.
Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn das zu ihrer Beschwichtigung nicht genügte, sie vom Sitze herunterwerfen, als der Wagen um die Ecke eines jungen Wäldchens bog und vor dem Stationshause hielt. Das ist ja kein Weib, das ist ein Berserker . . .
— Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die Zügel auf den Rücken und sprang herab. Sie reckte und dehnte sich und sah plötzlich wieder ganz manierlich aus.
Ein hübsch gewachsener Jüngling kam ihr grüßend entgegen.
— Mein Sohn Ole, Gast Grege . . . Wie lebst Du hier? . . . Ist ein Gäodrom bereit? . . . In einer halben Stunde? . . . Das paßt uns. Packe unseren Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen . . . Du kommst nicht mit, Ole? . . . Schade. Uebermorgen sind wir wieder hier . . . Du giebst uns wenigstens einen verlässigen Fahrer mit? . . . Abgemacht . . . Das Wetter ist nicht sonderlich, ich weiß, Ole . . . Aber warum ist mein Gast nicht einen Monat früher gekommen, zu den „weißen Nächten“? . . . Ach, Ole, Du glaubst nicht, diese Teutaleute kommen überall zu spät . . . Es ist mir eine große Freude, daß Du so
stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich, Ole . . . Der Alte läßt Dich auch grüßen. Auf Wiedersehen! . . . Großmutter Ingeborg? . . . Natürlich, sie ist lustig wie immer. Auf Wiedersehen! Gefällt Dir mein Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch . . . Wiedersehen!
Die Fahrt begann mit einem kräftigen Imbiß. Maikka hieb mit blitzenden Zähnen in ihre Fladbrote ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte. Grege fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel strich nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts sonderlich Bemerkenswerthes. Die fernen Berge waren wolkenverhüllt. In der nächsten Landschaft reihten sich Gehöfte, Blockhäuser und Sommerbauten zu niedlichen Ortschaften. Viehherden mit glänzenden Kugeln an den Hörnerspitzen, gleich Leuchtkäferchen im dunklen Grün, sandten ab und zu einen Laut von der Erde herauf. Die Luft hielt sich feierlich still.
Der Imbiß war zu Ende. Maikka schüttelte die Brotkrumen auf die Erde hinab. Einem Flug Elstern, der in der Nähe des Gäodroms unten vorübersauste, warf sie Reste von gedörrtem Fleische zu.
— Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt sie hier Gertrudsvögel. In einigen Gegenden stehen sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt?
Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird ihm wie Musik die Ohren schließen, daß seine Gedanken desto ungestörter in die eigene Seele tauchen können wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen
und dann wieder ordnend darüber schweben wie der Schöpfergeist über dem Chaos.
Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante zu erzählen, während die Gondel ruhigen Kurs hielt.
— Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, welches einmal von Odin beim Teigkneten überrascht wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um Odins willen, gieb mir ein wenig zu essen, ich komme weit her über die Felder, redete der Gott sie an. Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von dem Teige ab. Und als sie es formend im Backtroge hin- und herrollte, wuchs es zusehends und ward bald so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief sie, das ist zuviel für Dich. Und sie legte das so wunderbar groß gewordene Stückchen bei Seite und kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste war. Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog. Und so ein drittes und viertes. Je mehr Stücke sie bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie: Wenn der Bettler erst fort ist, so theile ich meinen ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen und knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder kehrt nicht leicht wieder. Und laut sagte sie zu dem Wanderer: Mach’ nur, daß Du fortkommst, ich kann Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge Dir Odin gnädig sein. Nun geh’! Da erzürnte der Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie erkannte, wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie
auf die Kniee und flehte um Vergebung. Aber der Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz verhärtet und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du arm werden, auf daß Dir die Armuth zur Besserung gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst Du Deine Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod mehr wachsen. Da umklammerte das Weib die Füße des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und der Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich die Strafe von Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du auch gelernt haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. Gertrud floh vor dem Angesichte Gottes und ward in eine Elster verwandelt, und alsobald bedeckte sich ihr Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche und an den Flügeln waren noch weiß. Wie sie aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie von schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst ganz schwarz sind, dann hat Gertrud genug gebüßt und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht der Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden und verzeihenden Gottes, und Niemand thut ihm ein Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der Erschaffung der Elster, und wer sie richtig hört, dem rührt sie das Herz und bewahrt seine Seele vor Habsucht . . . Ist Dein Herz gerührt, Grege?
Er nickte mit stummem Lächeln.
— Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl’ uns ein Märchen. Sieh, wie sich der Himmel umschattet!
Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe stieg ihm in die Stirn.
— Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war’s. Das jüngste Gericht war vorüber. Ein schweres Stück Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. Mit starren Sternen stand die Mitternacht über dem Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß noch auf seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen auf den Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. Von unten kam kein Laut, die Erde war wie ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im Himmel und die Verdammten in der Hölle. Außer ihnen nirgends mehr eine lebendige Menschenseele. Der Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht, ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit so bleiben solle, wie er’s entschieden. Er lauschte seinen eigenen Gedanken und spähte, ob sie kein Echo weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er vernahm nichts als den verhallenden Jubel im Himmel, denn die Seligen schliefen nach Mitternacht allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück, und mit dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich das Jammergeheul aus der Hölle, das von Stunde zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll und den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum erfüllte, denn die Verdammten konnten sich in ihr entsetzliches Schicksal nicht finden und nie mehr ein Auge schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem Stuhl nicht zu erheben, aus Angst, durch seine Bewegung
die Einen in ihrem Schlafe zu stören, die Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu machen. Und er sehnte den Morgen herbei und den ersten Hahnenschrei und dachte nicht daran, daß es hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr geben könne und die Mitternacht mit starren Sternen stillstehen müsse über dem Thal Josaphat. Denn das Ende war ja da und Alles entschieden, unwiderruflich, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem Glück, dort die Hölle mit ihrem Unglück — und dazwischen das leere Nichts, unabänderlich. Wie also kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch wartete, erkannte er plötzlich, daß er selbst sich um jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr zu schauen und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem Jubelschwall und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul; Engelsreigen und Teufelstänze. Und er seufzte und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie auf ewig vernichtet hatte. Und wenn er’s nun recht bedachte, so war er ein einsamer Gott geworden, dem nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl des Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das Bewußtsein, daß seine eigene Jugend verschwunden sei und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter einrichten müsse. Und da schauderte der Gott vor sich als seinem eigenen Weltenrichter, sein pedantisch peinliches Gesetz hatte ihm diesen Streich gespielt. Dieser Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und
in schwere Trauer versank der Gott und seine alte Erdensehnsucht ergriff ihn immer brünstiger, also daß seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge entquollen. Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht mit starren Sternen und unter ihm die entvölkerte Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und Gewissensbiß . . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom entschlummerten Himmel und nicht von der ruhelos tobenden Hölle her, nahte sich sanft schwebend eine Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie fast sein Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen Füßen nieder. Zwei Menschen entstiegen dem lustigen Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, er mußte sich erst fassen, so überraschend war das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das schreckliche jüngste Gericht, sagt doch, sagt doch! . . . Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet, vergieb uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! rief er glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! . . . Wahrhaftig, keine Engel und keine Teufel, keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen! Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach, Menschen, wie lebte der Gott ohne Euch! Schafft mir mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und er fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und wie sehr ihm das lichte, lachend süße Weib gefiel. Da erschien an der Seite des Mannes plötzlich ein zweites Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst
der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es da, die Lippen dünn und farblos, gramvoll die Züge . . . Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb es stumm und auch die Augen öffneten sich nicht . . . Mann, welches von den Zweien ist Dein Weib? fragte der Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz Seele und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, lachend süße Weib — und reichte der stummen, bleichen Gestalt die Hand, erst zögernd, dann fest, daß es wie erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel tauchen, und er schritt mit ihr aus der Mitternacht dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an seine Brust: Du sollst bei mir bleiben und mit Deinem süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels und den Jammerlärm der Hölle, daß ich mich doppelt der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und Heil erblühe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand lachend der Gott mit dem lachend süßen Weib in die purpurne Finsterniß der Unendlichkeit. Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die Erde.
— Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung.
Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und mehr als der Ruf, sagten ihre Thränen, die ihr in großen Tropfen über die Wange rollten.
Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem
die schwerste Ueberwindung gelungen, ohne Siegerfreude. Das schied den Menschen vom Gott.
Maikka streckte ihm ihre Hand hin: — Bitte Deinen Gott, daß er zuvor mein Herz von Dir wende. Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden, in alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht sein letzter Irrthum gewesen . . . Bitte ihn . . . warne ihn . . .