Kapitel 22
Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am Fjord, hatte in aller Frühe Grege geweckt, wie er gewünscht. Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie an seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als Grege sie lange und tief ansah und sie überschüttete mit stummen Seelenfragen, da kam es wie ehrfurchtsvolle Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo hatte er diese lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? In welchen Gefilden, in welchen Weltzeiten war er schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit ihr die süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt? Wo hatte er diese knospenden Muttergottesbrüstchen schon geküßt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme, als sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit und geordnet sei, seine Reisesachen und Kleidungsstücke, und der Bootsmann ihn in einer Stunde erwarte . . .
Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. War’s der ungewohnte Meergeruch? Einmal war er aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen und durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer hatte vorher gestürmt und seine Wogen an den klippenreichen Strand geworfen, donnernd, in verzweifelter Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen
Wellen schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, die Morgenlichter spiegelten sich in den feuchten Stellen der Felsen, und weiter hinaus leuchtete der Aether in tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das blitzschnelle Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben . . .
Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen bereitet. Bild um Bild, in wilder Jagd, zogen die letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit fiebernden Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl gebettet war. Eine Sammlung von niedrigen, schlichten Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der verbreiterten Schluchtmündung. Und Alles so weiß und reinlich und himmelsstill. Fern darüber die Gletscher, die mit gigantischen Armen diese menschenentrückte Welt zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem Himmel entgegenzutragen schienen.
Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor dem Häuschen der Blinden, den Blick auf die offene Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß, die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen Augen zurückgelehnt, an den Thürpfosten, Alles übergossen von dem zarten Licht, das durch eine alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte. Dann aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem orgelartigen Instrument, gedämpft, zaghaft, bis die Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie fanden. Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich berührt, um die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt einen Fuß vor den andern und beginnt zu wandeln,
voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so oft sie an der alten Föhre vorüberkam, um deren Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein Ameisen-Wanderzug kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und jedesmal, wenn die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch schlurfend, zertrat ihre breite Sohle was von dieser stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr Gesicht hatte einen verklärt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes Lied, eine uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst die nämliche Strophe wiederholend, also daß sie Wort für Wort Grege’s Gedächtniß sich einprägte, sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu der begleitenden Musik:
Befiehl Du Deine Wege
Und was Dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Dess’, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Giebt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da Dein Fuß gehen kann.
— Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte Grege die mütterliche Christin, die als Aufseherin waltete.
— Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie kaum mehr. Sie ist vor zehn Jahren erblindet, an einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt. Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglücklich, glaube das ja nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglücklich.
— Hat man keine Fälle wunderbarer Heilung?
— Doch, man hat solche Fälle beobachtet. Einmal eine junge Frau, durch eine große Gemüthserschütterung erblindet, ist ebenso durch eine andere Gemüthserschütterung wieder zum Licht gekommen.
— Gemüthserschütterung? Wie verstehst Du das, christliche Frau?
— Ein plötzliches großes Glück zum Beispiel . . .
— Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur um noch etwas zu sagen.
— Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin. Die Wunder der Liebe und des Glaubens. Hast Du das Lied gehört? Es hat in zweitausend Jahren seine Kraft nicht verloren . . .
Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen der Christin. Er eilte davon, und wie Nachhall der Orgelmusik tönte es in seiner Brust: Ein plötzliches großes Glück, ein Wunder der Liebe . . .
Am Abend. In der Sennhütte, halbwegs zwischen dem Asyl und dem Fjord, war ein wandernder Spielmann eingekehrt. Der große Raum für Käsbereitung verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und Bauern entledigten sich ihrer Oberkleider. Erst sanfte Reigen mit Gesang, gleich wehmüthigen Nachtigallenliedern, dann immer wildere Spielmannsweisen und ausgelassenere Tänze. Alle Anwesenden schwangen die Beine in dem zum Ersticken heißen Raum. Und wer Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks jedes Glück mit gierigen Sinnen an sich saugend, wer? Ja, schön war sie, dämonisch, und ihre Blicke
und Bewegungen schleuderten Feuerbrände in die Herzen der Männer, der „Zottelbären“ . . .
Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege.
In der Herberge am Strand erfuhr er, daß sich das Blitzboot für den Morgen nach Angela rüste und noch Raum für einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Männer fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend mit Dank und Händedruck begegnet waren und ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut über das Wiedersehen am Meer. Ein Auftrag vom Aeltesten trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen Entschlusses schloß sich ihnen Grege an. Sie versprachen ihm jede erwünschte Fürsorge, da sie aller Verhältnisse kundig waren.
Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges Lager mit der Meldung, daß es höchste Zeit sei, sich in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei bereits fortgeschafft.
— Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine Frage: Ist die . . . Frau, Du weißt, mit der ich angekommen, zurückgekehrt vom Berge?
— Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie wird wohl auf dem Berge genächtigt haben.
Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der Thür und spornte zur Eile.
— Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten Dank. Grüßt mir Euer gastliches Land . . . und die Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt.
— Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte
dem Scheidenden die Hand. Und nimm, nach alter Schiffersitte, noch einen Räthselspruch zum Geleite mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhält: Was wir gefangen, warfen wir weg; was wir nicht gefangen, tragen wir bei uns!
Runaug lächelte dem Fremdling nach, mit leisem Herzklopfen.
So verließ Grege Nordika, um nach glücklicher Fahrt in Angela zu landen.