Das Vergnügen

Die Königin von Navarra hatte ihren eigenen Hof, mehrere kleine Zimmer, darin vereinigte sie am Abend ihre Freundinnen, ihre Dichter, Musiker, Humanisten, und ihre Liebhaber. Hier war Margot die Gottheit und mußte nicht heimlich durch einen Vorhang spähen wie bei den Festen ihres Bruders, des Königs von Frankreich. Ihr lieber Gatte Henri fand sie eines Abends Harfe spielend, während ein Dichter wohllautende Verse zu ihren Ehren sprach; aber in der poetischen Welt hieß sie Lais und war eine Kurtisane, die vermöge der Schönheit und der Gelehrsamkeit über die Menschen herrscht. Margot-Lais saß in aller Vollendung, nach der sie immer gestrebt hatte, auf einem erhöhten Sessel. Diesem zugewendet standen links und rechts noch zwei, mit den Damen Mayenne und Guise. Dem göttlichen Wesen zu Füßen und auch neben den Sitzen der beiden anderen Musen lagerten die weniger wichtigen Erscheinungen, die indes notwendig in das Bild gehörten. Es wurde abgeschlossen von zwei Säulen, rosenumrankt, zwischen ihnen ein großer heller Teppich, hineingewirkt waren schwärmerische Gestalten des Frühlings. Durchaus klar und ruhevoll erschien das Ganze; der Dichter vorn im Halbkreis brauchte es nur zu besingen, wobei er sich leicht zur Seite bog und den anderen Arm von sich streckte, als ginge er auf schmalem Steg über einen Abgrund.

In Schloß Louvre ist nicht alles wohl gesichert, erinnerte sich Henri angesichts des Hofes der Königin von Navarra. ‹Und denke ich erst an die Kirche, wo Boucher predigt! Soll ich ihn nachmachen und diesen hier eine Probe seiner Beredsamkeit geben? Soll ich?› Nein, er nahm zwar die Stelle des Dichters ein, sprach aber, was ihm plötzlich eingegeben wurde: «Adjudat me a d’aqueste hore —» hilf mir zu dieser Stunde, das Gebet, das seine Mutter gesprochen hatte, während sie ihn gebar. Klangvoll war es anzuhören, und da es gerichtet wurde an die Jungfrau, zugleich aber an die Königin von Navarra, hatte ihr lieber Herr alle Huldigungen überboten, so viele Madame Marguerite an ihrem Hof empfing. Dafür dankte sie ihm überaus; sie spielte zwischen seine Worte hinein die glänzendsten Läufe auf der Harfe, zuletzt aber reichte sie ihm ihre wunderbare Hand, damit er sie küßte. Dies getan, versicherte er ihr vor ihren Bewunderern, daß er ihr zu gefallen und zu dienen so eifrig bemüht wäre wie noch nie. Sie verstand ihn auch und reichte ihm wieder die Hand — diesmal, damit er sie die Stufen ihres Sitzes hinab und aus dem Zimmer führte.

Sobald es dort nicht mehr gehört werden konnte, fing er an zu lachen und sagte: «Gehn Sie mal zu der Königin, Ihrer Mutter. Ich bin neugierig, wie Sie aussehn werden, wenn Sie zurückkommen.»

«Was meinen Sie denn», erwiderte Margot und war gekränkt. «Mich behandelt niemand mehr so ungehörig wie zu den Zeiten des Königs Karl.»

«Ich will es nicht hoffen, obwohl Ihr Bruder, der König, genau die Wut auf Sie hat wie Ihre Mutter.»

«Was ist denn los, um Gottes willen!»

«Ich werde mir den Mund nicht verbrennen. Mag es Ihnen genügen, daß ich selbst nichts glaube, was man Ihnen vorwirft. Das erfinden die anderen nur, um uns beide auseinanderzubringen.»

Er geleitete seine Gemahlin auf den Weg zu Madame Catherine. Kaum war er allein geblieben, als schon eine andere Dame ihm entgegentrat, die Herzogin von Guise, auch sie in schwieriger Lage. Längst war es ihr anzumerken gewesen; auf ihrem erhöhten Sessel, da alle anderen beruhigt dreinschauten, hatte sie verstört den Hals hin und her gerückt. Ein großer Schrecken, den man nicht vergessen kann, sieht so aus. «Sire», sagte die Herzogin und hielt hilflos beide offenen Hände hin, «ich bin eine sehr unglückliche, schuldlos verfolgte Frau und verdiene, daß Sie mich trösten.»

Er wollte einwerfen: warum nicht auch ich, nach allen den anderen — fand aber keine Zeit dazu. «Als der beste Freund des Herzogs überzeugen Sie ihn um Gottes willen von meiner Unschuld, damit er mir nicht noch mehr Unrecht tut!» Sie hatte alles in einem Atem herausgebracht und mußte anhalten; Henri konnte sagen: «Ich darf für Ihre Unschuld zeugen, Madame, denn mir haben Sie das Gegenteil leider noch nicht bewiesen.»

«Denken Sie, was mir zustößt mit dem Verrückten. Heute morgen befinde ich mich nicht ganz wohl, er aber hat Laune wegen etwas, das ihn schrecklich ärgert, er will nicht heraus damit. Ich weiß es auch so, was haben die Ehemänner schon im Kopf, außer ihrer Eifersucht. Plötzlich fällt ihm ein, ich sollte eine Fleischbrühe trinken, und wie sagt er das! Sein Ton muß mich auf den schlimmsten Verdacht bringen. Ich brauche keine Fleischbrühe! Aber wie oft ich es versichere — Sie werden entschuldigen, Madame, die Fleischbrühe muß sein, und auf der Stelle schickt er nach der Küche.»

«Vergiften wollte er Sie?» fragte Henri leise und angstvoll, denn ihm fiel auf die Seele, daß er selbst den Herzog einen Hahnrei genannt hatte, und vielleicht war er der erste gewesen? Seitdem hatte Guise sich überall die Bestätigung geholt, und so furchtbar waren die Folgen für die arme Frau.

«Sie haben ihm hoffentlich die Brühe ins Gesicht geschüttet.»

«Das kam mir nicht zu. Ich bat ihn um eine halbe Stunde Frist, bis ich die Tasse austränke, und in dieser Zeit bereitete ich mich vor, zu sterben.»

Henri sah das bedauernswerte Opfer nur noch verschleiert durch seine Tränen.

«Dann brachte man die Brühe. Der Herzog war inzwischen hinausgegangen. Ich trank sie.»

Sogar in seiner Abwesenheit hatte die Gattin ihm gehorcht, gestärkt von der Hoffnung, ihre letzten Gebete hätten alle ihre fleischlichen Verfehlungen aufgehoben.

«Was sagen Sie!» rief sie auf einmal völlig erbittert. «Es war eine ganz gewöhnliche Brühe.»

Ihr Zorn ergriff auch ihn. Der Goliath und Gliedermann! So ängstigte er Frauen. Das war seine Rache, wenn sie ihm aufsetzten, was ihm anstand. «Madame», sagte Henri mit ehrlicher Überzeugung, «Sie sind schuldlos verfolgt, wie ich wohl sehe. Sie verdienen, daß ich Sie tröste und das Unrecht aller Männer, auch das meine an Ihnen gutmache.»

Er nahm ihre Fingerspitzen, seine und ihre Hand schwebten zwischen ihnen. Sie setzten die Füße vorn an, und die Gesichter mit einem höflichen Ausdruck von Beglückung einander zugewendet, beschatten sie nicht ohne Anmut den Weg, der zu ihrem Vergnügen führte.

Als er Margot wiedersah, kam sie aus einem stürmischen Auftritt mit ihrer Mutter und dem königlichen Bruder, in Gegenwart von Zeugen; es war nicht der erste, den ihre sittliche Führung veranlagte. Sie befand sich noch nicht wieder im Gleichgewicht. «Ich hatte wohl recht?» fragte er mitleidig. Ihre großen Augen füllten sich mit Tränen, sie mußte darauf bedacht sein, daß nicht die Tusche zerlief. Daher konnte sie nicht gleich vorbringen, was ihr Herz beschwerte. Statt dessen umarmte ihr lieber Herr sie und versicherte ihr, die Dinge möchten sonst liegen wie immer, er werde sie schützen, denn sie wäre ihm anvertraut. Noch heute abend, wenn der König zu Bett ginge, würden zwei seiner Freunde ihm vorstellen, wie sehr er ihr Unrecht getan hätte.

«Vielleicht wird er es glauben; aber meiner Mutter machen sie nichts vor», sagte Margot etwas zu schnell und erschrak ein wenig. Sie versuchte ihren lieben Herrn anzusehen, wieviel er eigentlich wußte. Denn schließlich, ihr großes Vergehen gegen den Anstand war wirklich geschehen, sie hatte ihrem gerade amtierenden Liebhaber einen Krankenbesuch gemacht! Da Henri sich nichts anmerken ließ, kehrte auch sie zu der Rolle der Unschuldigen zurück.

«Wäre die Verleumdung mir nicht öffentlich ins Gesicht geschleudert worden! Das verzeih ich nie. Es hätte nur noch gefehlt, daß auch mein lieber Herr schlecht von mir denkt und mir böse ist.»

«Das fällt mir gar nicht ein, da ich Sie am besten kenne», sagte er mit einem Lächeln, das bedeutungsvoll, aber gütig war, und auch Verliebtheit spielte mit hinein. Alles zusammen rührte das Herz der armen Frau. Einen besseren Freund konnte sie sich unmöglich wünschen. «Dank Ihrer Anständigkeit», sagte sie, «ist es diesmal noch gut gegangen. Jetzt sind wir aber gewarnt. Passen Sie auf: der König wird sich noch mehr Geschichten ausdenken, wie er unsere Freundschaft verbiegen kann.»

«Es soll ihm nicht gelingen», versprach er, «und wir wollen sogleich Anstalten treffen.» Sie blieben auch noch eine ganze Weile zusammen. Am Morgen, nachdem er von ihr gegangen war, bekam Margot alsbald den Besuch von Damen, die ihr berichteten, daß ihr lieber Gatte sie gerade gestern gekränkt hätte mit der Herzogin von Guise. Einen Augenblick war sie erstaunt, dann erwiderte sie: «Mein lieber Herr kann nicht sehen, daß eine Frau unglücklich ist.»

Hierüber dachte sie viel nach. Denn Margot lebte unbesonnen, nur ihr Geist war sinnreich. Sie zeichnete, zu ihrer Erinnerung, zwei vergleichende Charakterbilder auf: der Herzog von Guise, in ihrer Niederschrift Cleonth genannt, wie er sich rächte und die Herzogin stundenlang in schrecklicher Todesfurcht erhielt mit einer Fleischbrühe; der König von Navarra, bei ihr Achill: so nachsichtig — und auch so unzuverlässig. «Aber seine Gefühle sind dennoch sich selbst getreu», schrieb sie. «Achill vergißt niemals die große, schöne Leidenschaft, die ihn mit Lais verbunden hatte. Diese verraten weder Lais noch Achill, sie verwandeln sie durch gemeinsamen guten Willen, und aus der Passion, die oft wie Haß aussieht, wird eine Freundschaft, die fast der Liebe gleicht.»

Margot legte die Feder hin und war recht froh, wie die Dinge sich darboten. Vieles hatte sie nicht ausdrücklich hingesetzt, zum Glück war es ausgestanden: die Toten, die sich zwischen sie und ihren lieben Herrn gedrängt hatten, und man konnte nicht über sie hinweg. Dann hatte sie ihn ihrer schrecklichen Mutter verraten, so daß er in Gefangenschaft kam; dann hatte sie sich entschlossen, ihm Hörner aufzusetzen. Haß, Betrug, Reue und Mitleid waren ihren Weg gegangen, bis endlich Achill und Lais die besten Freunde wurden und es immer bleiben sollten, meinte Margot. Aber das Leben ist lang.

Die beiden Gatten erlaubten einander manches, ja, sie wiesen einander auf drohende Gefahren hin, wenn auch immer mit einigen Vorbehalten. Einmal begann Margot: «Sire, Sie zeigen sich zu häufig mit meinem Bruder d’Alençon. Sie sollten sich nicht mit ihm verschwören, Sie haben doch schon öfter gesehen, wie es endet. Er bleibt der Erbe des Thrones. Ihnen wird zwar die Statthalterschaft im Königreich versprochen, aber darüber lacht der ganze Hof.»

«Madame, es ist nicht immer von Nachteil, ausgelacht zu werden.»

«Wenn Sie geheime Pläne hätten. Wollen Sie denn König von Frankreich werden? Sie finden niemand, der Ihnen dienen möchte, weil alle Sie hier in dieser Rolle kennen. Dienen Sie lieber meinem Bruder d’Alençon, den ich sehr liebe und der bestimmt den Thron besteigen wird. Ich rate Ihnen zu Ihrem Besten.»

«Madame», sagte er ernst, «Sie wollen erfahren, daß auch ich Ihr Freund bin. Bei Ihrem Bruder d’Alençon halte ich mich oft auf, weil ich weiß, daß sein Leben in Gefahr ist.» Sein Blick war so vielsagend, daß sie ungefähr erriet: er selbst war beauftragt; der König benutzte ihn, um sich seines Bruders zu entledigen. Sofort beschließt Margot: ‹Ich will selbst meinen Bruder Franz beschützen. Sein Freund, der tapfere Bussy, soll meine Gunst genießen.› Weil sie dies aber fest vorhatte, lenkte sie das Gespräch zu Sauves, ihrer guten Freundin hinüber.

«Sauves ist ein angenehmes Vergnügen für Sie», versetzte Margot. «Mehr darf sie auch nicht sein, um Ihrer eigenen Sicherheit willen, mein lieber Herr und Gemahl. Verraten Sie ihr nur niemals, was wirklich in Ihnen vorgeht! Auch auf dem vertraulichen Kopfkissen müssen Sie sich immer gegenwärtig halten, daß Sauves alles und jedes meiner Mutter, der Königin, berichtet.»

«Ich glaube es nicht», erwiderte Henri, obwohl er es wußte.

«Sie würden noch mehr nicht glauben. Sauves liebt niemand als nur Guise, ihm ist sie ganz ergeben.» Margot fing an, sich zu ereifern. «Brauchen Sie dafür noch einen Beweis außer den Tränen, die sie vergießt, seitdem Guise das entstellte Gesicht hat? Das gönne ich der Sirene!» rief sie im hellen Zorn. «Ich gestehe sogar, daß ich selbst dafür gesorgt habe. Diesen Sommer mußte er in den Krieg ziehen, anstatt seine Frau zu vergiften und mit Sauves zu schlafen. Jetzt hat er einen tiefen Schwertstreich bekommen über das halbe Gesicht und ist nicht mehr der schöne Guise. Er heißt nur noch Guise mit dem Schmiß.»

«Guise mit dem Schmiß», wiederholte ihr lieber Gatte, und sie freuten sich. Margot fiel plötzlich zurück in ihre vorige Wut. «Auch Sauves soll sich nur hüten, damit ihr kein Unglück zustößt. Denn sie geht darauf aus, Sire, Sie mir zu entfremden. Was sage ich, sie will Sie heiraten! Das Weib behält Sie den ganzen Tag bei sich und befiehlt Ihnen sogar, anzutreten, wenn die Königin sich erhebt, nur damit ich Sie nicht haben soll. Mißtrauen Sie mir denn mehr als ihr? Mit Mißtrauen, Sire, fängt der Haß an!» rief Margot — und hatte ganz vergessen, was für eine sichere Freundschaft bestand zwischen Lais und Achill.

Henri versuchte sie zu umarmen, und als sie sich sträubte, lächelte er heimlich über ihr erregtes Gefühl, ohne zu ahnen, daß auch ihn bald Eifersucht anwandeln würde — auf Margot, die den tapferen Bussy liebte. Vergnügen bleibt nicht immer Vergnügen. Es hat Fallen und es hat Tiefen. Man kann sich darin verbergen, um nicht gesehen zu werden. Man kann sich auch darin verlieren und inzwischen das Wichtigste versäumen. So erging es, besonders bei Charlotte de Sauves, dem Sohn der toten Jeanne, dem Rächer des ermordeten Admirals. Noch viele andere Damen des Hofes erfüllten denselben Zweck, lieblicher aber diese.

Sauves begegnete dem Lächeln des Lebens mit eigener Anmut. Ihr Wesen war gleichmäßig — anstatt stürmisch oder berauschend wie die Natur der Königin von Navarra. Schwach verhielt sich die Herzogin von Guise, nicht Sauves, die genau wußte, wie weit sie in allem gehen wollte. Henri verstand sich mit ihr — verstand sich mit Margot, Madame de Guise, Charlotte de Sauves und mit den übrigen, die er liebte und beglückte. Es waren viel, wie üblich an diesem Hof, ein verschwenderisches Durcheinander, sehr die Frage, ob es lange gut gehn wird für einen so jungen Körper. Am ruhigsten war er noch bei Charlotte, daher seine Vorliebe.

Es kam, weil sie einander erlaubten, ihren Sinn abschweifen zu lassen, wenn sie nachts beisammen wachten. Er wußte, wohin der ihre ging: zu Guise und seinen ehrgeizigen Unternehmungen. Guise ist ihr einziger Herr, sogar noch mit entstelltem Gesicht. ‹Das soll mir gleich sein, sie hat einen so hübschen Mund, wenn er sich ihr in Gedanken selbst öffnet; und ich kenne keine Augen wie die ihren, lange schmale Spalte, daraus Witz funkelt. Beunruhigend wäre, daß auch sie sich niemals wundert, weil ich lange schweige. Vielleicht hat sie schon erraten, woran ich denke? Ihre dichten Wimpern verheimlichen mir etwas, nun wir uns plötzlich ansehn, und sie lächelt mitleidig. Das verdiene ich auch, denn was habe ich vollbracht in länger als drei Jahren von allen meinen kraftvollen Vorsätzen des Hasses und der Rache? Nichts. Der König, Guise und Madame Catherine, alle leben noch, ich aber bin ihr Gefangener und ihr Freund; denke über sie nach, mehr als gut ist, und täusche sie. Die Frau, die neben mir liegt, hat recht, Guise für einen besseren Mann zu halten. Dennoch ist ihm jetzt das Gesicht verunstaltet — dafür, daß er den toten Herrn Admiral hat in das Gesicht getreten!›

«Mein Geist versetzt mich oft in das Gebirge», sagte er zu seiner Gefährtin in der Stille der Nacht. «In Schloß Louvre bin ich gern, wegen meiner vielen guten Freunde und der schönen Damen. Aber auf die Dauer fehlen mir die Berge. Wer sie nicht beschritten hat als Kind, weiß nicht, was es heißt, im Herzen ihren Namen zu tragen. Die Pyrenäen.»

Sauves sah es, wie er träumte. Versuchsweise ließ sie ein Wort fallen: «Es ist weit bis dorthin?»

«Zu Pferd möchte ich in zehn Tagen dort sein. Ich habe gewettet mit meinem Vetter d’Alençon», erwiderte er eifrig und gab, wenn man so scharf hinhörte wie Sauves, sich und seinen Genossen preis. Um das Geständnis auszutilgen, begann er unvermittelt zu phantasieren von dem Wasserfall, der herabstürzte aus Himmelshöhen. Ganz hingerissen log er, daß er einmal sich selbst habe von ihm ins Tal tragen lassen, bis vor die Füße seiner Mutter Jeanne.

«Deren Tod auch nach drei Jahren noch nicht aufgeklärt ist», warf Sauves sofort ein. Und noch immer nicht gerächt! Das hielt sie zurück, darum hörte er es dennoch! Oh! er fühlte durchaus ihre Neugier. Diese berührte ihn so deutlich wie ihre Haut. Sauves hat ihre größte Lust nicht an der Liebe, sondern durch das Wissen und Hineinspähen. Ehe man dessen gewahr wird, hat man sich ihr verraten. Ihr zarter Körper war leicht zu ermüden, in dieser Hinsicht flößte Henri ihr Schrecken ein: sie aber ihm mit ihrem Scharfblick.

Indessen verriet sie ihn nicht an die alte Königin, obwohl es ihres Amtes gewesen wäre. Sie hatte dafür Entschuldigungen, denn was beging der arme Herr schon groß, außer einigen geheimen Unterredungen, die zu nichts führten. Madame Catherine hätte darüber gelacht, daß er sich sollte verschwören mit ihrem Sohn d’Alençon, der ihn so oft getäuscht hatte. Die Vorsätze des armen Herrn waren angekränkelt, seine Gedanken genügten sich bald schon selbst. Der tut nichts mehr, meint Sauves. Der geht auf die Jagd und ist pünktlich wieder da, voll Stolz auf die erlegte Beute. Vor allem liegt er zuviel bei Frauen. Sie meinte es gut und aufrichtig, als sie ihn hiervor warnte. Ihr Herz war nicht böse.

Allerdings wollte sie ihn auch von Margot trennen. Solange ein Prinz von Geblüt mit der Schwester des Königs verheiratet ist, hat er trotz allem noch Aussichten. Aber auf den Thron soll nicht er: mein einziger Herr und Meister Guise soll auf den Thron steigen! Daher versuchte Sauves ihren zeitweiligen Gefährten zu überzeugen, sie hätte ihn von je geliebt — schon seit der ersten Begegnung im Garten, als die Freundinnen Charlotte und Margot ihm Arm in Arm entgegenschritten, und ihnen vorauf gingen Pfauen. Der wird der meine, und ich gehöre ihm ganz: dies hatte sie vorgeblich sogleich beschlossen. Ich bin geschickt, bin klug, und heiratet er mich, wird er König! Das sollte er ihr glauben. Vergebens, sein gewitztes Lächeln sagte ihr, daß sie ihm so wenig etwas weismachen konnte wie er ihr. Aus Ärger entließ sie ihn an diesem Morgen früher, wenn er auch vielleicht aus ihren Armen in die ihrer lieben Freundin Margot sank.

So war das Vergnügen. Darüber geschah es, daß ihn in einer Nacht eine Schwäche befiel; der Ort war zum Glück das eheliche Bett. Eine Stunde währte die Ohnmacht, und in großer Sorge um ihn war Margot. Sie stand ihm bei und diente ihm, wie ihre Pflicht es vorschrieb; rief ihre Frauen und Leute; verließ ihn selbst keinen Augenblick, und sonst wäre er gestorben. Dieser Anfall hätte ihn warnen sollen: Margot sagte es ihm.

«Sie haben das nie gehabt. Es kommt von dem vielen Vergnügen mit den Frauen.» Genug, er war sehr zufrieden mit ihr, rühmte sie nachher allen, und sie war auch die erste, mit der er sich wieder vergnügte.