Die Wendung

Zu lange gesäumt, zu viel bedacht und bezweifelt. Endlich entscheidet ein anderer. Am fünfzehnten September dieses Jahres 1575 wendete sich alles: da war der Herzog von Alençon nicht mehr zu finden. Seine Mutter ließ ihn zur Tischzeit suchen im ganzen Hause, höchst besorgt um seine Gesundheit. Sie wußte aus eigener Übung, wie bald jemand umkommt. Indessen fand sich keine Leiche. War er denn geflüchtet, ohne sich auch nur seiner Schwester anzuvertrauen? Die hielt ihren Musenhof wie gewöhnlich. Aber der Zaunkönig! Madame Catherine war schon darauf gefaßt, auch ihn nicht wiederzusehen — da kommt er ganz harmlos vom Ballspiel und nimmt noch erst ein Bad. «Was weißt du, Zaunkönig? Gesteh! Oder es wird dich reuen.»

Henri lachte: «Gerade erzählt mein d’Armagnac, daß der Vetter durchgegangen ist — man sagt, in einer Kutsche, die aussah wie leer. Soll ich Ihnen verraten, Madame, was jetzt folgen wird? Ein Aufruf des Mannes mit den zwei Nasen an das Land und das Volk, damit sie sich erheben. Darauf werden Sie, Madame, ihn versöhnen und ihm geben, was er verlangt.»

Er ärgerte sich — sie meinte, wegen des Verdachtes der Mitwisserschaft, der auf ihn fiel; und gewiß verdiente er den Verdacht. Dennoch verschärfte sie seine Gefangenschaft noch nicht. Seine Voraussage traf pünktlich ein, es erschien der Aufruf an Land und Volk. Darin berief der königliche Prinz sich auf die allgemeine Unzufriedenheit, auf die Sehnsucht so vieler Gemäßigter beider Religionen nach Frieden; verlangte aber auch Gerechtigkeit für sich selbst. Denn im Palast seines Bruders bekäme er nur Unannehmlichkeiten und kein Geld. Hier sah die alte Königin tatsächlich schon die Handhabe, ihr liebes Kind wieder zurückzuholen; daher nahm sie den Aufruf trotz allem weniger Ernst als ihr Sohn, der König, den das Ereignis tief verstörte. Aber auch die Stadt Paris geriet wieder einmal in eine Stimmung des Unheils und der spannenden Abenteuer. Wie! Der Bruder des Königs, Monsieur genannt, ist dem Herrn Prinzen von Condé gefolgt nach Deutschland. Schon rücken sie an mit einem Heer aus Franzosen und Deutschen, hunderttausend Mann, keinen weniger, Nachbarin! Da entdeckten einige Pariser, bald aber alle, am geröteten Abendhimmel die Bilder bewaffneter Männer.

Nur Madame Catherine behielt ihren Verstand auch bei diesen Erscheinungen und Gerüchten. Henri Navarra benahm sich nach ihrer Meinung rätselhafter als ihr Sohn d’Alençon, den sie kannte und nicht fürchtete. Unversehens zog sie die Erklärung seines Mitverschworenen hervor, er mußte sie lesen. Nach dreijähriger Prüfung beherrschte Henri sein Gesicht in jeder Lage. Ohne es zu verziehen, warf er nur hin: «Das kenne ich. So hab ich selbst geschrieben, als ich bei dem Admiral und den Hugenotten war. Bald wird Monsieur anders reden. Zuerst spielt man sich auf, nachher muß man tanzen, wie gepfiffen wird. Nichts für mich.»

Seine Verachtung konnte wahr oder gemacht sein, die gute Freundin blieb bei ihrem gründlichen Mißtrauen. Sie ließ ihn seitdem noch enger überwachen und beauftragte neue Spione, von denen er nicht vermutete. Die sollten ihn womöglich zu Unvorsichtigkeiten veranlassen. Ihn umgaben dunkle Gespinste, indessen er selbst mehr als je den ganzen Hof zum besten hielt mit seiner guten Laune und scheinbarer Gedankenlosigkeit. In seinem Innern begab sich das Schwerste, und es verdüsterte sich sehr, wie vorher erst einmal.

‹Der Irrwisch hat gehandelt, während ich zögerte! Jetzt war das Ganze umsonst, meine lange Verstellung, das viele Denken und all die Erfahrung mit Menschen. Das Unglück hatte mich in seine Schule genommen, dennoch bin ich jetzt wieder dort, wo ich war — am Morgen nach der Bartholomäusnacht.›

Es dauerte nur vierzehn Tage, dann lenkte der Irrwisch schon wieder ein und verhandelte mit seiner Mutter, Madame Catherine, über die Entschädigung, für die er seine Verbündeten im Stich lassen wollte. Um so schlimmer für Henri! Ein Mensch wie dieser hatte dreist nach der Führung gegriffen, indessen er selbst infolge von zu viel Vergnügen in Ohnmacht gefallen war. ‹Wie alles kommt? Genug damit, ich frage nicht mehr. Die Schule des Unglücks soll vorbei sein mitsamt dem blassen Denken. Ich will meine Protestanten im Süden wissen lassen, daß sie mich nächstens bei sich zu erwarten haben. Gleichviel, ob sie mich mittlerweile verachten, weil ich mich zum Narren mache an diesem Hof, schon länger als drei Jahre. Ich will ihnen beweisen, daß ich der Sohn ihrer Königin Jeanne bin. Ein anderer Mann als der Irrwisch! Auch ein anderer als der eitle Goliath! Denn ich weiß: die Schule war doch nicht umsonst. Ich weiß: ich werde dies Königreich einigen.›

Sein heißer Stolz versicherte es ihm in erregter Sprache, dagegen kam nichts auf, nicht die Schande, in der er gelebt hatte und eine kurze Weile noch ausharren mußte; auch nicht die neue Beschämung durch den Irrwisch, der aufgetreten war an seiner Statt und auch ihn hätte unmöglich machen wollen. Er war seiner Sache gewiß. Hier, da sie verloren schien, stand sie zum besten. Eine Nation erwartet den Führer, und je mehr falsche entlarvt werden und abfallen, um so schicksalhafter dringt vor und auf den Weg der echte.

In solcher Lage, vor Ablauf der Weile, die noch übrigblieb, widerfuhr ihm ein letzter, sehr harter Stoß, aber er hielt ihn aus. Wer ihn zuletzt noch strafte, war seine liebe Schwester. Die junge Catherine hatte lange vergeblich gewartet, ob ihr lieber Bruder sich nicht besänne auf ihre Mutter Jeanne, den Herrn Admiral und alle seine Toten. Heimlich im Palais Condé sagte sie zu der alten Fürstin: «Ich kenne ihn, denn wir sind ganz dasselbe Fleisch und Blut. Ich war auch hier im Zimmer mit ihm und dem Herrn Admiral, der noch lebte. Ein schweres Gewitter entlud sich, die Tür sprang auf, ich dachte nicht anders, als herein träte unsere tote Mutter und riefe ihn ab, damit er sie rächte. Es war aber die Prinzessin von Valois, und diese holte ihn zur Hochzeit. Daran denke ich immer, und auch mein lieber Bruder hat nichts vergessen. Ich möchte schwören, daß er sich verstellt vor dem ganzen Hof seit all der Zeit, und sogar vor mir, seiner Schwester. Wenn erst der Tag gekommen sein wird, steht er auf und gibt sich zu erkennen.»

Sie verließ ihren Sitz, und da sie erregt war, ließ sie sehen, daß sie ein wenig hinkte. Auch war sie blaß und unentwickelt — hatte mit ihrer anfälligen Lunge die ganze Zeit abgeschlossen gelebt hier im Hause, aus Widerwillen gegen den Hof, wo «die Frauen die Männer baten», nach dem Wort ihrer Mutter. Prinzessin Catherine von Bourbon war Protestantin geblieben. Sie fand kein Verständnis für den Abfall ihres Bruders, wie immer seine Lage gewesen sein mochte. Aber sie hieß seine Handlungen gut, weil er ihr Bruder und das Haupt ihres Hauses war. Auch verteidigte sie ihn, seine Sitten, seine Versäumnisse, gegen die protestantischen Edelleute, die aus dem Lande heimlich zu ihr kamen, so daß sie zurückreisten mit etwas mehr Hoffnung. Sie war schwach, war allein, sie hätte nur Mitleid eingeflößt. Viele hatten aber die Königin Jeanne gekannt, sie waren betroffen von dem hohen Eigensinn der Tochter, als spräche sie selbst, und beugten sich nochmals ihrer unsterblichen Seele.

«Indessen kann niemand einen Untätigen noch länger als drei Jahre in Schutz nehmen, besonders wenn eigene Zweifel herandrängen. Er hat nichts vergessen, ich weiß es. Dort, wo er gefangen ist, verliert man den Glauben. Den soll er wiederfinden mit Gottes Hilfe. Ich will ihm einen heilsamen Schlag versetzen. Das kann ich, denn wie es sonst auch gekommen ist, ich bin doch seine Kathrin wie je. Er braucht mich, weil wir beide zusammen klein waren, und wen hätte er in der letzten Not? Sonst niemand als nur seine Schwester. Ich will mich anstellen, als verließe ich ihn, und er soll erschrecken, weil ich mich und meine Sache einem fremden Mann hingeben.

Dies war die unschuldige Berechnung eines Kindes mit großer Seele. Sie beichtete sie einem einzigen, Herrn Theodor de Bèze, Pastor in Genf, der gedichtet hatte: «O Gott, so zeige Dich doch nur!» Ihn fragte sie, ob sie ohne Sünde tun könnte, was sie vorhatte, und er belehrte sie, daß sie wohl ihre Sache scheinbar einem Fremden dürfte hingeben, nicht aber ihren Körper in der Tat. Gerade damals begegnete sie ihrem Vetter Charles de Bourbon, Grafen von Soissons, den sie lieben sollte bis an ihr frühes Ende.

Das ist alles anders, als du denkst, Kathrin. Du meinst bis jetzt, du wärst durch Sittenstrenge weit unterschieden von deinem Bruder, der sein Vergnügen sucht. Du wirst, wie er, in der Liebe über alle Stufen gehn, geläufig werden dir zuletzt sein ihre gesamten Schmerzen, die Heiligung und Erniedrigung derer, die viel lieben. Er wird weiter alle Frauen begehren, und sogar wenn er einer einzigen treu ist, immer noch in dieser alle. Du wirst, was dir zugedacht ist, reichlich bekommen allein durch Charles, deinen Verwandten, katholisch übrigens, was dich durchaus nicht abhält, strenge Protestantin; und dazu betrügt er dich in recht gewöhnlicher Art. Aber das vergißt du, sooft du es wieder erlebt hast, und nach jedem euerer Zerwürfnisse knüpft deine Herzensneigung sich fester. Das wird fortgehn, bis du einundvierzig bist, setzt auch manches öffentliche Ärgernis ab, wie du nicht leugnen kannst, obwohl du im schlimmsten Fall die prüde Dame hervorkehrst. Nur der große Name deines königlichen Bruders deckt dich noch. Da spricht er ein verspätetes Machtwort, verheiratet dich mit einem anderen. Du gehorchst ihm wohl, weil du schon gebrochen bist, aber das kann nichts mehr abwenden. Du wirst dich in der Furcht vor dem Altern verzweifelt anklammern an deinen Geliebten, ja, lieber willst du sterben, als alt werden — und du stirbst. So wird es sein, Kathrin, und keineswegs, wie du dachtest, als du den Pastor in Genf um geistlichen Rat fragtest.

Die junge Catherine erschien unerwartet auf einem Hoffest. Man meldete es ihrem Bruder, darauf suchte er sie vergebens im Großen Saal unter dem Schwarm der Gäste. Im Zweifel, ob man ihn nicht zum besten gehalten hätte, warf er einen Blick in das Vorzimmer des Königs, das leer war; aber ein Leibwächter hielt das Gesicht gewendet nach einem Winkel, der für den Eingetretenen unsichtbar war. Der Bruder ging dort hin und fand seine Schwester mit einem Mann, der versetzte ihn in abergläubischen Schrecken. Henri war bereit, umzukehren und davonzulaufen — vor seinem eigenen Doppelgänger. Der Fremde hatte von ihm die starken krausen Haare und den schmalen Schnitt des Gesichtes; Mund, Augen, Nase glichen den seinen, in der Gestalt war kein Unterschied; und was Henri besonders bestürzte, dort sah er genau das Kleid, das er selbst trug!

Seine Schwester stützte den Arm auf die Schulter des Mannes — von je lehnte sie sich so an ihren Bruder. Gegen die Wange des Mannes sprach sie: nicht anders hatte sie unzählig oft gegen seine eigene geatmet. Aber das Furchtbarste: ihn, ihn selbst sah und hörte sie nicht — auf sechs Schritte nicht, obwohl er absichtlich am Boden scharrte. Er befühlte seine Hüfte, ob er leiblich noch hier und derselbe wäre! War er durch Zauber um seine irdische Erscheinung gebracht?

‹Armer Bruder›, dachte Catherine. ‹Gewiß gibt es Geister, man kann es mit ihnen zu tun bekommen, und auch Zauberei kommt vielleicht vor. Diesmal aber betrüge ich dich, und es ist mir herzlich leid, daß ich es muß. Ich habe meinen guten Vetter herausstaffiert, habe ihn eingeübt, und ich stelle mich an, als wärest du Luft. In Wahrheit hättest du gar keinen Grund, dich verwirren zu lassen. Vergleiche dich mit unserem Vetter! Die Familienähnlichkeit beiseite, ist sein Gesicht ohne Vergangenheit, ohne Spur. Er hat in seinen Wäldern das Wild gejagt. Du? Ach, Bruder, so jung du bist, dich zeichneten schon die Leiden, Kämpfe und Gedanken. Mach einmal keinen Narren, und deine Augen werden alsbald traurig — schlau und traurig, lieber Bruder. Deine Nase ist seither weiter herabgefallen auf die Lippe: noch nicht viel, aber etwas. In diesem Augenblick hältst du dich für unsichtbar, da wird dein Mund ein wenig krumm, weil du dich schon so lange verstellen mußt. Wie ergreifend sind dagegen die Einsenkungen deiner Schläfen, und die gehören dir von Geburt. Ob du gleich nichts weiter hättest, Bruderherz, war ich schon die deine. Gerade das hat auch unser Vetter. Ich kann nicht glauben, daß ich ihn lieben werde; aber wenn, dann war es wegen deiner Schläfen!›

Das Mädchen stand auf, endlich empfing sie ihn, streng und klar, wie Jeanne selbst ihn hätte angeblickt. Nur das Wasser stand ihr in den geöffneten Augen, und nicht anders stieg es in seine. Catherine sagte: «Herr Bruder, Sie haben unseren lieben Vetter lange nicht gesehen. Zu mir kommt er oft, und wir sprechen von Ihnen, da wir nicht hoffen dürfen, daß Sie Ihre Gesellschaft verlassen um unseretwillen.»

Henri erwiderte: «Es würde auffallen, und Sie wissen wohl, liebe Schwester, daß ich keinen Umgang habe mit Hugenotten, deren Sie so viele empfangen. Auch wäre es unvorsichtig, daß drei Mitglieder unseres Hauses noch länger sich allein und heimlich unterredeten im Vorzimmer des Königs.»

Hierbei sah er den Vetter an. Dem wurde es schwül, Henri konnte einfach seinen Arm nehmen und ihn zur Tür bringen. «Jetzt sprich, Kathrin», sagte er, als er zurück war. Sie blickte zuerst nach dem Leibwächter. Diesem war es eingefallen, sich breitbeinig in die Tür zu stellen, als sollte niemand zu ihnen hinein, und nur sein Rücken war hergewendet. Die Schwester sprach: «Sie warten zu Hause, daß du kommst.»

«Ich weiß es. Aber ich bin ein Gefangener. Die Wachtposten sind verdoppelt, immer mehr Spione beobachten mich. Noch müssen sie Geduld haben.»

«Sie haben keine mehr. Sie geben dich verloren. D’Alençon verdrängt dich bei ihnen, damit du es weißt! Und das sind unsere eigenen, im Süden, daß du es nur einsiehst! Der Gouverneur und die gemäßigten Katholiken gehn dort einig mit den Protestanten: zusammen wollen sie Condé die Hand reichen, wenn er einfällt in das Königreich mit seinen deutschen Hilfstruppen. Die Provinzen, die dazwischen liegen, sind auch schon gewonnen. Alles reift, alles bricht auf, nur du nicht. Unsere Mutter hat sich geopfert, jetzt ergreift den Lohn ein anderer, nicht du.»

«Ich bin recht unglücklich», seufzte er, schlug die Augen nieder und ertrug nur schwer, daß er sogar seine Schwester täuschen mußte. Diese bewegte, schwankende Stimme, das erschreckte Ansteigen der Endsilben: «Schwester! Schwester, ich bin doch entschlossen und breche auf, eh du denkst. Von denen, die mir helfen sollen, kennt keiner den andern. Ich habe gelernt in drei Jahren. Meine gute Freundin, die alte Mörderin, vertraut mir an, daß d’Alençon schon keine Gefahr mehr ist. Heute nacht reist sie heimlich ab und holt den verlorenen Sohn zurück. Sagte ich dir von alldem das erste Wort, Kathrin, dann wärest du mit hinein verwirkt. Du darfst nicht in Gefahr kommen, Kathrin.»

Er schlug die Augen auf, sie waren sanft und geduldig, nichts weiter.

«Du willst nicht?» fragte sie.

«Ich kann nicht», seufzte er.

Da erhob sie die Hand; es waren dieselben langen, geschmeidigen Finger, wie sie die Hand ihrer Mutter gehabt hatte — und wie als Knabe, wenn seine Mutter zornig wurde, fühlte er plötzlich auf seiner Backe einen festen Schlag. Er selbst wurde handgreiflich, als wären sie noch Kinder und wären noch in ihrem Lande, wo die Bauern und sogar die Prinzen im Ausdruck ihrer Gefühle sinnreicher sind. Er hob seine Schwester hoch, trug sie an ausgestreckten Armen vor sich her trotz Zappeln, und dem Leibwächter, der noch immer vor der Schwelle stand, setzte er sie schlankweg in den Nacken. Um von dem mächtigen Kerl nicht abzustürzen, mußte die kleine Catherine sich anhalten. Als sie wieder auf den Boden gelangte, war Henri längst fort. Sie aber: jetzt wußte sie — und vor Freuden lachte sie aus vollen Kräften. Der Leibwächter lachte mit.